Produktdetails
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  • Verlag: Koehler & Amelang
  • 2001
  • ISBN-13: 9783733803124
  • ISBN-10: 3733803124
  • Artikelnr.: 09788924
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Ein Quell der Freude, doch keineswegs der ungetrübten Art, war dies Buch für Rezensent Alexander Honold. Zunächst fand er es durchaus positiv, dass man Benjamins große und kleinere Berlin-Texte nun in einem Band versammelt lesen kann, statt zwischen "unterschiedlichen Bänden der Gesammelten Schriften" pendeln zu müssen. Ein wenig fängt das Unbehagen aber schon beim Nachwort an, in dem der Rezensent an Benjamin "etwas arg den Melancholiker" hervorgekehrt sieht. Ganz böse wird er bei den Fotos und das böse Wort "Mixtur" fällt in Verbindung mit dieser Publikation. Das Ärgerlichste an ihr seien eben die sogenannten "historischen Fotos", die ein sepiagetöntes Berlin wahllos über die Seiten verteilen würden, das weder mit der "bildkräftigen Prosa" noch mit "den beschriebenen Lokalitäten" das geringste zu tun habe. Ganz "zutatenfrei" sei auch der Text nicht, bemerkt unser Rezensent süffisant, womit er nicht nur die Ausklammerung der Debatte um die authentische Druckversion der "Berliner Kindheit" meint, sondern auch etliche "sinnverändernde" Druckfehler. Sogar Benjamins Name sei einmal falsch geschrieben. Solche Fehler erwiderten "peinigend lange" den Blick all derer, die vor der Drucklegung des Buches an ihnen vorbeigesehen hätten.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 06.11.2001
Auf der Krummen Straße
Nichts fürs Poesiealbum: Die unvergessene Berliner Kindheit des Walter Benjamin / Von Alexander Honold

Irgendwann zwischen dreißig und vierzig geht, ohne daß man es recht bemerken würde, die Zeit zu Ende, in der man noch von der eigenen Schulzeit träumt. Von Klassenkameraden, zu denen der Kontakt längst abgerissen ist; von Lehrern, deren schrullige Angewohnheiten wie mit der Leuchtkraft des ersten Tages in der Traumblase des alten Klassenzimmers auferstehen - tückischerweise immer dann, wenn die Vernunft des Erwachsenen diesem Treiben nichts entgegensetzen kann.

Für kurze, unwirkliche Momente wieder Schulkind sein, den Eindrücken ausgesetzt ohne das Schutzkleid des Bescheidwissens und der festen Gewohnheiten: Aus dem Stoff solcher Träume sind die Aufzeichnungen, die Walter Benjamin in seinem vierzigsten Jahr über die Kinder- und Jugendzeit im Berlin der vorigen Jahrhundertwende niederschrieb. Der Autor ging im Frühjahr 1932 mit dem festen Plan ans Werk, sich bei ihrer Fertigstellung das Leben zu nehmen. Erst 1940, nach Jahren des Pariser Exils und der Flucht vor den Hitlertruppen, machte Benjamin von dieser ultima ratio Gebrauch.

Die "Berliner Kindheit um 1900" handelt vom Vergessenen. Aber nicht in dem Sinne, daß sie wehmütig dem Reigen verblassender Bilder nachtrauerte. Das Vergessene, das Benjamins Prosaskizzen aufspüren, war noch nie ganz da. In den Kindertagen nistete es als Verstecktes oder Verstelltes. Die Welt der großen Stadt wollte erobert sein und war doch dem Kinde immer einen Tick voraus, steckte voller Rätsel, Verblüffungen und Fallen. Gründerzeitliche Fassaden prunkten mit Portalfiguren, die wie antike Gottheiten ein geheimnisvolles Wissen zu hüten schienen. Im Vorbeigehen blitzte es schemenhaft aus Kellerluken, hinter denen das sagenhafte "Bucklicht Männlein" hausen mochte.

Benjamins Nachschrift zur eigenen Kindheit ist keine Befreiungstat. Willig folgt sie dem Banne jener ursprünglichen Assoziationen, mit denen die Eindrücke lebenslang in den einstigen Kleidern, an ihren alten Schauplätzen hängenbleiben. So ersteht im Rückblick bis in seine Einzelheiten wieder das Kinderzimmer, in welchem der Vater dem Knaben einmal vom Tode eines Vetters berichtete, weitschweifig zwar, aber ohne das Wörtchen "Syphilis" auch nur zu streifen. Das Verschwiegene geht auf den Ort über, an dem es verschwiegen wurde.

Erinnerung ist, wie das Vergessen, eine Erfahrung des Raumes; darum sind Benjamins Kindheitsbilder so unablöslich mit dem Weichbild Berlins verwoben. Beim Gang durch die vorgestellte Stadt findet auch das Gedächtnis an die alten Stellen zurück: die Tante am Erkerfenster der Steglitzer Straße/Ecke Genthiner; das herrschaftliche Haus am Lützowufer, in dem eine Mitschülerin wohnte, die den klangvollen Adelstitel "Luise von Landau" trug; oder die Bücherstube mit den pornographischen Heften und Postkarten im Hinterzimmer, die durch ihre Adresse in der "Krummen Straße" einen Vorgeschmack künftiger Abwege verhieß.

Nicht von ungefähr eröffnet die Sequenz mit einer Landschaft, in deren Labyrinth man sich planvoll verlaufen konnte. Im Eintrag "Tiergarten" huldigt Benjamin den kleinen Ausbuchtungen und heimlichen Winkeln im Gehölz, die er viel später in Begleitung seines Freundes Franz Hessel wieder aufsuchte. Hessel, dem glücklos-glücklichen Dandy und Flaneur, setzt die "Berliner Kindheit" mit der von Louis Aragon entlehnten Ehrenbezeichnung eines "Bauern von Berlin" ein stilles Denkmal. 1929 hatte Benjamin Hessels Buch "Spazieren in Berlin" in einer Rezension gewürdigt, deren Motto "Die Wiederkehr des Flaneurs" vielfach zitiert wurde und in der Benjamin-Renaissance der siebziger Jahre ganze Abhandlungen nach sich zog.

Wollte man dem bis in einzelne Formulierungen sich verästelnden Dialog nachgehen, den die Hessel-Besprechung mit der im Exil notierten Reminiszenz des Tiergartens unterhält, so mußte man bislang zwischen unterschiedlichen Bänden der "Gesammelten Schriften" pendeln. Etwas bürokratisch hatte diese Ausgabe Benjamins Texte weder in der chronologischen Abfolge belassen noch nach Themengebieten gegliedert, sondern in große und kleine Werke aufgeteilt, in selbständig, unselbständig oder gar nicht erschienene. Doch nun liegen Benjamins Äußerungen über und Erinnerungen an die Stadt Berlin, die sich naturgemäß über diverse Medien und Textsorten erstrecken, in einem Band zusammengefaßt vor.

Diese "Beroliniana" im lesefreundlichen Format eines Poesiealbums umfassen neben dem Text der "Berliner Kindheit", der die Hälfte des Bandes einnimmt, eine Reihe von Rundfunkvorträgen über Berlin sowie thematisch einschlägige Rezensionen. Als Kontrastprogramm zur "Wiederkehr des Flaneurs" kann man sich anläßlich der Buchbesprechung zu Werner Hegemanns "Das steinerne Berlin" in das Elend der Mietskasernen begeben und mit der offenbar weit zurückreichenden Malaise der Berliner Stadtplanung vertraut machen.

Im Verbund mit solchen streitbaren Interventionen finden auch Benjamins Vorträge in der Funkstunde für jugendliche Hörer die verdiente Beachtung. Zu seinem jungen Publikum spricht der Intellektuelle über das, was die Stadt im Innersten zusammenhält: Geld und Großindustrie. Er führt seine Hörer in die Maschinenhallen der Tegeler Borsigwerke, wo gewaltige Lokomotiven-Docks von immer weniger Menschen bedient werden, und erklärt ihnen am Beispiel der Berliner Markthallen "das Hin und Her um Ware und Geld". Um ein bißchen Marktgeschrei in das Tonstudio des Vox-Hauses am Potsdamer Platz mitzubringen, rezitiert Benjamin die Suada des Schlipsverkäufers Franz Biberkopf und läßt nach Döblin auch noch E.T.A. Hoffmanns Erzählung "Des Vetters Eckfenster" zu Wort kommen.

Kein kleines Pensum, das empfangsbereite Berliner Gören im Winter 1930 absolvieren konnten. Benjamin selbst war in seiner Jugend oft krank und sogar bettlägerig gewesen, hatte allein in einem Schuljahr 173 Stunden gefehlt, wie das Zeugnisheft vermerkte. Mag er sich nachträglich noch gewünscht haben, als krankes Kind behaglich dem Radioerzähler neben der Bettstatt zu lauschen? Nun aber durfte er auftragshalber die Spielzeugabteilung eines großen Warenhauses besichtigen, wobei dem architekturkritischen Blick nicht entging, daß die meisten Puppenstuben nicht einmal ein Treppenhaus haben. Manche der Funken zwischen Kinderstunde und Berliner Kindheit würden ohne diesen Gemeinschaftsauftritt wohl unentdeckt bleiben.

Ein Quell ungetrübter Freude ist der Band dennoch nicht. Daran ist zum wenigsten das Nachwort Sebastian Kleinschmidts schuld, auch wenn es an Benjamin etwas einseitig den Melancholiker hervorkehrt (wie paßt dazu die Rolle der Technik oder der Sprachmagie?). Das Ärgerliche an der Mixtur sind ihre Zutaten. Vor allem die "historischen Fotos", die ein sepiagetöntes Alt-Berlin wahllos über die Seiten verteilen, das weder mit der bildkräftigen Prosa noch mit den beschriebenen Lokalitäten das geringste zu tun hat. Allenfalls ergeben sich Kombinationen von unfreiwilliger Komik, etwa wenn Benjamins Schilderung des ersten Erlebnisses mit einer Hure einer Postkartenansicht Unter den Linden gegenübersteht, auf der für "Käse's Rundfahrten" geworben wird.

Zutatenfrei ist auch der präsentierte Wortlaut nicht. Daß die "Berliner Kindheit" unter Ausklammerung der Debatte um die divergierenden Fassungen nach der "Druckvorlage" der Gesammelten Schriften dargeboten wird, ist noch zu verschmerzen. Weniger schön ist, daß diese beim Abschreiben um sinnverändernde Fehler bereichert wurde. So mokiert sich Benjamin darüber, daß ihm beim Photographiert-Werden "Ähnlichkeit mit mir selbst" abverlangt werde, nicht aber, wie hier zu lesen, "Ähnlichkeiten". Nur noch entfernte Ähnlichkeit mit sich hat der Autor, wenn man ihn, wie in der Nachbemerkung geschehen, "Beniamin" schreibt. Solche Fehler erwidern peinigend lange den Blick all derer, die vor dem Druck an ihnen vorbeisahen. Hat man bei der Zusammenstellung des Bandes womöglich auch den (korrekt wiedergegebenen) Satz aus der Hegemann-Besprechung übersehen, in dem Benjamin mit jenem "Schrifttum" abrechnet, "das im Bereich der Berolinensien bleibt" und die Stadt "mehr zu spiegeln als zu begreifen sucht"?

Walter Benjamin: "Beroliniana". Mit 35 historischen Fotos von Günther Beyer und einer Nachbemerkung von Sebastian Kleinschmidt. Verlag Koehler und Amelang, München, Berlin 2001. 200 S., geb., Abb., 39,80 DM.

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