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Die Konfrontation mit der 68er-Bewegung und der »Theologie der Befreiung« machte Joseph Ratzinger zum Hauptvertreter eines kompromisslosen Konservatismus. Seither formuliert er mit großer Radikalität und Beharrlichkeit die Grundsätze eines intellektuellen Rollbacks der Moderne. Als Papst Benedikt XVI. bekämpft er den weltlichen Staat und die Werte der Aufklärung: Pluralismus der Gesellschaft und des Glaubens, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung der Frau, Emanzipation der Wissenschaft von der Religion. Mit seiner Rede in Auschwitz revidierte der Papst die Position der katholischen Kirche…mehr

Produktbeschreibung
Die Konfrontation mit der 68er-Bewegung und der »Theologie der Befreiung« machte Joseph Ratzinger zum Hauptvertreter eines kompromisslosen Konservatismus. Seither formuliert er mit großer Radikalität und Beharrlichkeit die Grundsätze eines intellektuellen Rollbacks der Moderne. Als Papst Benedikt XVI. bekämpft er den weltlichen Staat und die Werte der Aufklärung: Pluralismus der Gesellschaft und des Glaubens, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung der Frau, Emanzipation der Wissenschaft von der Religion. Mit seiner Rede in Auschwitz revidierte der Papst die Position der katholischen Kirche zum Holocaust; der Ton gegenüber den Juden hat sich ebenfalls verschärft. In ihrem Widerstand gegen die Moderne, so das provozierende Fazit dieses Buches, ist die katholische Kirche dem islamistischen Fundamentalismus bereits auf paradoxe Weise nahe gerückt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Ullstein Hc
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783550087936
  • ISBN-10: 3550087934
  • Artikelnr.: 26379125
Autorenporträt
Alan Posener, Jahrgang 1949, aufgewachsen in London, Kuala Lumpur und Berlin, studierte Germanistik und Anglistik in Berlin und Bochum. Zahlreiche Veröffentlichungen als Publizist und Buchautor. Seit 2004 ist er Kommentarchef der "Welt am Sonntag".
Rezensionen
Besprechung von 10.10.2009
Die kleine Familie Gottes
„Kreuzzug”: Alan Posener hadert mit Papst Benedikt XVI.
Alan Posener hat eine Streitschrift gegen „Benedikts Kreuzzug” geschrieben, das ist zunächst einmal gut so. Freundliche, begeisterte und auch am Rande des hagiographischen vorbeischrammende Bücher über Papst Benedikt XVI. und seine Amtsführung gibt es genug. Es gibt auch schon kritisch-differenzierende Auseinandersetzungen wie Hermann Härings Buch darüber, wohin der Papst die katholische Kirche führt („Im Namen des Herrn”, Gütersloher Verlagshaus). Mit Differenzierungen will sich Posener aber erklärtermaßen nicht aufhalten, er will einseitig sein und ungerecht, er sucht den Streit.
Für Deutsche klingt das erst einmal schrecklich, für Posener, der mit der britischen Diskurstradition aufgewachsen ist, nicht. Für ihn dient Streit der Wahrheitsfindung. Und weil er ein fulminanter Kommentator und eifriger Blogger ist, liest sich sein Beitrag zur Wahrheitsfindung ruck-zuck weg: Da mäandert nichts, es gibt keine Seitenstränge und Nebenarme, alle Gedanken rauschen durch den Hauptstrom.
Mit der gleichen Fulminanz hat Posener, der Skeptiker mit jüdisch-christlichen Wurzeln, schon ein Buch über die Gottesmutter Maria geschrieben, eine Liebeserklärung ist es geworden. Über Papst Benedikt schreibt er dagegen wie ein enttäuschter Liebhaber: „Als ich anfing, dieses Buch zu schreiben, freute ich mich auf die Begegnung mit einem Mann, dem selbst seine Gegner eine beeindruckende intellektuelle Größe attestieren”, schreibt er. „Dann jedoch geschah etwas Paradoxes: Je näher ich diesem Mann kam, desto kleiner erschien er mir.” Joseph Ratzinger ist für ihn eine Enttäuschung, mehr noch: Der Mann an der Spitze der größten Glaubensgemeinschaft der Welt ist ein gefährlicher Fundamentalist.
Benedikt betreibt für Posener eine „Kampagne gegen die Demokratie” und will die Aufklärung zum Grundübel der Menschheit umdeuten, er hat immer noch Probleme mit den Erkenntnissen Galileis und Darwins, erst recht mit künstlicher Verhütung. Die Affäre um den Holocaust-Leugner und Piusbruder Williamson und des Papstes Rede zum Besuch in Auschwitz zeigen seine Unfähigkeit, den millionenfachen Judenmord angemessen zu bewerten.
Der Papst hält nichts von interreligiösem Dialog, außer die Muslime lassen sich für den Kampf gegen die Moderne gewinnen. Und statt einer offenen Kirche für alle Menschen schwebt ihm die „totalitäre Utopie” einer kleinen, eng begrenzten „Familie Gottes” vor. Das ist letztlich eine Zusammenschau dessen, was Kardinal Joseph Ratzinger, dem strengen Glaubenshüter, vorgeworfen wurde, bevor er Benedikt, der lächelnde Papst, wurde. Und ja: Je länger dieses Pontifikat dauert, desto deutlicher tritt zutage, wie problematisch des Papstes Vernunftbegriff ist, wie sehr sein unpolitisches und ahistorisches Denken ihm und seiner Kirche schaden, wie hilflos er manchmal vor der bunten, weiten Welt steht.
Andererseits ist Poseners Zusammenstellung dann doch an vielen Stellen schlicht, aus anderen Büchern zusammengetragen, rasch geschrieben wie ein Blog im Internet. Und irgendwann blättert man weiter, man weiß, wie das Kapitel ausgehen wird, das Buch wird überraschungslos.
Das alles ist verzeihlich und dem Charakter der Streitschrift geschuldet. Die Art und Weise aber, wie Posener die aufgeklärte Säkularität zu einer Art Gegendogma zu Benedikts Gedankenwelt aufbaut, ist ein echtes Problem. Die Aufklärung hat die Religion begrenzt, zum Glück für die Menschheit – und die Religionen.
Die Religion handelt aber auch von den Grenzen der Aufklärung, das wiederum übersieht Posener. Wie sähe ein Papst aus, mit dem der Autor zufrieden wäre? Er wäre ein konturenloser Religionsverwalter, und niemand könnte sich an ihm reiben. Nicht einmal Posener. Und das wäre schade. MATTHIAS DROBINSKI
ALAN POSENER: Benedikts Kreuzzug. Der Angriff des Vatikans auf die moderne Gesellschaft. Ullstein Verlag, Berlin 2009. 268 Seiten, 18 Euro.
Die Peterskirche, Zentrum des Vatikans, die größte unter den Patriarchalbasiliken Roms. Foto: Jose Giribas
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Durchaus sympathisieren kann der Rezensent Matthias Drobinski mit vielen Aspekten dieser Streitschrift des Welt-Redakteurs Alan Posener gegen den gegenwärtigen Papst. Mit der Tatsache etwa, dass sich das Buch, gegen deutsche Gepflogenheiten, kein bisschen um Ausgewogenheit bemüht. Und auch die grundsätzliche Stoßrichtung, den Verweis auf die Borniertheit der Ansichten, die Begrenztheit des intellektuellen Horizonts des Papstes, kann er jedenfalls nachvollziehen. Intoleranz, Verhütungs-Verbot, Probleme mit wissenschaftlichen Einsichten: das Arsenal der Vorwürfe scheint nicht ganz neu. Und nicht zuletzt darum findet der Rezensent vieles dann doch "überraschungslos" und auch allzu "schlicht". Am wenigsten anfangen kann er allerdings mit dem Gegenentwurf Poseners. Etwas anderes als ein "konturenloser Religionsverwalter" nämlich könnte ein Papst nach dem Geschmack dieses Autors, so Drobinski, nicht mehr sein.

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