Banatsko - Kinsky, Esther
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Nach "Sommerfrische" erscheint im Januar 2011 der neue Roman von Esther Kinsky "Banatsko".

Produktbeschreibung
Nach "Sommerfrische" erscheint im Januar 2011 der neue Roman von Esther Kinsky "Banatsko".
  • Produktdetails
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin
  • Seitenzahl: 242
  • Erscheinungstermin: Januar 2011
  • Deutsch
  • Abmessung: 207mm x 130mm x 25mm
  • Gewicht: 392g
  • ISBN-13: 9783882217230
  • ISBN-10: 3882217235
  • Artikelnr.: 27567128
Autorenporträt
Kinsky, Esther
Esther Kinsky, geb. 1956 in Engelskirchen, lebt in Berlin und in Battonya/Ungarn, nahe der Grenze zu Rumänien und Serbien. Sie ist Schriftstellerin und Übersetzerin aus dem Polnischen, Russischen und Englischen (u.a. Henry D. Thoreau, Lob der Wildnis). 2009 war sie für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse nominiert und erhielt den Paul-Celan-Preis. In dem Essayband Fremdsprechen (2013) reflektiert sie das Verhältnis von Texten und ihren Übersetzungen. Seit 2010 sind drei Gedichtbände erschienen: die ungerührte Schrift des jahrs (2010), Aufbruch nach Patagonien (2012) und Naturschutzgebiet (2013). 2014 veröffentlichte sie den Roman Am Fluß, der ebenso wie ihr Roman Banatsko (2011) auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stand, und 2015 mit dem deutsch-französischen Franz-Hessel-Preis ausgezeichnet wurde. 2015 wurde ihr der Kranichsteiner Literaturpreis zuerkannt. Aus der Preisbegründung: 'Am Fluß ist ein Roman von packender Intensität. Mit behutsamer Präzision nimmt Esther Kinsky armselige Geschäfte, schäbige Reihenhäuser, Stadtbrachen und sumpfige Treidelpfade in den Blick, entwirft die Topographie eines Londoner Vororts und stößt auf Spuren der eigenen Vergangenheit. Durch ihre bildhafte Sprache gewinnt sie den Randbezirken der Wirklichkeit, die zu Abbildern eines seelischen Zustandes werden, poetische Facetten ab. Ihre mäandrierenden Erkundungen folgen den Ausläufern des River Lea und spülen Geschichten von seltsamer Schönheit an die Oberfläche.'
Rezensionen
Besprechung von 22.01.2011
Das Land, wo alle poetisch sprechen
Esther Kinskys schöner, stiller Roman "Banatsko"

Von Anja Hirsch

Die Geschichte, die Esther Kinsky in ihrem zweiten Roman "Banatsko" erzählt, ist, wie schon in "Sommerfrische" (2009), die Geschichte einer Gegend. Und so, wie auch Gegenden nicht einfach plötzlich anfangen, sondern als fransiges Geflecht aus Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft hierhin und dorthin ragen, fängt auch dieser Roman nicht einfach an, wenigstens nicht laut. Eher ist es so, dass Esther Kinsky den Moment abpasst, in dem eine Frau, die fortan erzählt, aus dem Zug steigt. So, wie übrigens Esther Kinsky selbst einst ins ungarische Battonya kam, ein Kino kaufte, es eine Zeitlang bewirtschaftete und noch jetzt einige Monate im Jahr dort wohnt.

Auch die Frau im Roman treibt weniger ein Ziel als der Zufall. Sie steigt aus, weil die Bahnstrecke in Battonya endet. "Bahnhof" steht auf einem Schild - in Ungarisch, Serbisch und Rumänisch. Die Frau wird von zwei Grenzbeamten empfangen, die den Oberkörper drehen und in schönem Einvernehmen träge übers Feld zeigen, "ins andere Land", sagen sie wie aus einem Munde - Doppelhüterwesen am Tor zum Ungewissen. Wüsste man sich nicht in einem Roman, glaubte man sich in diesem Moment in einem bizarren Theaterstück, in welchem die zwei Grenzer einer geheimen Choreographie gehorchten und ihre Worte vervielfältigt als Echo nachhallten: ins andere Land, ins andere Land.

Aus der Luft betrachtet ist dieses Dreiländereck eine wenig besiedelte Ebene aus feingliedrig in Geraden und Bögen abgeteilten Feldern und knotigen Häuserballungen. Wenige Kilometer südlich von Battonya schlängelt sich die Grenze nach Rumänien, etwas weiter der Fluss Mures. Das Banat Esther Kinskys ist, anders vielleicht als das Banat, das wir aus Herta Müllers Prosa kennen, zunächst einmal ein geologisches, atmosphärisch dicht aufgeladenes Phänomen, gezeichnet wie mit einem spitzen Bleistift, der Wasseradern, Bäche, Flüsse aufs Papier trägt, leise und heimlich, als schaute die Zeichnerin dabei an allem ein wenig vorbei. Umso genauer erkennt sie Formationen: "Stand man am Rand der Hügel, zeigte sich die Ebene als aufgelassenes Meer, vom Wasser verlassen, bloßgelegt und unbehütet, ein Staubland, dem Wind verfallen."

Wie sehr der Blick ins je andere Land vom Standort abhängt und der Sprache, die man spricht, weiß kaum jemand besser als die Übersetzerin Kinsky mit ihren Übertragungen aus dem Polnischen, Russischen und Englischen. Und so macht sie auch als Autorin ihre Grenzlandreflexionen zu einem Ereignis der Sprache. Man riecht, schmeckt, hört, sieht dieses Land, weil Kinsky es wie ein Fotoalbum langsam durchblättert: vergilbtes Schilfgras, sandhelle Kühe, schwarzbraun verdörrte Sonnenblumen. Sitzen die Menschen zu lange im Zug beieinander, beginnen sie, ihre Geschichte zu erzählen. Sie treten dabei aber nicht wirklich in Kontakt. Sie sprechen eher nacheinander vor sich hin, vom Hunger und der Revolution damals, oder vom "Land der Abgebrochenheit" heute. Tatsächlich gewinnt man sogar bald den Eindruck, alle Figuren dieser Gegend sprächen ähnlich achtsam, klar, poetisch. Das mag man in dieser Ununterscheidbarkeit als Schwäche des Textes auslegen. Eher ist es Zeichen für die Subjektivität der Erzählperspektive. Die Frau zieht diese Welt in Scherben nach innen, selbst nicht wissend, was sie hier eigentlich sucht. Grenzen? Gesetzmäßigkeiten? Kontinuität?

Esther Kinsky nimmt die Farben des Himmels, die Sprache der Dinge ernst. So ernst, dass unter dieser Sprache Handlungsstränge fast verschwinden. Frühschnee und Sommerabfall wechseln mit Stadt- und Landfahrten der Ich-Erzählerin und geben der splittrigen Prosa Struktur. Passagenweise wabert das Ganze zwar trotzdem ein wenig intentionslos. Stimmt man sich aber auf das moderate Tempo ein, hört man in dieser Geschichte einer Gegend immer vernehmlicher auch die einzelnen Menschen. Der Nachbar, der Akkordeonspieler, die Frau, die mit anderen Frauen zur Fliesenfabrik zum Arbeiten fährt - sie alle treten kurz auf und ab und auf wie Figuren eines größeren Ensembles, das von einer gewaltigen Kulisse überschattet wird. Ungenau betrachtet, zeigt sich hier der Osten, wie man ihn zu kennen glaubt, mit morschen Vorhängen hinter brachen Fenstern, alles in Sepiafarben. Mit der Zeit aber gewöhnt uns Esther Kinsky an ihren ruhigen, tiefen Blick, an die Prächtigkeit unterschiedlichster Farben, und Klischees lösen sich auf. Die Gegend wird zu einem faszinierenden Übergangsraum, durch den die Frau spazieren geht, um schließlich noch der eigenen Geschichte Raum zu geben. Dass man sich dabei nicht verliert, sondern Halt findet in außergewöhnlich schönen Sätzen, verwundert nicht nach Kinskys vielbeachtetem Debüt "Sommerfrische", das übrigens nach "Banatsko" entstand.

Esther Kinsky: "Banatsko". Roman.

Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2011. 243 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Dies ist ein Roman, der zwar im Hintergrund auch so etwas wie Handlungsfäden besitzt, in Wahrheit aber geht es eher, befindet Anja Hirsch durchaus emphatisch, um die Entfaltung einer "Gegend" in ausgesucht großartiger Sprache. Die Gegend ist das Banat an der ungarisch-rumänischen Grenze, ein Ort namens Battonya, Ende der Bahnstrecke, hier steigt zu Beginn des Buchs seine Hauptfigur aus. (Die Rezensentin informiert über die autobiografischen Hintergründe des Buchs - in Battonya betrieb Esther Kinsky einst ein Kino, lebt zum Teil heute noch da.) Wenn es in diesem Buch, das Hirsch als Sprachgenuss preist, eine Schwäche gibt, dann sei dies vielleicht die Einheitlichkeit seines Tons auch in den Dialogen der verschiedenen Figuren. Der "ruhige, tiefe Blick", den Kinsky mit Geduld und Genauigkeit entfaltet, mache mögliche Schwächen wie diese freilich insgesamt schnell vergessen.

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