Baden-Powell - Jeal, Tim

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Produktdetails
  • Verlag: Linden, M u. H v d / vdL:Verlag
  • Seitenzahl: 764
  • Erscheinungstermin: Dezember 2007
  • Deutsch
  • Abmessung: 242mm x 171mm x 51mm
  • Gewicht: 1235g
  • ISBN-13: 9783926308115
  • ISBN-10: 3926308117
  • Artikelnr.: 23421216
Rezensionen
Besprechung von 25.01.2008
Männer im Wald

Robert Baden-Powell liebte ein kaltes Bad mehr als den Beischlaf: Tim Jeals amüsante Biographie über den Gründer der Pfadfinderbewegung, der ein echtes Schlitzohr war.

Kurz vor seinem Tod im Januar 1959 plante Cecil B. DeMille einen Film über Robert Baden-Powell, den Gründer der Pfadfinderbewegung. Das wäre gewiss ein noch schöneres Spektakel als "Die Zehn Gebote" geworden, aber vielleicht hätte DeMille doch nicht den wahren B-P, wie er bei seiner weltumspannenden Jugendorganisation noch heute genannt wird, vorgeführt. In der gerade auf Deutsch erschienenen Biographie "Baden-Powell" von Tim Jeal erinnert der Gesetzgeber der Pfadfinder jedenfalls weniger an Moses als an eine von John Cleese oder Loriot inszenierte Parodie seines antiken Vorgängers. Tim Jeals zweieinhalbpfündiges Buch macht einen sorgfältig recherchierten Eindruck, aber manchmal hat man den Eindruck, dass es dem Autor an Selbstbewusstsein fehlt. Er verteidigt Baden-Powell immer wieder gründlich gegen Vorwürfe von anderen Historikern, wo es oft auch ein überzeugtes "Na und?" getan hätte. Zwischen den Zeilen erspäht man einen Baden-Powell, der vielleicht ein größeres Schlitzohr war, als sein Biograph zugeben möchte. Baden-Powell spielte sein Leben lang den Clown. Vielleicht hatte das psychoanalytisch fassbare Gründe, vielleicht war er auch nur ein geborener Clown. Es sind gerade solche Ungewissheiten, die so ein Buch zu einem besonderen Vergnügen machen.

Mit allen nötigen Vorbehalten möchte man sagen, dass der Brite Baden-Powell eine ähnliche Zielgruppe hatte und hat wie bei uns Karl May. Aber was bei May reine Phantasie ist, wird bei den Pfadfindern - soweit möglich - verwirklicht. Man marschiert durch die freie Natur, verbringt die Nacht am Lagerfeuer und deutet kryptische Spuren. Es gibt einen Chef, dessen unbestrittene Autorität auf seiner Kompetenz beruht. Alle Waldläufer sind gleich, aber die weißen Westeuropäer sind noch etwas gleicher. May und Baden-Powell wurden beide im Alter zu überzeugten Anhängern der Friedensbewegung, und beide hatten ein Problem mit der Heterosexualität.

Schon der Nachname Baden-Powell ist eine Vorspiegelung falscher Tatsachen. Der Vater hieß Baden Powell. Der Vorname Baden kam wiederum vom Nachnamen eines obskuren Vorfahren. Baden Powell (der Vater) heiratete 1846 in dritter Ehe Henrietta Grace Smyth, eine siebenundzwanzig Jahre jüngere Frau. Vierzehn Jahre und zehn Kinder später starb er. Robert Stephenson Smyth Powell kam 1857, drei Jahre vor dem Tod des Vaters, als vorletzter Sohn auf die Welt. Sein Rufname war zunächst nicht Robert, sondern Stephe. Die nunmehr alleinerziehende Mutter war bis zu ihrem Tod sehr dominant und verfolgte gnadenlos eine Strategie des sozialen Aufstiegs. Sie änderte 1869 das banale Powell in das vornehm klingende Baden-Powell. Das neue Familienwappen ähnelte dem des Großherzogs von Baden, mit dem man aber keineswegs verwandt war.

Stephe liebte seine Mutter mehr als sie ihn. In der Familie war er das fünfte Rad am Wagen. Da man aber trotzdem eine verschworene Gemeinschaft bildete, wurden seine Erziehung und die spätere Karriere beim Militär immer finanziell gefördert. Die Söhne, die Geld verdienten, mussten für ihre Geschwister, die Mutter und die immer sehr noblen Wohnhäuser aufkommen. Ehen der Söhne, selbst mit einer reichen Frau, lehnte Henrietta Grace lange Zeit ab, weil das ihr sorgfältig austariertes System ins Wanken gebracht hätte. Stephe war das ganz recht. Er liebte ein kaltes Bad mehr als den Beischlaf. Dagegen ist nichts zu sagen, solange solche Leute nicht das Missionieren beginnen. Man kann allerdings vermuten, dass Baden-Powells spätere Predigten gegen Bordellbesuch und Masturbation (bei Männern), Lippenstift und Nagellack (bei Frauen) sowie Kaugummi nicht viel Schaden angerichtet haben. Wer davon eine Neurose bekam, hätte sie sich wohl auch anderswo geholt.

Baden-Powell wurde Offizier. Leider erklärt Tim Jeal uns Laien vom Kontinent nicht so genau, wie die normale Karriere im Dienste von König und Vaterland damals aufgebaut war. Offensichtlich musste man aber viele Jahre lang dazuzahlen, ehe man mit etwas Glück davon leben konnte. Stephe diente erst in Indien und dann in Afrika. Im Burenkrieg bekam er die Chance seines Lebens. Unter seinem Oberbefehl überstand die Stadt Mafeking eine Belagerung von 217 Tagen. Da beide Seiten wiederholt ernste Fehler begingen, ist dieser Ausgang aber nur der Göttin Fortuna zu verdanken. Der Medienrummel war enorm. Baden-Powell wurde zum Helden hochstilisiert. Mit diesem Pfund konnte er dann lebenslang wuchern. Ob seine regelmäßigen Anfälle von Bescheidenheit ehrlich gemeint waren, kann man das wissen? Und wer von uns hätte sich da nicht auch im Glanze des verdienten oder auch unverdienten Ruhms gesonnt?

Schon 1907 hatte Baden-Powell das erste Pfadfinderlager organisiert. Vorbild der Pfadfinder waren eher die Zulus als die Prärieindianer oder irgendwelche lederstrumpfesken Gemeinschaften, auch wenn die Hüte sehr amerikanisch aussehen. Baden-Powell wurde immer wieder einmal beschuldigt, seine fundamentalen Ideen gestohlen zu haben. Wie oft in solchen Fällen kann man darüber lange streiten, aber eigentlich sollte sich jeder Weltverbesserer nur freuen, wenn seine Erkenntnisse auf einen fruchtbaren Boden fallen.

Im Jahr 1908 erschien "Scouting for Boys", das berühmte Handbuch mit allen Informationen, die man im Leben wirklich braucht, zum Beispiel, wie man eine Brücke baut. Baden-Powell beendete den Militärdienst 1910. Danach widmete er sich nur noch der Pfadfinderei. Bekanntlich wiederholen sich die Tragödien der Geschichte als Farce. Wenn man die beiden großen Abschnitte in seinem Erwachsenenleben vergleicht, die Zeit beim Militär und die Zeit mit der Jugend der Welt, dann entdeckt man erstaunliche Gemeinsamkeiten. Organisationen wie die königliche Kavallerie oder die Boy Scouts sind immer eine Schlangengrube. Im Burenkrieg wurden aus Indolenz und Inkompetenz die falschen Kanonen geliefert, bei den Pfadfindern stritt man sich mit Bürokraten um die Kosten von Totempfählen. Personalentscheidungen gingen oft schief. Majore und Leutnants bei der Armee in Mafeking entpuppten sich als Säufer, und der Aufseher des Zeltplatzes im Pfadfinderlager Gilwell wurde erst nach zehn Jahren als Päderast entlarvt. Baden-Powell schaffte es, in diesen Männerbiotopen zu reüssieren, und war dabei noch glücklich. Die schlimmste Prüfung stand ihm aber noch bevor: die Gattinnenwahl.

Zwei ältere Brüder heirateten zuerst. Da ihre Frauen reich genug waren, um die Schwiegermutter weiter zu alimentieren, hatte diese ihre Meinung geändert und auch gegen eine Ehe von Stephe nichts mehr einzuwenden. Nach langer Suche fand sich schließlich die Richtige. Olave Soames kam aus einer wohlhabenden Familie, liebte jedwede sportliche Betätigung und trug schon immer Kleider, die man kaum vom härenen Gewand einer Pfadfinderin unterscheiden konnte. Vielleicht hatte Baden-Powell ja auch ein einschlägiges Gen von seinem Vater geerbt. Jedenfalls war die Braut zweiunddreißig Jahre jünger als der Bräutigam. Leider bekam dieser im ehelichen Schlafzimmer immer furchtbare Migräneanfälle. Drei Kinder wurden geboren: Peter, Heather und Betty, dann verbrachte der Gatte die Nächte wieder auf dem Balkon, wie es schon früher seine Art gewesen ist, und die Kopfschmerzen verschwanden. Diese Ehe war wirklich und wahrhaftig im Himmel geschlossen worden. Die beiden ergänzten sich perfekt. Der Sohn Peter wurde übrigens nach Peter Pan, dem Jungen, der nicht erwachsen werden wollte, genannt, was Tim Jeal überzeugend als ein weiteres Indiz für Baden-Powells Problem mit der weiblichen Sexualität deutet. Peter schaffte es nie, die anspruchsvollen Erwartungen seines Vaters zu erfüllen, aber schließlich normalisierte sich das angespannte Verhältnis.

Im Jahr 1929, im Alter von zweiundsiebzig Jahren, wurde Baden-Powell geadelt. Wie sehr er sich darüber freute, weiß man nicht. Er bestellte sich aber gleich neues Briefpapier. Langsam schraubte er seine Aktivitäten zurück. Im Jahr 1938 zog er mit seiner Frau nach Kenia in die White Highlands. Dort starb er wohl geliebt am achten Januar 1941. Peter, Sir Peter, erregte danach manchmal Aufsehen, wenn er in kurzen Hosen ins Oberhaus kam.

ERNST HORST.

Tim Jeal: "Baden-Powell". Gründer der Pfadfinderbewegung. Aus dem Englischen von Cornelius Hartz. vdl:Verlag, Wesel 2007. 764 S., Abb., geb., 35,- [Euro].

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Besprechung von 06.10.2008
Die Ritter der neuen Zeit
Allzeit bereit – aber wozu? Tim Jeal erzählt die Lebensgeschichte Lord Baden-Powells, der die Pfadfinderbewegung begründete
Fast zwanzig Jahre nach dem englischen Original liegt nun die deutsche Fassung von Tim Jeals dickleibigem Werk über Robert Stephenson Baden-Powell (1857–1941) vor, den Begründer der Pfadfinderbewegung. Sowohl das Verlegerehepaar wie der Übersetzer haben einen pfadfinderischen Hintergrund, anderweitig wäre diese Lebensbeschreibung wohl überhaupt nie auf Deutsch erschienen.
Baden-Powell, dessen vorderer Namensbestandteil auf deutsche Vorfahren hindeutet, hatte als Dreijähriger seinen Vater verloren. Die anspruchsvolle Mutter ließ es an Fürsorge mangeln, zeitweise wuchs der kleine Stephe (sprich: Stiewi) bei den Großeltern auf, früh wurde er auf eine Internatsschule geschickt. Weil er die Aufnahmeprüfung für Oxford nicht schaffte, kam er gleich als Offiziersanwärter zu einem Husarenregiment. Der 19jährige fand sich als Kavallerist im Dienste der britischen Krone in Indien wieder.
Detaillierter als Tim Jeal kann man eine Lebensgeschichte nicht erzählen. So erfahren wir, dass die Tochter eines Freundes von Stephe in dem Dorf Creaton in Northamptonshire lebte, teilweise aber auch „im New Forest in East Boldre in der Nähe des Hafens von Lymington am Fluss Solent”. An dieser Stelle muss ein Kuriosum erwähnt werden: Anders als das Original enthält die über 700 Seiten starke deutsche Ausgabe weder ein Namens- noch ein Ortsregister. Aus Versehen ist es nicht mitgedruckt worden, kann aber, in ausgedünnter Form, vom Verlag nachgefordert werden.
Ohne Nikotin und Fußball
Baden-Powells Neigung zu gutmütigen Foppereien täuschte über seinen Ehrgeiz hinweg. Unermüdlich antichambrierte der eher kleine, drahtige Mann, um gute Kommandos zu erhalten und in der Offiziershierarchie aufzusteigen. Allerdings wiederholte sich bei der Aufnahmeprüfung für die Stabsakademie die Pleite von Oxford: Er fiel durch. Wollte er rascher als bisher befördert werden, brauchte er Fronteinsätze. Im Burenkrieg war es soweit. Südafrika sollte britisch werden. Konkret ging es um den Zugang zu den Goldminen. Europäische Kolonialmächte boten afrikanischen Stämmen „Schutz” an, um ihr Land unter Kontrolle zu bringen. Briten wie Buren bewaffneten Eingeborene. Krupp lieferte die Kanonen. Baden-Powell wurde unversehens zum Kriegshelden, nachdem er als Kommandant der Ortschaft Mafeking einer quälend langen Belagerung widerstanden hatte. Jeal schildert diese Belagerung in allen Einzelheiten und dokumentiert schier jeden gefallenen Schuss.
Das Pfadfindertum wäre ohne die afrikanischen Erfahrungen des Kolonialoffiziers Baden-Powell nicht entstanden. Jahre vor dem ersten Boy Scout Camp veröffentlichte er eine Schrift mit dem Titel „Reconnaissance and Scouting”. In seinem Tagebuch finden sich Einträge wie dieser: „Ich war beim Kundschaften mit meinen Eingeborenenjungen.” In Südafrika praktizierte er den „Pfadfinderschritt”, abwechselnd laufen und gehen. Die Knoten, die Pfadfinder später an ihren Heimabenden übten, hatte er Afrikanern beim Brückenbau abgeschaut. Die ersten englischen Scouts stimmten am Lagerfeuer Kriegslieder der Zulus an. Ihre Halstücher waren ursprünglich als Schutz vor der subäquatorialen Sonne gedacht.
Ob Radspuren in Afghanistan oder Fußabdrücke im Transvaal – Baden-Powells Interesse am Spurenlesen grenzte an eine Obsession. Aus seinem südafrikanischen Buschtagebuch übernahm er Tipps fürs Fährtenlesen in sein Handbuch für Pfadfinder. Aus einer Fährte könne man auf Alter, Geschlecht und den Charakter einer Person schließen. Das Handbuch trägt den Titel „Scouting for Boys” (1908). Es war seinerzeit der größte englische Bestseller und weltweit einer der erfolgreichsten Longseller.
Der ideale Pfadfinder ist Baden-Powell zufolge rein in Gedanken, Worten und Taten. Er vollbringt jeden Tag eine gute Tat. Er ist sparsam, höflich und naturverbunden. Kein Hasenfuß. Auf keinen Fall ein Snob, wie er in Städten vorkommt. Alkohol und Nikotin meidet er, Selbstbefriedigung und Fußball als bloßer Zuschauersport ist seine Sache nicht. Die Pfadfinderei soll aus Jungen anständige Bürger machen und auf den Dienst in den Kolonien vorbereiten. Das Pfadfindermotto lautet „Be Prepared” – die Initialen des Gründervaters! – oder „Allzeit bereit”. Baden-Powell hat sich anregen lassen von dem, was George Catlin über Indianer geschrieben hat oder Mark Twain über das Leben auf dem Mississippi oder Rudyard Kipling über den indischen Dschungel. Diese Quellen verblassen allerdings neben der Inspiration durch die Kriegserlebnisse im afrikanischen Busch.
Im Alter von 53 Jahren tauschte er die Generalsuniform gegen die Pfadfinderkluft ein. Mit 55 heiratete er eine 23jährige. Sie brachte drei Kinder zur Welt, hinterher war „der Bedarf an Zeugungsakten beendet”, wie Jeal schmucklos feststellt. Die Ehe machte ihn krank, starke Kopfschmerzen plagten den Jungvermählten, die erst nachließen, als er aus dem gemeinsamen Schlafzimmer auszog und sein Lager auf dem Balkon aufschlug. Der Frage, ob der Gründer der weltgrößten Jugendbewegung homosexuell war, widmet Jeal ein ganzes Kapitel. Sicher ist: Er fand den nackten männlichen Körper anziehender als den weiblichen und scheute vor sexuell aktiven Frauen zurück. Homophile Neigungen sind offenkundig, und Jeal weiß, dass Baden-Powell „im Überfluss Gelegenheiten zu heimlichen sexuellen Begegnungen hatte”, obgleich Hinweise fehlen, dass er diese Gelegenheiten ergriffen hat. Somit bleibt das Fazit, dass er seine Homosexualität unterdrückte. Als Berufsoffizier und oberster Pfadfinder stand ihm ein Spielraum für Sublimierung zur Verfügung, „über den selbst Freud gestaunt hätte”.
Nicht zu beneiden ist der Biograph einer Person, die so viel Widersprüchliches in sich barg wie Baden-Powell. Er propagierte männliche Härte, trat aber nur zu gern in Frauenkleidern auf. Mit seinem umgänglichen Wesen machte er sich überall beliebt, doch blieb er – mit einer Ausnahme – ohne enge Freunde. Knaben wolle er zu wehrhaften Männern erziehen, freilich sollten sie – wie er selbst – ihre Jungenhaftigkeit behalten. Den fundamentalen Widerspruch arbeitet Jeal gekonnt heraus: Baden-Powell wies der britischen Jugend den Weg zu einer vorindustriellen, an der Kultur der Eingeborenen orientierten Lebensweise als Vorbereitung für eine Tätigkeit, die eben diesen Eingeborenen im Empire den Fortschritt bringen sollte. Vielleicht beruhte Baden-Powells Erfolg auf seiner Widersprüchlichkeit. Seine Denkhaltung war in jeder Richtung auslegbar.
Kaum ein Ismus, dessen ihn Kritiker nicht bezichtigt hätten: Imperialismus natürlich, Militarismus, Sadismus, Rassismus, Sympathie für den Faschismus. Für jede dieser Anschuldigungen existieren Belege und Gegenbelege. Er schätzte „Mein Kampf” als „wundervolles Buch” mit guten Ideen, doch der nationalsozialistische Rassenwahn war ihm fremd, und später zeichnete er Hitler, wie er von einem Kehrbesen hinausgefegt wird. Tim Jeal hat seine Biographie auch als Antwort auf Baden-Powells Kritiker geschrieben. Auf 20 Seiten will er den Vorwurf entkräften, er habe in Mafeking eine große Zahl von Bewohnern und Flüchtlingen schwarzer Hautfarbe dem Hungertod preisgegeben. Nur: Jeal geht in seinem Bemühen, Baden-Powell zu exkulpieren, des Öfteren zu weit. Die unglaubwürdigste Stelle des ganzen Werkes ist seine Erklärung, warum Baden-Powell halb verhungerte Schwarze vor der Suppenküche für die Brühe aus Esel- oder Pferdefleisch auch noch bezahlen ließ. Er sei eben ganz der Sohn seiner Mutter gewesen und „von frühester Kindheit darauf gedrillt, über jeden Posten auf der Seite der Ausgaben penibel Buch zu führen. Sein Bruder George war der Autor von ,State Aid and State Interference‘, einem Angriff auf jede Form der Subvention”.
Selbst der nachsichtigste Biograph könnte über die sadistischen Neigungen vor allem des jungen Offiziers nicht hinwegsehen. Dass er seinem Krieg entgegenfieberte, mag zum Soldatenberuf gehören. Darüberhinaus suchte er fortwährend alte Schlachtfelder auf, fachsimpelte mit Scharfrichtern und fuchste sich, das Schauspiel einer Hinrichtung verpasst zu haben. Sein liebster „blood sport” war die Jagd auf wilde Schweine. Genüsslich rammte er vom Sattel aus dem Eber die Lanze in die Weichteile.
Tim Jeals Werk kommt daher wie die definitive Biographie, doch über drei Streitpunkte werden er und andere Historiker sich so schnell nicht einig werden. Beim ersten Punkt geht es um die Belagerung von Makefing. Anhänger der heroischen Schule sagen, Baden-Powell und seine hartbedrängten Leute trotzten in Unterzahl allen Widrigkeiten, bis der Feind abzog. Demgegenüber lästern seine Kritiker, das sei ein schöner Kavallerieoffizier, der sich so in die Falle locken lässt, dass er am Schluss seine eigenen Pferde aufessen muss. Der zweite Punkt betrifft Baden-Powells Homosexualität, ja oder nein. Der dritte Streitpunkt bezieht sich auf die ursprüngliche Intention der Pfadfinderbewegung. Verfolgte Baden-Powell bei der Charakterbildung junger Menschen vorrangig zivile oder militärische Ziele? Jeal steuert, wie so oft, einen Mittelkurs: Der Gründervater der Boy Scouts wollte zwar, dass jeder britische Junge schießen lernt, aber gerade in „Scouting for Boys” betonte er bürgerliche Werte. Sein Brevier liest sich heute noch „erfrischend unmilitärisch”, staunte der liberale Guardian.
Im Zelt neben dem Rolls-Royce
Jeal schreibt wenig über die Pfadfinderbewegung in anderen Ländern. Die Belagerung von Mafeking handelt er auf über 100 Seiten ab, die amerikanischen Boy Scouts sind ihm gerade mal vier Seiten wert, die europäischen ein paar Zeilen. In Deutschland nahm die Bewegung ihren Anfang, nachdem Alexander Lion „Scouting for Boys” übersetzt hatte. Lion war ebenfalls Kolonialoffizier und bei der Niederschlagung des Herero-Aufstands dabei gewesen. Unterm Kaiser schätzte man die militärische Verwertbarkeit pfadfinderischer Tugenden. Später verschob sich der Akzent. „Wir sind die Ritter der neuen Zeit / in Sturm und Gewitter allzeit bereit”, heißt es in einem Pfadfinderlied aus den zwanziger Jahren. Im „Dritten Reich” wurde Lion als Jude verfolgt, Baden-Powell als so gefährlich angesehen, dass ihm bei einer etwaigen Invasion der Insel die Verhaftung gedroht hätte. Nach dem Zusammenbruch wurden die hiesigen Pfadfinder mit Genehmigung der Militärregierung neu gegründet. Im Zuge von Studentenbewegung und Frauenemanzipation spalteten sie sich in Traditionalisten und Fortschrittliche auf. Schon fand das erste anti-autoritäre Zeltlager statt.
Im Alter beklagte Baden-Powell die Zerstörung von Stammeskulturen, die er selbst mit zertrampelt hatte. Dem Abschlachten von Tieren konnte er nichts mehr abgewinnen. Empfehlenswerter sei die Jagd mit der Kamera denn mit Gewehr und Sauspieß. Der Greis, längst war er in den Adelsstand erhoben, schlief gern noch mal im Zelt – neben seinem Rolls Royce. Begraben ließ er sich – wo sonst? – in Afrika. Sein Sohn hatte ihn fast auf der ganzen Linie enttäuscht. Immerhin setzte Lord Peter Baden-Powell den Scoutismus insofern fort, als er in kurzen Hosen und mit Rucksack im Oberhaus erschien. GERT RAEITHEL
TIM JEAL: Baden-Powell. Gründer der Pfadfinderbewegung. Aus dem Englischen von Cornelius Hartz. Verlag M. u. H. von der Linden, Wesel 2007, 764 Seiten, 35 Euro.
Über diesen Spielraum für Sublimierung hätte selbst Freud gestaunt: Lord Robert Baden-Powell (1857-1941) spricht im Jahr 1935 mit einigen Burschen. Foto: picture-alliance / IMAGNO/ Schost
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Rezensent Ernst Horst scheint sich mit dieser Biografie gut amüsiert zu haben. Das liegt nicht so sehr am Autor, Tim Jeal, dem es vielleicht ein wenig an "Selbstbewusstsein fehlt", als an Robert Baden-Powell, Soldat, Begründer der Pfadfinder-Bewegung und "Schlitzohr", wie der Rezensent erkannt hat. Baden-Powell wurde in eine große Familie hineingeboren, lesen wir, die Mutter bestimmte das Geschick ihrer zehn Kinder offenbar mit eiserner Hand. Baden-Powell diente als Offizier im Burenkrieg, was vielleicht erklärt, dass die Pfadfinder mehr Ähnlichkeit mit einer Zulu-Gemeinschaft haben als mit den Indianern, wie Horst behauptet. Besonders aufgefallen sind dem Rezensenten aber die Ähnlichkeiten mit dem Militär: "Majore und Leutnants bei der Armee in Mafeking entpuppten sich als Säufer, und der Aufseher des Zeltplatzes im Pfadfindertlager Gilwell wurde erst nach zehn Jahren als Päderast entlarvt."

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