Produktdetails
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  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • 2000
  • ISBN-13: 9783462028928
  • ISBN-10: 3462028928
  • Artikelnr.: 24010505
Rezensionen
Besprechung von 08.07.2000
Wörter stoßen Dich an
Nathalie Sarrautes letztes Werk: „Aufmachen”
Dies schmale Buch ist eine Flaschenpost aus der düsteren, doch dann auch zu erneutem Aufbruch drängenden Mitte des abgelaufenen 20. Jahrhunderts. Was sie enthält, ist nicht so rasch zu entschlüsseln. Jene Zeit ist längst ferngerückt, ist schon fast unbegreifliche Vergangenheit. Auch die französische Schriftstellerin russischer Herkunft Nathalie Sarraute kam aus ihr, hat ihr angehört. Schon fast hundertjährig, hat Nathalie Sarraute kurz vor ihrem Tod Ende 1999 noch einmal in die Waagschale geworfen, was sie in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts entdeckt und nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Romanen und Hörspielen unermüdlich erzählt, erläutert und illuminiert hat: dass die Wörter, die Sprache im Lebenshaushalt der Menschen eine elementar prägende, noch nicht ergründete Bedeutung haben. Tropismen hieß ihr erstes, 1938 erschienenes Buch. Nathalie Sarraute hatte den Begriff der Biologie entlehnt, wo mit ihm die durch äußere Reize hervorgerufenen Krümmungsbewegungen einer Pflanze bezeichnet werden. Wörter, die Sprache waren für Nathalie Sarraute solche Reize, unter denen die menschliche Psyche sich krümmt. Die Leute reagieren zwanghaft auf sie, und die widersprüchliche, undurchschaubare Realität, die hieraus entsteht, hat eine ungeheure Macht über sie, hält ihr Leben in Schach.
Das Buch Aufmachen, das aus fünfzehn etüdenhaften, todernst spielerischen Szenen besteht, ist mit überraschendem Akzent ein sehr spätes Resümee aus all den Romanen Nathalie Sarrautes von Das Planetarium bis Die goldenen Früchte, von Martereau bis sagen die Dummköpfe, in denen sie das Minenfeld zwischen Psyche und Sprache ausgeforscht hat. Nathalie Sarraute hat unermüdlich erzählt aus der Halbwelt zwischen Gemeintem und Gesagtem, in der Individualität und Person verschwimmen; erzählt aus der auch den Sprechenden selbst nur beschränkt fasslichen, von den Wörtern in Unruhe versetzten Masse unbestimmter Stimmungen, Gefühle und Wünsche, die alles Miteinanderreden wie ein undurchsichtiges Magma trägt. Sie nannte es „sous-conversation”, das Subgespräch, das unter allem Gerede Verborgene und es immer Mittragende. In Aufmachen aber verhält die Autorin ganz bei den Wörtern und demonstriert, wie sehr alle psychische Widersprüchlichkeit und Unsicherheit schon in den Wörtern selbst enthalten ist.
Ein kurzer Vorspruch zu den fünfzehn Texten des Buchs beginnt mit dem Satz: „Wörter, durch und durch eigenständige lebendige Wesen, sind die Akteure der folgenden Szenen. ” Das ist eine Fiktion, die ahnen lässt, wieso Nathalie Sarraute, die Analytikerin der Psyche und radikale Kritikerin des traditionellen psychologischen Romans, einst den nouveau roman und auch die europäische konkrete Literatur inspiriert hat. Es ist irrig anzunehmen, dies ganze Kapitel Literaturgeschichte sei inzwischen im Müllhaufen der Geschichte verschüttet. Es ist nur aus der Mode, weil es nicht in die Konsumkultur passt. Nur eines trifft zu: Bequem konsumieren lässt sich Aufmachen nicht, da sperrt sich das schmale Buch. Es fordert Annäherungen anderer Art. Was jedoch nicht bedeutet, es habe kein aktuelles Gewicht.
Empfindliche, strenge Spiele
Schon die erste Sequenz umspielt eine Realität ganz von heute. Im Umfeld der Wörter „Wahrheit”, „Unwahrheit”, „Geheimnis”, „eine richtige Festung” geht es um nichts Geringeres als das „Gegebene Wort”: „– Ja, aber da hat er es mit der Angst gekriegt, er hat nur einen Spaltbreit auf- und schnell wieder zugemacht, er hat sich schleunigst verdrückt, er hat sich mir nichts, dir nichts in Sicherheit gebracht in dem gegebenen Wort . . .”
Noch diese Stichprobe: „– Jetzt sind Sie an der Reihe, kommen Sie . . mit fester, entschiedener Stimme . . . ,Aber Sie geben mir Ihr Wort?‘ Und alle geben es ohne Zögern. Wer täte es nicht? Und schon ist die Sache geritzt. – Aus jeder Unwahrheit ist eine Wahrheit geworden, eingeschlossen in dem gegebenen Wort. ”
Ein drittes Zitat: „Man könnte glauben, dass es jetzt nichts anderes mehr gibt als gegebene Worte. Ein riesiges Gelände mit vielen kleinen Bunkern. Wenn man darüber hin flöge, könnte man denken, es sei ein endlos weites Feld voller Kohlköpfe. ”
Die Sequenz endet mit dem wiederholten Auftritt des Wortes „Es ist ein Geheimnis”, das völlig ramponiert ist und sich gegenüber den anderen Wörtern so verteidigt: „. . . macht mir jetzt nicht weis, dass ihr nichts gesehen habt, ihr habt gesehen, wie eine dieser Unwahrheiten mich musterte und dann voller Verachtung sagte . . . ,Das, ein Geheimnis? Wofür hält es sich? Das erkennt man doch sofort, es ist ein offenes Geheimnis, die Spatzen pfeifen es von den Dächern. ‘”
Eindeutige Resultate liegen so wenig in der Absicht von Nathalie Sarrautes Exerzitien wie die Kommentierung von Tagesneuigkeiten. Ihre Aufmerksamkeit gilt dem Eigengewicht der Wörter, dem so leicht zu ignorierenden, so schwer zu fassenden gewebeartigen Untergrund, aus dem sie untereinander agieren und auf die Psyche zurück wirken. Es gibt da nichts Eindeutiges, von wo aus man sich diesen „durch und durch eigenständigen lebendigen Wesen” auch nähert. Nathalie Sarraute wählte dabei keineswegs absichtsvoll nur die laut Konvention schwergewichtigen Wörter für ihre empfindlichen und strengen Spiele, nicht primär „Wahrheit” oder „gegebenes Wort” oder „Geheimnis”. Sie unterlaufen ihr. Eher interessiert sie sich für das „Auf Wiedersehn” am Ende eines Telefongesprächs, für „Zahlung”, „Kündigung” oder „Verjährungsfrist”, für einzelne verschluckte Buchstaben, für „Name” und „Vorname”, für das „Du” und das „Sie”, für „Ich liebe Dich”, diesen „alten Veteran im Ruhestand”, für die Schlagfertigkeit. Und immer ist da die undurchdringliche Schranke, die sich so leicht zwischen gesprochenes Wort und gesprochenes Wort, zwischen Wort und Realität drängt.
Unruhe und Zweifel
Alle diese Texte erfordern ein meditatives, schweifendes Lesen und Wiederlesen. So jedoch erschließen sie sich zu irritierenden klaren Bildern. Sie sind gleichsam frühtachistisch-abstrakte Kunstgebilde, rational nicht völlig erklärlich, doch erhellend. Dem Buch ist der Ruf vorangegangen, es sei nicht übersetzbar, und das hat Gründe. Deutsche Wörter haben als „eigenständige lebendige Wesen” um sich her einen anderen Hof, andere Anklänge und Bedeutungsnuancen als französische Wörter, die scheinbar Gleiches sagen. Erika Tophoven hat ihre sorgfältige Übertragung ins Deutsche sichtlich im Bewusstsein dieses Sachverhalts erarbeitet, und es ist ihr zu dafür danken, dass sie es riskiert hat.
Es sei trügerisch, hat Nathalie Sarraute einmal angemerkt, mit dem Glauben zu leben, dass man wissen könne und unbedingt wissen müsse, woran man sich zu halten habe. Nur Unruhe und Zweifel kämen der Wirklichkeit nahe. Diese Schriftstellerin hat den bis heute übermächtigen, an der Erklärbarkeit von Charakteren und Vorgängern orientierten psychologischen Roman auf die Spitze getrieben und damit ein für alle Mal in Frage gestellt. Aufmachen ist dazu ein letztes Wort.
HEINRICH VORMWEG
NATHALIE SARRAUTE: Aufmachen. Aus dem Französischen von Erika Tophoven. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2000. 142 Seiten, 29,90 Mark.
Nathalie Sarraute (1902 – 1999). Die Aufnahme entstand in den achtziger Jahren.
Foto: Serge Cohen
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Besprechung von 22.07.2000
Getuschel in der Steinzeithöhle
Wortkulissentheater: Nathalie Sarrautes Meisterwerk "Aufmachen"

Jeder weiß, wie leicht es ist, Sinn und Inhalt von Gesprochenem einfach zu ignorieren und die Sprache nur noch als Geräuschkulisse wahrzunehmen. Ebenso kann man bockig das korrekte Lesen verweigern und das Gedruckte nur noch als grafisches Gebilde betrachten. Eichendorffs Taugenichts beispielsweise, wie er da als verliebter Zolleinnehmer auf die Ziffern starrt, hat "gar seltsame Gedanken dabei, so dass ich manchmal ganz verwirrt wurde und wahrhaftig nicht bis drei zählen konnte. Denn die Acht kam mir immer vor wie meine dicke enggeschnürte Dame mit dem breiten Kopfputz, die böse Sieben war gar wie ein ewig rückwärts zeigender Wegweiser oder Galgen. - Am meisten Spaß machte mir noch die Neun, die sich mir so oft, ehe ich mich's versah, lustig als Sechs auf den Kopf stellte, während die Zwei wie ein Fragezeichen so pfiffig dreinsah, als wollte sie mich fragen: Wo soll das am Ende noch hinaus mit dir, du arme Null? Ohne sie, diese schlanke Eins und Alles, bleibst du doch ewig nichts!" Der Taugenichts hat nur Augen für die kleine Pantomime, die ihm wie in einem Zerrspiegel das Dilemma seines Lebens zeigt.

Nathalie Sarraute geht in ihrem letzten Buch, dem tiefsinnig verspielten Meisterstück "Aufmachen", zwar anders mit der Sprache um als unser Taugenichts, aber sie ist ihm dennoch ähnlich. Was jenem die Ziffern waren, sind ihr die Wörter: selbstständige Sprachpersonen mit eigener Physiognomie, eigenem Willen und nicht zu bremsendem Mitteilungsdrang, die uns das Wichtigste jenseits ihrer offiziellen Bedeutung zu erzählen wissen. Die Autorin hat sich dazu eine primitive Theatersituation ausgedacht. Auf der Bühne unseres Bewusstseins stehen nur wenige höfliche Wörter bereit, um von außen eindringende Sprachgäste zu empfangen. Die restlichen Wörter müssen sich hinter einer Trennwand verbergen, versuchen aber ständig, sich vorzudrängeln. Wie eitle Schauspieler ertragen sie es nicht, dass sie in der Kulisse warten müssen , während andere auf der Bühne die Hauptrollen spielen. "Aufmachen, aufmachen!" ist der Schlachtruf der ausgesperrten Akteure.

In wilden Wortwechseln diskutieren die nach dem Auftritt lechzenden Wörter, wer ihrer Meinung nach als Erster dran wäre, verzweifelt versuchen sie zu verstehen, was sich gerade auf der Bühne abspielt, und sarkastisch kommentieren sie das Spiel derer, die im Rampenlicht agieren. Verwirrt bemerken sie, dass mehrere Wörter in einer Art Käfig namens "Das gegebene Wort" eingesperrt sind, mit Schadenfreude bemerken sie, dass gerade eben einem kleinen "Dennoch" die Flucht gelungen ist. Gnadenlos durchschauen sie das Getue eines Geheimnisses, das in Wahrheit nur ein "offenes Geheimnis" ist: "Wofür hält es sich?" Seitenlang machen sie sich über ein Telefongespräch her, wundern sich darüber, dass "Auf Wiedersehen" jedes Mal am anderen Ende der Leitung ein Echo auslöst, und machen sich klar, dass "Auf bald" und "Auf recht bald" zwar Zwillinge sind, von denen der eine aber doch etwas stärker als der andere ist.

Vor allem dem "Auf Wiedersehen" bereitet das Zwillingspärchen großen Kummer. Auch die anderen können gar nicht fassen, dass "Auf Wiedersehen" hinter die Kulissen verbannt worden ist. Da klagt es nun und träumt von einem Comeback: "Ihr werdet sehen. Man wird mich rufen. Man wird mich brauchen." So macht sich die Floskel Mut, wenn sie nicht gerade vom Pessimismus übermannt wird: "Niemand ist unersetzlich."

Gelegentlich nutzt Nathalie Sarraute die Erzählsituation, um Modewörter lächerlich zu machen. Da vergleicht eines der Wörter das "cata" der französischen Jugendsprache, wo es als Abkürzung von "catastrophe" grassiert, mit einem Pfau, "dem boshafte Kinder zum Scherz den Sterz gerupft hätten". Vergeblich machen die ums Überleben kämpfenden Wörter sich Hoffnungen, dass die ehrwürdige "catastrophe" auf die Bühne darf, resigniert müssen sie einsehen, dass gerade ihre Ehrwürdigkeit der Anlass für die Verbannung ist.

Das bedeutet freilich noch lange nicht, dass die modische Kurzform offiziell im Sprachsalon empfangen wird. Andererseits dürfe man "jedoch nicht darauf hoffen, dass sie eines Tages, solange ,cata' noch da ist, ,catastrophe' zu sich hereinlassen." So geht das bis zum Ende des schmalen Buches, das sich verführerisch leicht liest und das doch bis zum Rand gefüllt ist mit bitterer Wahrheit. Denn warum wählen wir beim Sprechen oder Schreiben gerade dieses Wort und nicht ein anderes? Aus schierer Eitelkeit, sagt Nathalie Sarraute, auch im Unterbewusstsein herrscht die kleinliche Eitelkeit mit diktatorischer Gewalt.

Das Buch hat die Form einer humoristisch verspielten Farce und wird mit virtuoser Eleganz erzählt - umso mehr verstört seine Botschaft. Niemand wird erwarten, dass Nathalie Sarraute der Ansicht ist, wir würden von Vernunft gesteuert. Aber sie hat auch mit Freud nichts mehr im Sinn. Die Tiefendimension der Triebe ist verschwunden, der Mensch ist nur noch flach. Unser Unterbewusstsein gleicht keiner düsteren Steinzeithöhle, sondern einer gut ausgeleuchteten Talkshow, in deren Gequassel immer der Eitelste gewinnt. Das erschreckt, weil es nicht wahr sein darf.

Siebenundneunzig Jahre alt war Nathalie Sarraute, als sie 1997 dieses kleine, großartige, ironisch altersweise Werk veröffentlichte, das von der französischen Kritik mit verblüffter Begeisterung begrüßt wurde. Niemand hatte solche Qualität erwartet. Mühelos hält das Buch den hoch zielenden Vergleichen mit Sartres "Wörtern" oder Paul Klees letzten Bildern stand. Im Oktober letzten Jahres ist Nathalie Sarraute in Paris gestorben, neun Monate vor ihrem hundertsten Geburtstag; in dieser Woche wäre er zu feiern gewesen.

WILFRIED WIEGAND

Nathalie Sarraute: "Aufmachen". Aus dem Französischen übersetzt von Erika Tophoven. Verlag Kiepeneuer & Witsch, Köln 2000. 144 S., geb., 29,90 DM.

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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Am Schluß seiner Kritik lobt Hans-Jürgern Heinrichs die Übersetzerin Erika Tophoven, die "aus einer langen und tiefen Vertrautheit" mit Nathalie Sarrautes Werk bei diesem letzen Roman der 1999 Jahr verstorbenen Autorin "eine dem Original adäquate Übersetzung sprachanalytisch erarbeitet" habe. Im übrigen durchstreift Heinrichs noch einmal das literarische Werk Sarrautes seit 1939, um schließlich in "Aufmachen" den zu Ende geführten "Kampf der Wörter mit den Empfindungen" zu sehen, der ihr literarisches Schaffen bestimmte. Fünfzehn Kapitel wie Séancen, Rituale, Exercitien, die "den Faden des inneren Murmelns" fortspinnen. Hier nun gehen die Wörter schließlich als Souveräne aus dem Kampf hervor.

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