»Auf ungeheuer dünnem Eis« - Sebald, W. G.

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"Die Gefahr, daß man den Verstand verliert, ist nicht gering." - Wer war W. G. Sebald?
Dieser Band fasst zwanzig Gespräche mit W.G. Sebald zu einer ebenso informativen wie poetischen Bestandsaufnahme zusammen. Viele dieser mit wechselnden Interviewpartnern zwischen 1971 und seinem plötzlichen Tod im Jahr 2001 geführten Gespräche werden hier erstmals gedruckt. Sebald spricht darin über sich selbst und seine Bücher, aber auch über sein ungeschrieben gebliebenes Werk. Dies ist ein zentrales Buch, um Sebalds gesamtes Schreiben zu verstehen. Hier wird nicht nur über Literatur gesprochen, sondern zugleich weitererzählt. …mehr

Produktbeschreibung
"Die Gefahr, daß man den Verstand verliert, ist nicht gering." - Wer war W. G. Sebald?

Dieser Band fasst zwanzig Gespräche mit W.G. Sebald zu einer ebenso informativen wie poetischen Bestandsaufnahme zusammen. Viele dieser mit wechselnden Interviewpartnern zwischen 1971 und seinem plötzlichen Tod im Jahr 2001 geführten Gespräche werden hier erstmals gedruckt. Sebald spricht darin über sich selbst und seine Bücher, aber auch über sein ungeschrieben gebliebenes Werk.
Dies ist ein zentrales Buch, um Sebalds gesamtes Schreiben zu verstehen. Hier wird nicht nur über Literatur gesprochen, sondern zugleich weitererzählt.
  • Produktdetails
  • Fischer Taschenbücher Bd.19415
  • Verlag: Fischer Taschenbuch
  • 4. Aufl.
  • Seitenzahl: 288
  • 2011
  • Ausstattung/Bilder: 288 S. 190 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 126mm x 20mm
  • Gewicht: 220g
  • ISBN-13: 9783596194155
  • ISBN-10: 3596194156
  • Best.Nr.: 34376003
Autorenporträt
W.G. Sebald, geb. 1944 in Wertach, ging nach dem Studium in die Schweiz und dann nach England. Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter im Jahr 2000 mit dem Joseph-Breitbach-Preis und dem Heinrich-Heine-Preis. W.G. Sebald starb 2001
Rezensionen
Besprechung von 17.12.2011
Nachtseiten des Lebens
Zufälle gibt es nicht: W.G. Sebald im Gespräch

"Wer war W. G. Sebald?" Das ist die Leitfrage dieses Bandes, der zwanzig Gespräche mit dem Schriftsteller aus drei Jahrzehnten, von 1971 bis kurz vor seinem Tod, versammelt. Das herauszufinden sei auch die eigentliche Motivation all jener gewesen, die den auratischen Autor zum Interview baten, vermutet der Herausgeber, der Frankfurter Germanist Torsten Hoffmann. Sicherlich aber hoffen jene, die nun zu dem aus Anlass von Sebalds zehntem Todestag (F.A.Z. vom 15. Dezember) erschienenen Buch "Auf ungeheuer dünnem Eis" greifen, dass sich der Autor, der ihnen als Leser nahegeht, hier noch mal von einer persönlicheren Seite zeigt.

Für Sebalds Werk ist Austausch zentral. Immer wieder betont er, dass Literatur vor dem Text beginne, dass der Autor "Gespräche mit Abgeschiedenen führen und sich auf den Weg zu den Nachtseiten des Lebens machen" müsse. Denn nur so entdecke man jene Koinzidenzen, um die seine Bücher kreisen, jene Kreuzungen in den Netzwerken des Schmerzes und der Erinnerung, "an denen einem schlagartig aufgeht, dass alles mit allem zusammenhängt und dass man sich deshalb um die Dinge kümmern muss". Auch wenn er 1990 erklärt, dass die Toten ihn mehr interessieren als die Lebenden, ist es vor allem das Dazwischen, auf das er immer wieder zurückkommt. Angesprochen auf die Bedeutung der Fotografien in seinen Büchern, beschreibt er, warum von einem Foto, dem "wahren Dokument par excellence", mitunter ein anderer Appell ausgeht als von gemalten Bildern: Weil es eine Ahnung verströmt davon, "dass es irgendwo eine sekundäre oder uns beigeordnete, übergeordnete, nachgeordnete Form der Existenz gibt. Die Leute, die aus dem Leben verschwinden, treiben sich irgendwo in diesem Leben noch herum." Angesichts seines späteren Unfalltods im Alter von 57 Jahren fast gespenstisch lesen sich Passagen, in denen Sebald fast andächtig den "Aufenthalt in einem Niemandsland zwischen nicht hier und nicht dort, zwischen nicht ganz lebendig und nicht ganz tot" beschwört, dem er in seiner Phantasie und Erinnerung mitunter nahekäme.

Zwischen den Zeilen steckt viel von diesem - an keiner Stelle religiös konnotierten - Geleitetsein. Mehrfach betont Sebald, der nicht an Zufälle glaubt, dass man als Autor keineswegs so viel Kontrolle habe, "wie man sich das gerne einbildet". Im Lauf der immens produktiven Jahre zwischen "Schwindel. Gefühle." 1990 und dem 2001 erschienenen "Austerlitz" nimmt das Schreiben für ihn gleichzeitig mehr und weniger Raum ein. Denn der Autor, der sein literaturwissenschaftliches Metier immer mehr ablegt, selbst im eigenen Haus in Norwich "herumnomadisiert" und auch sonst rastlos unterwegs zu sein scheint, sieht seine Hauptaufgabe in der Recherche, im Aufspüren der Menschen, Erinnerungen und Geschichten. "Ob ich das Buch dann hinterher schreibe oder nicht, das ist eigentlich gleichgültig", erklärt er in einem der letzten Gespräche. Wie Walter Benjamin begreift er das Werk als "die Totenmaske der Konzeption".

Wozu dennoch schreiben? Man müsse dem Leser irgendwie klarmachen, "dass das Leben etwas Furchtbares ist - so, wie wir es organisieren". Diese Grundüberzeugung, deren resignativer Ton die Energie, die Sebald aus ihr zog, nicht überdecken kann, zieht sich durch nahezu alle Gespräche. Das Gefühl eines "ständig wachsenden und nicht aufzuhaltenden Verlustes" an Erinnerung und Sprachfähigkeit diagnostiziert er als Grund der immer wieder angesprochenen Schwermütigkeit seiner Texte. Dazu kommt die Realisation der Hilflosigkeit, "die Einsicht in die Indifferenz der eigenen Person". Wenn man einmal begriffen habe, wie machtlos man den Prozessen ausgesetzt sei, könne man sinnvollerweise nur die Haltung eines Zuschauers einnehmen - "eines Zuschauers, der mit einem sehr hohen Grad an emotionaler Beteiligung die Dinge betrachtet, die in der Welt vor sich gegangen sind und nach wie vor vor sich gehen". Und weil sich aus dieser anteilnehmenden Zuschauerrolle moralische Fragestellungen ergeben, darf sich "der Erzähler nicht schadlos halten an dem, was er beschreibt". Ohne "historische Tiefe" fehle es ihm an moralischer Legitimation.

Sebald, 1944 im Allgäu geboren, mit 21 ausgewandert und danach in England ansässig, verortet seine "Zeitheimat" in den ersten sechs Jahren der Kindheit. Überall sonst laufe er herum als "ein irgendwie Hereingeschneiter". Den Zaungast W. G. Sebald lernt man hier vielleicht nicht gut, aber doch besser kennen - auch in seinen Widersprüchen.

FELICITAS VON LOVENBERG

W.G. Sebald: "Auf ungeheuer dünnem Eis". Gespräche 1971 bis 2001.

Herausgegeben von Torsten Hoffmann. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main. 288 S., br., 9,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

In insgesamt 20 Gesprächen umkreist der Band die zentrale Frage, wer W.G. Sebald gewesen sei - und die daran geknüpften Hoffnungen der Leser, dem 2001 verstorbenen Autor persönlich etwas näher zu kommen, sieht Rezensentin Felicitas von Lovenberg zumindest zum Teil erfüllt: Nicht sehr gut, aber doch ein bisschen besser lerne man den Autor in diesem Interviewband kennen. Insbesondere Sebalds Widersprüche, die mit zahlreichen Zitaten aus dem Buch belegt werden,  stehen Lovenberg jetzt klarer vor Augen.

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