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Manchester 1963: Ein Mädchen verschwindet, Inspektor Bennett ermittelt und findet einen Schuldigen. Jahrzehnte später rollt eine Journalistin den Fall wieder auf und entdeckt eine ganz andere Wahrheit!

Produktbeschreibung
Manchester 1963: Ein Mädchen verschwindet, Inspektor Bennett ermittelt und findet einen Schuldigen. Jahrzehnte später rollt eine Journalistin den Fall wieder auf und entdeckt eine ganz andere Wahrheit!
Autorenporträt
Val McDermid, geb. 1955 in Kirkcaldy im schottischen Fife, wuchs dort in einer Bergarbeiterfamilie auf. Nach der Schulzeit begann sie, als erste aus ihrer Familie überhaupt, ein Studium: Englische Literatur am St. Hilda's College in Oxford. Nach Jahren als Literaturdozentin und als Journalistin bei namhaften Zeitungen lebt sie heute als freie Autorin in Manchester und in einem kleinen Dorf an der englischen Nordseeküste. Sie gilt als eine der interessantesten Autorinnen im Spannungsgenre und ist außerdem als Krimikritikerin der BBC, der Times, des Express und der Krimi-Website Tangled Web sowie als Jurymitglied mehrerer Krimipreise eine zentrale Figur in der britischen Krimiszene. Ihre Kriminalromane und Thriller sind weltweit in mehr als 25 Sprachen übersetzt. Für ihr Lebenswerk erhielt sie 2010 die angesehenste Auszeichnung, die es in Großbritannien für Kriminalromane gibt: den Diamond Dagger der britischen Crime Writers' Association.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 20.05.2000

Geheimnisse von Scardale
Val McDermids Sechshundert-Seiten-Krimi
Man mag es nicht für Zufall halten: Kurz nacheinander erreichten uns zwei umfängliche Kriminalromane, die alles andere sind als hektische Thriller. Großangelegte epische Unternehmungen bescheren uns ein Paradox: Beide nehmen sechshundert Seiten ein, und beide nehmen uns den Atem.
Im Mittsommermord jagt Henning Mankells Kommissar Wallander aus Schweden mal wieder einen seiner düster kaputten Serienkiller. Mit Ein Ort für die Ewigkeit führt uns Val McDermid in ein Zwanzig-Seelen-Dorf im Norden Englands, in eine noch sehr viel mehr verstörende Welt von Racheschwüren und Inzest in der Einöde. Ystad und Scardale – zwei von der Phantasie ausgeheckte, will sagen: absolut realistische Mini-Biotope für Schuld und Sühne, mehr für Hass als für Liebe.
Wir müssen zweimal nach Scardale, in diesen im Deutschen so genannten „Ort für die Ewigkeit”; 1963 und 1998. Val McDermid will es so. Sie konzipiert ihre Rätsel-Story in zwei Teilen. Im ersten verschwindet Alison Carter, 13-jährig und Stieftochter des allmächtigen Gutsherren, spurlos, wie im Nichts. Der noch junge und sehr ehrgeizige Inspektor George Bennett übernimmt den Fall und fährt an einem frostigen Dezembertag ins Abgelegene. „Im fahlen Mondlicht sah George Felder mit üppigem Weideland. . . Schafe drückten sich gegen die Felswände, ihr Atem bildete kleine Dampfwolken in der eiskalten Luft. Dunklere Flecken erwiesen sich als kleine Waldstücke. George hatte so etwas noch nie gesehen. Es war eine geheimnisvolle, verborgene und abgeschiedene Welt. ”
Der erste Eindruck trifft und führt ins Schwarze. In diesem Kaff am Ende der Welt sind Nachforschungen unbeliebt, Fremde als Eindringlinge verhasst. Alle haben etwas zu verbergen. Alle sind miteinander versippt. Das zeigt eine Planskizze, die wie ein Relikt aus klassischen Agatha-Christie-Tagen als Orientierungshilfe dient: Neun Häuser, darunter das hochherrschaftliche „Scardale Manor”, gruppieren sich um einen Dorfplatz, auf dem die Zelle mit dem einzigen Telefon des Ortes steht. Die Mauer des Schweigens ist hoch. Bald kriegt sie, weil Bennett so leidenschaftlich nachfragt, Risse und Löcher. Alle Spuren deuten auf das Schlimmste: Vergewaltigung und Mord. Ein Schuldiger wird gefunden und rechtskräftig verurteilt; nur eine Leiche wird nicht gefunden.
Da sind gut zwei Drittel der Geschichte erzählt. Doch wenn ein Buch sechshundert Seiten hat und auf Seite 400 ein grässlicher Prozess mit einem eindeutigen Urteil beendet wird, weiss man: „Das kann doch nicht alles gewesen sein. ” Genau so ist es. 35 Jahre später rollt eine junge Journalistin, in der Recherche so ehrgeizig wie einst der Mann von der Polizei, den Fall noch einmal auf. Der neue Einstieg ist so willkommen wie raffiniert; kann die Autorin doch nun, nach dem Wechsel der Erzählperspektive, ihr erbarmungsloses Spiel mit den Lesern weitertreiben. Die erfahren immer genau so viel, dass sie den Faden nicht verlieren, aber nie genug, um den wahren Zusammenhängen auf die Spur zu kommen.
Die Lektüre von Krimis wird einem oft durch die dummschlaue Ankündigung vermiest, dass am Schluss eine Riesenüberraschung – Unschuldsengel in Wahrheit Teufelin! – auf den Leser warte. Bei Val McDermid ist das anders. Sie hat nicht nur eine, sondern, ganz im Sinne von Billy Wilders Zeugin der Anklage, zwei Schlusspointen parat, und weil sie das Ganze so sorgfältig konstruiert hat, braucht sie nur wenige Seiten, und alle Puzzle-Teile fügen sich zum schönen, also schrecklichen Bild.
Die Übersetzung von Doris Styron hat immer da ihre Meriten, wo verkarstete Landschaften beschrieben, saloppe oder drängende, auch schwarzhumorige Gespräche geführt werden. Umständliches, ja Unverständliches macht einem beim lesen immer dann zu schaffen, wenn deutsch-verschachtelte Satzungetüme dies angelsächsische Ausgeruhte des Tonfalls torpedieren. Mit den Problemen des „You” kommt Doris Styron besser klar. Sie macht mit viel Gehör und Gespür kenntlich, wann ein „Du” sich verbietet, wann es selbstverständlich ist und wie es möglich wird, wenn im Laufe der langen Geschichte die Hierarchien aufweichen. In Ermessensfragen hilft die anglophile, einem on dit zufolge im Kosmos der Zeit-Redaktion unumgängliche Anrede mit Vornamen und Sie.
Sorgen macht nur der Titel. Im Deutschen also heißt das Buch Ein Ort für die Ewigkeit, und das klingt so verwaschen poetisch wie bildschirmtauglich. Das originale A Place Of Execution ist sehr viel konkreter, unerbittlicher, angemessener. Außerdem folgt es den Spuren Chandlers, der gern schon im Titel einen Hinweis auf die Lösung versteckt. Wer ist sie wirklich, diese „Lady im See”? Wie harmlos ist die „Kleine Schwester”? Fällt da jemand aus dem „Hohen Fenster” oder wird er „gestoßen”, und vor allem: Wie lang ist dieser „Lange Abschied”?
WERNER BURKHARDT
VAL McDERMID: Ein Ort für die Ewigkeit. Roman. Aus dem Englischen von Doris Styron. Droemer Verlag, München 2000. 588 Seiten, 39,90 Mark.
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