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Abfall für alle. Mein tägliches Textgebet. Tagebuch, Reflexions-Baustelle, Existenz-Experiment. Geschichte des Augenblicks, der Zeit, Roman des Umbruch-Jahres 1998. ... Schließlich war, ein Traum, der wahr geworden ist, das Buch entstanden, das ich bin. Das ich immer schreiben wollte, von dem ich immer dachte, wie könnte es gelingen, das einfach festzuhalten, wie ich denke, lebe, schreibe. Von seiten des Todes her gesehen. - Was mir also gefällt, am Buch Abfall: der Realismus, der Ideen-Vorrang, die Banalität der Dämonie des Alltags, das Schreiberleben, die Stille, der mediale Lärm, die…mehr

Produktbeschreibung
Abfall für alle. Mein tägliches Textgebet.
Tagebuch, Reflexions-Baustelle, Existenz-Experiment. Geschichte des Augenblicks, der Zeit, Roman des Umbruch-Jahres 1998.
... Schließlich war, ein Traum, der wahr geworden ist, das Buch entstanden, das ich bin. Das ich immer schreiben wollte, von dem ich immer dachte, wie könnte es gelingen, das einfach festzuhalten, wie ich denke, lebe, schreibe. Von seiten des Todes her gesehen. - Was mir also gefällt, am Buch Abfall:
der Realismus, der Ideen-Vorrang, die Banalität der Dämonie des Alltags, das Schreiberleben, die Stille, der mediale Lärm, die Fiktionalität der auftretenden Personen, die argumentative Pedanterie, das Tasten, das urteilsmäßige Rumholzen, die Gleichwertigkeit aller Dinge, die Poetologie, die ästhetische Theorie, strukturell fragmentarisch, fragmentiert von Zeit, die Zeitmaschine, das Jahr, die Minutendinger und ihre Plausibilität, die Sekundengedanken: der Wahn, Tag für Tag, die Erzählung, Zahlen und Ziffern, ALLES IST TEXT, und über und unter und in allem: Melancholie.
Keiner weiß, was als nächstes passiert. Davon erzählt Abfall für alle. Wie es war, als man noch nicht tot war und nicht daran dachte, wie es weiter geht. Augenblick. Moment. Und jetzt?
  • Produktdetails
  • Suhrkamp Taschenbücher Nr.3542
  • Verlag: Suhrkamp
  • Artikelnr. des Verlages: 45542
  • 3. Aufl.
  • Seitenzahl: 864
  • Erscheinungstermin: Oktober 2003
  • Deutsch
  • Abmessung: 177mm x 111mm x 32mm
  • Gewicht: 432g
  • ISBN-13: 9783518455425
  • ISBN-10: 3518455427
  • Artikelnr.: 12052318
Autorenporträt
Goetz, Rainald
Rainald Goetz, geboren 1954 in München, studierte Medizin und Geschichte, lebt in Berlin. Er hat bisher fünf Bücher geschrieben über die folgenden Themen: über PSYCHIATRIE den Roman Irre; über REVOLUTION die Stücke Krieg; über die RAF: Kontrolliert. Geschichte; über SPRACHE: Festung. Stücke; und über PARTY die Geschichte der Gegenwart Heute Morgen. Mit seinem neuen Roman Johann Holtrop setzt Goetz das Buch Schlucht, eine Analyse der Nullerjahre, fort; bisher erschienen: Klage, loslabern, elfter september 2010.
Rezensionen
Besprechung von 18.09.1999
Panik vor dem Jetzt
Rainald Goetz schreibt Abfall für alle · Von Eberhard Rathgeb

Am 4. Februar 1998 sagte sich der Schriftsteller Rainald Goetz: "Los gehts." Und das ging dann los und so dahin bis zum 10. Januar 1999. Rund ein Jahr lang schrieb er zu jeder Tages- und Nachtzeit Texthäppchen ins Internet. Als er nicht mehr weiterschreiben wollte, druckte er alles aus und schickte es zu seinem Hausverlag. Dort machten sie dann aus der Texthalde ein Buch, indem die gesammelten Häppchen einen signalroten Einband bekamen. Darauf stand ein Titel: "Abfall für alle". Das reichte aber nicht, und so kam noch ein Untertitel hinzu: "Roman eines Jahres".

Dem Haupttitel kann man seine Zustimmung nicht verweigern. Aber ist das Buch ein Roman? Und warum soll es das sein? Schön wäre auch gewesen: "Abfall für alle. Ein Jahr lang". Da hätte wenigstens sofort eine Drohung heraus geschaut, und man hätte dann vielleicht gezögert, den Deckel des Abfalleimers aufzuklappen. "Roman eines Jahres" mutet dagegen altmodisch und heimelig an. Damit schimmert das Buch schon von außen nach einer runden und wärmenden Geschichte, die einem vielleicht sogar gut tun könnte, so wie einem ja auch ein bequemes Sofa angenehm entgegenquillt, nachdem man stundenlang durch den Tag marschiert ist.

"Bücher einfach IRGENDWO aufschlagen - und dann zu lesen anfangen": Diesen Ratschlag schreibt Rainald Goetz am Donnerstag, den 5. Februar um 14 Uhr 43 nieder. Das war großzügig. Womöglich hätte man sich durch den ganzen Rainald Goetzschen Abfall von der ersten bis zur letzten Zeile treuherzig hindurchgebuddelt, wenn man nicht vom Autor selbst die Vorgabe erhalten hätte, doch hier, wie andernorts, einfach seiner Wege durch ein Buch zu gehen. Nun mag einer, der die Anfänge scheut, einen Roman, zum Beispiel Kafkas "Schloß", auf Seite 157 aufschlagen und dort zu lesen anfangen. Nach einer Weile wird er sich wundern, wieso er nicht alles versteht, wieso er die Figuren nicht kennt und nicht so recht weiß, wo er sich befindet. Wenn ihn das wirklich interessiert, wird er nach vorne zurückblättern, damit er alles von Anfang an mitbekommt.

Das muss man nun nicht, wenn man im "Abfall" stöbert. Man nehme zum Beispiel die Seite 229. Da steht: "Ein Roman ist ein Stück Prosa von mindestens 300 Seiten, das die ganze Welt umfaßt." Schön, dass das neue Buch von Rainald Goetz 864 Seiten hat. Damit umfasst es mindestens zwei ganze Welten oder eine doppelte Welt: die Welt, wie Rainald Goetz sie sieht, und dann noch die Welt, die Rainald Goetz ist. "Das Problem ist doch: wenn man weiß, wie es läuft, erlahmt die Lust zuzuhören, weiterzulesen, schon schlummert die Aufmerksamkeit ein. Sekunden später wacht man auf: es NERVT": Das erkennt der Autor erst nach dreihundert Seiten, also nachdem er die Romangrenze überschritten hat.

Kurz davor hatte er aussichtsreiche Fernsichten: "Das, was für die alte Bundesrepublik etwa Hans Magnus Enzensberger und Adorno erledigt haben, bringt heute also, - minimale Übertreibung, aber im Prinzip stimmts -, Harald Schmidt unter die Leute." Das ist schön provokant und gut beobachtet: ". . . er hat das alles immer gehört, erfaßt, gewogen auf der Sprach-Groteske-Waage. Und dann wird es genüßlich verwurstet in der Show. Er kommt sozusagen von der phonetisch-poetischen Aufmerksamkeit des Gedicht-Worts her." Donnerwetter! So hatte man das bisher noch nicht gesehen. Und es geht noch einen Schritt weiter: "Harald Schmidts Auftritte handeln von diesem Wissen über die mediale Welt, und bringen es täglich neu, ohne es auszubreiten, in Populargestalt zur öffentlichen Anwendung." Damit ist ein Stichwort gefallen, um das Rainald Goetz kreist: die mediale Welt, eine Welt ohne die verbohrten Inhaltisten und sturen Inhaltäre, eine Welt im Werden, im Jetzt.

Der andere Große, den Rainald Goetz schätzt, ist der Soziologe und Systembauer Niklas Luhmann. "Dass man Zeitgenosse einer Zeit ist, immer wieder bewegt mich das bei der Luhmann Lektüre, in der eine solche Theorie gedacht und niedergeschrieben werden kann, 200 Jahre wichtiger als Kant und so folgenreich wie Hegel, allein das ist ein Geschenk der Götter, jedem geschenkt, der heute lebt." Da war es ein schöner Zug von Luhmann, dass er den ihn so über die Maßen bewundernden Schriftsteller in seinem Buch "Die Kunst der Gesellschaft" in eine Fußnote hineingestellt hat, womit Rainald Goetz nun, also dank einer recht "privaten Anwendung" durch Niklas Luhmann, zu einer "universitären Gestalt" wurde, und zwar ohne dass er, Rainald Goetz, über ein Wissen von der wissenschaftlichen Welt verfügt, das ihn vor allen anderen auszeichnen würde.

Von Niklas Luhmann übernimmt Rainald Goetz die Vorstellung von selbstreferentiellen Systemen und bastelt sich daraus ein Kunstproduktionsmodell. Wörter erschaffen eben auch Wirklichkeit, die daraufhin diese Wörter wieder aussondert. Wörter bedeuten etwas und deuten nicht nur auf etwas hin, was es in der Wirklichkeit, irgendwo draußen, gibt. Sie verweisen nicht nur auf etwas, sie sind selbst schon etwas. Die Wörter als Verweiskette bilden ein geschlossenes Weltbeschreibungssystem. In dem Fall verlieren sie ihre Gegenwärtigkeit, ihre Präsenz, ihre Unmittelbarkeit. Wer das "Jetzt" will, der muss den Wörtern freien Lauf lassen und ein Medium für den Fluss der Wörter werden. So stellt sich das Rainald Goetz vor. Kunst ist die Praxis, dieses Medium zu sein. Der Schriftsteller ist eine "unplugged Luhmann-Schmidt-Version".

Rainald Goetz weiß: "Ich glaube, dass man dauernd viel Müll schreibt. Sachen, die nicht zu veröffentlichen sind. Aber ich glaube nicht, dass man diesen Müll durch Feilen, durch einzelne Verbesserungen, durch nachträgliche Bearbeitungen zu etwas Richtigem machen kann." Dieser Satz steht auf Seite 188. Man kann sich ihm anschließen, wenn man auch diesen Satz selbstreferentiell liest. "Abfall" besteht aus Textabfällen, die nicht zu etwas Richtigem zusammengefügt sind, weil es etwas Richtiges, Abgeschlossenes im Rauschen des Jetzt-Mediums nicht geben kann.

Unter dem Textmüllhaufen findet man kleine kluge Bemerkungen, kleine schöne Beschreibungen und kleine scharfe Einsichten. Würde man diese Absätze aus dem Abfall herauslösen und zusammenbinden, was bliebe? Die erschütternde Auskunft, dass man 864 Seiten schreiben muss, um zwanzig Seiten zu gewinnen, die sich zu lesen lohnen für den, der liest, weil er nicht am Schreibprozess, am medialen Jetzt interessiert ist, sondern an gefrorenen und sedimentierten, gewordenen Erkenntnissen und Einsichten. Zwanzig Seiten sind auch für ein Jahr zu wenig, und aus zwanzig Seiten macht man keinen Roman eines Jahres, nur die Erzählung eines Tages.

So handlich und überschaubar kann die Gegenwart, das Jetzt aber nicht sein, dass sie sich in zwanzig Seiten pressen ließe. Rainald Goetz hat die Poren sperrangelweit auf, seine Nerven liegen blank, die Augen sind aufgerissen, das Gehirn läuft auf Hochtouren, das Blut ist in Wallung, die Haut ist hochempfindsam, die Ohren lauschangriffsbereit offen Und dahinein dringt die Welt, wird dort erst zur Rainald Goetzschen Welt und kommt von hier als Welt wieder heraus. Ahnt man, was das heißt? So sieht die tägliche Arbeit in der modernen Weltproduktion aus, nachdem das Proletariat die Löffel hingeschmissen hat und die Schriftsteller, und zwar dicht an der berühmten elften Marxschen Feuerbach-Thesen entlang, die Welt nicht mehr nur interpretieren, sondern verändern wollen.

Praxis ist das Lieblingswort von Rainald Goetz. Ganz Praxis sein das hieße, ganz Gegenwart, Handlung werden. Ohne den Umweg durch den Kopf, durch das Eingefrorene und Sedimentierte, vorbei an den Inhaltisten und Inhaltären, und dann direkt die Wörter in die Praxis, in das Jetzt umsetzen: Das wäre der Weg, meint Goetz, um an das Jetzt heranzukommen. Die Künst teilen sich in aufzuführende Künst einerseits und wiederholbare Künste andererseits. Das Theater und die Musik besitzen eine andere Jetztstruktur als die bildende Kunst und die Literatur. Die Aufführung garantiert Gegenwärtigkeit. Schreiben heißt deswegen für Goetz auch: Wörter aufführen, Sätze inszenieren. Literatur muss "gespielt" werden. Was dabei heraus kommt, das holt die "Müllabfuhr".

Rainald Goetz will den Abfall, weil der Müll die Gegenwart verspricht, das Unmittelbare. Und zwar nicht soziologisch gesehen, sondern erkenntnistheoretisch. Am Anfang war der Abfall, und dann kamen die Wörter und schieden die Gegenwart in eine erzählte Vergangenheit und eine erzählbare Zukunft. Vom Jetzt, vom Abfall, blieb dann nichts mehr übrig, und man dachte unter all den zeitverzögerten Erzählungen und Theorien, unter all den totgeborenen Inhalten nicht mehr daran. Am Ende der erzählten Tage wird wieder Abfall, das Jetzt sein. Diesen Vorgang kann man dadurch beschleunigten, dass man "Abfall" produziert.

Der Abfall ist, und nun kann man den Philosophen Ernst Bloch zitieren, ein "Vorschein" auf das erfüllte Jetzt. Ernst Bloch hatte die Philosophie des Abfalls und den Abfallproduzenten Rainald Goetz schon vor Jahrzehnten vorausgeahnt, als er seinem Buch "Das Prinzip Hoffnung" die einleitenden Worte gab: "Wir fangen leer an: Ich rege mich. Von früh auf sucht man. Ist ganz und gar begehrlich, schreit. Hat nicht, was man will." Und nach eintausendsechshundert Seiten, da steht dann das Blochsche Versprechen: "Hat er (der Mensch) sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat."

Diesen Satz muss man nur ins "Abfällige" übersetzen, und dann lautet er: Hat der Schriftsteller sich verfaßt und das Seine ohne Feilen und Zusammenhang in der realen Demokratie aller Einfälle begründet, dann entsteht in der Welt des Schriftstellers etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand mehr später war: das Spiel.

Rainald Goetz: "Abfall für alle. Roman eines Jahres". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999. 864 S., br., 49,80 DM.

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