Der Briefwechsel - Brandt, Willy;Grass, Günter
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Als Willy Brandt 1961 dreißig Schriftsteller nach Bonn einlud, um sie für den Bundestagswahlkampf der SPD zu gewinnen, fehlte ausgerechnet Günter Grass auf seiner Liste. Der Bestsellerautor sei, so ging das Gerücht, Anarchist und für die Politik nicht zu haben. Auf den verzögerten Start folgte eine Liaison von Geist und Macht, die ihresgleichen sucht: Der Schriftsteller stieg in den tagespolitischen Nahkampf ein und erprobte eine freigeistige Beteiligung an der Partei- und Regierungsarbeit. Der Vorsitzende und spätere Bundeskanzler fasste ein vitales Interesse an seiner kritischen Dreinrede…mehr

Produktbeschreibung
Als Willy Brandt 1961 dreißig Schriftsteller nach Bonn einlud, um sie für den Bundestagswahlkampf der SPD zu gewinnen, fehlte ausgerechnet Günter Grass auf seiner Liste. Der Bestsellerautor sei, so ging das Gerücht, Anarchist und für die Politik nicht zu haben. Auf den verzögerten Start folgte eine Liaison von Geist und Macht, die ihresgleichen sucht: Der Schriftsteller stieg in den tagespolitischen Nahkampf ein und erprobte eine freigeistige Beteiligung an der Partei- und Regierungsarbeit.
Der Vorsitzende und spätere Bundeskanzler fasste ein vitales Interesse an seiner kritischen Dreinrede und förderte nachdrücklich die parteilose Wählerinitiative. Das geheime Herzstück dieser Liaison bildet der bislang unveröffentlichte Briefwechsel von Brandt und Grass. Fast drei Jahrzehnte lang haben sie ihn geführt, dabei das Wechselbad der großen Politik durchlaufen und zögerlich, über Euphorien und Zerwürfnisse hinweg, zu einer bemerkenswerten Freundschaft gefunden.
Das Buch präsentiert erstmals sämtliche Briefe und Briefbeigaben, versieht sie mit einem ausführlichen Stellenkommentar und veranschaulicht sie mit zahlreichen Abbildungen. Ein Essay des Herausgebers erläutert die Hintergründe dieses bedeutenden Dokuments zur zweiten, der intellektuellen Gründung der Bundesrepublik.
  • Produktdetails
  • Verlag: Steidl
  • 1., Aufl.
  • Seitenzahl: 1230
  • Erscheinungstermin: 3. Mai 2013
  • Deutsch
  • Abmessung: 223mm x 159mm x 51mm
  • Gewicht: 1316g
  • ISBN-13: 9783869306100
  • ISBN-10: 3869306106
  • Artikelnr.: 36897922
Autorenporträt
Martin Kölbel, geboren 1969, Studium der Neueren deutschen Literaturgeschichte und Philosophie in Berlin, Freiburg und Paris; Mitherausgeber der Ausgabe sämtlicher Notizbücher Bertolt Brechts; zuletzt im Steidl Verlag erschienen: Ein Buch, ein Bekenntnis. Die Debatte um Günter Grass' 'Beim Häuten der Zwiebel'.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Alexander Cammann ist ziemlich beeindruckt von diesem Briefwechsel zwischen Willy Brandt und Günter Grass. Er ist auch überrascht - nicht so sehr von Brandt, dessen Leben in der Politik wurde dafür schon zu oft durchgekaut, findet der Rezensent, es ist Grass, den Cammann in diesen knapp dreihundert Briefen neu entdeckt. Ja, wahlkämpfend kennt man ihn, gibt der Rezensent zu, aber wie weitreichend Grass' Engagement war und wie klug seine politischen Ansichten, das ist Cammann neu. Grass prophezeite den vehementen Widerstand der Jugend gegen die große Koalition, er gewann zahlreiche Intellektuelle für die Reihen der SPD und forderte von Spitzenpolitikern ein klares Bekenntnis zu ihrer Vergangenheit im Nationalsozialismus. Schade nur, dass sich Grass in dieser letzten Frage nicht schon früher an die eigene Nase gepackt hat, meint Cammann, aber davon will sich der Rezensent die Lektüre der Briefe nicht vermiesen lassen.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 07.05.2013

Geschichte einer nie
erfüllten Liebe
Günter Grass warb um Willy Brandt mehr, als
dem Politiker recht war – ihr Briefwechsel belegt es
VON WILLI WINKLER
Der Dichter beklagt sich bitter über sein Idol: „Ich glaube in der Tat, er ist ein Egoist in ungewöhnlichem Grade. Er besitzt das Talent, die Menschen zu fesseln, und durch kleine sowohl als große Attentionen sich verbindlich zu machen; aber sich selbst weiß er immer frei zu behalten.“ Der Dichter wollte so gern, dass der einflussreiche Politiker sich ihm zuwende, ihn mit dem Licht seiner Aufmerksamkeit bescheine, und weiß doch, dass er vergeblich wirbt: „Er macht seine Existenz wohltätig kund, aber nur wie ein Gott, ohne sich selbst zu geben.“
  Könnte das nicht Günter Grass sein, der seinen Schmerz einem Freund anvertraut? Es war aber Friedrich Schiller, der im Revolutionsjahr 1789 diese Wehklage über den unzugänglichen Staatsminister Goethe führte und in seinem Ärger auf eine wenig klassische Abhilfe verfiel: „Ich betrachte ihn wie eine Prüde, der man ein Kind machen muss, um sie vor der Welt zu demütigen.“ Gleichwohl kann er nicht von ihm lassen: „Ich könnte seinen Geist umbringen und ihn wieder von Herzen lieben.“
  Zu Beginn der Sechzigerjahre, als sich Willy Brandt, Berlins Regierender Bürgermeister, und der ebenfalls in Berlin niedergelassene Schriftsteller begegneten, war Günter Grass noch längst nicht als politischer Mensch bekannt. Zwar ist sein gesamtes späteres Werk – die „Kopfgeburten“, „Die Rättin“ und noch die „Unkenrufe“ – auf die kurze, leidenschaftliche, wenn auch ziemlich einseitige Affäre mit Willy bezogen, doch davon ist in der Adenauer-Zeit noch nichts zu ahnen.
  Der Schelmenroman „Die Blechtrommel“ (1959) hatte Grass berühmt gemacht. Manchen galt er als „Schmierfink“ oder gleich als „Pornograf“; Bremen verweigerte ihm deswegen den Literaturpreis. Dann wurde Brandt im Wahlkampf 1961, in dem er zum ersten Mal als Spitzenkandidat der SPD antrat, von Konrad Adenauer und anderen wegen seiner unehelichen Geburt angegriffen. Grass solidarisierte sich sofort mit Brandt. Bei der nächsten Wahl, 1965, organisierte er das Wahlkontor deutscher Schriftsteller, riet allen, „Es-Pe-De“ zu wählen und half 1969 mit der Wählerinitiative für die SPD, Brandt im dritten Anlauf ins Kanzleramt zu befördern.
  Obwohl Grass erst 1982, lange nachdem Brandt als Kanzler zurückgetreten war, in die Partei eintrat, wird er seit je mit der SPD identifiziert. Die größtmögliche Annäherung ergab sich aber bereits in den späten Sechzigern, als Brandt Außenminister unter dem ehemaligen NSDAP-Mitglied Kiesinger wurde. Brief auf Brief schreibt Grass an den „lieben Willy Brandt“, um ihn von dieser Kumpanei abzuhalten, „es könnte unserem Land unheilbarer Schaden zugefügt werden“, aber Brandt ist Realpolitiker und nicht der Idealist, den Grass gern hätte. Er antwortet einfach nicht.
  Das stachelt den Ehrgeiz des Schriftstellers nur noch mehr an, und er attachiert sich unaufgefordert als Kanzlerberater. Grass berichtet von seinen Freunden, die sich wegen der Großen Koalition von der SPD abwendeten. Wenn er nach Israel fährt, liefert er einen detaillierten Reisebericht ab. Er fordert Brandt auf, sein Amt wahrzunehmen, „damit die Arbeit des Außenministers im großen Zusammenhang erkennbar wird“. Brandt soll nach dem Bilde eines Dichters geformt, er soll aber auch als Mensch gewonnen werden.
  Ob es sich dabei, wie der Klappentext dieses merkwürdig einseitigen Briefwechsels es will, um eine „zweite, die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik“ handelt, sei fürs Erste recht weit dahingestellt. Der fleißige Herausgeber Martin Kölbel hat mit der Kommentierung dieser Edition mehrere Jahre hingebracht. Erkenntnisse wie die, dass Brandts Reden „durch die von außen kommenden Anregungen (…) im Idealfall eine innere Dialogizität oder Diskursivität“ bekommen hätten, lassen freilich ein wenig am Wissenschaftsstandort Deutschland zweifeln. Kölbel neigt auch dazu, belanglose Information gleich doppelt und dreifach zu geben, dafür werden mehrere Namen falsch angeführt, manches wird auch irreführend dargestellt. Aber sei’s drum: Das Buch ist ein verdienstvolles Unternehmen, ein sehr deutsches auch: Vollständiger lässt sich diese Episode der Nachkriegsgeschichte kaum darstellen. Vor allem aber bildet es das große Scheitern ab: Der Geist weht zwar, wo und wie er will, aber an der Macht geht er seit je vorbei und das meist auch noch spurlos.
  Der ehemals anarchistische Barockdichter Grass müht sich mit dem ganzen Politikkleinkram zwischen D-Mark-Abwertung, Atomwaffensperrvertrag und Betriebsverfassungsgesetz, weil er unbedingt mittun will, aber die Politiker machen doch, was sie immer machen: Politik nach ihrer Art. Grass schreibt seitenlange Eingaben, dokumentiert, beweist, zählt auf, referiert, aber es sind alles Eingaben fürs Archiv. Brandt nutzt dankbar Formulierungen, die ihm der Dichter liefert (dass er „mehr Demokratie wagen“ wolle, geht offenbar auf Grass zurück), im Übrigen gilt der tägliche Pragmatismus. Für einen Bericht zur Lage der Nation, der in Tansania oder auch in Baden-Württemberg, revanchiert sich Brandt gern mit einem amtsmännischen Zwei- oder Dreizeiler, der gleichwohl genügt, um ihm die Freundschaft des Dichters zu erhalten.
  Grass und Brandt duzen sich als Berliner Biertrinker bald, aber nahe kommen sie sich nie. Brandt scheint vielmehr an einem gehörigen Abstand gelegen zu sein. 1972, fünf Wochen nach dem triumphalen Wahlsieg der SPD/FDP-Koalition unter Willy Brandt, klagt Grass, dass er immer nur Gelegenheit bekomme, „Dich mit ziemlichen Abständen für 1-2 Stunden zu sehen“. Deshalb wird er nicht bloß dringend, sondern nach Kinderart fordernd: „Ich wünsche mir, dass wir im kommenden Jahr Gelegenheit finden, auch über ein Wochenende oder während 2-3 Feiertagen, ausgiebig miteinander zu sprechen, damit unsere Freundschaft nicht zu einer verplanten verkümmert.“ Brandt, des Dichters Prüde, wird das dann doch zu viel; Grass geht ihm auf die Nerven. Seinem Referenten sagt er: „Ich habe keine Lust, ein Wochenende mit ihm zu verbringen.“
  Das Verhältnis bleibt arg einseitig. Grass schreibt: „Der Grund meines Briefes ist – wie kann es anders sein – ein dringlicher.“ Wie ein Vertrauenslehrer schickt er regelmäßig Zeugnisse, unaufgefordert. „Du warst beinahe gut“, lobt er Brandt nach einer Rede. „Du hast die seltene Gabe, Zukunft näher heranzurücken“; „Bitte nach vorne argumentieren und nicht nach rückwärts sinnieren und klagen“. – Beständig bleibt die Klage, dass er das Ohr des Mächtigen nicht oft genug habe: „Nachdem unser Termin für ein Gespräch dreimal verschoben werden musste“, muss er Brandt erklären, dass er „diese Art Arbeitsweise“ für „ziemlich unproduktiv“ hält.
  Ein wirkliches Charakterbild der beiden entsteht in diesem Briefwechsel nicht, denn die akribisch kommentierten Dokumente – auch samt allen Marginalien und Unterstreichungen des Empfängers – können das wahre Verhältnis der beiden nicht darstellen. Dafür erfährt der Leser viel über die Aktivitäten von Grass und leider auch einiges über die unterlassenen von Brandt. Während Peter Weiß, Martin Walser und Hans Magnus Enzensberger sich damals im Linksstrebertum gegenseitig überbieten wollten, war der von manchen als Berlins heimlicher Bürgermeister betrachtete Grass ganz pragmatisch auf Konflikt- und Gewaltvermeidung aus. Grass war es, der in Zusammenarbeit mit der Polizei, einem Bischof und Vertretern der Studenten ein Massaker verhinderte, als die Demonstranten gegen die amerikanischen Kasernen marschieren wollten.
  Für den SPD-Parteitag 1968 in Nürnberg fordert er Brandt auf, „als Erster Vorsitzender gleichzeitig die Avantgarde der SPD zu personifizieren und die Unruhe wie den Protest der Jugend aufzunehmen“. Das war keine Kleinigkeit, schließlich hetzte Brandts ehemaliger Wahlkampfleiter Klaus Schütz die Berliner gegen „diese Typen“ auf. Grass hingegen meldete seinem Ersten Vorsitzenden die „Pogromstimmung“, die in Berlin herbeigeläutet werde.
Die SPD, so mahnt er immer wieder, müsse die „Unruhe der Jugend“ wegen Vietnam ernst nehmen. Dafür kommt er mit einem unerhörten Vorschlag: „Es ist zu überlegen, ob die SPD einen Anteil ihrer Mitgliedsbeiträge Nord- und Südvietnam zur Verfügung stellt.“ Brandt? Schweigt dazu, wenn er sich nicht auf anderweitige Loyalitäten hinausredet. Anders als die Springer-Zeitungen, auf die Brandt auch dann noch hört, als er nach Bonn gewechselt und Außenminister der Großen Koalition geworden ist, findet Grass am amerikanischen Krieg in Vietnam nichts zu rechtfertigen.
  Über Jahre beschwört er den späteren Friedensnobelpreisträger, endlich ein klares Wort gegen die amerikanische Art der Kriegsführung zu sagen, aber für den gelernten Berliner Brandt wird diese Frontstadt auch am Mekong verteidigt. Erschreckend desinteressiert zeigt sich Brandt auch an einer Stellungnahme gegen die Militärdiktatur in Griechenland und nicht einmal gegen die immer stärker werdende NPD mag er sich äußern.
  Ach, es ist das alte Lied: Macht verdirbt den Charakter und Politik die Literatur.
Willy Brandt, Günter Grass : Der Briefwechsel. Hrsg. von Martin Kölbel. Steidl, Göttingen 2013. 1232 Seiten, 49,80 Euro.
Brief auf Brief schreibt Grass
an Brandt, damit der nicht in die
Große Koalition eintrete
Die SPD, mahnte Grass, müsse
„die Unruhe der Jugend“
wegen Vietnam ernst nehmen
Der Dichter und sein Idol: Grass forderte, Willy Brandt solle einmal zwei, drei Tage mit ihm verbringen. Dem Kanzler wurde das zu viel. Seinem Referenten sagte er: „Ich habe keine Lust, ein Wochenende mit ihm zu verbringen.“
ZEICHNUNG: HURZLMEIER
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