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Was haben Sherlock Holmes und Spiritismus gemeinsam? Conan Doyle kennt man vor allem als Autor der Sherlock Holmes-Geschichten. Sein Werk ist allerdings weitaus umfangreicher und verzweigter: Es umfasst historische Romane, politische Pamphlete, historische Studien, Science-Fiction-Romane und nicht zuletzt zahlreiche Publikationen zum Spiritismus. Die Photographie spielt dabei eine zentrale Rolle und lässt eine höchst eigentümliche Vorstellungswelt erstehen. Sie erlaubt es zugleich, die Welt um 1900 mit all ihren Merkwürdigkeiten in den Blick zu nehmen: Für die Zeitgenossen war Sherlock Holmes…mehr

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Produktbeschreibung
Was haben Sherlock Holmes und Spiritismus gemeinsam? Conan Doyle kennt man vor allem als Autor der Sherlock Holmes-Geschichten. Sein Werk ist allerdings weitaus umfangreicher und verzweigter: Es umfasst historische Romane, politische Pamphlete, historische Studien, Science-Fiction-Romane und nicht zuletzt zahlreiche Publikationen zum Spiritismus. Die Photographie spielt dabei eine zentrale Rolle und lässt eine höchst eigentümliche Vorstellungswelt erstehen. Sie erlaubt es zugleich, die Welt um 1900 mit all ihren Merkwürdigkeiten in den Blick zu nehmen: Für die Zeitgenossen war Sherlock Holmes eine real existierende Figur, für seinen Autor aber bezeugten Photographien von Elfen, Verstorbenen und Geistern deren Existenz. Ihre Photos und die anderer merkwürdiger Wesen sammelt dieses Buch mitsamt dem Imaginarium, das sich um sie rankt. »Stiegler holt [...] sein eigenes Fach aus dem Elfenbeinturm hermetischer Textanalysen und demonstriert, was Literaturwissenschaft zu leisten vermag.« Deutschlandfunk

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Autorenporträt
Bernd Stiegler,geboren 1964, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in Tübingen, München, Paris, Berlin, Freiburg und Mannheim. Von 1999 bis 2007 arbeitete er als Programmleiter Wissenschaft im Suhrkamp Verlag. Seit Herbst 2007 ist er Professor für Neuere Deutsche Literatur
mit Schwerpunkt Literatur des 20.¿Jahrhunderts im medialen Kontext an der Universität Konstanz. Zuletzt sind von ihm im S.Fischer Verlag erschienen >Reisender Stillstand. Eine kleine Geschichte des Reisens im und um das Zimmer herum< (2010) sowie >Belichtete Augen. Optogramme oder das Versprechen der Retina< (2012).
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 14.08.2014

Geisterstunde mit Sherlock Holmes

Bernd Stiegler widmet sich dem Fotografen und Spiritisten Arthur Conan Doyle. Aber lässt sich wirklich demonstrieren, dass dessen Meisterdetektiv seine Geburt der Kameralinse verdankt?

Für Geister haben wir keine Verwendung. Das sagt Sherlock Holmes in einem Fall von 1924, bei dem eine Frau in Verdacht gerät, Vampir am eigenen Kind zu sein. Arthur Conan Doyle, der Autor dieser Geschichte, hatte seinerseits aber durchaus Verwendung für übersinnliche Erscheinungen. Seine große Passion war der Spiritismus. Anfangs ablehnend, war er von 1886 an immer mehr in die Welt der Séancen und der Geisterfotografie eingetaucht. Von dem Einfall, Sherlock Holmes zum Geisterglauben konvertieren zu lassen, den Doyle nach seinem öffentlichen Bekenntnis zu dieser Überweltanschauung 1916 zunächst hatte, rückte er zwar wieder ab. Lieber die Einnahmen aus der rationalen Weltsicht nicht gefährden! Zuletzt aber erschien es ihm immer seltsamer, dass seine Fiktion, Sherlock Holmes, für wirklich gehalten wurde, während die Wirklichkeit der Klopfzeichen angezweifelt wurde. Seinen Anhängern gegenüber soll er sich nach 1960 sogar aus dem Jenseits über seinen Nachruhm für das Unwesentliche beschwert haben.

Der Konstanzer Literaturhistoriker Bernd Stiegler wendet sich jetzt diesen beiden Welten bei Doyle in zwei Büchern zu: in einer kulturhistorischen Abhandlung und in einer Edition der Aufsätze Doyles über Fotografie. Acht Jahre lang praktizierte Doyle als Augenarzt und schrieb schon währenddessen kleine Anleitungen für Amateurfotografen ("Drei Tage auf der Suche nach Effekten"). Später kamen solche darüber hinzu, wie man Geister ablichtet, und schließlich ein ganzes Buch über das Fotografieren von Elfen.

Stieglers Buch ist eine Fundgrube an Belegen dafür, wie die Fotografie Ende des neunzehnten Jahrhunderts in immer neue Bereiche ausstrahlte. Wir lernen, dass Bilder damals tatsächlich "geschossen" werden konnten, mittels der fotografischen Flinte, die ein französischer Arzt erfunden hatte. Sherlock Holmes setzt sich mit der Theorie Bertillons auseinander, man könne Verbrechern an ihren Gesichtern ansehen, dass sie welche sind. Holmes selbst löst den berühmten Fall des Hundes von Baskerville, indem sich in seinem Kopf ein "Kompositbild" herstellt, wie es von Francis Galton zur Identifikation von Verbrechertypen durch Überblenden ihrer wichtigsten Züge vorgeschlagen worden war: Die physiognomische Familienähnlichkeit zwischen dem Mörder und seinen Opfern führt zum Motiv. Ein ganzes Kapitel widmet Stiegler einer mittels Fotografien geführten Kampagne Doyles gegen die belgischen Greueltaten in Kongo, die durch Abbildungen der grausam zugerichteten Opfer das Leugnen schwierig machte. "Die Kodak", sinniert Belgiens König Leopold in einem fiktiven "Selbstgespräch", das Doyles Mitstreiter Mark Twain verfasst hatte, "ist in der Tat der mächtigste Feind, der uns entgegengetreten ist."

Im Anschluss an diesen humanitären Feldzug probierte Doyle die Gattung des Fotoromans aus. In "Die vergessene Welt" wurden 1912 der Geschichte über eine Expedition zu lebenden Dinosauriern gestellte Bilder von Urlandschaften, den Forschern und dem archaischen Getier beigegeben. 1922 verblüffte Doyle sogar durch bewegte Bilder von Dinosauriern in der Verfilmung seines Romans. Erstmals führte er sie auf einem Kongress von Zauberern vor, weil er schon lange in eine Konkurrenz mit dem Magier Houdini eingetreten war, bei der jeder dem anderen nachzuweisen versuchte, dass er in Bezug auf das Übersinnliche irre. "Spiritist verzaubert Magier" titelte die "New York Times" über diesen Coup. In der nächsten Runde war es dann wieder an Houdini, die spiritistischen Belege als Tricks zu entlarven.

Apropos Tricks: Mit manchen Passagen seines Buches hat Stiegler sich das Ehrenabzeichen der Gesellschaft zur Erweiterung philologischer Spielräume verdient. So lässt er Conan Doyle seinen Helden 1891 in die Reichenbachfälle stürzen, weil sie denselben Namen tragen wie der Verfasser der odisch-magnetischen Briefe, Karl von Reichenbach. Der hatte, Chemiker wie Holmes, einst das Paraffin entdeckt, bevor er sich in seinem Spätwerk zu der These verstieg, Magneten strahlten Licht aus, das von besonders sensiblen Menschen wahrgenommen werden könne. Allerdings hatte Conan Doyle die These, von allem Lebendigen gehe eine Kraft namens "Od" aus, schon 1883 kritisiert. Und die Reichenbachfälle heißen so, weil ihr Wasser aus dem Reichenbach kommt. Doch dass der Name den Spiritisten Doyle magnetisiert haben mag, kann nicht ausgeschlossen werden.

Stiegler, der gern etwas annimmt, weil es nicht ausgeschlossen werden kann, erzeugt insofern selbst mitunter eine geisterhafte Atmosphäre. Ob Fotografie wirklich "das Medium des Transfers zwischen den Welten" ist? Klopfzeichen und Einflüsterungen registriert man besser mit dem Tonband. Dass in den Sherlock-Holmes-Geschichten die Fotografie keine Rolle spielt, obwohl es kein Werk gebe, das "photographieaffiner" sei als dasjenige Doyles, wird so gewendet: Holmes sei selbst eine Kamera, die Fiktion in Faktizität verwandeln solle, und noch ein Entwicklungslabor dazu. Im "Photographic Almanach" von 1888 ist die einzige abgebildete Detektiv-Kamera - eine Watson! Und Stiegler hat sogar einen frühen Fotografen namens William Sherlock gefunden, der zusammen mit dem ebenfalls fotografiebegeisterten Arzt und Schriftsteller Oliver Wendell Holmes, der für den Nachnamen Pate gestanden habe, die Geburt des Detektivs aus der Linse abrundet.

Wo aber ist der Houdini dieser kulturwissenschaftlichen Literaturgeschichte? Doktor Watson hat seinen ersten Auftritt 1887. Was sagt dann ein Almanach von 1888 über ihn? Und was belegt es überhaupt, wenn eine Kamera Watson heißt, wo doch Holmes die Kamera sein soll? Außerdem ist Doktor Watson nicht "mit Blindheit geschlagen": Er sieht schon, aber er vermag nicht zu lesen. Oder im Original bei Holmes: "Sie sehen, aber Sie beobachten nicht." Insofern ist auch Holmes kein Fotoapparat, denn auch dieser beobachtet nicht, sondern registriert.

Oder versuchen wir es mit einem Gegenbeispiel: Der erste Geschäftsmann, der Alarmanlagen für Wohnungen mit zentralisiertem Warnsystem vertrieb, um danach erster Präsident der Bell Telefongesellschaft zu werden, war 1877 der Amerikaner Edwin Holmes. Sollen wir jetzt einen Aufsatz schreiben, der postuliert, Sherlock Holmes habe von ihm den Nachnamen und sei darum keine Kamera, sondern das Sorgentelefon der englischen Oberschicht jener Jahre? Immerhin hätte solch eine These für sich, dass Telefone, die ja ebenfalls Welten verbinden, in den Detektivgeschichten von Doyle vorkommen.

Die Stärke des flüssig geschriebenen Buches liegt aber gar nicht in seinen Thesen, sondern in seinen Archivfunden und historischen Dokumenten. Stiegler zeigt uns, zu welchen intellektuellen Opfern Doyle bereit war, um sich einer Welt zu versichern, die nicht völlig entzaubert ist. Im Spiritismus meinte er einen Ausgang aus dem naturalistischen Denken zwischen Darwin und Utilitarismus gefunden zu haben. Tatsächlich kam ihm bei den Anhängern der Séancen aber gerade zugute, dass er als Mann der nüchternen Beweisführung auf empirischer Grundlage galt. Wenn Doyle an Gespenster glaubt, muss etwas dran sein. Und tatsächlich: Welcher Glaube wäre materialistischer als derjenige, das Drüben hinterlasse Wolken auf Silberpapier, aus Frauen fließe bei überirdischer Ansteuerung "Ektoplasma", und die Toten dränge es danach, mit uns zu telefonieren?

Stiegler schildert geduldig die vielen Kontroversen um die Geisterfotografien, die zumeist wohl von den langen Belichtungszeiten erzeugt wurden. Besonders anspruchsvoll war Doyles Behauptung, man könne Elfen ablichten. Das war angeblich im Juli 1917 in Cottingley (Yorkshire) geschehen, wo zwei Mädchen einander im Spiel mit zwanzig Zentimeter großen Flügelwesen und auch einem Gnom fotografiert hatten. Dass die kleinen Schwindlerinnen ausgeschnittene Elfenzeichnungen an Pflanzen angeheftet hatten, darauf kam der sich Elfen dringend wünschende Schriftsteller nicht. Was er auf Fotografien sah, war er stets geneigt zu glauben. Es brauchte eine weitere Generation und einen Schuss Katholizismus, damit eine Autorin von Detektivromanen den befreienden Satz formulieren konnte: "Er log wie ein Augenzeuge."

JÜRGEN KAUBE

Bernd Stiegler: "Spuren, Elfen und andere Erscheinungen." Conan Doyle und die Photographie. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014. 368 S., geb., 22,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Ein ganz neues Bild vom Schöpfer Sherlock Holmes' erhält Sylvia Staude bei Bernd Stiegler. Lauter schöne Gedanken macht sich der Autor, findet Staude, sammelt kuriose Details und schreibt genauestens auf, was es mit Arthur Conan Doyles Faible für den Spiritismus auf sich hat. Dass ausgerechnet der Erfinder des Vernunftmenschen Holmes sich für Lichtbildtechnik interessierte, aber so, dass er damit seinen Aberglauben nährte, lässt Staude staunen. Gnome, Geister und Elfen aber, auch das erfährt die Rezensentin bei Stiegler, bewegten sich damals noch "am Rand des common sense".

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 04.12.2014

Das magische Auge
Als perfekte fotografische Beobachtungsmaschine konzipierte Arthur Conan Doyle seine Detektivfigur Sherlock Holmes.
Dass der Autor freilich nicht nur an die empirische Wissenschaft glaubte – davon erzählt Bernd Stiegler in einem erhellenden Buch
VON THOMAS STEINFELD
In der Geschichte „Skandal in Böhmen“, der ersten Erzählung, die Sherlock Holmes gewidmet ist, beschreibt ihn Arthur Conan Doyle als „die vollkommenste Denk- und Beobachtungsmaschine, die die Welt gesehen hat“. Wie eine solche Beobachtungsmaschine beschaffen sein musste, kann für das Jahr 1891 als bekannt gelten. Es gab nämlich nur eine: die Fotokamera, die gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts, nach der Erfindung des Rollfilms, in bürgerlichen Verhältnissen zum Gemeingut geworden war. Sie war das erste Instrument, das nicht nur alles registrierte, das vermeintlich Wichtige und das vermeintlich Unwichtige, das Zentrale und das Periphere, sondern das diese Gesamtheit auch in nur einem Augenblick erfasste und festhielt. Wenn die aktuelle BBC-Fernsehserie „Sherlock“, die den Detektiv in das London der Gegenwart versetzt, das Innere seines Hirns als eine Art Computerscan darstellt, dann behält sie die Idee dieses Maschinenwesens und überträgt sie in eine modernere Technik.
  Sherlock Holmes ist, so wollte es sein Autor, ein Mann, der regelmäßig Kokain und Morphium zu sich nimmt und dessen Gemütszustand erheblichen Schwankungen unterworfen ist. Dennoch sollen seine Fähigkeiten, die Umgebung wahrzunehmen, nicht nur mit den Kapazitäten einer Kamera vergleichbar sein, sondern diese an Genauigkeit und Vollständigkeit sogar übertreffen. Das Ideal eines durch und durch rationalen, wissenschaftlichen Menschen trägt durch diese Überhöhung von vornherein nicht nur illusionäre, sondern auch übermenschliche, ja übersinnliche Züge. In welchem Maße in dieser Figur ein solcher Übergang angelegt ist, in welchem Maße auch der Autor eine Gestalt dieses Übergangs ist, davon handelt ein außerordentlich reiches und immer wieder überraschendes Buch des Konstanzer Literaturwissenschaftlers Bernd Stiegler.
  Sherlock Holmes, daran erinnert man sich schon der vielen Verfilmungen wegen, ist der Held einer langen Reihe von Romanen und Erzählungen des britischen Arztes Arthur Conan Doyle, die zwischen den Jahren 1887 und 1927 veröffentlicht wurden. Diese Bücher sind aber nur das, was im öffentlichen Gedächtnis von diesem Mann übrig geblieben ist. Dabei machte das Verfassen von Kriminalgeschichten keineswegs den größten Teil in seinem Arbeitsprogramm aus. Als Spiritist: genauer, als Anwalt des Spiritismus, galt ihm zu Lebzeiten ebenso viel Aufmerksamkeit. Und er schrieb bei Weitem nicht nur Detektivgeschichten, sondern auch Abenteuer- und Zukunftsromane in großer Zahl, unter denen „The Lost World“ („Die vergessene Welt“, 1912) wahrscheinlich die berühmteste ist. Eine späte Adaptation unter dem Titel „Jurassic Park“ ist daran nicht unschuldig. Schließlich war er eine Gestalt des öffentlichen Lebens und ein Publizist, und aus den Schriften, die er in dieser Funktion veröffentlichte, sticht „The Crime of the Congo“ (1909) hervor, eine Anklageschrift gegen König Leopold II. von Belgien. Dieser hatte aus dem Kongo eine Privatkolonie gemacht, die er auf höchst brutale Weise ausplündern ließ.
  Bernd Stieglers ebenso gelehrte wie spannende Abhandlung ist eigentlich eine Entlarvung: Denn aus all diesen Elementen setzt er eine intellektuelle Physiognomie zusammen, die in ihrem Innersten aus Fotografie besteht. Denn es ist nicht nur so, dass sich Arthur Conan Doyle sein Leben lang mit Fotografie beschäftigte, eine Reihe von Anleitungen für Amateurfotografen verfasste und die Fotografie in vielen seiner Werke eine Rolle spielt. Es ist vielmehr auch umgekehrt: Alle großen Projekte dieses Lebens scheinen sich überhaupt erst aus den Verhältnissen der Fotografie zu ergeben. Das liegt daran, dass die Fotografie ein Leben neben dem Leben, eine Welt neben der Welt hervorbringt, mehr oder minder tot zwar, zweidimensional und nur auf dem Papier, aber doch genauso detailliert und, wenn man will, auch genauso vollständig wie die vermeintlich wirkliche Welt – und zudem bevölkert sie die Gegenwart mit lauter Gestalten und Ereignissen, die zwar vergangen, aber zugleich unvergänglich zu sein scheinen.
  Der Philosoph Walter Benjamin erklärte in den Zwanzigerjahren, die Fotografie verwandle alles, was sie festhalte, in einen „Tatort“. Sie registriert ja nicht nur alles, was es in einem bestimmten Bildausschnitt zu sehen gibt. Vielmehr stattet sie alles, was sie registriert, auch mit einer höheren Bedeutung aus: Denn es muss ja einen Grund geben, warum dieses und nicht jenes fotografiert wird.
  So aber arbeitet Sherlock Holmes. Und wenn es über ihn heißt, er sei der erste „wissenschaftlich“ arbeitende Detektiv, dann bezieht sich diese Behauptung auf das Verhältnis von Oberfläche und Bedeutung. Mit diesem Satz ist also nicht jede Wissenschaft gemeint, sondern er zielt auf den wissenschaftlichen Positivismus: auf eine Form des Wissenserwerbs also, in der von empirischen Beobachtungen auf gleichsam darunter oder jenseits liegende systematische Verhältnisse oder „Gesetze“ geschlossen wird – wobei diese Art von detektivischem oder spekulativem Positivismus auch dem Philologen Bernd Stiegler wahrlich nicht fremd ist, erkennbar zum Beispiel daran, wie er an dem Umstand, dass Sherlock Holmes in den „Reichenbachfällen“ ums Leben kommt, vor allem bemerkt, dass es einen Chemiker namens Karl von Reichenbach gegeben hatte, der eine von Conan Doyle verworfene Theorie seelischer Strahlungen verfasst hatte.
  Mit den Mitteln eines spekulativen Positivismus jedenfalls löst Sherlock Holmes einen Fall nach dem anderen. Jedes Mal verwandelt er dabei eine „Spur“, also etwas oberflächlich Erkennbares, Fragmentarisches und scheinbar Beziehungsloses in etwas Vollständiges, Systematisches und vor allem Reales. Weil aber solche Indizien auch in die Irre führen, sich also auf etwas beziehen können, was gar nicht existiert – im selben Sinne, wie zahllose Leser glauben wollten, dass Sherlock Holmes tatsächlich lebe oder gelebt habe –, lässt sich das Verfahren auch umkehren.
  Arthur Conan Doyle scheint sich der abgründigen Dialektik von solchen Indizienschlüssen so sehr bewusst gewesen zu sein, dass er in „The Lost World“ einen auf den Kopf gestellten Detektivroman schrieb: Dazu erfand er eine Gruppe von Forschern unter der Leitung eines sehr bärtigen Professors namens Challenger, stattete sie mit allen Indizien einer wissenschaftlichen Expedition aus und schickte sie auf ein abgelegenes Hochplateau in einem tiefen Dschungel. Dort sollte es nicht nur Affenmenschen, sondern auch noch Dinosaurier geben, deren Überleben gleichfalls durch Indizien, darunter Fotografien, verbürgt zu sein schien. Dasselbe Schlussverfahren, das Sherlock Holmes zur Erkenntnis der Wahrheit treibt, wird in diesem Roman also zu Verfertigung einer Fiktion benutzt.
  In der fotografischen Biografie Arthur Conan Doyles kommt ein solchermaßen ironisches Spiel mit Fotografie, Oberfläche und Indiz nur einmal vor. In allen anderen Fällen glaubt er an das Lichtbild als Organ von Evidenz. Das gilt für die Fotografien, die der Schrift „The Crime of the Congo“ beigegeben sind. Sie sollen beweisen, welche Verbrechen im Namen und auf Geheiß des belgischen Königs begangen wurden. Und das gilt vor allem für Fotografien, die es zu jener Zeit in großer Zahl von den Seelen Verstorbener oder von anderen Gespenstern gibt – sie fügen sich in einen ganzen Apparat von Indizien, die von der Existenz übersinnlicher Wesen zeugen sollen. Ihnen wandte Arthur Conan Doyle einen großen Teil seiner Lebenszeit zu, ihnen widmete er zahllose Vorträge vor großem Publikum, und um sie stritt er öffentlich mit seinem Freund und gelegentlichen Partner Harry Houdini.
  Denn zu den vielen seltsamen Wendungen in dieser Geschichte gehört, dass der berühmteste Magier jener Zeit vom technischen Charakter aller Illusionen überzeugt war, während der Mann der Wissenschaft an den Spuk in allen seinen Varianten glaubte. Schließlich, gegen Ende seines Lebens, wartete Arthur Conan Doyle noch mit einer Reihe von Fotografien auf, die seine Nichten in vertrautem Umgang mit Elfen zeigten. Und während er selbst auf die Realität auch dieser Wesen vertraute, war er doch so vorsichtig, der geneigten Öffentlichkeit nur die Indizien vorzulegen, worauf diese dann in die Rolle des Detektivs schlüpfen und die Schlüsse ziehen sollte. Tatsächlich aber hatte ihn die junge Verwandtschaft zum Narren gehalten, doch das kam erst später heraus.
  Den spektakulären Gegensatz, der darin zu liegen scheint, dass derselbe Mann, der so überzeugend das Lob der empirisch verfahrenden Wissenschaft anstimmt, zugleich auch einer der eifrigsten Propagandisten des Gespensterwesens war, kostet Bernd Stiegler selbstverständlich aus. Doch steckt, wie er weiß, hinter diesem vermeintlichen Widerspruch weitaus weniger Unvernunft, als es den Anschein hat: Das ist zum einen so, weil sich die Gespensterkunde zu jener Zeit, in weitaus geringerem Maße auf dem Boden des Irrationalismus bewegte, als das von heute aus betrachtet aussieht. Denn die Wissenschaft erschloss sich ja damals erst die Physik der sinnlich nicht wahrnehmbaren Phänomene der Natur, des Magnetismus, der Strahlen und der Wellen – und warum sollte es, wenn man plötzlich Röntgenstrahlen nicht nur erklären, sondern auch erzeugen konnte, nicht eines Tages physikalische Erklärungen der Seele geben? Daran, dass man eines Tages Menschen durchleuchten und Klavierkonzerte durch die Luft schicken konnte, hatte schließlich die längste Zeit auch keiner geglaubt.
  Zum anderen aber ist der wissenschaftliche Positivismus überhaupt kein geeignetes Mittel, um sich des Gespensterglaubens zu erwehren. Im Gegenteil, er hält ja bloß empirische Befunde in den Händen, aus denen immer wieder nur Hypothesen abgeleitet werden können. Viel mehr, als dass Arthur Conan Doyle also eine auf geradezu bizarre Weise widersprüchliche Gestalt wäre, Rationalist und Esoteriker zugleich, vereinen sich in ihm die beiden wissenschaftlichen Volksbewegungen der Zeit um das Jahr 1900. Sie tun das am Medium der Fotografie und sie tun dies in einer Weise, die aus dem Leben und den Werken dieses Schriftstellers eine große geistesgeschichtliche Allegorie werden lässt. Diese Allegorie gefunden und auf ebenso lebendige wie kluge Weise entfaltet zu haben, ist das große Verdienst Bernd Stieglers.
Bernd Stiegler: Spuren, Elfen und andere Erscheinungen. Conan Doyle und die Photographie. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014. 368 Seiten, 22,99 Euro. E-Book 19,99 Euro.
Conan Doyle beschäftigte sich
sein Leben lang mit Fotografie,
für ihn ein Schlüsselmedium
Positivismus und Spiritismus
– eine Gleichzeitigkeit, die sich
nur scheinbar widerspricht
Gegen Ende seines Lebens veröffentlichte Conan Doyle eine Reihe von Fotografien, die seine Nichten in vertrautem Umgang mit Elfen zeigten. Bis kurz vor ihrem Tod wahrten die Cousinen das Geheimnis ihrer Täuschung.
Foto: Getty Images
Sir Arthur Conan Doyle (1859-1930).

Foto:  Süddeutsche Zeitung Photo / Scherl
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Ein spannendes kulturgeschichtliches Porträt des Arztes Sir Arthur Conan Doyle Katrin Hillgruber Der Tagesspiegel 20141206