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Die Geschichte des Fälschers Wolfgang Beltracchi ist beides: schillernder Lebensbericht eines Freigeistes und Hedonisten, Hippies und Abenteurers und brisantes Enthüllungsbuch über die Mechanismen des Kunstmarktes.
«Es gibt zwei Sorten von Fälschern: diejenigen, die mehr oder weniger talentiert große Meister kopieren, und Wolfgang Beltracchi.» (VANITY FAIR FRANKREICH)
«Der Jahrhundertfälscher.» (DER SPIEGEL)
«Was Beltracchi gemalt hat, sind keine klassischen Fälschungen, sondern eigene Kunstwerke, die den Mechanismus des Kunstmarkts offenlegen – und die, weil sie so präzise in
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Produktbeschreibung
Die Geschichte des Fälschers Wolfgang Beltracchi ist beides: schillernder Lebensbericht eines Freigeistes und Hedonisten, Hippies und Abenteurers und brisantes Enthüllungsbuch über die Mechanismen des Kunstmarktes.

«Es gibt zwei Sorten von Fälschern: diejenigen, die mehr oder weniger talentiert große Meister kopieren, und Wolfgang Beltracchi.» (VANITY FAIR FRANKREICH)

«Der Jahrhundertfälscher.» (DER SPIEGEL)

«Was Beltracchi gemalt hat, sind keine klassischen Fälschungen, sondern eigene Kunstwerke, die den Mechanismus des Kunstmarkts offenlegen – und die, weil sie so präzise in kunsthistorische Nischen, in Marktbedürfnisse, in Desiderate hineingemalt sind, ein präzises Epochenporträt abgeben. Sie sagen viel über die Gegenwart, ihr Bild von Kunstgeschichte, und über die ökonomischen Bedingungen von «Meisterwerken». (…) Beltracchi malte dem System eine Fata Morgana an den Horizont; es war, als hätte plötzlich einer einen sechsten Kontinent entdeckt.» (NIKLAS MAAK, FAZ)
  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt, Reinbek
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 608
  • Erscheinungstermin: 14. Januar 2014
  • Deutsch
  • Abmessung: 214mm x 146mm x 51mm
  • Gewicht: 950g
  • ISBN-13: 9783498060633
  • ISBN-10: 3498060635
  • Artikelnr.: 40207679
Autorenporträt
Helene Beltracchi, 1958 bei Köln geboren, ist deutsch-belgischer Herkunft. Weil sie beim Verkauf von gefälschten Bildern geholfen hatte, wurde sie zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Völlig genervt ist Michael Sontheimer von diesen Erinnerungen Wolfgang Beltracchis, die dem Rezensenten vor allem die dunkle Seite des Hippietums vor Augen führten: Für sich selbst maximalen Profit rausschlagen und stolz darauf sein, dem Scheißsystem ein Schnippchen geschlagen zu haben. Zwar attestiert er dem Autodidakten Beltracchi beachtliche Kenntnisse in Kunstgeschichte und -produktion. Doch wie Beltracchi die Kunstfertigkeit seiner eigenen Fälscherwerkstatt preist und sich über die Geldgier der anderen mokiert, findet Sontheimer schwer erträglich. Subversives kann der Rezensent darin nicht erkennen, nur unsympathische Egomanie.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 19.01.2014
Das Schicksal hat kupferfarbene Schamhaare

Wolfgang Beltracchi, der "Fälscher des Jahrhunderts", muss jetzt mit ehrlicher Arbeit sein Geld verdienen - und hat deshalb ein Buch über sein Leben geschrieben. Er hält sich für einen Künstler. Und offenbart doch nur, dass er ein Spießer und ein Feigling ist

Am 27. August 2010 wurde in Freiburg im Breisgau das Ehepaar Helene und Wolfgang Beltracchi, geborener Fischer, mit vorgehaltenen Waffen von der Polizei verhaftet. Der Vorwurf: bandenmäßiger Betrug. Gemeinsam mit einem Kompagnon hatten die Beltracchis gefälschte oder erfundene Bilder moderner Meister des 20. Jahrhunderts in Umlauf gebracht und damit nach Schätzungen der Ermittler über Jahrzehnte mindestens 16 Millionen Euro eingestrichen. Der Kunstmarkt hatte es ihnen nicht eben schwergemacht. Provisionsgierige Experten hatten Gemälde für echt befunden, selbst wenn widersprüchliche Materialgutachten vorlagen; geschäftstüchtige Auktionshäuser hatten sich ebenso täuschen lassen wie Händler und Museen. Mehr als zweihundert Werke sollen es insgesamt gewesen sein, darunter solche von Meistern wie Max Pechstein, Fernand Léger, Francis Picabia, Max Ernst, André Derain und anderen. Der Fall Beltracchi war der größte Kunstfälscherskandal der Nachkriegszeit, Dutzende Akteure des Kunstbetriebes waren betroffen. Doch der Prozess vor dem Kölner Landgericht dauerte am Ende ganze neun Tage. Niemand, so schien es, hatte ein Interesse an einer allzu umfassenden Aufklärung. Die Schleier der Diskretion, die seit Jahr und Tag über den Kunsthandel gebreitet sind wie die Leintücher über die Möbel in französischen Sommerhäusern, diese feinen Schleier sollten nicht länger als unbedingt nötig gelüftet werden. Vieles war sowieso verjährt - und so sind heute viele Fälschungen unerkannt. Wolfgang Beltracchi und seine Frau gestanden und wurden zu sechs beziehungsweise vier Jahren verurteilt, die sie im offenen Vollzug verleben dürfen. Ihre Häuser in Freiburg und im Languedoc gingen in die Konkursmasse, die Gläubiger bekamen einen Teil des Schadens erstattet. Dafür blieb vieles im Dunkeln, was für beide Seiten von Vorteil zu sein scheint.

Doch die Beltracchis müssen ja von etwas leben, und die echten Bilder von Wolfgang Beltracchi geben auf dem Markt nicht viel her. Deshalb haben sie nun ihre Sicht der Dinge aufgeschrieben und in gleich zwei dicken Büchern vorgelegt. Das eine ist ein Band mit Briefen, welche die Eheleute einander in der Haft schrieben. Das andere schildert in süffigem Ton die Lebensgeschichte des "Jahrhundertfälschers" ("Der Spiegel") und in Teilen auch die seiner Frau, die er 1992 kennenlernte. Im März kommt ein Dokumentarfilm ins Kino, gedreht vom Sohn des Anwalts der beiden. Eine Spielfilmfassung, geschrieben vom "Schtonk!"-Autor Ulrich Limmer, lehnen sie dagegen ab, verhandeln aber angeblich schon mit Hollywoodproduzenten.

Wenn man aber wirklich wissen will, wie aus dem Anstreichersohn Wolfgang Fischer, geboren 1951 in Höxter, aufgewachsen in Geilenkirchen, der laut Klappentext "vielseitigste Kunstfälscher der Geschichte" wurde, dann ist seine Autobiographie "Selbstporträt" der beste Weg. Denn hier schreibt er selbst, hier entwirft er sich mit bald 63 Jahren sein Leben noch einmal neu, und manchmal wünscht man sich und ihm, der Mann hätte das lieber doch einem Drehbuchautor überlassen.

Denn das von den Medien geliebte Schlitzohr, das den reichen Sammlern und korrupten Sachverständigen, den gierigen Kunsthändlern und inkompetenten Auktionatoren das Geld aus der Tasche zieht, das sie eh zu viel haben, dieser Schelm und selbsternannte Künstler erweist sich auf den sechshundert Seiten als ein selbstverliebter Kleinbürger mit dem geistigen Horizont einer Flaubert-Figur.

"Selbstporträt" ist ein mit trivialen Details aus dem Privatleben aufgeblasenes Wörterbuch der Gemeinplätze. Das Buch bildet dabei unfreiwillig das nach, was Flaubert in der "Erziehung der Gefühle" am jungen Frédéric Moreau nachvollzieht: wie einer zum großen Künstler werden will und dabei die Kunst doch nur als Mittel zum Zweck begreifen kann.

Das fängt schon sehr früh an. Wolfgang Fischer, wie er bis zu seiner Heirat mit Helene ganz durchschnittlich heißen wird, der kleine Wolfgang also hatte einen künstlerisch ambitionierten Vater, der als Aushilfsanstreicher arbeitete, aber zu Hause jede Menge Kunstkataloge aufbewahrte. An diesen lernte der Sohn, was Kunst ist und was man für sie bekommt: Geld.

Wolfgang Fischer verkauft Aktzeichnungen nach den Katalogvorlagen an seine pubertierenden Schulkameraden und beginnt bald, die Klimts und Courbets zu variieren. Allerdings nicht aus Schöpfungsdrang, sondern weil die Kundschaft Abwechslung verlangte bei ihren Wichsvorlagen.

Auf Reisen durch Europa malt der Heranwachsende den "Mann mit dem Goldhelm" aufs Pflaster (der damals noch als Rembrandt galt): "100 Mark, ein unglaublicher Betrag für einen Tag Arbeit!" Fischer hört dabei gern "The Painter Man" von The Creation, ein Lied, das er noch heute summt, wenn er ein neues Bild angeht. Der Text geht ungefähr so:

"Ich ging zur Akademie, studierte Kunst, um Künstler zu sein, einen Anfang zu machen. Ich lernte hart, ich machte meinen Abschluss, doch niemand nahm Notiz von mir. Painter man, painter man, who would be a painter man?"

Künstler will er trotzdem werden, nur eben kein mittelloser. Mit siebzehn bekommt der angehende Hippie einen Gesprächstermin bei Joseph Beuys. "Jeder Mensch ist ein Künstler", diese Aussage habe ihn immer begleitet, schreibt Beltracchi: "Für mich steht außer Frage, dass es kein größeres Kunstwerk geben kann als das eigene Leben. Mit unseren Begabungen und unserer Kreativität besitzen wir von Geburt an alle die Fähigkeiten, dieses Kunstwerk zu gestalten."

Oder es zu vergeuden. Eine ganze Stunde redet Beuys mit ihm, Fischer würde sich am liebsten einen frischen Joint drehen, traut sich aber nicht. "Die Dinge, die ich lernen wollte, kamen bei ihm nicht vor." Später wird er einem Beuys-Schüler helfen, ein paar Arbeiten des Meisters zu fälschen. Klar, diese Beuys-Schüler können nichts und haben deshalb nie Geld.

Statt sich also in Düsseldorf einzuschreiben, geht Fischer nach Amsterdam, um die Malerei des Goldenen Zeitalters zu lernen. Ein Bekannter aus Geilenkirchen lässt ihn auf seinem Hausboot wohnen. Der Mann verdient viel Geld mit Drogenverkäufen an Touristen. Statt in die Akademie geht Fischer bald lieber in Clubs und verdient Geld mit selbstgebastelten "Psychedelic Light Shows".

Er ist überhaupt immer dann einfallsreich, wenn seine Einfälle schnelles Geld versprechen. Ideen hat er keine, jedenfalls keine, die ihm nach einem LSD-Trip noch präsent wären. Und da Menschen sich am liebsten mit Gleichgesinnten zusammentun, gerät er stets an Leute, die es ähnlich angehen, was wiederum das Geldverdienen erleichtert: mit Händlertypen, Dealern, Kleinganoven. 1969 ereignet sich dann "ein Zufall, der mein Leben in eine bestimmte Richtung lenkte. Nennen wir es Schicksal." Das Schicksal wird verkörpert von einem Exporthändler, der von Geilenkirchen aus Gemälde nach England verschickte, hundert Mark das Stück, gemalt vom gerade volljährigen Fischer. Und dieser Exporthändler hatte auch eine Tochter, eine Halbkanadierin von "präraffaelitischer Schönheit", die gern, nur mit einer Gitarre bekleidet, auf dem Schreibtisch ihres Vaters Platz nahm und Velvet Underground spielte.

"Dabei schaute sie mich unverwandt aus ihren braunen Augen an. Langsam öffnete sie ihre Schenkel. Auf der grünen Schreibtischunterlage ihres Vaters hatte sich ein kleiner feuchter Fleck gebildet, die kupferfarbenen Schamhaare über dem das Grün verdunkelnden Fleck flammten im Sonnenlicht auf. Ich wollte hinein in den flammenden Schoß, sofort . . . Von der Halsgrube stieg eine rötliche Welle auf, die ihre makellos reine Gesichtshaut verfärbte, gleichzeitig schlich sich in ihre sanften Augen der Fick-mich-Blick. Jesus, sie glühte!"

Geilheit und Geld ließen Wolfgang Fischer zum Kunstfälscher werden, nicht irgendwelche künstlerischen Ambitionen. Das Schicksal hatte kupferfarbene Schamhaare, und es zahlte gut. Mehr Geheimnis steckt nicht drin in der Lebensgeschichte dieses Mannes, der auch auf den folgenden 550 Seiten der krämerseelige Spießer bleibt, der er nie sein wollte, egal, ob er nach Marokko fährt, nach Frankreich oder nach Thailand.

Seine Lehrjahre verbringt Fischer auf Antiquitätenmärkten und Auktionen. Dort schult er sein Auge für Originale und Fälschungen und für Bilder, die viel mehr wert sind als das, wofür sie angeboten werden. Der Übergang vom cleveren Händler zum Betrüger ist beinahe unmerklich. Als zwei Winterbilder aus dem 19. Jahrhundert nicht den gewünschten Erlös bringen, kommt ihm und seinem belgischen Schwager die Idee, einfach ein paar Schlittschuhläufer und Pferdeschlitten dazu zu malen - das Gemälde wird dadurch begehrter. Dass das Werk des Malers dadurch entstellt wird, interessiert sie nicht.

In den 1980er Jahren fängt Fischer an, Expressionisten und Kubisten zu malen. Manchen fühlt er sich verbunden, etwa Max Pechstein, der "Notwendigkeit" in sich spürt. "Diese zwingt uns, so und nicht anders zu arbeiten." Beltracchi konstatiert: "Hier kamen wir uns näher."

Wenn Beltracchi aber wirklich Künstler hätte werden wollen, hätte er dafür ein höheres Risiko eingehen müssen, als wegen Betrugs bestraft zu werden: das Risiko des Scheiterns. Dafür war er zu feige. Die Kunst der Moderne ist ja auch deshalb so teuer, weil sie in einer dichten, mutigen und auch ein wenig gefährlichen Zeit entstanden ist. Die Maler gingen ins Ungewisse. Wenn einer nun die Summe eines ganzen Künstlerlebens aus Büchern und Ausstellungen kennt, ist es nur eine Frage des Geschicks, dieses Werk weiterzuführen, um dann genüsslich zuzusehen, wie die Weggefährten oder die Nachfahren des Künstlers das gefälschte Bild zum schönsten von allen erklären.

Beltracchi lacht diese Leute aus in seinem banalen Buch, und wir, das Publikum, sollen mitlachen über die bescheuerten Reichen, die gierigen Kunsthändler und die eingebildeten Experten. In Wirklichkeit aber verhöhnt der Fälscher vor allem die Künstler, weil er meint, deren Lebensleistung in ein, zwei Stunden in bares Geld verwandeln zu können. Dabei hält er sich selbst für einen.

Wolfgang Beltracchi hat der Kunst keinen Dienst erwiesen in seinem Leben. Er hat sie bestohlen, benutzt und verraten, wo er nur konnte. Sein "Selbstporträt" ist das Dokument ihrer Rache.

BORIS POFALLA

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Es gibt zwei Sorten von Fälschern: diejenigen, die mehr oder weniger talentiert große Meister kopieren, und Wolfgang Beltracchi." -- VANITY FAIR FRANKREICH

"Der Jahrhundertfälscher." -- DER SPIEGEL

"Was Beltracchi gemalt hat, sind keine klassischen Fälschungen, sondern eigene Kunstwerke, die den Mechanismus des Kunstmarkts offenlegen - und die, weil sie so präzise in kunsthistorische Nischen, in Marktbedürfnisse, in Desiderate hineingemalt sind, ein präzises Epochenporträt abgeben. Sie sagen viel über die Gegenwart, ihr Bild von Kunstgeschichte, und über die ökonomischen Bedingungen von "Meisterwerken." -- NIKLAS MAAK, FAZ
Ein Buch wie gemalt ... eine großartige Lektüre. Die Beltracchis haben aus ihrem Leben ein Gemälde gemacht, einen Hollywood-Kunst-Thriller samt Liebesgeschichte, eine literarische Autobiografie.