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Durch Zufall beginnen Senthil Vasuthevan und Valmira Surroi ein Gespräch auf Facebook. Er lebt als Doktorand der Philosophie in Berlin, sie studiert Kunstgeschichte in Marburg. Sieben Tage lang erzählen sie sich von ihrem Leben, ohne sich zu begegnen. Ihre Nachrichten handeln von ihren Familien und ihrer Flucht aus Bürgerkriegsgebieten, von ihrer Kindheit im Asylbewerberheim und ihrer Schul- und Studienzeit. Hochreflektiert schreibt Senthuran Varatharajah in seinem Debütroman über Herkunft und Ankunft, über Erinnern und Vergessen und über die Brüche in Biographien, die erst nach einiger Zeit sichtbar werden.…mehr

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Produktbeschreibung
Durch Zufall beginnen Senthil Vasuthevan und Valmira Surroi ein Gespräch auf Facebook. Er lebt als Doktorand der Philosophie in Berlin, sie studiert Kunstgeschichte in Marburg. Sieben Tage lang erzählen sie sich von ihrem Leben, ohne sich zu begegnen. Ihre Nachrichten handeln von ihren Familien und ihrer Flucht aus Bürgerkriegsgebieten, von ihrer Kindheit im Asylbewerberheim und ihrer Schul- und Studienzeit. Hochreflektiert schreibt Senthuran Varatharajah in seinem Debütroman über Herkunft und Ankunft, über Erinnern und Vergessen und über die Brüche in Biographien, die erst nach einiger Zeit sichtbar werden.

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  • Produktdetails
  • Verlag: FISCHER E-Books
  • Seitenzahl: 256
  • 2016
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783104034942
  • ISBN-10: 310403494X
  • Best.Nr.: 44025157
Autorenporträt
Senthuran Varatharajah, geboren 1984, studierte Philosophie, ev. Theologie und Kulturwissenschaft in Marburg, Berlin und London. Senthuran Varatharajah lebt in Berlin.

Literaturpreise:

- 3Sat-Preis bei den 38. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt
- Kranichsteiner Literaturförderpreis 2016
- Bremer Literaturförderpreis 2017
- Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis 2017
- Rauriser Literaturpreis 2017

Rezensionen
Ein Roman, der fesselt und anrührt. Lukas Latz der Freitag 20160317
Besprechung von 23.03.2016
Das Alphabet des Exils
Wenn die Buchstaben aufbrechen: Senthuran Varatharajahs erstaunlicher Debütroman „Vor der Zunahme der Zeichen“
Ganz entrückt, fast wie in einer Raumkapsel, kommen zwei junge Menschen miteinander ins Gespräch. Sie sind sich nie begegnet, aber sie könnten sich begegnet sein. So zumindest legt es ihnen Facebook nahe. Ihre Profile bilden Schnittmengen, also tasten sie sich fragend aneinander heran, nachdem er den Anfang gemacht und sie angeschrieben hat. Während Senthil Vasuthevan und Valmira Surroi noch überlegen, wo sie sich über den Weg gelaufen sein könnten – in Marburg, in Berlin oder gar in New York? –, entsteht zwischen ihnen, was man, durchaus im starken Sinne Martin Bubers, eine „Begegnung“ nennen könnte.
  Sieben Tage und Nächte erzählen sie einander aus ihrem Leben. Als Kinder von Migranten aus Sri Lanka und Kosovo, in Deutschland aufgewachsen, offenbaren sie sich Dinge, die sie zuvor noch niemandem erzählt haben. Vieles ist mit Scham verbunden. So wird der virtuelle Raum zum idealen Ort einer Vertraulichkeit, die auf Schrift beruht, und auf der Abwesenheit des anderen.
  Valmira Surroi studiert Kulturwissenschaften in Marburg und ist auf dem Sprung nach Pristina, wo sie in der Nationalbibliothek, in der schon ihre Eltern die Köpfe zusammensteckten, ihre Abschlussarbeit schreiben will. Senthil Vasuthevan sitzt in Berlin an seiner philosophischen Doktorarbeit. Vor Jahren hat auch er in Marburg studiert. Er schreibt skrupulös, seine Syntax ist gewunden wie eine Schlange, die nur mäandernd vorankommt. Er formuliert mit größter Genauigkeit, als dürfte ihm nur ja kein Fehler unterlaufen. Und das hat seinen Grund. Was er erzählen will, ist heikel. Er befürchtet, seine Eltern zu verraten, wenn er beschreibt, wie weit er sich von ihnen entfernt hat.
  Dabei fehlt es ihm nicht an Respekt vor ihrer Lebensleistung. Mitte der Achtzigerjahre als Tamilen vor dem Bürgerkrieg aus Sri Lanka geflohen, haben sie sich in einer oberfränkischen Kleinstadt eine neue Existenz aufgebaut. Die Mutter putzt bei anderen Leuten, der Vater arbeitet in einer Fabrik der Autozulieferindustrie. Sie leben in einer Eigentumswohnung, die drei Söhne haben alle studiert. Doch Senthil kann das nicht als Erfolgsgeschichte verbuchen. Als sensibles Kind hat er die feinen Risse wahrgenommen, das Muster der wahnwitzigen Anstrengung, die das Leben den Eltern abverlangte. Und nun skizziert er es nach und verortet sich selbst darin.
  Mit den Mitteln eines geschulten Philosophen, dem zwischen Hegel und Heidegger, Platon und Hölderlin, Wittgenstein, Kafka und Derrida nichts entgangen ist, erzählt er Szenen aus seinem Leben – immer unter Max Frischs Prämisse, jeder erfinde sich irgendwann eine „Geschichte, die er für sein Leben hält.“ Die Herkunft wird zum Dechiffrierungsprojekt. Und auch der Leser bekommt das, was unbekümmertere Autoren als der 1984 in Jaffna geborene, in Deutschland aufgewachsene Senthuran Varatharajah zu einer farbenprächtigen Geschichte ausbauen würden, auf eine Weise erzählt, die seine Dechiffrierungskünste herausfordert. Jede Vokabel muss er wahrnehmen, jeden Fingerzeig, selbst jeden Buchstaben.
  Die Initialen der beiden Helden beispielsweise, S. V. und V. S., sind spiegelbildlich aufeinander bezogen – und zentrales Symbol des Textes ist die Schlange, zentrales Thema die Scham. In den Buchstaben ist die Geschichte versteckt, die Senthil seiner Gesprächspartnerin überantwortet. Seine Mutter stammt aus der Priesterkaste, über die Herkunft des Vaters haben die Eltern nie gesprochen. Wie dem etwa elfjährigen Jungen bei einer Autofahrt mit dem Blick auf die behaarten Hände des Vaters dämmert, dass er aus einer niederen Kaste stammen könnte, wird in die Zeichensprache seiner Gesten verlegt: den Verlauf des Sicherheitsgurts über dem Körper imaginiert Senthil als den um etwa dreißig Grad gedrehten zweiundzwanzigsten Buchstaben des Alphabets, als V. Das lässt sich als Verweis auf den Anfangsbuchstaben der Vaishyas, der dritten Kaste, deuten. Da Valmira unmittelbar zuvor von der Ähnlichkeit des V mit der (weiblichen) Scham gesprochen hat, überlagern sich die Bedeutungsschichten.
  Valmira Surroi und Senthil Vasuthevan verfügen über eine Sprache, mit der sie sich zugleich exponieren und verbergen können. Und sie haben beide ein Bewusstsein für die Grenzen der Übersetzbarkeit. Valmiras Vater war Jurist und arbeitet nun als Gerichtsdolmetscher. Keine Sprache sei in eine andere übersetzbar, behauptet er, und ärgert sich, wenn die Tochter zu faul ist, den Ort ihrer Herkunft albanisch zu schreiben. Die beiden tauschen nicht nur Geschichten über das Leben im Asylbewerberheim aus, das Senthils Eltern, nach einem Missverständnis der Anfangsjahre, immer noch hartnäckig „Asyllandheim“ nennen. Sie laden auch Fotos ihrer Familien hoch und erklären einander ihre Stammbäume. Was sie nebenbei übermitteln, ist immer auch ihr Fremdheitsgefühl, sowohl in Bezug auf ihre Herkunft als auch auf die deutsche Gesellschaft. Die harmlos gemeinte Frage, woher man denn so gut Deutsch könne, wird leicht zum Affront, wenn der Schluss naheliegt, nur die Hautfarbe könne die Frage überhaupt ausgelöst haben.
  Der Titel des Romans, „Vor der Zunahme der Zeichen“, unterstreicht die semiotische Konstitution. Aber er bezieht sich auch auf die Zeichen zunehmender Gewalt gegen Tamilen, die zunächst den Vater, dann die Mutter, schwanger und mit zwei kleinen Söhnen, aus Sri Lanka vertrieben haben. Und er bezieht sich überdies auf die biblische Deutung von Exil und Asyl und auf die Zeugen Jehovas. Fünfzehn Jahre lang war die Familie der christlichen Religionsgemeinschaft verbunden, die bei Behördengängen half, um Asylbewerber zu missionieren. Nur die Mutter ist dem Hinduismus treu geblieben, womöglich ein weiterer Grund für die Spannungen, die Senthil in seiner Familie wahrnimmt.
  „Vor der Zunahme der Zeichen“ ist ein Romandebüt von enormer gedanklicher Konsequenz und einer sprachlichen Radikalität, die selten geworden ist in der deutschen Gegenwartsliteratur. Vor knapp zwei Jahren erhielt Varatharajah beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt für Auszüge aus diesem Roman den 3sat-Preis. Wie der prämierte Text arbeitet der gesamte Roman mit der Überblendung von Theorie und Literatur. Dass Romane nicht einfach nur Geschichten liefern, sondern dechiffriert werden müssen, war bis Mitte der Neunzigerjahre eine Selbstverständlichkeit. Auch wenn man sich die Zeiten nicht zurückwünscht, in denen Sinn grundsätzlich aufgeschoben werden musste und die Bekundung, ein Roman habe keine Geschichte und keine Psychologie, als Ausdruck höchster Wertschätzung galt, gibt es Stoffe, die nach Verschlüsselung und strenger Form verlangen. Und zwar nicht nur, um jemanden zu schützen, sondern auch aus strukturellen Gründen.
  Jacques Derrida, der algerische Jude, der kein Arabisch und kein Hebräisch konnte, dafür aber das womöglich differenzierteste Französisch der Philosophie, hat die Schrift auch deshalb vor der Stimme privilegiert, weil er jede Art der Zuschreibung als einen niemals zu beendenden Prozess betrachten wollte. In seinem Denken kann es weder Identität noch Präsenz geben, auch keine prinzipielle Unterscheidung zwischen Einheimischen und Fremden. Sein Spätwerk galt der Frage von Gastfreundschaft und Gerechtigkeit.
  Jemanden als Fremden zu bezeichnen, erzeugt erst das Stigma, das dann durch Eingemeindung für bedeutungslos erklärt wird: ein Dilemma, das sich praktisch und politisch nicht lösen, wohl aber literarisch darstellen lässt. Auch von dieser Art Zeichen, dem Stigma der Verletzbarkeit, handelt dieser außerordentliche Debütroman. Seine sprachliche Gestalt hat gute Gründe. Sie schafft eine Art Hochsicherheitstrakt, um nicht in irgendeinen Realismus übersetzbar zu sein.
MEIKE FESSMANN
Diese sprachliche Radikalität
ist selten geworden in der
deutschen Gegenwartsliteratur
  
  
Senthuran Varatharajah, geboren 1984, studierte Philosophie, evangelische Theologie und Kulturwissenschaft in Marburg, Berlin und London. Er lebt in Berlin.
Foto:  Ullstein BILD
  
  
  
  
Senthuran Varatharajah: Vor der Zunahme der Zeichen. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016. 250 Seiten, 19,99 Euro. E-Book 17,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Keine Ironie, keinen Humor, kein Turteln, und keine melancholischen Klagen enthält Senthuran Varatharajahs "Vor der Zunahme der Zeichen", erklärt Rezensentin Marie Schmidt, es ist vielmer die moderne Version eines Briefromans. Für rührselige Flüchtlingsdebatten unbrauchbar, aber darum nicht minder bewundernswürdig, lobt sie. In einer strengen und beherrschten Sprache lasse Autor Senthuran Varatharajah seine beiden Protagonisten assoziativ Erinnerungen, Ideen und Gedanken austauschen und ihre Erfahrungen als Migranten in einem wenig gastfreundlichen Land vergleichen. Ihre sich langsam entwickelnde Beziehung ist real, aber existiert nicht auf der körperlichen Ebene, sie besteht viel mehr aus Zeichen, lesen wir, so wie die ganze dem Menschen zugängliche und kommunizierbare Welt aus Bildern und Sprache bestehe. Die Originale, das Bezeichnete verschwindet dahinter, es entsteht das Gefühl einer sprachlich nicht fassbaren Leere in der Mitte der Dinge, so Schmidt weiter. Mit dieser Leere, der "Mangelhaftigkeit der Zeichen" versuchen Varatharajahs Protagonisten umzugehen. Die Rezensentin ist schlicht beeindruckt.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 22.06.2016
Babyfotos von sich selbst haben Migranten selten
Ich habe ins Leere geschrieben, und du schreibst zurück: Senthuran Varatharajahs Romandebüt "Vor der Zunahme der Zeichen"

Als Senthuran Varatharajah vor zwei Jahren einen Ausschnitt aus seinem nun erschienenen Debütroman "Vor der Zunahme der Zeichen" beim Klagenfurter Bachmannwettbewerb las, war nicht zuletzt die Einschätzung der Kritiker bemerkenswert. Der Facebook-Dialog zweier Studenten - er musste als Kind mit seinen Eltern vor dem Bürgerkrieg aus Sri Lanka fliehen, sie aus dem Kosovo - klinge, war da etwa zu hören, als hätten die beiden Deutsch bei Hegel oder Kant gelernt.

Das ist nun nicht sehr weit entfernt von dem verbreiteten Reflex, Menschen zu ihrem fabelhaften Deutsch zu gratulieren, weil ihr Äußeres darauf schließen lässt, dass in ihrer Familiengeschichte eine Migration stattgefunden hat - wie viele Generationen zuvor auch immer diese stattgefunden haben mag. Eine durchaus passende, wenngleich nicht sonderliche erfreuliche Reaktion der Kritik mithin, erzählt der 1984 in Sri Lanka geborene Varatharajah doch immer wieder auch von ebenjenen Ausgrenzungserfahrungen, die einen Menschen kaum aus den Randbereichen der Gesellschaft hinauskommen lassen.

Womöglich allerdings führt auch der von Varatharajah gewählte Rahmen, das Quasselplapperforum Facebook, dazu, dass die oftmals ins Lyrische strebende Sprache des Romans zunächst verwundert. Wer sich aber auf diese Setzung einlässt, der merkt bald, dass das soziale Medium nur der Raum ist, den der Autor benötigt, um darin eine Art existentieller Versuchsanordnung zu installieren, die unbedingt eine rein sprachliche verbleiben will und deshalb unmittelbar körperliche Begegnungen vermeiden muss.

Wie bekommt man einen Zugang zu den eigenen Erinnerungen, und wie kann es auf diese Weise gelingen, Stück für Stück die eigene Identität zu ergründen und dabei gleichsam zu begründen? Eine Herausforderung, die besonders schwierig wird, wenn Fluchterfahrung einen Teil der Kindheit weggerissen hat. Einmal, so berichtet Valmira, die Studentin aus Varatharajahs Roman, sei ihr in der Schule aufgegeben worden, ein Babyfoto von sich mitzubringen. Ein Leichtes für den Rest der Klasse, eine Unmöglichkeit für sie. "Unter jedem Foto stand das Datum ihrer Geburt, ihr Name und ihr Gewicht", erzählt Valmira über ihre Mitschüler. "Kosovo je Srbija, Kosovo sei Serbien, schrieb die Miliz auf das, was von unserem Haus übrig blieb."

Dass diese Valmira Surroi von Senthil Vasuthevan auf Facebook angeschrieben wird, verdankt sich einem Zufall, womöglich einer Verwechslung, der vagen Ahnung, dass sie einander kennen könnten, was sich bald als unmöglich erweist, obgleich einige Lebensstationen sich überkreuzen, genauso, wie die Initialen ihrer Namen es tun. Je mehr sie einander mitteilen während der folgenden sieben Tage, die nicht zufällig den Tagen der Genesis entsprechen mögen, desto deutlicher wird, dass diese beiden jungen Menschen nicht das Spiegelbild des jeweils anderen abgeben. Dennoch aber wird im Schreiben an den anderen etwas zurückgeworfen, reflektiert, durch das jeder der beiden ein weiteres Detail von sich selbst erkennen kann. Einmal scheint Senthil sich zu bremsen: "ich würde mich in details verlieren", heißt es da, "an ihnen würde ich mich aufhalten; in ihnen halten wir uns auf." Oftmals sind es nahezu poetisch-philosophische Aphorismen oder Sentenzen, in denen sich der philosophisch-theologische Hintergrund Varatharajahs zeigt.

Die Nachrichten, die er und Valmira schreiben, muten nur passagenweise wie ein Gespräch an, in dem Fragen oder Nachfragen gestellt werden. Vielmehr stoßen die Episoden, die preisgegeben werden, wechselseitig einen Akt des emanzipatorischen Erinnerns an: den Willen, gesehen zu werden, wohingegen in ihrer Kindheit das Gefühl der Scham und des Sich-verstecken-Wollens, mitunter auch Angst vor dem Verschwinden, stets wiederkehrte.

"die gegenstände, die wir berühren, berühren uns zurück, an stellen, an denen wir taub für sie sind. die dinge, die wir sehen, sehen zurück, an stellen, an denen wir blind für sie sind", so erklärt Senthil das Prinzip des wechselseitigen Schreibens, "ich habe ins leere geschrieben. und du schreibst zurück, an stellen, an denen ich blind und taub für dich bin." Zum Sprechen gebracht werden auf diese Weise - wie es mit Blick auf die kunstwissenschaftliche Magisterarbeit Valmiras heißen könnte - die Schattenstellen der beiden Biographien.

Das Sprechenlernen ist der zentrale Aspekt, so wie er es schon immer gewesen ist, wenngleich unter anderen Vorzeichen. Die Geschichte der Migration beginnt als eine des Verstummens. Drei Monate, so haben es ihr die Eltern erzählt, habe Valmira nach der Flucht nicht gesprochen. Bei Senthil wiederum ist es der Verlust seiner ursprünglichen Sprache, des Tamil, der ihm immer wieder das Entwurzeltsein vor Augen führt, obgleich oder gerade weil er doch mit der neuen, der deutschen Sprache so differenziert umzugehen vermag.

Varatharajah hat mit "Vor der Zunahme der Zeichen" eine dichte, mit feinsten Motivverknüpfungen und -variationen arbeitende Sensibilisierungsgeschichte geschrieben, in der auch die vermeintlich nebensächlichen Details von Migrationserfahrungen als wesentliche nachvollziehbar werden. Zugleich ist dieser Roman Ausweis der Möglichkeit einer intellektuellen und ästhetischen Identitätsstiftung, die natürlich nicht alle Verlusterfahrungen wettmachen kann, aber dabei hilft, sie benennen zu können.

WIEBKE POROMBKA

Senthuran Varatharajah: "Vor der Zunahme der Zeichen". Roman.

Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2016. 256 S., geb., 19,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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