Scharnow - Felsenheimer, Bela B.
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In Scharnow, einem Dorf nördlich von Berlin, ist der Hund begraben. Scheinbar. Tatsächlich wird hier gerade die Welt gewendet: Schützen liegen auf der Lauer, um die Agenten einer Universalmacht zu vernichten, mordlustige Bücher richten blutige Verheerung an, und mittendrin hat ein Pakt der Glücklichen plötzlich kein Bier mehr. Wenn sich dann ein syrischer Praktikant für ein Mangamädchen stark macht, ist auch die Liebe nicht weit.…mehr

Produktbeschreibung
In Scharnow, einem Dorf nördlich von Berlin, ist der Hund begraben. Scheinbar. Tatsächlich wird hier gerade die Welt gewendet: Schützen liegen auf der Lauer, um die Agenten einer Universalmacht zu vernichten, mordlustige Bücher richten blutige Verheerung an, und mittendrin hat ein Pakt der Glücklichen plötzlich kein Bier mehr. Wenn sich dann ein syrischer Praktikant für ein Mangamädchen stark macht, ist auch die Liebe nicht weit.
  • Produktdetails
  • Heyne Hardcore
  • Verlag: Heyne
  • Seitenzahl: 414
  • Erscheinungstermin: 25. Februar 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 218mm x 144mm x 40mm
  • Gewicht: 672g
  • ISBN-13: 9783453271364
  • ISBN-10: 345327136X
  • Artikelnr.: 54464892
Autorenporträt
Felsenheimer, Bela B
Bela B Felsenheimer, geboren 1962 in West-Berlin, ist Schlagzeuger, Gitarrist, Komponist, Sänger, Schauspieler, Synchron- und Hörbuchsprecher, war Comicbuch-Verleger und hatte eine eigene Radiosendung. Bekannt ist er vor allem als Mitglied der Punkrock-Band die Ärzte. Als Autor hat er bisher einige Kurzgeschichten veröffentlicht und ein Filmdrehbuch verfasst. Scharnow ist sein erster Roman.
Rezensionen
»Eine ganz eigene Art von Literatur!«
Besprechung von 05.04.2019
Fiesta
in Brandenburg
Bela B Felsenheimers
Roman „Scharnow“
„Scharnow“ ist kein Roman, der zusammengefasst werden möchte. Wenn Bela B, Ärzte-Schlagzeuger, Synchronsprecher, Pulp-Comic-Fan und jetzt auch Romanautor, ein Buch schreibt, hat er anscheinend keinerlei Verpflichtungen, am allerwenigstens einer kohärenten Handlung gegenüber. In „Scharnow“ geht es um Scharnow, ein fiktives Dorf in Brandenburg, nicht weit, aber Welten entfernt von Berlin. In diesem Dorf, beteuern die Protagonisten, passiert nie etwas. In Wahrheit passiert dann aber doch sehr viel: Ein Buch tötet seine Leser, ein Zusammenschluss von Bürgern wehrt sich gewaltsam gegen eine Weltverschwörung, ein Supermarkt wird von Unbekleideten überfallen, zwei Zwillinge ermorden sich gegenseitig, ein Mann kann fliegen.
Getragen wird die Handlung von rund 30 Protagonisten. Um in dieser Unordnung Orientierung zu schaffen, befindet sich auf den ersten Seiten von „Scharnow“ ein Personenverzeichnis, dessen Existenz auch nicht mehr als ein praktischer Witz ist; wer beim Lesen versucht ist nachzuschlagen, dem sei gesagt, dass das nichts bringt. Wer in Scharnow nicht untergehen möchte, muss sich treiben lassen. Hin und wieder löst sich das Problem, nicht zu wissen, um wen es gerade geht, auch von alleine, wenn Bela B, was sehr häufig vorkommt, die Figuren einfach sterben lässt. Und so gibt es, wie in einem der Pulp-Filmchen, die im Laufe des Romans auffällig oft angeschaut werden, viel Blut, Gehirnmasse, Sex und Verfaulendes, und immer wieder läuft dabei Rex Gildos „Fiesta Mexicana“ im Hintergrund.
Als „hysterischen Realismus“ bezeichnete der Literaturkritiker James Wood dieses literarische Genre, dessen Imperative die Lebendigkeit und die Geschwindigkeit des Erzählens sind. Subplot reiht sich dabei an Subplot, die Autoren schaffen eine Vielzahl an Charakteren, deren Geschichten sich immer wieder kreuzen und ineinander verstricken, als wären diese Verstrickungen ein Selbstzweck: „Ein endloses Netz“, schreibt Wood, „ist alles, was die Autoren brauchen, um Bedeutung zu generieren.“
So geht es auch in „Scharnow“ zu, die Figuren sind nur durch dünne Fäden verbunden: Elsa hasst ihre Nachbarn, die sehr laut sind. Ihre Enkelin Nami verliebt sich in Hadid, der in dem Internetcafé arbeitet, in dem Jan-Uwe einen Anschlag plant auf Sylvias Hündin Cloudy, die eine Schwester von Barack Obamas Hund Bo ist. Sylvias beste Freundin ist Patty, die die meiste Zeit ihres Lebens als „Pit“ auftritt, und in der lärmenden Aussteiger-WG wohnt, die Elsa, also Namis Großmutter, um den Schlaf bringt. „Was diese Geschichten unglaubwürdig macht“, schreibt Wood, „ist gerade ihr Übermaß, ihr Wuchern.“
Spaß macht diese Überdrehtheit, dieses Hakenschlagen der Handlungsstränge trotzdem. „Scharnow“ ist ein bisschen wie ein trunkener Abend in einer Studenten-WG-Küche, bei dem man sich unentwegt ins Wort fällt, bei dem eine Idee gar nicht grotesk genug sein kann und keine zu ihrem logischen Ende geführt werden muss. Bela B bringt dieses assoziative erzählerische Voranschreiten scheinbar ungefiltert in Buchform. Die Handlung schildert er aus gewisser Distanz, als würde er seine Charaktere nicht ganz ernst nehmen.
Und so überlädt er den Text mit Informationen über die Kindheitsgeschichte der einen Person und die Aspirationen der anderen, erzählt von großen Freundschaften, frischen Liebschaften und sogar dem Tod geliebter Haustiere, wirkliche Tragödie aber liegt ihm fern. Als Sylvias Hund Cloudy stirbt, schreibt Bela B: „Auf die Überraschung folgte Entsetzen. Dann die Erkenntnis, dass Cloudy wirklich fort war. Und gleich darauf Unverständnis und Wut angesichts dieser sinnlosen Tat. Schließlich aber: Resignation. Sylvia sollte einfach nicht glücklich sein.“
Wer fühlen will, wirklich fühlen will, ist in Scharnow fehl am Platz. Viel wichtiger als das Hineinversetzen in die einzelnen Charaktere ist der Überfluss an Informationen über sie und ihre Umwelt, über ihre Meinungen, ihre Ticks. In „Scharnow“ erkundet Bela B weniger, warum Menschen so sind, wie sie sind, als dass er aufzeichnet, wie sie gerade sind, und so gibt es in „Scharnow“ missverstandene Pegida-Anhänger und einen syrischen Geflüchteten, der sich im Internetcafé seines Onkels langweilt, Verschwörungstheoretiker und einen vertuschten Missbrauchsskandal an einer Schule.
Bela B beobachtet die Welt und integriert eine zeitgenössische Referenz nach der anderen in seine Erzählung. Dass seine Charaktere so mehr zu Vehikeln einer Gegenwartsbeschreibung als zu eigenständigen Schöpfungen werden, dass sie unter der Last der Motive und Ideen verblassen, nimmt er in Kauf.
Und doch spiegelt sich in „Scharnow“ gerade eine sehr zeitgenössische Wahrnehmungsweise wider: in dem Versuch, im Dickicht der Zeichen eine Möglichkeit zu finden zu sprechen, ohne zu wiederholen, zu erörtern, ohne wiederzukäuen, zu denken, ohne bloß zu referenzieren. Und wie im echten Leben klappt es in der Literatur nicht immer.
JANNE KNÖDLER
Bela B Felsenheimer: Scharnow. Roman. Heyne Hardcore, München 2019. 416 Seiten, 20 Euro.
Was diese Geschichten
unglaubwürdig macht, ist
gerade ihr Übermaß
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Besprechung von 10.04.2019
Fiesta, Fiesta Mexicana

Genrepomp und Poesie: Bela B Felsenheimer stellt in Frankfurt seinen Debütroman "Scharnow" vor.

Von Kai Spanke

Der Anfang der Lesung deutet aufs Ende des Lebens: "Leukämie! Nicht therapierbar! Sechs Wochen noch!" Drei Sätze, die Tristesse, Trauer und Tod versprechen. Dann der Nachklapp: "Scheiße!" Ist der Ton nur flapsig genug, so die durchschimmernde Botschaft des Fluchs, wird er die Tragik mit einem Quantum Komik würzen. Von dieser Spannung handelt auch das Werk, dem das Zitat entnommen ist: von hohem Ernst und Spaß, von in Form gebrachter Sprache und ungezügeltem Schmährausch, von beschädigten Leben und Außerirdischen, schwulen Eichhörnchen, verkaterten Superhelden sowie einem mordlüsternen Folianten. Und von Rex Gildo. Das jubilierend herausgeschmetterte "Hossa" seines Songs "Fiesta Mexicana" ist so etwas wie der lustig-trashige Jingle des Buchs und wird auch im Laufe des Abends immer wieder eingespielt.

Der Zeremonienmeister war bislang als Musiker, Schauspieler und Synchronsprecher bekannt. Nun hat Bela B Felsenheimer, 56 Jahre alter Schlagzeuger und Sänger der Band Die Ärzte, seinen Debütroman vorgelegt. 400 Seiten. Mehr als 30 tragende Figuren. Bestseller. Im ausverkauften Frankfurter Mousonturm veranstaltet er keine herkömmliche Lesung (Augen auf den Text, Flüsterton, Wille zur Feingeistigkeit), sondern eine fast zweistündige Unterhaltungsshow (Anekdoten, Gags, eingespielte Filme und Soundeffekte). Auf der Bühne: eine Leinwand, ein Schreibtisch und ein Ortsausgangsschild der erdachten brandenburgischen Stadt Scharnow, nach welcher der Roman benannt ist. Vorne links noch ein Videorekorder, da manche Figuren des Buchs italienische Gore-Filme ausschließlich auf VHS goutieren. Die Arbeitskluft des Autors: Pyjama und Pantoffeln.

Entsprechend leger ist auch das Publikum gewandet. Jene sanften Kunstfreunde, die mit ihren in den Gang fließenden Seidenschals feine Unterschiede markieren, finden sich hier genauso wenig wie urbane Dandys im vierfarbig karierten Zweireiher. Stattdessen Ärzte-Fans in Band-Shirts, kichernde Mädchen und Männer, die bei jedem Unterleibsscherz hörbar in Wallung geraten. Wie umschmeichelt man solche Gäste? So: "Der Frankfurter Applaus verwöhnt mich wie das Bouquet eines alten französischen Landweins." Oder so: "Eigentlich war die ganze bisherige Tour ein einziges Warm-up für diese Show." Um die Zuhörer auf Betriebstemperatur zu bringen, verteilt Bela B jene Plörre, die seine Charaktere am liebsten trinken. Sie heißt Mische und ist einfach zuzubereiten: 55 Prozent Fanta, 45 Prozent Korn. Bonus für die Frankfurter: ein Schuss Meisterschoppen.

"Scharnow", dessen Handlung der von Stephen King empfohlenen Losung "Anything goes" zu folgen scheint, ist in zwei Jahren entstanden: "Die Disziplinlosigkeit", sagt Bela B im Gespräch, "wurde zur Arbeitsregel, ich wollte zuallererst mal mich selbst immer wieder überraschen, weil ich das liebe." Das schließt Textkosmetik allerdings nicht aus. Der Autor hat an seinen Figuren gefeilt, bis sie atmeten, er hat nach dem richtigen Sound für die Metaphern gesucht und sich mitunter ganze Kapitel streichen lassen: "Der Roman ist das Experiment eines Debütanten, der das Glück hatte, eine Lektorin bei sich zu haben, die die Wildheit nicht totzerregelte." Herausgekommen ist ein luftiges Werk zwischen Genre und Kunst, Schund und Dichtung. Mit leichter Hand ist der Plot hingetupft, streberhaft ausgepinselt wirkt hier nichts.

Bela B, der in seinen Songs "Häkelgarn" auf "abgefahrn" und "Oberlippenbart" auf "Widerwart" reimt, gestaltet auch die Lesung, als befände er sich in Absurdistan. Dabei täuschen ein buntes Themen-Hopping sowie zündende und verhungernde Witze - für die aber wohlgemerkt Mitleidsbeifall eingefordert und großzügig gespendet wird - darüber hinweg, dass der Abend ausgezeichnet choreographiert ist. Eine Durchschnittslesung endet nach einer Stunde, weil alles andere für Autor und Publikum zu strapaziös wäre. Bela Bs kurzweilige Multimediaparade hingegen hält die Gäste durchweg bei Laune, denn hier herrschen ironischer Ernst und ernste Ironie. Die Fans werden gesiezt, weil das zum Habitus des Bestsellerproduzenten gehört; Lehrmeister wie Thomas Bernhard werden beim Namen genannt. Und dann wird neben Rex Gildo doch noch rasch ein Kotzgeräusch eingespielt. Mehrfach. Hintereinander. Diese Mische geht bestens auf.

Als Zugabe gibt Bela B, der übrigens ein großartiger Vorleser ist, Szenen zum Besten, die es nicht ins Buch geschafft haben. Warum nicht? Weil sie den Splatter-Begriff neu definieren oder Maßstäbe in Sachen Gossensprache setzen. Die Zuhörer johlen, der Künstler freut sich. Wird es irgendwann ein Sequel geben? "Ich habe von der Form her schon ein paar seltsame Ideen für ein zweites Buch." Hossa!

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