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In Briefen an einen Jugendfreund, an seine Schwester und an eine unerreichbare Geliebte schildert Enrico Türmer, verhinderter Schriftsteller und angehender Zeitungsredakteur, sein Leben in der DDR und zur Zeit der Wende. Alle Briefe wurden im ersten Halbjahr 1990 geschrieben und dokumentieren Türmers ganz persönliche Lebenswende in den Zeiten des Umbruchs. In diesem Roman erweist sich Ingo Schulze wiederum als großer Erzähler, der es auf unnachahmliche Weise versteht, die Atmosphäre der so genannten Wendezeit heraufzubeschwören.…mehr

Produktbeschreibung
In Briefen an einen Jugendfreund, an seine Schwester und an eine unerreichbare Geliebte schildert Enrico Türmer, verhinderter Schriftsteller und angehender Zeitungsredakteur, sein Leben in der DDR und zur Zeit der Wende. Alle Briefe wurden im ersten Halbjahr 1990 geschrieben und dokumentieren Türmers ganz persönliche Lebenswende in den Zeiten des Umbruchs.
In diesem Roman erweist sich Ingo Schulze wiederum als großer Erzähler, der es auf unnachahmliche Weise versteht, die Atmosphäre der so genannten Wendezeit heraufzubeschwören.
  • Produktdetails
  • Verlag: BERLIN VERLAG
  • Seitenzahl: 794
  • Erscheinungstermin: 24. Oktober 2005
  • Deutsch
  • Abmessung: 225mm x 152mm x 52mm
  • Gewicht: 1000g
  • ISBN-13: 9783827000521
  • ISBN-10: 3827000521
  • Artikelnr.: 14477665
Autorenporträt
Schulze, Ingo
Ingo Schulze wurde 1962 in Dresden geboren. Von 1983 bis 1988 studierte er Klassische Philologie in Jena und arbeitete anschließend als Dramaturg am Landestheater in Altenburg. Im Herbst 1989 verließ Ingo Schulze das Theater, um als politischer Journalist zu arbeiten. 1993 lebte er für ein halbes Jahr in St. Petersburg, wo er half, ein Anzeigenblatt redaktionell aufzubauen. Für sein Debüt »33 Augenblicke des Glücks« erhielt Ingo Schulze 1995 u. a. den Förderpreis des Alfred-Döblin-Wettbewerbs sowie den aspekte-Literaturpreis. Der New Yorker druckte 1997 drei Erzählungen aus dem Band ab - eine Ehre, die unter den deutschsprachigen Autoren zuletzt Max Frisch zukam - und ließ ihn im April 1998 als einen der »Five Best European Young Novelists« von Richard Avedon porträtieren. Für seinen zweiten Erzählband »Simple Storys« erhielt er 1998 den Berliner Literaturpreis. 2001 wurde Ingo Schulze, zu gleichen Teilen mit Thomas Hürlimann und Dieter Wellershoff, der Joseph-Breitenbach-Preis verliehen. In dem Briefroman »Neue Leben«, in dem er ästhetisch neue Wege geht, erwartet den Leser ein breit angelegtes Panorama des Jahres 1989 und seiner Folgen. »Neue Leben« wurde in die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2006 gewählt. Kulturstaatsminister Bernd Neumann vergab im Juni 2006 an Ingo Schulze das Massimo-Stipendium 2007, das für einen einjährigen Aufenthalt in der Villa Massimo in Rom steht. Im März 2007 erhielt Schulze für seinen Erzählungsband »Handy« den Preis der Leipziger Buchmesse. Mit »Adam und Evelyn« stand er 2008 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Ingo Schulze ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Seine Bücher wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt.
Rezensionen
Besprechung von 19.10.2005
Enrico Türmers unternehmerische Sendung
Krötensammeln will gelernt sein: Ingo Schulze und die weniger simplen Seiten der Wiedervereinigung / Von Richard Kämmerlings

Es war vorauszusehen, daß es das neue Buch von Ingo Schulze schwer haben würde. Schon die lange, umwegige, und vom Autor selbst freimütig als mühsam und krisenhaft geschilderte Entstehungsgeschichte ließ wenig Gutes ahnen. Viel war schon davon zu hören und lesen, jahrelang und bis zuletzt wurde daran herumlektoriert, operiert, vielleicht auch amputiert, so daß man schon meinen konnte, es sei kein Fall für den Berlin Verlag, sondern eher für die Intensivstation der Charité. Und jetzt liegt er vor und wirkt mit gut 650 Seiten Haupttext, einem Vorwort, zahlreichen Fußnoten und fast 150 Seiten Anhang immer noch wie ein aufgeschwemmter, aus der Form gegangener Halbbruder des schlanken, schlackenlosen, mattglänzend prunkenden Vorgängers "Simple Stories", mit dem Schulze 1998 zu einem der wichtigsten deutschen Schriftsteller wurde.

Den Vergleich der beiden Bücher liegt nahe, zu nahe vielleicht. Nicht nur nimmt die Spielfeld-Optik des Buchcovers subtil die quadratischen Muster der "Stories" auf, auch der ähnlich lakonische Titel scheint eine Fortsetzung zu versprechen. Und schließlich deutet der Schauplatz der Handlung - der provinziell-beschauliche Mikrokosmos des ostthüringischen Städtchens Altenburg der Nachwendezeit - auf eine Variation bekannter Gesichter und Gefühle hin. Soll, wo Carver war, nun Faulkner werden? Der barocke Untertitel ist die erste deutliche Warnung vor reflexhaften Vergleichen: "Die Jugend Enrico Türmers in Briefen und Prosa. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Vorwort versehen von Ingo Schulze". Ein Briefroman, dazu noch einer mit Herausgeberfiktion - geht es nicht noch ein bißchen altbackener?

Zunächst gilt es, vor allzu raschem Abwinken zu warnen. Denn Schulze ist ein Meister der Finten und Fallen, und gerade die deutlichsten Wegweiser führen bei ihm stets in die Irre. Wo die "Stories" zunächst bodenständig-amerikanische Eingängigkeit versprachen und sich dann im Verlauf der Lektüre zu einem kompliziert verlinkten Hypertext auswucherten, gegen den sich die damals boomende Netzliteratur wie "Pacman" ausnahm, da ist es bei "Neue Leben" umgekehrt: Was verwirrend, verschroben und sperrig wirkt, erzählt eine im Grunde einfache Geschichte.

Zeitlich hört "Neue Leben" etwa da auf, wo die "Stories" erst anfingen, in der zweiten Jahreshälfte 1990. Der Roman versammelt die Briefe, die der Journalist und Zeitungsgründer Enrico Türmer von Anfang Januar bis Mitte Juli '90 schrieb. Adressaten gibt es drei: die noch vor der Wende in den Westen ausgereiste Schwester Vera, den in Dresden lebenden Jugendfreund Johann, studierter Theologe und "in Dresden bekannter" Untergrunddichter, und schließlich die von Türmer schwärmerisch umworbene Nicoletta Hansen, eine Fotografin aus dem Westen. Während in den eher spärlichen Schreiben an Vera vorwiegend Familiäres verhandelt wird, entsprechen die beiden anderen, in chronologischer Folge angeordneten Konvolute (die Gegenbriefe an Türmer bleiben dem Leser vorenthalten) zugleich den wichtigsten Handlungssträngen: In den Briefen an Johann schreitet die rasante Entwicklung des Jahres 1990 voran; Nicoletta erzählt Türmer seine Lebensgeschichte bis zur Wende, so daß sich beide Zeitebenen aufeinander zubewegen: Die Briefe an Nicoletta enden inhaltlich dort, wo die an Johann (und Vera) einsetzen, so daß der Roman in einer raffinierten Kreisbewegung zu seinem Anfang zurückläuft.

Der Jugendfreund wird vor allem über die allerneuesten Entwicklungen und Turbulenzen, über Illusionen und mitunter groteske Selbsttäuschungen bei dem von Türmer mitbegründeten "Altenburger Wochenblatt" auf dem laufenden gehalten, das aus dem örtlichen "Neuen Forum" hervorging. Der naive Glaube an die Macht des freien Wortes zerbricht, als die Bürgerrechtler gleich bei der ersten freien Wahl marginalisiert werden. Ebenso rasch bricht zwischen den Besitzern ein Kleinkrieg über die Richtung und den Grad der Kommerzialisierung aus. Schon bei der ersten Westreise verdreht ein protziger Anzeigenkunde den Neuredakteuren den Kopf, und nachdem ein leutseliger Chef vom Dienst den Amateuren erst einmal das Blattmachen erklärt hat, will sein Gießener Konzern das Unternehmen gleich komplett aufkaufen.

Das wäre noch am ehesten die Welt der "Simplen Stories" (wo sogar eine Figur für die gleiche Zeitung arbeitet), tauchte nicht bald eine schillernde Gestalt namens Clemens von Barrista auf, ein freiberuflicher Unternehmensberater, der den Azubi-Kapitalisten scheinbar ganz uneigennützig mit Geld und Erfahrung erfolgreich unter die Arme greift - am Ende macht sich Türmer gar mit einem reinen Anzeigenblatt selbständig, das, wie dem Vorwort zu entnehmen ist, später der Grundstock für sein Regionalzeitungsimperium werden sollte.

Dieser Barrista sprengt den realistischen Rahmen des Erzählgefüges. Er wirkt eher wie eine geheimnisvolle, dämonische Gestalt aus einem romantischen Märchen - er erinnert Türmer an einen "alten Kavalier", der "sein Deutsch bei Rilke und Hofmannsthal gelernt" hat -, eine Mischung aus Magier und Mephisto. ("Faust"-Anspielungen gibt es zahlreich.) Tatsächlich muß 1990 jemand, der alle kapitalistischen Tricks und Kniffe beherrschte, im Osten wie ein Zauberer gewirkt haben. Daß Barrista bald schon sämtliche Fäden in der Hand hält und auch Türmers Geschick mit sanfter Gewalt steuert, läßt allerdings - nicht nur wegen des Namens - auch an die Turmgesellschaft in Goethes "Wilhelm Meister" denken, die an den entscheidenden Kreuzungen auf den Helden Einfluß nimmt.

Schulzes Bildungsroman unter wildwestkapitalistischen Vorzeichen wird in den Briefen an Nicoletta um die Vorgeschichte ergänzt: Den Lehrjahren geht stets eine theatralische Sendung voraus. An sie richtet Türmer einen Bericht, besser eine Beichte über sein Leben vor der Wende, eine fortlaufende DDR-Autobiographie in Einzellieferungen, die sich zu einem Porträt des Mannes als junger Künstler rundet. Denn Türmer, der früher wie auch seine damalige Lebensgefährtin, die Schauspielerin Michaela, am Altenburger Theater arbeitete, sah sich heimlich als Schriftsteller. Während er in der Gegenwart unter Schmerzen lernt, wie man eine Zeitung macht und ein Kleinunternehmen führt, erinnert er sich in den Briefen an die ihm fast völlig fremde Frau an seine klischeehaften Visionen vom Künstlertum und dissidentischen Ruhm im Westen. Die dürftigen Resultate, in denen Schulze sein Talent zum literarischen Pastiche ausleben kann, sind im Anhang nachzulesen, der die auf den Briefrückseiten "zufällig", wie in E.T.A. Hoffmanns "Kater Murr" als "Makulaturblätter" überlieferten Jugendwerke Türmers versammelt.

In aller Offenheit beschreibt er die Geburt seiner Träume aus dem Geist jugendlicher Rebellion, die Hesse-Lektüren ("Die Kreuzschule, dieses dunkle Gemäuer, war mein Maulbronn"), die homoerotisch gefärbte Faszination für den älteren und kompromißloseren Klassenkamerad Johannes (den späteren Briefpartner), die Qual der NVA-Zeit - die ganzen, aus anderer Erinnerungsliteratur bekannten Gewissensnöte an den Scheidewegen in einer Loyalität fordernden Parteidiktatur. Das Theater wird zum Schutzraum dieses nach innen gekehrten Idealismus, dessen Stunde 1989 schlug: Türmer reist nach Leipzig zur Montags-Demo und hält in der Altenburger Kirche eine flammende Protestrede - seine Premiere und zugleich sein letzter Auftritt in der tragenden Rolle des Dichters als Sprachrohr des Volks. Nach dem Triumph wird Türmer erst einmal krank. Die Mauer fällt, die Vorstellung ist beendet. Wilhelm Meister wird nach dem Ende seiner Theaterträume Wundarzt, Türmer Unternehmer.

All das ruht natürlich auf autobiographischem Grund, Schulze leiht Türmer die Eckdaten seiner Biographie, auch die Erfahrungen mit der Zeitungsgründung in Altenburg machte er selbst. Doch versucht Schulze den inneren Zwang zur Auseinandersetzung mit seiner Lebensgeschichte in der DDR - der für manche Längen verantwortlich sein dürfte -, zu verschleiern, paradoxerweise dadurch, daß er sich selbst als pedantischen und besserwisserischen Herausgeber und Anmerkungsapparatschik fiktionalisiert und damit den autobiographischen Kurzschluß ad absurdum führt. So erklärt "Ingo Schulze" in einer Fußnote etwa, wer Wolfgang Hilbig ist! Auch wird immer wieder auf Widersprüche in Türmers Briefen hingewiesen, die der Autor zuvor selbst hineingebaut hat. Um die Täuschung perfekt zu machen, tauchen die Romanfiguren sogar in der Danksagung am Ende zwischen den Lektoren und Schriftstellerkollegen auf. Diese ganze Maschine dient nur dazu, die Ironiesignale zu liefern, die der Text selbst zuwenig enthält - zu seinem Glück, denn sonst hätten wir einen weiteren jener schelmisch-schmunzelnden und weitgehend verzichtbaren DDR-Wende-Sostießichdiemauerum-Schwarten. Doch ist das Versteckspiel vergebliche Liebesmüh', denn anders als in den kühl-beobachtenden "Stories" ist hier auf jeder Seite das heiße Herzblut des Autors spürbar - was für die Stärken und Schwächen des Buches gleichermaßen verantwortlich ist.

Die Form des Briefromans an sich überzeugt, denn sie gibt Schulze die erzähltechnische Rechtfertigung für die Unmittelbarkeit der Schilderungen; eine Rückschau könnte kaum den unschuldigen Blick bewahren. Wie der Schock der realen Begegnung mit dem sehnsuchtsvoll verklärten Westen geschildert wird, das gehört zu den großen Vorzügen des Romans. Großartig und sehr komisch etwa ist gleich zu Beginn eine Gruppenreise in die badische Partnerstadt Offenburg, wo der Besuch bei der Grünen-Fraktion in Peinlichkeiten endet: "Wisset ihr, was der Enrigo glaubd, was Kröhdesammle isch? . . . Jetzscht hond sie sich verrade!" Um dem Märchenhaft-Irrealen und dem Zauber nachzuspüren, der diesem Anfang auch innewohnte, ist die emphatische Form der Briefansprache ideal.

Zugleich ist die Intimität der Türmerschen confessio die deutlichste Absage an die öffentliche Funktion des Schriftstellers. Als private Erinnerung können die Märtyrergeschichten der Bürgerrechtler noch erzählt werden; ansonsten ist die Wende durch die medialen Bilder überlagert: Genscher in Ungarn; die Menschen auf der Mauer, Trabis im Tiergarten. Dennoch sind die Schilderungen von Angst und Mut und Hoffnung im Herbst '89 die zähesten des Buchs. Will man es wirklich so genau wissen? Und hat man das nicht so oder ähnlich schon Dutzende Male gelesen? Je länger sich diese Doku-Passagen hinziehen, desto mehr drängt sich der Verdacht auf, daß man mit dem Rubrum "Wenderoman" auf der falschen Fährte sein könnte, ja daß Schulze sich von vielem nur deshalb nicht trennen konnte, weil es eben selbsterlebt oder wenigstens selbsterfahren ist.

Warum denn wird das alles in hymnisch anhebenden Liebesbriefen an eine Frau verpackt, die offenbar kaum darauf reagiert, ja von der man annehmen muß, daß es ihr eher auf die Nerven geht? Von Nicoletta erfahren wir fast nichts; auch Türmer scheint sich für ihr Leben in der Bundesrepublik einen feuchten Kehricht zu interessieren. Forscht man dem Titel nach, so führt er noch auf eine ganz andere Fährte als den zum Klischee erstarrten biographischen Bruch der Ostdeutschen: "Vita nuova" nannte Dante Alighieri sein lyrisches Jugendwerk, in der in der Ich-Form die unerwiderte Liebe zu der fernen und idealisierten Beatrice besungen wird. Genauso ist Nicoletta reine Projektionsfläche für Türmers Imagination, die sich nicht zufällig (Enrico!) mit Italien verbindet. Die Liebe hat die Literatur als Vehikel zur Realitätsflucht abgelöst: War es zuvor der Alltag der DDR, der zur Flucht in die Kunst nötigte, so ist es jetzt die kapitalistische Geschäftswelt, vor der er - nomen est omen - "türmt". Nicht ohne jeweils im innerlich abgelehnten System weiter zu funktionieren.

Schulzes Briefkonvolut ist ein gewaltiges Camouflage-Unternehmen. Das neue Leben ist nur das gewendete alte. Auffällig ist die Bedeutung, die unterdrückte sexuelle Phantasien in Türmers Briefen einnehmen - mit Johann verbindet ihn eine homoerotische "Narziß und Goldmund"-Geschichte, mit seiner Schwester ein unklar bleibendes Inzest-Verhältnis. Hinter all den detailgenau beschriebenen Transaktionen ist in Wahrheit eine psychische Dynamik des Begehrens im Gange: Im eingemauerten Land fand sie ihr Ventil in Dissidenten-Träumen; nach der Wende, als die Lust am investigativen Journalismus über dem Zwang zur Anzeigenakquise vergeht, wird Türmer zum Unternehmer. Privat richtet sich die Libido auf die ferne Frau im Westen - und auf den schillernd-attraktiven Barrista. Daß dieser am Ende Türmers Lebensgefährtin Michaela gewinnt, verstärkt den Verdacht, daß Brautwerbung und Kapitalakkumulation den gleichen Gesetzen folgen.

Als Türmer auf Barristas Kosten eine Reise zu den Casinos Monte Carlos unternehmen darf, gewinnt er Tausende am Roulette-Tisch. Die Kugel scheint er nur mit der Kraft seines Willens zu lenken. Am Ende gewinnt Türmer auch das Herz - oder jedenfalls die Hand - von Nicoletta; eine Reise nach Rom (wohin sonst?) ist geplant. Aus dem Vorwort wissen wir, daß ihr Verhältnis fünf Jahre später endete: 1997 sei Türmer vor der Steuerfahndung geflohen und seither verschollen. Wenn Ingo Schulze in diesem Tempo weitermacht, gibt das noch Stoff für Jahrzehnte her. Diesen Roman, äußerst klug, über weite Passagen virtuos und doch leider hoffnungslos überfrachtet, mußte er wohl so schreiben. Nachdem er soviel Ballast abgeworfen hat, darf man nun darauf gespannt sein, in welcher Form sich einer unserer besten Erzähler wieder der Gegenwart zuwendet.

Ingo Schulze: "Neue Leben". Die Jugend Enrico Türmers in Briefen und Prosa. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Vorwort versehen von Ingo Schulze. Berlin Verlag, Berlin 2005. 794 S., geb., 24, - [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Ursula März bemüht den Begriff der "Wendejacke", um den jüngsten Roman von Ingo Schulz im Aufmacher der Buchmessenbeilage angemessen zu beschreiben, denn wie bei dem mittlerweile aus der Mode gekommenen Kleidungsstück hat auch in diesem Buch alles "zwei Seiten", erklärt sie. Man könne es als Darstellung historischer und biografischer Ereignisse lesen, gleichzeitig aber auch als "riesige Geschwätzmaschine", der man besser kein Wort glaubt, so die Rezensentin fasziniert. Es handelt sich in erster Linie um die Briefe eines gewissen Enrico Türmer an seine Schwester, seinen Freund Johann und an seine Verlobte Nicoletta. Türmers Biografie hat auffällige Ähnlichkeit mit der von Ingo Schulz, erklärt die Rezensentin. Diese in der ersten Hälfte des Jahres 1990 verfassten Briefe wiederum werden von einem Herausgeber publiziert und kommentiert, der sich als Ingo Schulz zu erkennen gibt, und der sich für den spurlos verschwundenen Türmer interessiert. Er hat dem Briefkonvolut auch noch einige literarische Werke Türmers beigelegt, die ihn als erfolglosen "Möchtegernschriftsteller" ausweisen, der sich an literarisch überkommenen Formen orientiert, so die Rezensentin, die aber versichert, dies alles klinge "komplizierter" als es sich lese. Das Buch ist ein "toller literarischer Coup", der mit "szenischem Humorismus" brilliert, "dramaturgisch tragfähig" ist und dabei auch noch Leichtigkeit ausstrahlt, schwärmt die Rezensentin. Es handelt davon, wie Osten und Westen sich selbst und gegenseitig "abhanden kamen" und erfindet für dieses nicht neue Sujet die Form des "polyvalenten, polymorphen Romans", womit Schulz schlechterdings ein "Geniestreich" gelungen ist, so März überwältigt.

© Perlentaucher Medien GmbH
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Besprechung von 18.10.2005
Diese Seele, schwarz und frei
Wie sich Verdienst und Glück verketten, das fällt den Toren niemals ein: Ingo Schulze schreibt einen Briefroman, findet den Geist der DDR und tauscht ihn in harte Währung - ein alchemistisches Wunderwerk
Von Thomas Steinfeld
Man täusche sich nicht. Dieses Buch ist kein Schmöker. Der Roman „Neue Leben”, das jüngste Werk des Berliner Schriftstellers Ingo Schulze, erzählt zwar ein Stück aus der jüngeren deutschen Vergangenheit. Aber es ist ein altes Buch. Es spielt zwar fast noch in der Gegenwart, an Orten, die man kennt, in Altenburg, Dresden, Jena und Berlin zu Beginn der neunziger Jahre. Aber es handelt von einem metaphysischen Verhängnis. Man kennt zwar die Welt, in der sich diese Geschichte ereignet, und es knallt noch eine Weile der Zweitaktmotor eines Wartburg durch die Gassen. Und doch hat der Teufel in diesem Werk einen großen Auftritt. Ein Buch von heute ist dieser Roman, für heutige Leser. Aber seine nächsten Verwandten heißen, literaturgeschichtlich betrachtet, „Grimms Märchen”, „Peter Schlemihls wundersame Geschichte” , die „Lebensansichten des Katers Murr” oder, ja auch, „Faust” und „Doktor Faustus”.
Der Roman „Neue Leben” erzählt die letzten Tage der Deutschen Demokratischen Republik, betrachtet aus einer ehemaligen Residenzstadt im Osten Thüringens. Die Mauer ist gefallen, die neue staatliche Einheit noch nicht geschaffen, und in dieser Zwischenzeit ist der Held, ein Dramaturg am Altenburger Theater, dabei, seinen Lebenstraum vom Künstlerdasein preiszugeben. Er wird Redakteur in einer neugegründeten Zeitung, dem Altenburger Wochenblatt, er lernt, wie man journalistisch schreibt, wie man eine Seite umbricht, wie man Geschäfte macht und beim Roulette in Monte Carlo gewinnt. Dann trennt er sich von diesem Journal, gibt die Ansprüche auf Kritik und gesellschaftliches Engagement auf - und gründet ein Anzeigenblatt, das zunächst offensichtlich ein großer Erfolg ist. Eine kleine Geschichte scheint das zu sein, eine auf wenige, mittelmäßige Gestalten reduzierte Erzählung aus der ostdeutschen Provinz, eine Marginalie zum Weltenlauf.
Doch man täusche sich nicht. Denn „Neue Leben” ist ein Buch der Verwandlung, und verwandelt wird hier mindestens ein ganzer Staat, und womöglich sind es auch zwei Staaten. Denn Altenburg, das Theater, seine Schauspieler, der Pfarrer, die Mutter, die Schwester, der blonde und der schwarze Polizist - all diese so genau und lebensnah geschilderten Gestalten dieses Romans sind nur die Figuren, an denen sich das Eigentliche vollzieht. Der glühende Kern der Geschichte ist die sich in kürzester Frist vollziehende Metamorphose einer Gesellschaft, in der persönliche Beziehungen, Reden, Worte unendlich wichtiger auch für das praktische Überleben gewesen sein müssen als die Zahlungsfähigkeit und der Besitz. Umgeschmolzen wird diese Gesellschaft, umgemodelt in eine andere, in der das Geld als Grundlage und womöglich auch Inhalt aller Beziehungen fungiert. „Neue Leben” ist das literarische Dokument, die poetische Verarbeitung dieser Wandlung, es ist ein Zeugnis ihrer gewaltigen Magie, ihrer zauberischen Kraft, ihres unwiderstehlichen Sogs. Und - dies sei gesagt, um dem kulturkritischen Missverständnis gleich vorzubeugen: Dieses Buch ist keine Klage. Im Gegenteil: Es ist fröhlich, spannend, heiter.
Und wie gezaubert wird in diesem Buch! Es erzählt die Geschichte vom Jüngling ohne Schatten, oder genauer: vom aufstrebenden Geschäftsmann, der einst von einem Leben als Dissident und Dichter träumte, seine neue Biographie aber als Fahrer eines amerikanischen Cabriolets und Unternehmer erhält. Es erzählt die Geschichte vom schreibenden Kater, der seine alltäglichen, kleinstädtischen Abenteuer auf verworfenen literarischen Werken festhält. Es erzählt die Geschichte vom Staunen, das sich einstellt, wenn jemand, der in der DDR aufgewachsen ist, ein leeres Restaurant betritt und auf der Stelle eine Speisekarte ganz für sich allein erhält - verbirgt sich darin nicht das Märchen vom „Tischlein-deck-dich”?
Und der Goldesel kommt vor, und ein inzestuöses „Brüderchen und Schwesterchen” hat seinen Auftritt, und die Siebenmeilenstiefel aus dem Reisbüro laufen in die große, weite Welt: All diese Märchen kommen vor, und die Zeitung spielt den „Knüppel-aus-dem-Sack”, den es braucht, um der Gerechtigkeit zum Triumph zu verhelfen, und der doch schon von vornherein korrumpiert ist, weil sich der Drang zum Recht dem Geschäftssinn verdankt und nur von ihm unterhalten und vorangetrieben wird.
Denn so verhält es sich mit den Märchen, mit den romantischen Motiven, mit der tiefen Verbeugung vor der deutschen Literatur des frühen neunzehnten Jahrhunderts: In „Neue Leben” sind sie nicht Zitat, nicht spielerische Aneignung poetischer Vergangenheit, sondern aus demselben Stoff gebildet, aus dem auch die Verwandlung selbst besteht. Der Seitenumbruch mittels Rechenscheibe, der Rabatt, das Faltdach im Cabriolet, die Provision, der Parkettfußboden, der Vorschuss, der Beleg, der angebissene Apfel auf dem Computer, die tausend und abertausend Momente des Alltags im Kapitalismus sind hinein- und hindurchgewoben durch das literarische Repertoire, und siehe da: Sie gehen, ohne lose Fäden zu hinterlassen, ineinander auf. Sie bilden ein dichtes Gewebe. Gewiss, hier und da erkennt man die Lehren des Karlsruher Philosophen Boris Groys, die Thesen, dass Urteile in unserer Gesellschaft nicht in Argumenten, sondern in Zahlungsakten vollzogen werden. Aber gleichviel: Mit offenem Mund, so überrascht wie erfreut, steht der Leser vor diesem Wunderwerk aus Philosophie des Geldes, romantischer Poesie und epischer Kraft.
Faust, ja, Faust. Gleich zu Beginn hat der Teufel einen Auftritt. Er kommt daher wie ein Zitat aus „Sympathy for the Devil” von den „Rolling Stones” und heißt Jan Steen, wie der niederländische Maler des siebzehnten Jahrhunderts, der sich ganz besonders auf die Darstellung von Teufeln verlegt hatte. Doch dieser Jan Steen ist potentieller Anzeigenkunde aus Offenburg in Baden und wedelt mit zwanzigtausend West-Mark „in cash”. Der eigentliche Satan aber heißt Clemens von Barrista und sieht ungefähr so aus wie einer der minderen Teufel in Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita”: „Riesige Glupschaugen, als blickte er durch einen Spion. Ein dunkler Schnauzer verdeckt notdürftig seine Hasenscharte und läßt, wie auch sein schwarzes Haar, die aknevernarbte Haut noch blasser wirken. Offenbar hat er sich mit seiner Erscheinung ausgesöhnt, von Unsicherheit - keine Spur . . . Über dem kleinen Kugelbauch spannt sich das weiße Hemd.” Freundlich, altmodisch, unendlich selbstsicher betrachtet dieser Herr die kleine Stadt Altenburg mit ihren schiefen Dächern, den zierlichen Häusern aus der Renaissance, dem Kopfsteinpflaster, und er weiß: Es wird alles, alles anders werden.
Clemens von Barristas Auftritte beleben den Roman. Angeblich (und, wie es sich weist: am Ende auch tatsächlich) nach Altenburg gekommen, um die Rückkehr seiner Hoheit, des Erbprinzen von Sachsen-Altenburg, vorzubereiten, ist er die Speerspitze des Kapitals. Er kennt den richtigen Anwalt, er ist der Souffleur der freien Marktwirtschaft, der den Helden zum Geschäftsmann ausbildet - wundert man sich noch, dass „Enrico” bald „Heinrich” heißt? -, er wird von einem einäugigen Wolf begleitet, und er nimmt seinem Zögling im richtigen Augenblick die Lebensgefährtin ab.
Ingo Schulze
Foto: Regina Schmeken
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