Eine Brücke aus Papier - Pasternak, Boris
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Briefe boten Boris Pasternak nahezu vierzig Jahre lang die einzige Möglichkeit, über geographische Grenzen und politische Systeme hinweg mit seiner Familie in Verbindung zu bleiben. Seine Eltern und die beiden Schwestern verließen Russland 1921, um für einige Zeit den nachrevolutionären Wirren zu entkommen. Boris und sein Bruder Alexander blieben in Moskau. Die Verhältnisse in der Sowjetunion ließen eine Rückkehr der Familie nicht zu; Eltern und Töchter blieben bis 1938 in Berlin und emigrierten dann nach England. 1939 starb die Mutter, 1945 der Vater. Auch seine Schwestern hat Boris Pasternak…mehr

Produktbeschreibung
Briefe boten Boris Pasternak nahezu vierzig Jahre lang die einzige Möglichkeit, über geographische Grenzen und politische Systeme hinweg mit seiner Familie in Verbindung zu bleiben. Seine Eltern und die beiden Schwestern verließen Russland 1921, um für einige Zeit den nachrevolutionären Wirren zu entkommen. Boris und sein Bruder Alexander blieben in Moskau. Die Verhältnisse in der Sowjetunion ließen eine Rückkehr der Familie nicht zu; Eltern und Töchter blieben bis 1938 in Berlin und emigrierten dann nach England. 1939 starb die Mutter, 1945 der Vater. Auch seine Schwestern hat Boris Pasternak zeitlebens nicht wieder gesehen.
Die Korrespondenz ist geprägt von der schwierigen, gefährlichen politischen Situation in der Sowjetunion. Doch die Atmosphäre der Nähe und Vertrautheit bleibt von der langen Trennung unberührt. Pasternaks literarisches Schaffen, sein Kunstbegriff, seine Suche nach Ausdrucksmöglichkeiten sind Themen, über die das Gespräch innerhalb der Familie mit immer wachsender Intensität geführt wird.
"Mit niemandem könnte ich mich über das Wichtigste besser und tiefer verständigen: über das Leben, die menschliche Erfahrung, über die Geschichte, die Kunst. - Manchmal glaube ich, wenn ich im Leben etwas gewählt habe und an etwas gearbeitet, wenn ich etwas werden wollte und bin, dann war das irgendwo in der Tiefe der Seele für Euch. Und jetzt seid Ihr nicht da, und für wen habe ich es ausgebildet?" (Boris Pasternak an seine Eltern, 19. März 1936)
  • Produktdetails
  • Verlag: S. Fischer
  • Originaltitel: Pisma k roditel'jam i sestram
  • 2000.
  • Seitenzahl: 511
  • Erscheinungstermin: 20. September 2000
  • Deutsch
  • Abmessung: 214mm x 138mm x 42mm
  • Gewicht: 720g
  • ISBN-13: 9783100605160
  • ISBN-10: 3100605160
  • Artikelnr.: 08848770
Autorenporträt
Sein (einziger) Roman "Doktor Schiwago" ist untrennbar mit Boris Leonidovich Pasternak (* Moskau 1890, † Peredelkino 1960) verbunden. Als er dafür 1958 den Nobelpreis für Literatur erhielt, akzeptierte Pasternak ihn kurz, um dann den Preis - unter Druck der Behörden - doch abzulehnen. Er fürchtete eine Ausbürgerung aus der damaligen Sowjetunion. Dennoch wurde Boris Pasternak aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und des Landesverrats bezichtigt. Pasternak wuchs in einer Künstlerfamilie auf - sein Vater illustrierte u. a. die Werke Leo Tolstois, seine Mutter Rosa Kaufmann war als Pianistin bekannt. Seine Liebe galt zeitlebens der Lyrik, hier besonders erwähnt seien die Gedichtbände "Meine Schwester, das Leben" (1922) oder "In den Frühzügen" (1943). In letzterem verarbeitete Boris Pasternak seine Kriegserlebnisse. Der verfilmte Welterfolg "Doktor Schiwago" beschreibt den Konflikt zwischen menschlichen Überzeugungen und der Realität im Sozialismus und ist auch als große Liebesgeschichte angelegt. Das Buch wurde in der Sowjetunion verboten und erschien erst nach Pasternaks Rehabilitierung 1987. Zwei Jahre später nahm Pasternaks Sohn für seinen Vater den Nobelpreis in Stockholm entgegen.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 14.11.2000

Schließt die Münder, rafft Hosen und Röcke
Die Familienkorrespondenz der Pasternaks / Von Ralph Dutli

Am 31. März 1929 schreibt der Maler Leonid Pasternak an seinen Sohn Boris in Moskau: "Wir müssen eine Familienchronik herausbringen . . . Was für eine Familie! Weiß Gott!" Die Pasternaks haben zwar keine Chronik geschaffen, aber sie haben sich Hunderte von Briefen geschrieben, überlange und stotternde kurze, zärtliche und zerknirschte, innige und zornige. Wenn man jetzt auch auf deutsch den Schatz dieser Familienkorrespondenz kennenlernen darf, wird der Leser mehr als einmal seufzen: Was für eine Familie!

Es war einmal eine assimilierte russisch-jüdische Künstlerfamilie, eine seltene Verbindung von hochbegabten Menschen mit verschiedensten Talenten. Die Mutter Rosalija, eine glänzende Pianistin, war das scheue und sensible Herz der Familie. "Mama selbst war Musik", schreibt die Tochter Josephina in ihren Erinnerungen. Der Vater war ein berühmter Maler, ein Freund Lew Tolstojs und Rilkes seit dessen Rußland-Reisen von 1899 und 1900. Er ist der von allen vier Kindern verehrte Künstler-Übervater. Noch 1926 wird der sechsunddreißigjährige Boris Pasternak, der spätere - verhinderte - Literatur-Nobelpreisträger, in einer autobiographischen Notiz festhalten: "Vieles, wenn nicht alles verdanke ich meinem Vater, dem Maler Leonid Ossipowitsch Pasternak, und meiner Mutter, einer vortrefflichen Pianistin."

Doch wie könnte es so viele hinreißende Briefe geben, wenn es nicht im Leben dieser Menschen eine fatale Trennung gegeben hätte. Es ist, als hätte die Familie Pasternak es auf sich genommen, die Zerrissenheit der russischen Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts zu verkörpern. Die Grenze zwischen der russischen Exilkultur und der sowjetisch drangsalierten "vaterländischen" Kultur verlief schmerzhaft mitten durch diese Familie. Vater, Mutter und die beiden Schwestern reisten im September 1921 nach Berlin aus, in jene geheime russische Hauptstadt mit ihren Zehntausenden von Emigranten, mit ihren zahlreichen künstlerischen Zirkeln, russischen Verlagen und Zeitungen. Der Vater sollte sich einer Augenoperation unterziehen, die beiden Töchter Josephina und Lidija wollten in Deutschland studieren, weil ihnen wegen ihrer "nichtproletarischen Herkunft" der Zugang zu sowjetischen Universitäten verwehrt wurde.

Der Berliner Aufenthalt war zunächst als vorübergehende Maßnahme gedacht. Die Pasternaks waren nicht die einzigen Wahl-Berliner, die abwarten wollten, bis das bolschewistische Abenteuerregime sich selber wieder aus der Geschichte befördern würde. Viele meinten damals, es könne nur ein paar Monate dauern. Der Oktoberumsturz und der russische Bürgerkrieg 1918 bis 1921 zwischen "Weißen" und "Roten" hatten die Menschen erschöpft mit Hunger und Kälte, Terror und Angst. Berlin war die wunderbar nahe gelegene Insel, die gerade noch den Blick auf das Festland, das Mutterland Rußland, erlaubte. Boris Pasternak wird ab August 1922 bei den Eltern und Schwestern in Deutschland sein, aber im März 1923 mit seiner ersten Ehefrau, der Malerin Jewgenija Lourié, nach Moskau zurückkehren - für immer. Auch sein Bruder Alexander, der Architekt, wird in der Sowjetunion leben. Die beiden Brüder sollten Eltern und Geschwister nie wiedersehen. Jahrzehntelang waren Briefe das einzige Mittel des Kontakts, ein fragiles Mittel, das Krisen und Abbrüche nicht ausschloß. Wie das schöne doppeldeutige Bild besagt: eine Brücke aus Papier.

Was unter diesem Titel vor dem deutschen Leser steht, ist ein gekürztes Konvolut der Familienkorrespondenz, die Boris Pasternaks Sohn aus erster Ehe Jewgenij und dessen Ehefrau Jelena versammelt und 1998 in zwei Bänden auf russisch im amerikanischen Stanford herausgebracht haben. Wie bei allen gekürzten Briefeditionen begegnet man ungern den eckigen Klammern, die die Aussparungen markieren, und groß ist manchmal die Neugier auf das, was die drei Auslassungspunkte verschweigen. Dennoch versteht man die Bemühung der Herausgeberin Johanna Renate Döring-Smirnow um eine einleuchtende Ökonomie des Wesentlichen und die Absicht, eine einbändige deutschsprachige Korrespondenz zu liefern. Man darf sich trotz aller Auslassungspunkte auf ihre umsichtige Editionsarbeit und die einfühlsame Übersetzung von Gabriele Leupold verlassen: Was sie in diesem fünfhundertseitigen Band präsentieren, ist noch immer ein unverhoffter Schatz von wertvollen Dokumenten.

Ganz natürlich liegt der Fokus auf den Briefen des berühmtesten der Pasternaks, des Dichters mit dem Vornamen Boris (1890 bis 1960). Gibt es genauere Belege für seinen wankelmütigen, sehr oft widersprüchlichen Charakter als diese Briefe an die Familie? Der himmelhoch jauchzende, zu Tode betrübte Dichter ist hier so lebendig gegenwärtig wie in wenigen anderen Dokumenten. Das Überschwengliche und Hochfliegende seines immer als "weich" bezeichneten Charakters spricht sich direkt aus wie nie, aber auch sein Hang zu Selbstzerknirschung, Zweifeln und Schuldgefühlen. In den Briefen finden sich Momente sich verströmender Großzügigkeit und Dankbarkeit, etwa wenn Boris aus Berlin die gewünschten Bücher nach Moskau geschickt bekommt und am 21. November 1921 an seine Schwestern schreibt: "Und jetzt: Sperrt die Münder auf. Jetzt kommt - eine Explosion. Jetzt kommt eine schreckliche Explosion der Dankbarkeit! O ihr Märtyrerinnen, Asketinnen! O Hosen, Stiefeletten, o Keller und Rabindranath! O meine Goldstücke! Und jetzt: Schließt die Münder und rafft Hosen und Röcke. Jetzt kommt eine Überschwemmung. Eine Überschwemmung der Rührung und des Staunens! Alles ist wundervoll, was du schreibst, Schonjurhinozeröslein, o nein, o mein Gott, o natürlich, nicht Nashorn, nein, Schonetschka, Schonetschka!" Jede Familienkorrespondenz enthält zwangsläufig viel Ungezwungenes, ja Albernes - und oft gehören gerade diese Seiten zu den anrührendsten und bewegendsten.

Aber auch der blinde Egoismus eines Künstlers, der alles seiner "Berufung" unterwerfen will und gleiches ganz selbstverständlich von seinen Mitmenschen und sogar von seinen Künstler-Eltern erwartet, wird hier beklemmend anschaulich ("Ich bin kein freier Mensch, sondern ein berufener", schreibt er am 7. Juni 1926). Immer wieder im Laufe der Jahre wird sich Pasternak als "Sklave" bezeichnen, als der "Unfreieste von allen". Sollten je "Briefe an den Vater" von Künstlern des zwanzigsten Jahrhunderts versammelt werden, müßten auch Boris Pasternaks stammelnde Episteln an seinen immerzu verehrten Künstlervater darin vorkommen: "Lieber, geliebter Papa, du Wunder von einem Papa!" (19. Februar 1925). Viele Krisen und Selbstzweifel Pasternaks werden durch die rückhaltlose Bewunderung seines Vaters noch akuter. Aber wie verständnis- und liebevoll dieser Künstlerpapa doch an seine Kinder schreiben konnte! Die Gestalt Rilkes ist immer wieder Gegenstand des Briefwechsels zwischen Vater und Sohn, eine geheime höchste Instanz: Kein Wunder, wird Boris Pasternak seinen autobiographischen "Geleitbrief" (1931) Rilkes Andenken widmen.

Trotz des tragischen Getrenntseins waren die Pasternaks eine starke, parodoxerweise intakte Familie, auch wenn schon in den zwanziger Jahren die familiäre Innigkeit und Vertrautheit schweren Prüfungen ausgesetzt war. Es wurde für den emigrierten Familienteil immer schwieriger, sich das Moskauer Leben vorzustellen, den zermürbenden Kampf um Wohnraum in der Enge der Kommunalwohnungen, das Gerenne um weniger versklavende Verdienstmöglichkeiten, den Kampf gegen die zunehmende geistige Öde und politische Lüge. Schon im September 1924 macht Moskau auf Boris Pasternak einen "höchstgradig verlogenen Eindruck", er "atmet Lüge, allgemeine und durchgängige Lüge". Die Depression lauert spürbar in vielen Briefen der zwanziger Jahre, das Gefühl dauernden Mißgeschicks: "In meinem Leben gibt es nur unerträglich absurde und vollkommen unerwartete Schlagbäume, die sich gewöhnlich im Moment des leichtesten und verheißungsvollsten Beginns vor meiner Nase senken. Ich schreibe Dir gerade in solch einer Barrikadenlandschaft" (am 31. Oktober 1924 an Josephina). Aber auch die in Moskau verbliebenen Söhne konnten die Schwierigkeiten der Emigranten nicht immer richtig einschätzen, unterschätzten wohl die Härte des Exils.

Das Leitmotiv einer problematischen Ehe ist auffällig in Boris Pasternaks Briefen. Am 15. März 1928 an die Schwester Lidija: "weil unsere ganze Epoche - eine einzige unglückliche Ehe ist, eine kolossale und verzehrende." Aber im Januar 1930 schreibt er: "Ich habe keine Geheimnisse vor der Zeit, sondern eine Affäre mit ihr, bin ein Teil von ihr." Die Bilder von Ehekrise und Ehebruch sind keine Zufälle. Zweimal zerbrechen die von Pasternak gegründeten Familien. Im Januar 1931 verläßt er seine erste Ehefrau und den kleinen Sohn Jewgenij, um mit Sinaida zu leben, der Tochter des von ihm verehrten Pianisten Heinrich Neuhaus. Sein Gedichtband "Zweite Geburt" von 1932 gilt in der Kritik als Zeugnis für Pasternaks Annahme der sowjetischen Wirklichkeit, er ist aber vor allem geprägt vom Jubel der neuen Liebe zu Sinaida Neuhaus.

Doch der ewige Zauderer Pasternak wird es nie schaffen, klare Schnitte zu führen. Vom Schuldgefühl zerrieben, stellt er sich Neuanfänge mit der verlassenen Familie vor. Am 8. März 1931: "Nach einer gewissen, wahrscheinlich langen Zeit werden wir uns wiedertreffen, und dann, so Gott will, beginnt unser volles gemeinsames Leben aufs neue." Anderthalb Jahrzehnte später wird sich die Situation wiederholen. Die Liebesbeziehung mit Olga Iwinskaja, dem Vorbild der "Lara" im Roman "Doktor Schiwago", wird auch die zweite Ehe ruinieren und ihn wiederum in peinigende Schuldgefühle und eine bizarre Doppelehe stürzen. Schon im September 1936 kündigt sich die Krise der zweiten Ehe an: "Früher oder später wird das irgendwie enden, eben in diesem Sommer hing alles an einem seidenen Faden. Ich wäre schrecklich gern allein. (. . .) Mit der Hölle im Herzen kann man nicht existieren und arbeiten."

Im Jahr 1935 kommt es beinahe zu einer Begegnung mit den Eltern. Pasternak war Mitglied der sowjetischen Delegation beim Pariser Schriftstellerkongreß für die Verteidigung der Kultur. Doch am 3. Juli 1935 schreibt er aus Paris an die Eltern in München: "Vergeßt mich eine Zeitlang." Auf der Rückreise wagt er nicht, den Eltern vor die Augen zu treten, so sehr war er in jenem Jahr gequält von Depressionen, Schlaflosigkeit, Erschöpfung. Und knapp zwei Wochen später aus Leningrad: "In Paris war ich im Zustand halben Wahnsinns. Aus diesem Albtraum konnte ich nichts Willentliches, Vernünftiges tun." Die Gelegenheit wird nicht wiederkommen. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten war das Leben der Pasternaks in Deutschland gefährdet, sie mußten eine erneute Emigration auf sich nehmen und gelangten schließlich 1938 nach London.

Vieles in dieser Zeit mußte in den Briefen chiffriert werden: "Wegen der Krankheit der Hauswirtin" (sprich: der unerträglich gewordenen Lebensumstände in Nazi-Deutschland) wurde auch eine Rückkehr nach Rußland erwogen. Doch auch dort war tragischerweise die "Hauswirtin krank". Für die Söhne in Moskau war es ein heikles Unterfangen, die unter starkem Heimweh leidenden Eltern von der Rückkehr nach Rußland abzuhalten. Es war die Zeit des stalinistischen "Säuberungs"-Terrors. Der erste Moskauer Schauprozeß von August 1936 machte allen Hoffnungen Pasternaks auf eine Liberalisierung zunichte. Nun mußte in den Briefen zwischen den Zeilen gelesen werden, doch die Andeutungen der Terror-Atmosphäre und verschlüsselte Warnungen wurden von den Eltern nicht immer verstanden. Zudem war das Briefeschreiben selbst gefährlich geworden wie nie: Eine Korrespondenz mit dem Ausland war gleichbedeutend mit Spionage. Wie vielfach bedroht war diese "Brücke aus Papier" zuzeiten!

Die Mutter starb zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, der Vater kurz nach Friedensschluß 1945. Es folgt eine Lücke des Schweigens zwischen den Moskauer Brüdern und den Oxforder Schwestern. Die Verbindung bricht ab, mit Ausnahme eines einzigen Briefes von 1948 - Pasternak übersetzte gerade Goethes "Faust". Erst im "Tauwetter" von 1956 unter Chruschtschow schreibt Pasternak erneut an seine Schwestern. Am 14. August 1956 spricht er von dem Roman, in dem er sein Hauptwerk sehen will. Zuerst die üblichen Selbstbezichtigungen ("reizlose, lang gezogene Passagen", "graue, effektlose Blässe der Übergänge"), doch dann die Euphorie: "ein großes Werk, ein Buch von gewaltiger, von Jahrhundertbedeutung". Wie üblich verwirft er im gleichen Atemzug seine frühere Lyrik als "futuristische Dummheiten", für die er heute bei vielen Kennern größeres Ansehen genießt als für den Roman.

Doch die Albträume waren nach Stalins Tod längst nicht ausgestanden. Die Affäre um die Publikation des "Doktor Schiwago" 1957 in Italien, die von staatlicher Seite erzwungene Ablehnung des Literatur-Nobelpreises von 1958 und eine infame Hetzkampagne gegen den Dichter - all diesen Widrigkeiten erlag Pasternak schließlich am 30. Mai 1960. Kurz vor der letzten schwierigen Zeit schreibt er noch einmal freudig und enthusiastisch an seine Schwestern. Er weiß, daß neue "unerwartete Schlagbäume" kommen werden, versucht noch einmal ihnen Gutes abzugewinnen: "So muß das Leben, nach meinem Verständnis und Geschmack sein - voller Hindernisse, die zu Heimlichkeit geneigt machen, zurückgezogen und schwer. (. . .) Es muß eine Tragödie der Fülle sein, eine Tragödie der Produktivität und des Glücks" (21. Oktober 1956 an Lidija Pasternak). Es ist, als hätte Pasternak damit auch die Geschichte dieser außergewöhnlichen Familie gemeint: eine Tragödie der Fülle und des Glücks - inmitten einer Barrikadenlandschaft.

Boris Pasternak: "Eine Brücke aus Papier". Die Familienkorrespondenz 1921 - 1960. Mitgeteilt von Jewgenij und Jelena Pasternak. Aus dem Russischen übersetzt von Gabriele Leupold. Nach der russischen Edition herausgegeben von Johanna Renate Döring-Smirnow. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2000. 512 S., geb., 88,- DM.

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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Schamma Schahadat preist diese Edition der Korrespondenz von Boris Pasternak mit seiner im Berliner Exil lebenden Familie als "faszinierenden Einblick" und lobt die "hervorragend kommentierte" deutsche Publikation. Die Briefe zeigten das höchst ambivalente Verhältnis von Pasternak zu seiner Familie, vor allem zum Vater, das zwischen "extrem enger Bindung" und Abgrenzungsbemühungen hin und her pendelte. Die späteren Briefe an die Schwestern, die nach dem Tod der Eltern geschrieben worden seien, drehten sich dann vor allem um sein Hauptwerk, den Doktor Schiwago.

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