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Mopsa Sternheim & Gottfried Benn: Die Obsession eines Lebens Eine Kindheit mit van Goghs an den Wänden und einem Vater, der seiner Tochter sexuell nachstellt. Eine Jugend zwischen Krieg und Frieden, Dresden und St. Moritz, Bodensee und Berlin, Morphiumsucht und Liebesfluchten. Ein Exil in Paris, das ernüchtert und vereinsamt. Ein Widerstand unter Einsatz von Leib und Leben. Und über allem, unter allem die Lyrik von Gottfried Benn und die Besessenheit von diesem Mann. "Wo er doch so dick und scheußlich ist." Ein Liebesdrama, in dem sich ein halbes Jahrhundert abbildet. Der lange Weg zu einer späten, erlösenden Entdeckung.…mehr

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Produktbeschreibung
Mopsa Sternheim & Gottfried Benn: Die Obsession eines Lebens Eine Kindheit mit van Goghs an den Wänden und einem Vater, der seiner Tochter sexuell nachstellt. Eine Jugend zwischen Krieg und Frieden, Dresden und St. Moritz, Bodensee und Berlin, Morphiumsucht und Liebesfluchten. Ein Exil in Paris, das ernüchtert und vereinsamt. Ein Widerstand unter Einsatz von Leib und Leben. Und über allem, unter allem die Lyrik von Gottfried Benn und die Besessenheit von diesem Mann. "Wo er doch so dick und scheußlich ist." Ein Liebesdrama, in dem sich ein halbes Jahrhundert abbildet. Der lange Weg zu einer späten, erlösenden Entdeckung.

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  • Produktdetails
  • Verlag: Hoffmann u Campe Vlg GmbH
  • Seitenzahl: 160
  • Erscheinungstermin: 17.03.2017
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783455814217
  • Artikelnr.: 47158417
Autorenporträt
Lea Singer wurde in Kunstgeschichte, Musik und Literaturwissenschaft promoviert. Sie arbeitet auch als Sachbuchautorin und Publizistin, lebt in München und hat einige hochgelobte Romane geschrieben: Mandelkern (2007), Konzert für die linke Hand (2008), Der Opernheld (2011), Verdis letzte Versuchung (2012) und zuletzt Anatomie der Wolken (2015).
Rezensionen
Besprechung von 04.04.2017
Eine lebenslange
Obsession
Der neue Roman von Lea Singer beschreibt die Liebe
von Dorothea „Mopsa“ Sternheim zu Gottfried Benn
VON SABINE REITHMAIER
Zumindest literarisch führt sie ein Doppelleben. Als Eva Gesine Baur hat sie fünf Kulturreiseführer, etliche gastrosophische Bücher und vier Biografien geschrieben – die fünfte über Marlene Dietrich erscheint Anfang Mai im Beck-Verlag. Als Lea Singer hat sie eben mit der „Poesie der Hörigkeit“ (Hoffmann und Campe) ihren elften Roman veröffentlicht. Das alles innerhalb von knapp 20 Jahren. Anscheinend arbeitet sie unentwegt. Die schlanke, schöne Frau in Jeans und kurzer schwarzer Lederjacke, die die Wohnungstür in Schwabing öffnet, sieht aber überhaupt nicht wie eine Dauer-Schreibtischsitzerin aus. Und sie findet auch gar nicht, dass sie besonders viel arbeite.
Das wirke nur so, weil sich die Parameter verschoben hätten, sagt sie. Im 18. Jahrhundert sei so ein Pensum völlig normal gewesen, sagt sie und verweist auf Schiller oder ihr Leitbild Mozart, über das sie 2014 eine lesenswerte Biografie geschrieben hat. „Der stand um 5 Uhr auf, ging reiten, dann kam der Friseur, und um 6 Uhr fing er an zu arbeiten.“ Eva Gesine Baur reitet nicht; dafür joggt sie 365 Tage im Jahr bei jedem Wetter fünf Kilometer. Der Friseur kommt nicht ins Haus, aber sie setzt sich im Morgengrauen an den Schreibtisch und bleibt dort bis in die Abendstunden. Wenn es die Abgabetermine erfordern, auch sieben Tage in der Woche. „Ich arbeite wie eine Maschine“, sagt sie und findet sogleich, das höre sich nicht sympathisch an.
Ablenkungen während des Schreibens schätzt sie nicht. Zum Recherchieren sucht sie Archive und Bibliotheken auf, „ich surfe nie im Netz“. Schreibblockaden sind ihr fremd, etwaige Krisen bewältigt sie mit Disziplin. „Gerade dann, wenn es nicht läuft, musst du sitzenbleiben wie festgeschmiedet.“ Und nicht in der – übrigens ästhetisch perfekt gestylten – Wohnung rumkramen. Das klinge schon wieder unsympathisch, konstatiert die 56-Jährige dann. Ihre Romane baut sie wie Gebäude anhand von Statik und Strukturen – „ich bin ein Architektenkind“. „Das läuft nicht einfach so dahin.“ Selbstzweifel bleiben ihr nicht erspart. „Die tosen dauernd durch mich“, sagt die promovierte Kunsthistorikerin, die Köchin gelernt und Gesang studiert hat. „Aber man darf nicht verzweifeln.“
Dass zwei Bücher so dicht aufeinander folgen, ist ein Betriebsunfall. Die Marlene war schon vergangenes Jahr geplant. „Aber da wurde mein Mann krank, das hat mich aus der Kurve getragen.“ Mal davon abgesehen, dass es auch unerwarteten Ärger mit Peter Riva gab, dem Enkel und Nachlassverwalter der Dietrich. Baur hatte ihre Biografie fast fertig, als sie von ihm noch wissen wollte, wie er sich zu der Behauptung stellt, seine Großmutter habe Selbstmord verübt, um nach einer Gehirnblutung nicht ins Pflegeheim zu müssen. Diese Darstellung, die Marlenes Sekretärin und Freundin Norma Bosquets vor 14 Jahren veröffentlichte, sei durchaus schlüssig, findet Baur. In einem Heim wäre die Dietrich der Öffentlichkeit ausgesetzt gewesen, ein Albtraum für die seit Jahren völlig zurückgezogen in Paris lebende Diva. Auf der anderen Seite passe Selbstmord nicht zum Charakter des Stars, „sie war doch so eine Durchhalterin“.
Den Enkel jedenfalls ärgerte die Frage sehr. „Bullshit“ schrieb er zornig zurück und untersagte Baur, aus den Briefen, die sie monatelang in Archiven erkundet hatte, zu zitieren. „Ich musste die Briefe also paraphrasieren oder nach Veröffentlichungen suchen, in denen sie bereits zitiert worden waren.“ Hölle pur, ein Kraftakt der Sonderklasse, der sie viele Nerven kostete.
Kraftakte absolvierte auch Dorothea „Mopsa“ Sternheim (1905 - 1954), die Hauptfigur in Lea Singers neuem Roman. Das kurze Leben dieser „unglaublich intelligenten, analytisch denkenden und betörend schönen Frau“ (Baur) war in jeder Hinsicht extrem. „Mich faszinierte die Fallhöhe: von ganz oben nach ganz unten.“ Und ihre lebenslange Obsession: Gottfried Benn.
Den Dichter lernte Mopsa als Zwölfjährige kennen. Mutter Thea gab sich der irrigen Hoffnung hin, Benn, Arzt für Geschlechtskrankheiten, könne ihren Mann, den Bühnenautor Carl Sternheim, von seiner Syphilis heilen. Dass ihre Tochter den sexuellen Nachstellungen ihres Erzeugers ausgesetzt war, nahm sie gelassen hin. „Vielleicht hat Mopsa in Benn den Vater gesucht, den sie nie hatte.“ Zeitlebens jedenfalls empfand sie die Beziehung zu dem Schriftsteller als starkes sinnstiftendes Moment ihres Lebens, blieb der Eindruck einer geistigen Verwandtschaft, einer „Art Gehirnvergiftung“.
Die intime Beziehung währte nur kurz, beschränkte sich 1926 auf wenige Monate. „Drollig ist, dass ich in all den Wochen, Monaten mit Benn wohl nie, persönlich, zu einem sexuellen Genuss gekommen bin“, notierte die junge Frau. Zum Finale schluckte sie 25 Veronal. Trotz ihrer Besessenheit idealisierte sie den Dichter nie, sah ihn gnadenlos kritisch. Dass Benn wusste, wie viel er Mopsa bedeutete, glaubt Eva Gesine Baur nicht. „Was es an Belegen gibt, taucht im Roman auf, ich habe die gesamte Korrespondenz durchwühlt.“
Die drogensüchtige Bühnenbildnerin, die schon 1933 vor den Nazis nach Paris auswich, wurde 1943 verhaftet und ins KZ Ravensbrück gebracht. Aufgrund ihrer Sprachkenntnisse setzte man sie erst im Lagerbüro ein, später im Krankenrevier; wo sie auch war, nutzte sie ihre Positionen, um anderen zu helfen. „Mörderisch und lebensgefährlich, was sie geleistet hat“ findet Baur. Die Beziehung zwischen Benn und Mopsa beschäftigt Baur seit sieben Jahren. Eigentlich plante sie, Mopsas Mutter Thea Sternheim in den Mittelpunkt des Romans zu stellen. Aber dann merkte sie, dass ihre Empathie der Tochter galt. „Ich kann nur über jemanden schreiben, den ich mag.“ Thea wäre zwar deutlich leichter zu fassen gewesen; von ihr existieren Tagebücher und auch der Briefwechsel mit Benn. „Aber mein Herz gehörte Mopsa“.
Deren Leben böte aufgrund der Fülle an Beziehungen und Freundschaften vermutlich noch genügend Stoff für weitere Romane. Lea Singer wird sie nicht schreiben. „Ich bin da nicht wirklich ökonomisch.“ Ihr Pseudonym legte sie sich 2002 zu, als sie den ersten Roman schrieb. „Ich bin ein arger Zweifler und war mir nicht sicher, ob ich das hinkriege.“ Im Falle eines Misserfolgs wäre Lea Singer einfach wieder verschwunden.
Mails unterschreibt sie manchmal mit Eglea, einer eleganten Verschmelzung der zwei Vornamen. „Ein kleiner Abklatsch von Aglaia“, sagt sie. Aus dem Griechischen übersetzt, bedeutet der Vorname Glanz, Pracht, Schönheit. So strahlend sei sie nicht. „Ich habe zu viele Sprünge, bin eher eine Tasse mit Rissen“, sagt sie. Und das klingt tatsächlich fast etwas kokett.
Lea Singer: Die Poesie der Hörigkeit (Hoffmann und Campe); Lesung am Dienstag, 4. April, 19 Uhr, Monacensia, Eingang Siebertstr. 2
Sie ist promovierte
Kunsthistorikerin, hat Köchin
gelernt und Gesang studiert
„Eigentlich bin ich ein Mensch des 18. Jahrhunderts“: Eva Gesine Baur alias Lea Singer.
Foto: Stephan rumpf
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 09.11.2017
Kinderfragen, Flammenwürfe

Versverführer mit Ekzem: Lea Singer erzählt im pointillistischen Stil von Gottfried Benn und seinen unglücklichen Verehrerinnen Thea und Mopsa Sternheim.

Sie hat über die Dreiecksbeziehung im Hause von Arnold Schönberg geschrieben, über die Begegnung des alten Goethe mit dem jungen Caspar David Friedrich, das Lebenswerk des Gourmet-Kritikers Grimod de La Reynière, die pornographische Kampagne gegen Marie-Antoinette und über einen Sommer im Leben von Max Reinhardt. Dazu Biographien über Chopin, Schikaneder, Mozart und Marlene Dietrich, Romane über die Liebe, außerdem Kulturreiseführer zu Salzburg, Venedig und Wien. Seit der Jahrtausendwende scheint kein Jahr zu vergehen, ohne dass Eva Gesine Baur unter ihrem Pseudonym Lea Singer ein neues populär-kulturhistorisches Buch veröffentlicht. Nie landet sie damit auf der ganz großen Bühne, aber ganz im Hintergrund bleibt sie auch nicht. Die studierte Kunst-, Literatur- und Musikwissenschaftlerin, die in den späten Achtzigerjahren das Kunstmagazin "Pan" mit herausgab, ist eine enorm fleißige und breit interessierte Publizistin. Mit geradezu kindlicher Neugier und überbordendem Elan widmet sie sich stets neuen historische Figuren, recherchiert deren Schicksalsdetails und bettet sie dann in schön ausgeschmückte Erzählräume und Dialoggewänder ein.

Dieses Jahr ist Gottfried Benn an der Reihe, der betörende Lyriker, dessen Gedichte einen unvergleichlichen Klang haben und auf viele (nicht alle!) eine nahezu magische Anziehungskraft ausüben. Gedichtzeilen wie "Einsamer nie als im August" oder "Ich trage dich wie eine Wunde auf meiner Stirn, die sich nicht schließt" haben für Benn-Bewunderer die Stellung von Einsetzungsworten. Einmal gehört, gehen sie nie mehr aus dem Kopf, bleiben für immer dort als Zauberformeln und lyrische Wegbegleiter durch eine herz- und stimmungslose Welt.

Singer widmet ihr Buch jedoch nicht in erster Linie dem Dichter Benn. Sie erzählt vor allem von der ungewöhnlichen Liebesleidenschaft zweier Benn-Verehrerinnen mit berühmtem Namen: Thea und Mopsa Sternheim, Frau und Tochter des Dramatikers Carl Sternheim. 1917 schaut der dichtende Militärarzt Dr. Benn die zwölfjährige Mopsa erstmals aus kalten Augen an, 1954 macht er in seinem Tageskalender ein Kreuz hinter ihren Namen. Dazwischen liegen 37 Jahre unerfüllter Liebe. Hoffnung, Aufbegehren, Verzweiflung - bei Mopsa. Bei Benn hingegen regt sich nichts. Er ist der berechnend Berührte, der sich die dreckgewohnten Hände lange und gründlich wäscht, um noch die letzten Spuren mitmenschlicher Begegnung abzustreifen. Ein Eisklotz mit hängenden Lidern - das linke noch ein klein wenig tiefer als das rechte -, der glasklare Sätze sagt und trotzdem undurchsichtig bleibt.

Mopsa verfällt ihm, ist bald vollkommen von ihm besessen. Wie ihre Mutter, Thea, die froh ist, als der pädophile Gatte endlich stirbt und sie den begehren kann, der unerreichbar erscheint. Benn - der die Frauen so wahllos nimmt wie seine Aufputschmittel, der noch im Trauerschwarz auf der Rückfahrt von der Beerdigung seiner frühverstorbenen Frau mit einer Opernsängerin anbandelt und Gedichte schreibt, die auf keine Berliner Hochschulwand passen: "Eine Frau ist etwas für eine Nacht/ Und wenn es schön war, noch für die nächste."

Mopsa geht trotzdem zu ihm, in seine Praxis in der Belle-Alliance-Straße, sie kann nicht anders, legt sich auf die Couch und lässt ihn machen, diesen dicklichen Mann mit Ekzemen auf der Brust und Kokain am Zeigefinger. Sein gerötetes Gesicht beugt sich über sie, aus den Poren strömt eine Mischung aus Kölnisch Wasser und Zigarettendunst. Aber später, als sie wiederkommt und ihm schwärmend von ihren Lebensplänen erzählen will, unverblümt vertraut mit ihm spricht, da räuspert sich Benn nur kurz und sagt schneidend wie ein Messer: "Ich finde dieses Du zwischen uns unangebracht. Eine derartige Beziehung berechtigt noch nicht zu Intimitäten."

Solche Szenen absoluter Kälte und Abweisung entwirft die Autorin mit wenigen Sätzen, im pointillistischen Stil. Das funktioniert da, wo sie Benn als teilnahmslose Projektionsfläche zeichnet, auf die die Frauen ihre Phantasien werfen, die seine Gedichte bei ihnen geweckt haben. Weniger gut gelingt Singer die Profilierung der beiden Frauen. Warum sie so lieben, wie sie lieben, was ihr Leben sonst auszeichnet, welchen Einfluss Krieg und Grausamkeit auf ihr Gemüt haben: Sowohl die psychologischen Nuancen als auch das Zeitkolorit bleiben seltsam schwach. Benns kurzer Kniefall vor den Nationalsozialisten wird ebenso schemenhaft-oberflächlich behandelt wie Mopsas Verschleppung und Misshandlung durch die Gestapo in Paris.

Singers Buch lebt allein vom spannungsvollen Widerspruch zwischen dem Menschen und dem Dichter Benn, dem "bösen, dicken Scheusal" auf der einen und dem unwiderstehlichen Versverführer auf der anderen Seite. Wie kann ein derart unbewegter Koloss, Zeilen von so inniger Schönheit und Traurigkeit schreiben? Wie vermag ein so kalter Knochen einen so warmen Ton zu treffen, der einen ganz umströmt und alles Böse vergessen lässt? Diese "Kinderfrage" durchzieht den ganzen, mit vielen kursiv gesetzten Gedichtzeilen und Briefausschnitten gespickten Text. Das mag in seiner sympathisch-handfesten Art der historischen Erzählung (die Gattungsbezeichnung "Roman" taugt hier einmal mehr nicht im Geringsten) ganz in Ordnung sein. Aber ein wenig einseitig und schablonenhaft wirkt das Ganze auf den Benn-Enthusiasten dann doch. Denn Benn war eben nicht nur ein "kalter, unbewegter Gott", der davon überzeugt war, dass "gute Regie besser als Treue" sei. Es stimmt nicht, dass Benns Stimme immer nur "fest und gleichgültig" war (davon geben nicht zuletzt seine Radiolesungen Zeugnis). Und auch nicht, dass er "Tränen grundsätzlich misstraute". Das passt nicht zusammen mit den Berichten über einen Mann, der tagelang weinend auf seinem Sofa lag. Unfähig, sich aufzuraffen, von der inneren Einsamkeit gebrochen, der Leere hilflos ausgesetzt. Benns Eis war brüchig und seine ängstlichen Träume verschwieg er nicht allen. Der Briefwechsel zwischen ihm und Friedrich Wilhelm Oelze, der im vergangenen Jahr erschienen ist (F.A.Z. vom 11. Juni 2016), gibt darüber eindrucksvoll Auskunft.

Aber Lea Singer schreibt ja nicht für die Historiker und auch nicht für die Benn-Besserwisser. Ihr Buch will das Drama vorführen, das entsteht, wenn junge Herzen gereimte Worte absolut nehmen. Wohin das führen kann, in welchen Abgrund, welche Seelenpein. Das Bild von der heulenden, morphiumsüchtigen Mopsa, die verzweifelt auf Post von dem "von allen Seiten unerreichbaren" Benn wartet, bleibt einem im Kopf. Aber wirklich ans Herz geht einem dann wieder nur der Vers, mit seinen schmerzenden Schwingungen, seinem duchdringenden Hall: "Ein Wort- ein Glanz, ein Flug ein Feuer / ein Flammenwurf, ein Sternenstrich - / und wieder Dunkel, ungeheuer, / im leeren Raum um Welt und Ich".

SIMON STRAUSS

Lea Singer: "Die Poesie der Hörigkeit". Roman.

Verlag Hoffmann und

Campe, Hamburg 2017.

221 S., geb., 20,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Als ein dichtes Zeitdokument - von der noch vom Dunst Nietzsches erfassten Jahrhundertwende über den Nationalsozialismus bis hin zum Wiederaufbau - glänzt dieser Roman durch seine leidenschaftliche Wucht und Tragik." Dr. Björn Hayer Straubinger Tagblatt, 03.04.2017

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Mit gemischten Gefühlen bespricht Rezensent Simon Strauss Lea Singers neues Werk. Zwar weiß der Kritiker den Fleiß und die "kindliche Neugier", mit der sie sich stets historischen Figuren annähere, durchaus zu schätzen: Dass sich Singer im nun vorliegenden Buch mehr auf die Benn-Verehrung des Mutter-Tochter-Gespanns Thea und Mopsa Sternheim als auf den Dichter selbst konzentriert, Benn dabei ein wenig eindimensional und schemenhaft erscheint, geht für Strauss durchaus in Ordnung: Singer gehe es eben mehr um das Herzensdrama als um Lektüre für Historiker und Benn-Liebhaber, meint er. Während dem Rezensenten auch die dahingetupften Szenen, in dem die Autorin die Fantasien der Frauen und Benns Abweisung schildert, gefallen, geraten ihm Psychologie und Zeithintergrund zu kurz. Und warum diese, wie er findet, "sympathisch"-solide historische Erzählung allerdings als Roman veröffentlicht wird, kann Strauss beim besten Willen nicht verstehen.

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