Die Leben der Elena Silber - Osang, Alexander
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Fünf Generationen zwischen Deutschland und Russland: Alexander Osang schreibt den Roman des 20. Jahrhunderts. Russland, Anfang des 20. Jahrhunderts. In einer kleinen Provinzstadt östlich von Moskau wird der Revolutionär Viktor Krasnow hingerichtet. Wie eine gewaltige Welle erfasst die Zeit in diesem Moment Viktors Tochter Lena. Sie heiratet den deutschen Textilingenieur Robert Silber und flieht mit diesem 1936 nach Berlin, als die politische Lage in der Sowjetunion gefährlich wird. In Schlesien überleben sie den Zweiten Weltkrieg, aber dann verschwindet Robert in den Wirren der Nachkriegszeit,…mehr

Produktbeschreibung
Fünf Generationen zwischen Deutschland und Russland: Alexander Osang schreibt den Roman des 20. Jahrhunderts.
Russland, Anfang des 20. Jahrhunderts. In einer kleinen Provinzstadt östlich von Moskau wird der Revolutionär Viktor Krasnow hingerichtet. Wie eine gewaltige Welle erfasst die Zeit in diesem Moment Viktors Tochter Lena. Sie heiratet den deutschen Textilingenieur Robert Silber und flieht mit diesem 1936 nach Berlin, als die politische Lage in der Sowjetunion gefährlich wird. In Schlesien überleben sie den Zweiten Weltkrieg, aber dann verschwindet Robert in den Wirren der Nachkriegszeit, und Elena muss ihre vier Töchter alleine durchbringen. Sie sollen den Weg weitergehen, den Elena begonnen hat zu gehen - hinaus aus einem zu engen Leben, weg vom Unglück. Doch stimmt diese Geschichte, wie Elena sie ihrer Familie immer wieder erzählt hat? Mehr als zwanzig Jahre nach Elenas Tod, macht sich ihr Enkel, der Filmemacher Konstantin Stein, auf den Weg nach Russland. Er will die Geschichte des Jahrhunderts und seiner Familie verstehen, um sich selbst zu verstehen.
  • Produktdetails
  • Verlag: S. Fischer
  • Artikelnr. des Verlages: 1023542
  • 3. Aufl.
  • Seitenzahl: 619
  • Erscheinungstermin: 14. August 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 218mm x 149mm x 40mm
  • Gewicht: 744g
  • ISBN-13: 9783103974232
  • ISBN-10: 310397423X
  • Artikelnr.: 56400582
Autorenporträt
Osang, Alexander
Alexander Osang, geboren 1962 in Berlin, studierte Journalistik in Leipzig und arbeitete nach der Wende als Chefreporter der Berliner Zeitung. Für seine Reportagen erhielt er mehrfach den Egon-Erwin-Kisch-Preis und den Theodor-Wolff-Preis. Alexander Osang schreibt heute für den 'Spiegel' aus Tel Aviv, davor lebte er in Berlin und acht Jahre lang in New York. Sein erster Roman 'die nachrichten' wurde verfilmt und mit zahlreichen Preisen, darunter dem Grimme-Preis, ausgezeichnet. Im S. Fischer Verlag und Fischer Taschenbuch Verlag sind darüber hinaus die Romane 'Comeback', 'Königstorkinder', 'Lennon ist tot' und 'Die Leben der Elena Silber' erschienen, die Reportagenbände 'Im nächsten Leben' und 'Neunundachtzig' sowie die Glossensammlung 'Berlin - New York'.Literaturpreise:Theodor-Wolff-Preis 1995Egon-Erwin-Kisch-Preis für die beste deutschsprachige Reportage 1993, 1999 und 2001Reporter des Jahres 2009TAGEWERK-Stipendium der »Guntram und Irene Rinke Stiftung« 2010
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Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Alexander Osang erzählt nicht nur seine Familienbiografie, sondern mit ihr auch ein Stück Russisch-Europäischer Kollektivgeschichte, erklärt Rezensent Christoph Diekmann. Dieses Stück Geschichte beginnt im Jahr 1905, mit dem Tag, an dem der Revolutionär Krasnow - Osangs Urgroßvater von Boten des Zaren ermordet wurde und eine Tochter Jelena - später Elena - allein zurückließ. Die Figuren und das Geschehen in Osangs Roman sind größtenteils historisch belegt, nur die Eltern des Erzählers sind fiktiv, weiß Diekmann, der Osangs durchaus erzählerisches Talent bescheinigt. Doch der alles in allem packende Roman hat für ihn auch Schwächen. Abgesehen von einigen inhaltlichen Redundanzen hätten auch ein paar der Nebenfiguren ohne Verlust gestrichen werden können, findet der Rezensent.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 08.10.2019

Tolstoi schreibt mittlerweile für Netflix
Die Nacht, als Lenin starb: Alexander Osangs Roman "Die Leben der Elena Silber" über die Geschichte einer russischen Großmutter

Alexander Osangs bislang persönlichster und größter Roman stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis, aber er läge wohl auch bei einem Wettbewerb um den spektakulärsten ersten Satz ziemlich weit vorne. "Sina Krasnowa schob die letzten Scheite in den Ofen, als sie draußen in der Stadt ihrem Mann einen Holzpfahl in die Brust schlugen." Das sitzt, das erinnert an die schrecklichsten Greuel von Dostojewski und Babel, und das verrät natürlich auch den vielfach preisgekrönten Journalisten.

Der da 1905 in Gorbatow, 400 Kilometer östlich von Moskau, wie ein Vampir gepfählt wird, ist Viktor Krasnow, Seiler, Revolutionär, Stammvater eines Geschlechts von biblischer Größe. Sina zeugte mit Viktor und später dann mit dem Strolch Alexander Petrowitsch fünf Kinder, darunter die titelgebende Jelena. Jelena, Elena, Lena - im Laufe ihres langen Lebens wird ihr Name immer kürzer - ist ein echtes Kind des zwanzigsten Jahrhunderts: Ihr Leben ist ein Ritt auf den Wellen der Weltgeschichte, "ganz oben, dort, wo der Schaum war", Flucht ist bei ihr Haltung und Lebensform. Sie erlebt in Russland die Pogrome des zaristischen Mobs, die Revolution und den stalinistischen Terror, 1935 geht sie mit ihrem Mann, dem Ingenieur Robert Silber, nach Deutschland und kommt vom Regen in die Traufe: Nazizeit, Krieg, Vertreibung, Paranoia. Die DDR und die Wiedervereinigung lassen sie (und den Leser) dann weitgehend kalt.

Auch Jelenas fünf Töchter repräsentieren Spielarten von Anpassung, Widerstand und Flucht. Lara, mit einem furchtbaren SED-Funktionär verheiratet, nimmt sich das Leben; Vera, Ärztin und "Stasinutte", wird Volkskammerabgeordnete. Katarina ist das schwarze Schaf, Maria, die zynische Möchtegern-Künstlerin, kujoniert in Pankow ihre Familie. Ihr Mann floh vor ihren Ansprüchen und dem Aufbau des Sozialismus in die Tierfilmerei und am Ende in die Demenz. Ihr Sohn Konstantin, Erzähler und unverkennbar ein Alter Ego seines Autors Osang, versucht sich ohne viel Talent und Fortune als Menschenfilmer.

Vieles in seinem Roman gehört zur Familienlegende, etwa der Märtyrertod des Urgroßvaters oder Baba Lena, die russische Großmutter. Osang begann erst nach ihrem Tod 1995 zu recherchieren; zweimal reiste er an Oka und Wolga, um die Kälte und Weite des Landes zu spüren. Manches von seiner "Reise zu den Dämonen meines Geschlechts" erschien bereits im "Spiegel", anderes wirkt auch jetzt noch wie eine journalistische Reportage: Fakten und Fiktionen, Erinnerungen und Lügen lassen sich im Nachhinein kaum noch trennen. Ursprünglich wollte Osang ein Sachbuch schreiben, aber dann wurde es doch ein Familienroman mit allen dichterischen Freiheiten. Eher unwahrscheinlich, dass Jelena sich dem Ingenieur aus Deutschland just "in der Nacht, als Lenin starb", zum ersten Mal hingab; aber solche Daten und Metaphern schlagen nun mal hohe Wellen und Schaum im Familiengedächtnis. "Traue den Geschichten nicht, die sie dir erzählen, Feuerköpfchen", warnt Jelenas Bruder, ein Sowjetmensch der ersten Stunde: "Die Menschen erinnern sich nur an das, was in ihre Lebensgeschichte passt."

Konstantin muss sich von seiner Mutter vorwerfen lassen, er habe "sein Thema noch nicht gefunden". Tatsächlich ist er als Sohn und Filmemacher gescheitert; sein Drehbuch für einen Filmessay über einen serbischen Tennisprofi, der mal auf Platz 250 der Juniorenweltrangliste stand und "Weltbürger wider Willen" war, überzeugt weder Mama noch den smarten Netflix-Producer: Tolstoi schriebe seinen "großen russischen Roman" heute für HBO oder Amazon. Alexander Osang aber hat sein Thema gefunden. Das Private ist in seiner Jahrhundert-Sippe immer schon politisch: Die Großmutter war Mütterchen Russland, Komsomol-Mitglied, Frau eines Nazis und Weltbürgerin wider Willen.

Die subjektive, durchaus narzisstische Verschränkung von Familien- und Weltgeschichte hat große Romane wie Jonathan Safran Foers "Alles ist erleuchtet" oder Eugen Ruges "In Zeiten des abnehmenden Lichts" hervorgebracht. Osangs historisch-biographischer Parforceritt über mehr als sechshundert Seiten gehört nicht unbedingt dazu. Er führt im Schweinsgalopp durch die russische Geschichte von den Rus bis zu Stalin, um dann wieder als träger, geschwätziger Erzählfluss durch die Niederungen deutscher Nachkriegszeit zu mäandern; die Gegenwart zwischen Seniorenheim und Prenzlauer Berg ermüdet dann nur noch. Die Silber-Schwestern sind Kratzbürsten, eifersüchtige Diven, schrille Exzentrikerinnen, aber Konstantin bleibt blass: ein emotions- und konturloser Nörgler, seltsam passiv und desorientiert. Der investigative Filmer wird nur hellhörig und aktiv, wenn er alte Legenden im Familienalbum in Frage stellen und neue, persönlich recherchierte Puzzlesteine einsetzen kann.

Ein rundes Bild ergibt sich daraus natürlich nicht, aber immerhin auch keine künstlich nachgedunkelte, sepiafarbene historische Fotografie mit Samowar und Schiwago-Schicksalsmelodien. Osang schreibt seinen großen russischen Roman für die Generation Netflix, sprunghaft, nicht chronologisch, mit vielen Zitaten aus Film- und Literaturgeschichte. Seine Sätze sind nach guter Reporterart kurz, prägnant und schlicht, und so behält man trotz des tolstoimäßigen Gewusels der Paschas und Maschas jederzeit den Überblick, auch dank profaner Hilfsmittel wie Personenregister, Stammbaum und Landkarte. Allerdings nur um den Preis von ständigen Wiederholungen und Redundanzen. Osang tritt nicht direkt als Figur in Erscheinung, aber er ist als Referent, Kommentator, Familienhistoriker und Filmquizmaster jederzeit präsent.

Beim Zuhören und Interviewen arbeitet er seinen "Rosenkranz aus Namen" und Ereignissen ab, und so springt sein "Familienexpress" nie aus dem Gleis. "Sie erzählte, ohne es zu wissen, die Geschichte des Jahrhunderts", heißt es einmal über einen minderen Autor, der Jelenas Lebensgeschichte ins Sinnhafte verfälscht. "Sie fand das Einzelne im Allgemeinen. Ein roher Diamant, den der Schriftsteller bereit war zu schleifen." Konstantin ist anders; er gibt seinen Zweifeln Raum und stellt die Wahrheit seines Erzählens ständig in Frage. Aber auch er stellt das abnehmende Licht der Männer nicht gerade unter den Scheffel: Frauen halten die Familie zusammen, aber Männer machen Geschichte und verschwinden dann meist spurlos. 1905 wurde Osangs Urgroßvater vom Lynchmob gepfählt. 112 Jahre später, beim Lokaltermin im Revolutionsmuseum von Gorbatow, erleidet sein Urenkel-Alter-Ego eine leichte Panikattacke, ein paar sentimentale Anwandlungen mit Vera und dem Popen und zieht beim dritten Wodka sein Fazit: "Man durfte sich nicht von den Zeiten treiben lassen, man musste sich in den Wind stellen."

MARTIN HALTER

Alexander Osang: "Die Leben der Elena Silber". Roman.

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2019. 624 S., geb., 24,- [Euro].

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Ein Stück Zeitgeschichte, das 'Spiegel'-Korrespondent Alexander Osang in Sprache gießt. Claudia Feser Hessische/Niedersächsische Allgemeine 20191204
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