Deutschland um 1900. Ein Porträt in Farbe - Lelonek, Karin
Zur Bildergalerie
150,00 €
versandkostenfrei*

inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
Bequeme Ratenzahlung möglich!
ab 7,32 € monatlich
0 °P sammeln

    Gebundenes Buch

Deutschland um 1900 - das anbrechende 20. Jahrhundert scheint es gut mit den Deutschen und dem Wilhelminischen Reich zu meinen. In den emporwuchernden Mietskasernen für das neue Industrieproletariat der Großstädte mag es gären, doch auf den Ringstraßen der Großstädte flaniert man stolz vor bürgerlichen Prunkbauten, die Wirtschaft floriert, Adel und Militär genießen uneingeschränktes Sozialprestige, und die Mehrheit der Bevölkerung verehrt den Kaiser und übt sich im Untertanengeist. Wilhelm II. liebt seine Dackel, die Marine und Weltmachtträume, die bis China reichen. In Übersee reifen die…mehr

Produktbeschreibung
Deutschland um 1900 - das anbrechende 20. Jahrhundert scheint es gut mit den Deutschen und dem Wilhelminischen Reich zu meinen. In den emporwuchernden Mietskasernen für das neue Industrieproletariat der Großstädte mag es gären, doch auf den Ringstraßen der Großstädte flaniert man stolz vor bürgerlichen Prunkbauten, die Wirtschaft floriert, Adel und Militär genießen uneingeschränktes Sozialprestige, und die Mehrheit der Bevölkerung verehrt den Kaiser und übt sich im Untertanengeist. Wilhelm II. liebt seine Dackel, die Marine und Weltmachtträume, die bis China reichen. In Übersee reifen die Kolonialwaren, der Rhein ist romantisch und Elsass-Lothringen deutsch. Auf den rund 800 Bildern dieses Bandes zeigt sich Deutschland überwiegend so, wie es sich gerne sah: selbstbewusst, glanzvoll, patriotisch, bodenständig, konservativ, aber auch fortschrittsgläubig und - wenn man es sich leisten konnte - mondän.

Wie schon bei dem TASCHEN-Bestseller An American Odyssey handelt es sich bei diesen Bildern um besonders schöne Beispiele für das historische Photochrom-Verfahren, eine Drucktechnik, die Schwarz-Weiß-Fotografien Farbe verlieh. Die Reise führt von den Lustschlössern Ludwigs II. in den bayerischen Alpen bis in die Seebäder an Nord- und Ostsee durch ein Deutschland, das gerade einen Modernisierungsschub vom Agrarstaat hin zum Industriestaat erlebt, aber noch stark seinen traditionellen Wurzeln verhaftet ist. Bilder von mittelalterlichen Städten, ländlichem Brauchtum und als erhaben wahrgenommenen Landschaften stehen so einträchtig neben Darstellungen technischer Neuerungen und moderner Gründerzeitboulevards. Das Porträt eines Landes im Aufbruch.
  • Produktdetails
  • Verlag: Taschen Verlag
  • Seitenzahl: 612
  • Erscheinungstermin: 10. November 2015
  • Deutsch, Englisch, Französisch
  • Abmessung: 465mm x 329mm x 91mm
  • Gewicht: 6685g
  • ISBN-13: 9783836537520
  • ISBN-10: 3836537524
  • Artikelnr.: 43890805
Autorenporträt
Lelonek, Karin
Die Kunsthistorikerin Karin Lelonek arbeitet als freie Kuratorin und Autorin für zahlreiche Museen und Kulturinstitutionen. Ihre Schwerpunkte sind Fotografie und Architektur des 20. Jahrhunderts.

Walter, Marc
Der Grafikdesigner, Fotograf und Sammler Marc Walter (1949-2018) hat sich auf alte Reisefotografien, vor allem Fotochrome, spezialisiert, von denen er eine der größten Sammlungen weltweit besaß. Er hat zahlreiche Bücher mit Bildern aus seiner Sammlung und eigenen Fotografien veröffentlicht.

Arqué, Sabine
Sabine Arqué ist Dokumentarin, Bildredakteurin und Autorin. Sie hat an zahlreichen Publikationen zu Reisethemen und zur Geschichte des Tourismus und der Fotografie mitgewirkt.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 23.04.2016

Am schönen blauen Rhein

Ein Bildband zeigt Deutschland um 1900 in Farbe. Auch das Rhein-Main-Gebiet ist mit etlichen Ansichten vertreten.

Die gute alte Zeit zeigt sich schwarzweiß. Die Farbfotografie hat schließlich erst während des Zweiten Weltkriegs entscheidende Fortschritte gemacht, also just in jenen Jahren, in denen jener helleren Ära ein brutales Ende bereitet wurde. So entstand ein Paradox: Die deutschen Städte, die grau in grau aus den Trümmern erstanden, wurden in Farbe präsentiert, während die bunte Vergangenheit nur in Grautönen überliefert war. Nach Jahrzehnten ist die Sentimentalität deshalb in Schwarzweiß getaucht.

Allerdings gab es schon früh Versuche von Fotografen, die Welt in ihrer ganzen Farbigkeit festzuhalten. Eine Technik war der Photochromdruck, bei dem ein Originalnegativ in mehreren Kopien für die unterschiedlichen Farben auf Lithographiesteine belichtet und dann auf Papier gedruckt wurde. Das Verfahren hatte Hans Jakob Schmid, Chefingenieur des Züricher Unternehmens Orell Füssli & Co., entwickelt. Es erfreut sich vor allem zwischen 1895 und 1914 international großer Beliebtheit.

Der gewaltige Bildband "Deutschland um 1900" aus dem Taschen Verlag zeigt nun eine Auswahl von Photochromen aus dieser Zeit, in der Deutschland zu einer der führenden Industrienationen wurde, in der die Städte in atemberaubendem Tempo wuchsen und sich der Alltag durch Erfindungen wie dem Automobil und der Elektrizität dramatisch wandelte. Doch das und die politische Aufgewühltheit der Epoche spiegeln sich in den Bildern allenfalls am Rande. Zu sehen ist ein Deutschland, das schon damals eher touristischer Idealtypus als erlebte Realität war. Die Sentimentalität, die Sehnsucht nach der heilen Welt sind keine Erfindung der Nachkriegszeit.

Die Farbgebung der Photochrome hat einen eigenartigen, ambivalenten Effekt auf den heutigen Betrachter. Wo sich der Strand von Sylt sandfarben und die Bäume des Wiesbadener Kurparks in sattem Grün präsentieren, fühlt er sich der Vergangenheit näher. Doch die mitunter etwas blasse und schematische Einfärbung einzelner Bilder sorgt gleichzeitig für einen Verfremdungseffekt. So blau, wie der Rhein vor Mainz gezeigt wird, dürfte er nie gewesen sein.

In dem Band sind Mainz, Wiesbaden, Frankfurt und Bad Homburg mit einer ganzen Reihe von Bildern vertreten, von denen eine Auswahl auf dieser Seite zu sehen ist. Der Frankfurter Römer ist sogar zweimal zu sehen, einmal vor der neugotischen Umgestaltung seiner ursprünglich schlichten Fassade zwischen 1896 und 1898 und einmal im Zustand danach, für den das Attribut "aufgemotzt" nicht übertrieben scheint. Auch an diesem Beispiel wird deutlich, wie sehr Geschichte seit jeher von der jeweiligen Gegenwart gemacht ist. Einen Beitrag zu aktuellen Debatten in Frankfurt kann auch das Bild von Roßmarkt und Goetheplatz leisten, die schon um 1900 weitgehend steinern waren und mit eher mickrigen Bäumen bestanden.

Was Wiesbaden angeht, erinnert der Band dagegen daran, wie prächtig sich das Bowling Green einst präsentierte, das heute eher schlicht daherkommt. Und wie schön Mainz einst vom Rhein aus anzuschauen war! Man darf vielleicht schon ein wenig sentimental werden auf dieser Deutschlandreise über gut 600 Seiten.

ale.

"Deutschland um 1900. Ein Porträt in Farbe", herausgegeben von Marc Walter und Sabine Arqué, mit Texten von Karin Lelonek. Taschen Verlag, Köln 2015. 612 Seiten, gebunden, 150 Euro.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur WELT-Rezension

Marc Reichwein ertappt sich beim Durchblättern des zentnerschweren Bildbands "Deutschland um 1900" beim Gedanken, dass Deutschland so hätte aussehen können ohne Hitler, Krieg und Bomben. So, das heißt: wie "Postkartendeutschland", verrät der Rezensent. Denn die Bilder, die damals im Photochrom-Flachdruckverfahren entstanden sind, das zwar etwas blass wirkt, aber viele Farbnuancen umfasst, die Bilder dienten hauptsächlich als Motive für Ansichtskarten, mit denen die Erfinder des Photochrom, Hans Jakob Schmid und die Firma Orell Füssli, ihr Geld verdienten, erklärt Reichwein. Jenseits der Heile-Welt-Fantasien bleiben aber noch genug interessante historische Details, um das Buch auch auf den zweiten Blick noch interessant zu machen, verspricht der Rezensent.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Blühende Landschaften, herrschaftliche Städte in einer nie gesehenen Farbenpracht. Deutschland um 1900 sieht aus wie ein glückliches Land... Wenn es je so etwas gegeben hat wie die 'gute, alte Zeit', dann kann man sie hier besichtigen."