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" Marie-Luise Scherer kann alles." (Gustav Seibt). In dieser literarischen Reportage zeigt sich Scherer auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Sie heftet sich darin an die Fersen eines in der Berliner U-Bahn spielenden Musikers aus der Ukraine, der mit dem wenigen Geld, das ihm die Passanten zuwerfen, seine Frau und die drei gemeinsamen Kinder in der fernen Heimat ernährt. Die 2004 erstmals veröffentlichte Geschichte - das Bravourstück von Scherers hochverdichteter, einzigartiger Prosa - entfaltet ein "detailreiches Panorama von Globalisierung, Ost-West-Beziehungen, Berliner Schnauze,…mehr

Produktbeschreibung
" Marie-Luise Scherer kann alles." (Gustav Seibt). In dieser literarischen Reportage zeigt sich Scherer auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Sie heftet sich darin an die Fersen eines in der Berliner U-Bahn spielenden Musikers aus der Ukraine, der mit dem wenigen Geld, das ihm die Passanten zuwerfen, seine Frau und die drei gemeinsamen Kinder in der fernen Heimat ernährt. Die 2004 erstmals veröffentlichte Geschichte - das Bravourstück von Scherers hochverdichteter, einzigartiger Prosa - entfaltet ein "detailreiches Panorama von Globalisierung, Ost-West-Beziehungen, Berliner Schnauze, postsowjetischem
Eisenbahnwesen und reichlich Tolstoj" ( Ulrich Stock, Die Zeit). Der Akkordeonspieler bietet damit eine intime Innenansicht der Migration und ist heute aktueller denn je.
  • Produktdetails
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin
  • Seitenzahl: 141
  • 2017
  • Ausstattung/Bilder: 2017. 142 S. 185 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 183mm x 113mm x 17mm
  • Gewicht: 189g
  • ISBN-13: 9783957573254
  • ISBN-10: 3957573254
  • Best.Nr.: 47080213
Autorenporträt
Marie-Luise Scherer, geboren 1938 in Saarbrücken, war über zwanzig Jahre lang Autorin beim "Spiegel', der sich ihre Langsamkeit erlaubte und die meisten ihrer Geschichten druckte. Sie wurde 1994 mit dem "Ludwig-Börne-Preis" ausgezeichnet und 2008 erhielt sie den "Italo Svevo Preis". 2015 bekam sie den Samuel-Bogumil-Linde-Preis verliehen.
Rezensionen
Besprechung von 05.06.2004
Sanft schwermütige Jägerin der verlorenen Wahrheit
Mit Falke, Hund und zarter Empirie: Nicht das Leben, sondern Marie-Luise Scherer schreibt die besten Geschichten, wie ihr neues Buch beweist

Für avantgardistische Literaturtheorie sind "wahre Geschichten" ein Ding der Unmöglichkeit, allenfalls als ironisches Stilmittel geht ihr die Bezeichnung noch an. Der Erzähler als Anwalt der sozialen Realität im Angesicht der Begebenheiten ist nur noch eine anachronistische rhetorische Figur. Dem neugierigen Leser aber konnte das Bedürfnis nach Anschauung des realen Raums als Mitwelt, als Schauplatz des Umgehens mit Menschen und Dingen, nie ausgetrieben werden. Unter der Bedrängnis grenzenloser Virtualität und Medialität erscheint ihm die Anwesenheit eines Berichterstatters vor Ort mehr denn je als vertrauensbildende Maßnahme. Nicht nur deshalb wirken selbst die ältesten Geschichten der ehemaligen "Spiegel"-Reporterin Marie-Luise Scherer unvermindert frisch und spannend. Gerade unter gewandelten Umständen erweist sich die Qualität ihrer antizipatorischen Beobachtungsgabe. Wenn sie im Porträt des "RAF-Anwalts Otto Schily" schreibt, er verfüge über "jene Dosis an sozialen Vorgaben, die es ihm erspart, später unter sozialen Beweisdruck zu geraten", so erkennt der Leser wie schockhaft den heutigen Innenminister.

Als Person tritt die Reporterin selbst selten in Erscheinung; auch wo sie "ich" sagt, ist sie nur im Unterschiedenen und im Reflex der erzählten Gegenstände anwesend. Vielfach erzählt sie auch nicht selbst, sondern stiftet Aussprache. Da dürfen Frau Hertig oder Frau Wockenfuß alles loswerden, was sie der Menschheit immer schon mitteilen wollten. Das aber ist keine Bescheidenheit der Chronistin. Bei aller Zurückhaltung läßt ihre immanente Präsenz keinen Zweifel, daß nicht das Leben die besten Geschichten schreibt, sondern Marie-Luise Scherer. Ihre Reportagen berichten weder vom Leben, wie es eben ist, noch zelebrieren sie den Gestus des Enthüllens. Nie wollen sie vergessen machen, daß die Wahrnehmung der Wirklichkeit nur als gestaltete Sprache ins Erleben des Lesers gelangt. Zum harten Faktum hält sich diese artistische Berichterstatterin in vorsichtiger Distanz. Zarte Empirie bleibt ihre Methode auch da, wo sie die schauerlichsten Begebenheiten abhandelt. Wie scheu scheint ihr Blick die Hauptsachen der Lebenswelt nur im Augenwinkel zu streifen, die Aufmerksamkeit des Lesers wird von den Rändern her erregt, auf daß er das aufblitzende Detail der Beobachtung um so schärfer als Signatur der Zeit ins Auge fasse.

Mit ihren berühmten ersten Sätzen, die vermutlich unendliche Mühe kosten, steckt Marie-Luise Scherer den Begebenheiten ihre Position im Kontinuum von Raum und Zeit ab. "Das Kottbusser Tor ist kein Ort, an dem die Leute in Übergangsmänteln herumlaufen, wenn der Winter vorbei ist. Das bißchen Sonne im April legte gleich die Oberarmtätowierungen der Punker frei. Die türkischen Männer hielten nicht mehr frierend das Jackett vor der Brust zusammen und gingen wieder aufrecht." Der reale Raum wird in solchem Bewegungsstil als Schauplatz des Wandels vergegenwärtigt, Zeit wird in den Dingen sinnfällig. "Der unheimliche Ort Berlin" erschließt sich wie in den Kriminalgeschichten Edgar Allen Poes in einer Spannung zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, zwischen scharf in den Blick genommenem Detail und der Flüchtigkeit und Wandelbarkeit seiner Bedeutung. Nicht das gerichtsnotorische Faktum oder die Schilderung grauenhafter Anblicke machen die Geschichte des in Berlin umgekommenen westdeutschen Mädchens unheimlich, sondern eine zwar raumzeitlich detaillierte, gleichwohl unbestimmte und oft doppelt vermittelte Darstellung des Reflexes in Dingen und Mienen: "Die in grünes Gummi gekleideten Männer, die am 27. September 1985, freitags, die Überreste der Rogge auf einer Bahre aus den Höfen trugen, mußten für Dieter etwas einmalig Schreckliches gesehen haben." Der Teppich, in den die Leiche eingewickelt war, wird erst in seiner funktionalen Uneindeutigkeit zum dämonisch leuchtenden Requisit einer sozialen Sphäre, die aus den Fugen ist.

Immer wieder sind es transistorische Bilder und Gesten der vergehenden Zeit, in denen Dinge und Menschen kenntlich werden. "Mademoiselle Iona Seigaresco hatte es eilig, eine alte Frau zu werden. Sie trug einen kleinen braunen Filzhut, den sie sich, ohne das Echo ihres Garderobenspiegels zu beachten, einfach überstülpte." In der Tradition Walter Benjamins ist Marie-Luise Scherer eine Physiognomikerin der Dingwelt, wie jener hat sie ihre Methode auch an den flüchtigen Erscheinungen der Kleidermode geschult. Sie entziffert die Erscheinung ihrer Zeit in der Veränderung, aber sie weiß um das Immergleiche hinter der Inszenierung. So fügen sich ihre Beschreibungen häufig wie unversehens zu barocken Bildern der Vergänglichkeit und Vergeblichkeit. "In seiner anspruchsvollsten Drapierung bildet der Schal einen Blütenkelch. Zyklamrot und sehr halsfern liegt er dann mit dem Gestus verwelkender Außenblätter auf dem Mantel und zwingt den Kopf seines Trägers in die Rolle der Mittelknospe."

Nicht selten läßt sich in den Geschichten ein elegischer Überdruß am Menschenwesen und der Schrecken der Langeweile erahnen, der sich aber wie schadenfreudig Luft machen kann in der kleinen kuriosen Sensation. "Dann freut sich jeder über einen Zwischenfall wie diesen: Im Hotel Inter-Continental an der Rue de Castiglione, Ecke Rue de Rivoli, in dem viele Modeleute wohnen, wurde die Suite eines Scheichs von einem Jagdfalken zerhackt." Der Falke eignet sich auch als Wappentier ihrer verhalten destruktiven kritischen Methode: ruhiges Kreisen über den Gegenständen, um im richtigen Moment herabzustoßen. Wollte ein Maler Marie-Luise Scherer, Dürers "melencolia I" ähnlich, als Allegorie der Reportage darstellen, so gehörte neben dem Vogel auch der Hund an die Seite dieser sanft schwermütigen Jägerin der verlorenen Wahrheit. Denn die Momente des gerührten Erzählens gehören unverkennbar dem Tier: Wie Bulgakows Medizinprofessor scheint auch der Reporterin der Hund "angenehmer" zu sein "als der Neue Mensch". Das Schreibgerät aber würde auf dem Bild vielleicht ungenutzt herumliegen, denn Marie-Luise Scherer schreibt bekanntlich quälend langsam.

So wirkt auch die Widmung des Buches wie eine Inschrift auf einem Gedenkstein: "Ich danke dem SPIEGEL / für die guten Arbeitsbedingungen, / die er mir eingeräumt hat. / Marie-Luise Scherer." Das klingt wie Eingedenken ferner Zeit, in der es noch Inseln der Langsamkeit gab. Aber auch das beginnt zu schillern, vielleicht ist ein wenig Trauer um verlorene Bindung dabei. So viel Zeit und Raum ihr das Blatt auch ließ, irgendwann wird sie sich in der Pflicht gefühlt haben, etwas von begrenztem Umfang einzuliefern. Das letzte Jahrzehnt ist in der Sammlung nur mit der Titelerzählung vertreten, und die ist hundertdreißig Seiten lang. Die Erzählerin scheint sich hier ungehemmt die Abschweifungen zu gestatten, die bei aller Freiheit zu "Spiegel"-Zeiten begrenzt gewesen sein müssen. Der Leser ahnt, was die Reporterin seinerzeit alles gestrichen hat.

Die Geschichte des Akkordeonspielers Vladimir Alexandrowitsch Kolenko aus der kaukasischen Stadt Essentuki, der nach Berlin kommt, tendiert zur epischen Breite des russischen Gesellschaftsromans samt seinem mythopoetischen Hintergrund. In dieser Raumtiefe treibt der Bewegungsstil Blüten eines grotesken Realismus hervor. "Am Puschkin-Denkmal war der Schnee noch kaum zertreten. Die Sonne schien, und das nadelige Glitzern blendete. Im Gegenlicht die Silhouette einer Frau in schwingendem, kniekurzem Mantel, zwei Drittel der Gestalt bestand aus Beinen. Karbatin erwartete schon halb betört ihr Näherkommen." Solchen Beschreibungen scheint Klassizität zu eignen, indem sie Goethes Theorie des fruchtbaren Augenblicks und der schönen menschlichen Gestalt als dem würdigsten Gegenstand der Kunst verwirklichen. Ihr zufolge soll ein gelungenes Bildwerk auf Vorausgegangenes wie Folgendes hindeuten. Aber die Zeiten des Schönen scheinen vorbei, die Erwartung bricht komisch ab: "Kurzum, ihr Schmollmund vergällte ihm die Schönheit." Nicht zufällig aber spielt die Szene am Puschkin-Denkmal, denn Marie-Luise Scherer gibt sich in diesem Band als ironisch-melancholische Erbin des Vermögens der sozialkritischen europäischen Erzählkunst zu erkennen.

Marie-Luise Scherer: "Der Akkordeonspieler". Wahre Geschichten aus vier Jahrzehnten. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2004. 408 S., geb., 27,50 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 02.04.2004

Es ist wie es ist
Prunkvoll schmerzhaft: Marie-Luise Scherers großartige Reportagen
Die Reportage, historisch entstanden aus dem Reisebericht, ist bis heute die literarisch anspruchsvollste journalistische Form. Zugleich zählt sie neben dem Leitartikel und der Buchrezension zu den ausgeschriebensten Genres der Presse. Dabei schadet die Routine des täglichen Zeitungsmachens ihr mehr als ihren reflexiveren, nüchterneren Geschwistern. Gemeint und geurteilt ist schnell – fast so schnell wie berichtet und gemeldet. Doch wenn die Reportage zur Fabrikware im journalistischen Alltag gerät, dann wird sie, jedenfalls für ein empfindliches Sensorium, schnell nicht einfach mittelmäßig, sondern unerträglich.
Ein Reporter betritt eine fremde Lebenswelt, hört sich um, sammelt Eindrücke, macht eine Geschichte daraus. Er lässt Menschen mit direkter Rede auftreten und möbliert ihren Hintergrund; am Ende wird eine exemplarische Kurzgeschichte zu einem brennenden Thema daraus. Die Gefahren dieses Verfahrens liegen auf der Hand: das literarisch Vorgestanzte, die schlecht verhohlene Verallgemeinerung unter der sich konkret nur gebenden Anschauung, die Selbstinszenierung des Reporters, der allzu oft bereits vorher ahnt, was er erleben wird.
Der schlimmste Feind der Reportage ist der Moralismus. Wir alle kennen diese Texte, in denen ein Korrespondent irgendein Problemgebiet der Gesellschaft betritt, den arbeitslosen Kiez, die verödete Landschaft und die dort lebenden Bewohner mit ihren begreiflichen Sorgen und ihrer bedauerlichen Fremdenfeindlichkeit abschildert – alles unter einem bleiernen Himmel über bröckelnden Fassaden. Beim Lesen fragt man sich, was abstoßender ist: die Verständnisinnigkeit oder die Selbstgerechtigkeit.
Kaum weniger enervieren jene Stadtreportagen, die in Wirklichkeit Feuilletons sind. Diese Kunstform hat bedeutende Ahnen, Kerr, Tucholsky, Joseph Roth, Franz Hessel. Aber kaum einer ist Kerr oder Roth. Trotzdem müssen wir, seit Berlin erneut Hauptstadt ist, wieder vermehrt an jenem Zusammenstoß geistreicher Köpfe mit ihrer urbanen Umwelt teilnehmen, bei dem wir alles über die Köpfe und nichts über die Stadt erfahren. Die Wirklichkeit dient hier als Denkanstoß. Da aber interessantes Denken ungefähr so selten ist wie große Kunst, wünschte man zuweilen, das Denken wäre gar nicht erst in Gang gekommen.
Besprechungstechnisch gesehen ist dieser lange Anflug auf ein Buch, das der Rezensent energisch rühmen will, ein Desaster. Denn auch der Rezensent sollte sich dienend verhalten und sich nicht mit eigenen Theoremen vordrängen. Doch der entflammte Redakteur hatte ihm gesagt: „Machen Sie die Scherer groß, auch als literaturpolitisches Signal.” Hiermit legt der Rezensent die Unterarme auf die Orgeltastatur und verkündigt: Marie-Luise Scherers neuer Reportagenband „Der Akkordeonspieler” ist bedeutende Literatur. Und er zeigt, was diese journalistische Kunstform immer noch kann. Er ist beeindruckend bis zum Gruseligen und bezwingend unterhaltsam.
Scherer ist berühmt für ihre sparsame Produktion. Dies ermöglicht ihr jene Langsamkeit der Arbeit, welche die materielle Bedingung ihrer einzigartigen Reportagen darstellt. Sie sammelt nicht einfach Eindrücke; sie versinkt in fremdem Leben, sie geht mit Haut und Haar darin auf. Nichts scheint von ihrer eigenen Subjektivität übrig zu bleiben, außer einer übermäßig gesteigerten Empfindsamkeit, die noch beim Lesen fast schmerzhaft berührt. Der Tonfall ist völlig unfeuilletonistisch, er ist geprägt von einer fast unpersönlichen Allwissenheit, die sich in einem allerdings zuweilen prunkvoll pathetischen Feststellungsduktus ausspricht. Hier redet die Welt selbst.
„Das Kottbusser Tor ist kein Ort, an dem die Leute in Übergangsmänteln herumlaufen, wenn der Winter vorbei ist. Das bißchen Sonne im April legte gleich die Oberarmtätowierungen der Punker frei.” „Mittags bringen zwei Juwelenwächter von Cartier die Perlen der Herzogin von Guermantes und Monsieur Swanns oblatenhafte, achteckige Taschenuhr in das zwanzig Kilometer vor Paris gelegene Schloss Champs-sur-Marne.” Das sind Anfangssätze von Scherer, die ersten für die beklemmende Kreuzberg-Reportage „Der unheimliche Ort Berlin” von 1987, der zweite für einen Bericht über Schlöndorffs Proust-Verfilmung von 1984, bei der die Komparserie vom französischen Hochadel gestellt wurde. Sie zeigen die Spannweite von Scherers Arbeit: Das verwahrloste Berliner Wohngemeinschaftsmilieu und die libellenhaft schillernde Aristokratenszenerie von Paris sind diesem Sensorium gleichermaßen zugänglich.
Lauter Realitätsscherben
In Berlin ist ein Mädchen aus der schwäbischen Provinz, gerade erst ihrer Heimat entflohen, spurlos verschwunden. Nach Jahren wird ihre Leiche auf dem Dachboden eines Hauses in der Kreuzberger Wrangelstraße gefunden. Diesen rätselhaften Todesfall – eine Schädelverletzung spricht für Gewalt – nimmt Scherer zum Anlass, das Umfeld des Fundorts minutiös zu erkunden. Dabei wird der mögliche Mordfall im engeren Sinn nicht gelöst; doch wir sehen das schaurige Bild einer als Freiheit verkappten sozialen Auflösung, in der ein Mensch spurlos verschwinden kann, ohne dass er auch nur vermisst würde.
Neben das übelriechende, selbst den Gestank einer Leiche verschluckende Kreuzbergmilieu stellt die Reporterin die klaustrophobische Herkunftswelt des Mädchens, die geschrubbte Straße des Dorfes in der Alb, die Wohnstube der Eltern; und all diese Realitätsscherben fügen sich zum Bild einer fast zwangsläufigen Katastrophe aus Flucht und Verlorengehen. Dieser schreckliche Roman dauert nur 40 Seiten; den Rezensenten hat er bis in den Schlaf verfolgt.
In Paris gehen zwei Serienmörder um, die alte Frauen beim Einkaufen beobachten, sie in ihre Wohnungen verfolgen, dort grausam umbringen und berauben. Auch das ein Roman, der auf der Parallelführung zweier kontrastierender Welten beruht: der zierlichen Alterswelt der alleinstehenden Damen und der Unterwelt der farbigen, drogennehmenden, schwulen Mörder, die als Schicksal über die Märkte der Stadt flanieren. Die Erzählerin regt sich nicht auf, sie setzt Farbstift an Farbstift (die Farben scheinen von Simenon zu stammen) zu einem glühenden Mosaik. Es ist wie es ist, sagt dieser immoralistische Text.
Weit ausgreifend auch im räumlichen Sinn ist die titelgebende, bisher unveröffentlichte Geschichte über einen kaukasischen, in Berlin auftretenden Akkordeonspieler, ein 130 Seiten langer Großtext. Wieviele Monate – oder waren es Jahre? – hat die Autorin für ihn arbeiten müssen? Sie führt uns alles vor Augen: die postsowjetische Herkunftswelt des Musikers; die endlosen Reisen zwischen dem Kaukasus und Berlin; das Aufspielen in Berliner Unterführungen und Kaufhauseingängen; die Nächte bei deutschen Freunden, oft einsamen kleinbürgerlichen Witwen; die Stadtbürokratie, welche die Auftritte der Straßenmusiker regelt; und über allem: die grenzenlose, zähe Geduld, die dieses entsetzlich anstrengende Leben verlangt, um seinem Elend ein paar Groschen abzupressen.
Und als genüge das nicht, schaltet Scherer die rosaplastikbunte Reichtumsgegenwelt eines russischen Exporthändlers ein, der in Berlin ein gigantisches, frevelhaft verschwenderisches Familienfest ausrichtet, an dem eine Freundin des sanftmütig armseligen Straßenmusikanten mitwirkt. Der Leser ist betäubt, fast erdrückt. Die Autorin lässt ihn auf eine maliziöse Weise unbelehrt zurück: Er hat nur Wirklichkeit kennengelernt, keine Moral, es sei denn die des Mitleids.
Marie-Luise Scherer kann alles. Sie beschreibt das DDR-Grenzzaunsystem aus der Sicht der Wachhunde. Sie porträtiert Otto Schily als RAF-Anwalt. Sie besucht den letzten Surrealisten Philippe Soupault. Sie erkennt den Hunger in Cuba am Verhalten der Frühstückskellner im Hotel. Das Elend und der Glanz stehen ihr zu Gebote. „Kleine Schreie des Wiedersehens” heißt ihre Reportage zur Pariser Modeszene. Für sie hat sich ihr Stil besonders hergerichtet, behängt mit schwerem Schmuck von Vergleichen: „Die Musik setzt ein, und wie von Katapulten geschleudert rasen die Mannequins schon auf ihrer Bahn. Als würden sie gezogen oder vom Wind gedrückt, treiben sie in den Applaus hinein. Bei jedem Schritt drehen sie die Füße auswärts, als wollten sie ein Insekt austreten. In ihrer schlingernden Vorwärtsbewegung ahmen sie die Kontraktionen einer Schlange nach, die ein Beutetier aus der Rachenzone in die Tiefe würgt. Dazu bringen sie ein Lächeln aus der Kulisse mit, als wirke eine unglaubliche Geschichte in ihnen nach.”
GUSTAV SEIBT
MARIE-LUISE SCHERER: Der Akkordeonspieler. Wahre Geschichten aus vier Jahrzehnten. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2004. 405 S., 27,50 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Marie-Luise Scherer gilt als eine der bedeutendsten Journalistinnen der Nachkriegszeit, obwohl ihr Werk schmal ist. Ihre Reportagen sind im "Spiegel" erschienen, elf davon werden nun mit einer Ausgabe von Enzensbergers "Anderer Bibliothek" geadelt. Trotz der allgemeinen Begeisterung formuliert Rezensent Ulrich Stock einige Einwände, die vor allem der einzigen neuen Geschichte, dem titelgebenden "Akkordeonspieler" gelten. 130 Seiten lang ist die Geschichte über einen in der Berliner U-Bahn spielenden Musiker aus der Ukraine, die ein detailreiches Panorama von Globalisierung, Ost-West-Beziehungen, Berliner Lokalkolorit und postsowjetischen Transportsystemen aufblättert. Seitenlang setzt die Hauptgeschichte aus, stört sich Stock, jede Person, die dem Protagonisten über den Weg laufe, diene zu Abschweifungen, so dass der Leser das Gefühl bekomme, die Geschichte sei nur ein Vorwand für die mikrosoziologischen Erkundungen der Autorin fremder Milieus. Ob Kreuzberger Hinterhöfe, Wohnungen französischer Adliger, kubanische Restaurants oder der Arbeitsplatz Moskauer Museumswärterinnen, alles interessiere Scherer auf gleiche - brennende - Weise. Diese Beschreibungen seien die große Kunst Scherers, zugleich unterstellt ihr der Rezensent, banale Situationen sprachlich aufzuladen und im Zweifelsfall hinzudichten, hinzuzuerfinden, was sie selbst gar nicht miterlebt haben konnte. Da die Verfasserin aber nicht genau kenntlich macht, wo sie Erlebtes und Erfundenes vermengt, leidet für Stock die Glaubwürdigkeit ihrer Reportage.

© Perlentaucher Medien GmbH
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