Bilder und Zeiten 09. Berlin - Ecke Greifswalder - Klöppel, Eberhard

24,90
versandkostenfrei*
Preis in Euro, inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln

  • Gebundenes Buch

Jetzt bewerten

Das alte Gaswerk an der Greifswalder Straße versorgte den Norden Berlins mehr als 100 Jahre lang mit Gas. Mit ihren Schornsteinen und Gasometern prägte die gewaltige Industrieanlage das Antlitz des Prenzlauer Bergs. 1981 wurde die »Dreckschleuder« endlich stillgelegt und demontiert. An ihre Stelle trat ein mustergültiges Wohnviertel nach den Idealen der realsozialistischen Architektur - mit Plattenhochhäusern und Kindergärten, Schule und Schwimmhalle, Klubgaststätte samt Jugendclub, einem Planetarium und dem gigantischen Ernst-Thälmann-Denkmal. Eberhard Klöppel hat diesen Prozeß industrieller…mehr

Produktbeschreibung
Das alte Gaswerk an der Greifswalder Straße versorgte den Norden Berlins mehr als 100 Jahre lang mit Gas. Mit ihren Schornsteinen und Gasometern prägte die gewaltige Industrieanlage das Antlitz des Prenzlauer Bergs. 1981 wurde die »Dreckschleuder« endlich stillgelegt und demontiert. An ihre Stelle trat ein mustergültiges Wohnviertel nach den Idealen der realsozialistischen Architektur - mit Plattenhochhäusern und Kindergärten, Schule und Schwimmhalle, Klubgaststätte samt Jugendclub, einem Planetarium und dem gigantischen Ernst-Thälmann-Denkmal. Eberhard Klöppel hat diesen Prozeß industrieller Konversion im realen Sozialismus ein ganzes Jahrzehnt lang beobachtet und in eindrucksvollen Bildern festgehalten: die Architektur der gründerzeitlichen Industrieanlage, die schwere, gesundheitszerstörende Arbeit der Gaswerker, die Sprengungen der Schornsteine und Gasometer, den Bau der neuen Häuser und des Thälmann-Denkmals und nicht zuletzt das neue Leben, das sich in diesem sozialistischen Musterpark entfaltete.
  • Produktdetails
  • Verlag: Lehmstedt
  • Seitenzahl: 167
  • Erscheinungstermin: März 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 280mm x 249mm x 20mm
  • Gewicht: 1160g
  • ISBN-13: 9783937146843
  • ISBN-10: 3937146849
  • Artikelnr.: 28310378
Autorenporträt
"Eine grandiose Fotoreportage über das letzte große städtebauliche Projekt der DDR in Ostberlin - ein subtiles Schwarz-Weiß-Porträt. Klöppel untersucht sein Umfeld sehr genau und berichtet mit beobachtender Distanz und anteilnehmender Sensibilität vom Verschweinden eines Industriedenkmals und dem euphorischen Entstehen eines neuen, lebendigen Quartiers." (Sebastian Spix, Bauwelt, 22. Juli 2011) "Klöppels Bilder sind nicht nur wegen der Kontinuität und Genauigkeit, mit der er die Stationen der Konversion [vom Gaswerk zum Wohngebiet] dokumentiert hat, einzigartig. Sie verweisen auf einen Urheber, der ein echtes Interesse an Menschen hat, an dem, was sie tun und was ihnen das Leben schwer macht." (Jana Frielinghaus, Junge Welt, 20. Januar 2011)
Rezensionen
Besprechung von 05.11.2010
Unter der geballten Faust
Berlin, Ecke Greifswalder: Eberhard Klöppels klassisch-schöne Fotos über das letzte Umbauprojekt in der Hauptstadt der DDR
Der Band „Berlin - Ecke Greifswalder“ des 1940 geborenen Berliner Foto-Journalisten Eberhard Klöppel ist als Kunstwerk genauso faszinierend wie als Zeugnis der Berliner Stadtgeschichte. Er dokumentiert das letzte große städtebauliche Projekt in Ost-Berlin vor der Wende von 1989: Stillegung und Abriss eines riesigen Gaswerks der Kaiserzeit (Baubeginn 1873) im Quartier zwischen Greifswalder Straße, Prenzlauer Allee und heutiger Danziger Straße sowie die Neuerrichtung eines modernen Wohngebiets auf seinem Boden. Es handelt sich um die Wohnanlage im Ernst-Thälmann-Park, die 1986 fertig wurde und sich um ein überdimensionales Denkmal des deutschen Arbeiterführers gruppiert, das von dem sowjetischen Bildhauer Lew Kerbel (1917 bis 2003) geschaffen wurde. Der enorme Vorgang von Stillegung, Sprengung und Abriss drei riesenhafter Gasometer, gewaltiger Kohlebänder, von Öfen, Schornsteinen, Bürotrakten bis zur Einweihung des Neubaugebiets zum hundertsten Geburtstag Thälmanns dauerte nur knapp fünf Jahren, die Planungen dafür hatten allerdings die gleiche Zeit in Anspruch genommen.
All das hat Klöppel als Fotograf der Neuen Berliner Illustrierten , einer beliebten, nach der Wende vom Verlag Gruner + Jahr ruinierten Wochenzeitschrift, in langen Fotostrecken begleitet. Aus Klöppels umfangreichem Material hat Mathias Bertram für wundervolle Schwarzweiß-Reihe „Bilder und Zeiten“ des Lehmstedt-Verlags einen beeindruckenden Band komponiert. Er vereint eine an die Düsseldorfer Becher-Schule erinnernde Kunst der Industriefotografie mit der dem Erbe August Sanders verpflichteten DDR-Tradition sozialer Menschenbeobachtung.
Eine besondere Qualität erwächst dabei aus der wohl nur unter den Bedingungen der Immobilität in der DDR möglichen Konstanz der Beobachtung: Klöppel hat ein ganzes Jahrzehnt mit dem Viertel und seinen Menschen, den Arbeitern und Bewohnern gelebt, sich immer tiefer mit ihnen vertraut gemacht. So konnte aus räumlicher Enge die Intensität der Langzeitbeobachtung werden, wie das in westlicher Fotografie nirgends gelang.
Die Bilder, die so entstanden, sind herrlich: Die abzureißenden Bauten zeigen die Archäologie des verschwindenden Industriezeitalters, das die Fassaden der umliegenden Wohngebiete mit seinem einheitlichen Rußgrau überzogen hatte.
Der für DDR-Verhältnisse luftige und leichte Stil der Neubauten mit Glaselementen und der Aluminiumkuppel einer neuen Sternwarte lässt etwas vom Einfluss der Westmoderne erkennen, dem die späte sozialistische Gesellschaft sich nicht entziehen konnte. Und so wechseln die Physiognomien der Menschen: Auf die zerfurchten und abgearbeiteten, männlichen Gesichter der Industriearbeiter folgen die jugendlichen und weiblichen Figuren einer schon hedonistisch anmutenden Kleinbürgerlichkeit, die ihr Glück in den eigenen vier Wänden, in einer Diskothek, bei Faschingsfesten und im Schwulenclub sucht.
Auch diesen Wandel sozialer Typen hielt Klöppel mit liebevollem Respekt vor jedem einzelnen, nicht selten mit Humor fest. Ganz am Ende, bei Bildern von Punkern und bourgeois gestylten „Mods“ sieht man, dass der Sozialismus „bei den Menschen“ schon vorbei war. Die Epoche des Proletariats, das den Abriss seiner titanischen Ruinen noch hatte vollziehen müssen, war nun vorbei.
Die Mauer konnte fallen, im Ernst-Thälmann-Bad schwimmen heute neben den Ost-Rentnern die jungen Mütter von Prenzlauer Berg, mehrheitlich Neu-Berliner Frauen. Klöppels großartiger Band aber bringt nicht nur den Anwohnern Schönheit und Erkenntnis. Der bronzene, faustballende Arbeiterführer wurde zum melancholischen Retro-Signal, unter dem im glühenden Berliner Sommer die Skater herumspringen.
GUSTAV SEIBT
EBERHARD KLÖPPEL: Berlin – Ecke Greifswalder. Fotografien 1978-1987. Herausgegeben von Mathias Bertram. Mit einem Vorwort von Brigitte Biermann. Lehmstedt Verlag, Leipzig 2010. 168 Seiten, 24,90 Euro.
Erhöhung der Ruinenproduktion, Raumgewinn für Neubauten: Sprengung eines der Gasometer im Stadtteil Prenzlauer Berg am 28. Juni 1984. Gegen den Abriss gab es heftige Proteste der Bevölkerung. Stasi-Mitarbeiter bewachten die Gasometer in der Nacht vor der Sprengung. Foto: Klöppel, Lehmstedt Verlag
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Begeistert zeigt sich Gustav Seibt von den "klassisch-schönen" Fotos, die Eberhard Klöppel vom letzten großen städtebaulichen Projekt in Ost-Berlin gemacht hat. Der von Mathias Bertram herausgegebene Band dokumentiert für ihn in beeindruckenden Aufnahmen den Abriss des Gaswerks aus der Kaiserzeit und die Errichtung der Wohnanlage im Ernst-Thälmann-Park zwischen Greifswalder Straße, Prenzlauer Allee und heutiger Danziger Straße in Berlin, Prenzlauer Berg, in den Jahren 1978 bis 1987. Doch nicht nur als Dokument der Berliner Stadtgeschichte hat der Band Seibt fasziniert, sondern auch als Kunstwerk. Ihre Intensität bezieht diese Langzeitbeobachtung in seinen Augen auch daraus, dass der Fotograf Klöppel ein ganzes Jahrzehnt mit dem Viertel und seinen Menschen gelebt hat.

© Perlentaucher Medien GmbH