Berlin Prepper - Groschupf, Johannes
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Als Online-Redakteur bei einer großen Tageszeitung muss Walter Noack die Pöbeleien und Hasstiraden in den Kommentaren löschen. Tausende Male am Tag ist er mit den widerwärtigsten Beschimpfungen konfrontiert. Sein Nervenkostüm wird noch dünner, als er und später eine Kollegin von Unbekannten anscheinend grundlos zusammengeschlagen werden und er auch noch einen privaten Verlust erleiden muss. Die Polizei zeigt sich bei all dem machtlos. Das tägliche Gift, der Dauerhass sickert schließlich auch in Noacks Seele. Er schliddert allmählich in die trübe Szene von waffenhortenden Preppers, Reichs-und…mehr

Produktbeschreibung
Als Online-Redakteur bei einer großen Tageszeitung muss Walter Noack die Pöbeleien und Hasstiraden in den Kommentaren löschen. Tausende Male am Tag ist er mit den widerwärtigsten Beschimpfungen konfrontiert. Sein Nervenkostüm wird noch dünner, als er und später eine Kollegin von Unbekannten anscheinend grundlos zusammengeschlagen werden und er auch noch einen privaten Verlust erleiden muss. Die Polizei zeigt sich bei all dem machtlos. Das tägliche Gift, der Dauerhass sickert schließlich auch in Noacks Seele. Er schliddert allmählich in die trübe Szene von waffenhortenden Preppers, Reichs-und Wehrbürgern, abgestoßen und fasziniert zugleich. Als es in Berlin während der brutalen Sommerhitze zu Großbränden, Unruhen und offener Anarchie kommt, merkt er, dass er sich mit den falschen Leuten eingelassen hat. Jetzt geht es nur noch um Leben oder Tod.
  • Produktdetails
  • Suhrkamp Taschenbücher .4961
  • Verlag: Suhrkamp
  • Seitenzahl: 236
  • Erscheinungstermin: 13. Mai 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm x 128mm x 25mm
  • Gewicht: 290g
  • ISBN-13: 9783518469613
  • ISBN-10: 3518469614
  • Artikelnr.: 54341206
Autorenporträt
Groschupf, Johannes
Johannes Groschupf, 1963 in Braunschweig geboren, wuchs in Lüneburg auf. Studium der Germanistik, Amerikanistik und Publizistik an der Freien Universität in Berlin. Viele Jahre als freier Reisejournalist für Die Zeit, FAZ, FR u.a. unterwegs. 1994 Hubschrauberabsturz in der Sahara. 1998 entstand aus dieser Erfahrung das Radio-Feature Der Absturz, das im Jahr darauf den Robert Geisendörfer Preis erhielt. Danach literarische Arbeiten, v. a. im Jugendbuchbereich, und Artikel für Tagesspiegel und Die Welt. Zuletzt erschienen: Lost Places (2013), Der Zorn des Lammes (2014), Das Lächeln des Panthers (2015) Lost Girl und Lost Boy (2017).
Rezensionen
Besprechung von 03.06.2019
Im Reich der tobenden Trolle
Krimis in Kürze: Veit Heinichen, Jakob Bodan und Johannes Groschupf

Ganz ohne Risiko ist es nicht, neues Personal in eine vertraute fiktionale Welt einzuführen. Ist das nicht Proteo Laurentis Revier, werden altgediente Leser der Triest-Romane von Veit Heinichen sagen, was soll eine Xenia Ylenia Zannier dort, mit einem Namen, den selbst Figuren im Buch albern finden? Aber sie ist nun mal da, und wenn man auch ein wenig fremdelt mit ihr anfangs, immerhin war Laurenti ihr Ausbilder. Sie arbeitet in Grado, war zuvor in Rom, legt sich gern mit Vorgesetzten an und ist mit einem arbeitslosen deutschen Archäologen liiert.

Ansonsten bewegt sich "Borderless" (Piper, 464 S., br., 16,99 [Euro]) auf gewohntem Terrain. Wo früher Kakanien war und dann Jugoslawien, verlaufen jetzt einige Grenzen, die das internationale Verbrechen aber wenig kümmern. Es geht um Wirtschaftskriminalität, Schleuser und Flüchtlingsschiffe, der BND kommt auch ins Spiel, und wie eine Spinne im Netz sitzt da die scheinbar unantastbare, skandalfeste Senatorin Romana Castelli de Poltieri. Dass wir diese Welt durch Xenias Augen sehen, heißt nicht, der scharfe, unnachgiebige Blick, der Heinichens Bücher auszeichnet, sei durch einen Weichzeichner ersetzt worden. XYZ ist entwicklungsfähig, und ihre Mission in Grado ist noch nicht erfüllt.

Nicht zum ersten Mal wird die dritte Generation der RAF zum Thema eines Romans, und ganz von selbst ist man bei Jakob Bodans "Ein richtig falsches Leben" (Droemer, 384 S., br., 14,99 [Euro]) im Krimigenre, weil es um Mord und Raub geht, um Schuld und Strafe. Ein Zufall lässt den ehemaligen Terroristen Frederic, der in der Provence Marmelade herstellt, vors Auto jener Frau laufen, deren Vater 1990 von der RAF erschossen wurde. Er war Kohls Wahlkampfmanager. Die Täter entkamen unerkannt.

Zwischen den beiden entsteht eine seltsame Beziehung voll Sympathie und Misstrauen, überlagert von den langen Schatten der Vergangenheit. Pensionierte Verfassungsschützer, Politiker und die alten Genossen tauchen auf, ein trostloser Haufen "absurder Desperados", die sich die Namen von Schillers "Räubern" gegeben haben, was sie nur noch lächerlicher macht. Bodan kann schreiben, er gönnt sich und uns eine bisweilen sarkastische Schärfe beim Blick auf die Zombiegestalten. Es hätte dem Buch allerdings nichts geschadet, wenn da ein paar Fügungen, Zufälle und Querverbindungen weniger und ein paar lose Enden mehr wären.

Der Mann ist Mitte vierzig, er läuft, schwimmt in der Spree, und als "Content Moderator" trennt er im Newsroom eines Verlags die kaum erträglichen von den völlig unerträglichen Leserkommentaren. Er fährt den immergleichen Weg durch Kreuzberg mit der Buslinie M29, seine Ehe ist lange beendet, sein Sozialleben aufs absolute Minimum reduziert. Und er ist ein "Prepper", der sich körperlich fit hält, der Vorräte bunkert und viele andere überlebensnotwendige Dinge. Er will gerüstet sein für den Tag, an dem das Chaos kommt; für dessen mögliche Ursachen interessiert er sich nicht. Er ist nur sicher, dass es eintreten wird.

Diese Überzeugung bringt Walter Noack, den Protagonisten von Johannes Groschupfs "Berlin Prepper" (Suhrkamp, 238 S., br., 14,95 [Euro]), ganz von selbst in die Nähe derer, die sich Tag für Tag zu Tausenden im "Reich des digitalen Volkszorns" austoben, rassistisch, menschenverachtend, voller Allmachts- und Vernichtungsphantasien. Wie ein grässlicher, schriller Chor ziehen diese Leserkommentare durch das Buch und durch den Kopf von Noack. Er scheint immun, bis er eines Abends nach der Arbeit vor dem Verlagshaus, in dem man unschwer die Berliner Springer-Zentrale erkennt, niedergeschlagen wird. Kurz darauf trifft es auch eine junge Kollegin.

Die dünne Grenze zwischen dem Weltbild des Preppers und der Weltanschauung der tobenden Trolle ist es, die den Roman auf besondere Weise schillern lässt. Groschupfs Prosa ist dabei schlank und genau, ohne Pose und krampfhafte Suche nach der Pointe. Sie passt sehr gut zu dieser überschaubaren Welt, die durch eine Teilstrecke der M29 definiert ist, zu einem Berlin-Roman ohne Mitte, in dem das Flüchtlings-Containerdorf gleich um die Ecke vom Verlag liegt und Journalismus als Erregungsbeschleuniger im Dienste der Klickzahlen betrieben wird.

Die Spannung entsteht aus der Spirale des Hasses, der in Noack wächst, ohne dass absehbar wäre, wohin, wogegen er sich richten wird. Und Groschupf findet in diesem Crescendo zu einem so überraschenden wie überzeugenden Schluss. "Berlin Prepper" ist ein Großstadtroman auf der Höhe der Zeit, mit einem Anti-Helden, der typisch ist in seiner Unauffälligkeit und seiner Apokalypseanfälligkeit, der sich längst abgekehrt hat von der Vorstellung, in Politik, Gesellschaft oder einem sozialen Umfeld etwas zu bewegen oder einen Sinn zu finden. Hauptsache, es sind genug Raviolidosen und ein Esbitkocher für den Ernstfall da.

PETER KÖRTE

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"Ein schnelles und rohes Buch, das vom subtilen Witz seines Autors lebt, der mit seinem Gespür für scheinbare Nebensächlichkeiten eine flirrende Atmosphäre erzeugt."
Harry Nutt, Frankfurter Rundschau 23.05.2019