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"Von eminentem historischen und literarischen Wert" - F.A.Z. Im Jahr 2003 erschienen die bewegenden Aufzeichnungen der Wochen vom 20. April bis zum 22. Juni 1945 - verfasst von einer Unbekannten: Eine Frau in Berlin. Die massenhafte Vergewaltigung von Frauen im besetzten Land durch Rotarmisten, die Rache der Sieger in den Ruinen von Berlin, berührte ein Tabuthema. Die Schreckenstage, festgehalten in Schulheften und auf Zetteln, erschütterten Zehntausende von Leserinnen und Lesern. Lakonisch wird von Bombenalarm, Hunger oder von Selbstmorden berichtet. Illusionslose Kaltblütigkeit,…mehr

Produktbeschreibung
"Von eminentem historischen und literarischen Wert" - F.A.Z.
Im Jahr 2003 erschienen die bewegenden Aufzeichnungen der Wochen vom 20. April bis zum 22. Juni 1945 - verfasst von einer Unbekannten: Eine Frau in Berlin. Die massenhafte Vergewaltigung von Frauen im besetzten Land durch Rotarmisten, die Rache der Sieger in den Ruinen von Berlin, berührte ein Tabuthema. Die Schreckenstage, festgehalten in Schulheften und auf Zetteln, erschütterten Zehntausende von Leserinnen und Lesern. Lakonisch wird von Bombenalarm, Hunger oder von Selbstmorden berichtet. Illusionslose Kaltblütigkeit, unbestechliche Reflexion, schonungslose Beobachtung und makabrer Humor zeichnen dieses Tagebuch aus.
1954 erschien "A Woman in Berlin" zuerst in den USA, ein Schweizer Verlag veröffentlichte 1959 eine erste deutschsprachige Ausgabe - einer neuen Publikation stimmte die Anonyma unter der Bedingung zu, dass diese erst nach ihrem Tod stattfinden dürfe.
Nach dem Erscheinen von "Eine Frau in Berlin" kam es zu einer heftigen Diskussion um die Enthüllung der Identität der anonymen Autorin und über die Authentizität ihrer Aufzeichnungen.
  • Produktdetails
  • Die Andere Bibliothek Bd.221
  • Verlag: Ab - Die Andere Bibliothek
  • Artikelnr. des Verlages: 513/62009
  • Seitenzahl: 299
  • Erscheinungstermin: 4. Dezember 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 218mm x 126mm x 27mm
  • Gewicht: 475g
  • ISBN-13: 9783847720096
  • ISBN-10: 3847720090
  • Artikelnr.: 42874690
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 27.06.2019

Die Geschichte der Anonyma

Quellenkritik eines verspäteten Bestsellers: "Eine Frau in Berlin", Chronik der totalen Niederlage in Gestalt eines Tagebuchs, ist zu größeren Teilen erst nach 1945 verfasst worden.

Am 20. März 1960 schrieb Kurt W. Marek, unter dem Pseudonym C. W. Ceram Autor des Sachbuchbestsellers "Götter, Gräber und Gelehrte", einen Brief mit literarischen Ratschlägen an seine Freundin Marta Hillers. Marek lebte im Bundesstaat New York, Hillers mit ihrem Schweizer Ehemann, einem Goldschmied, in Basel. 1954 war auf Vermittlung Mareks und mit einem Vorwort aus seiner Feder in den Vereinigten Staaten das Buch "A Woman in Berlin" erschienen, ein Erlebnisbericht in Tagebuchform über die Wochen um den 8. Mai 1945. Außerhalb Deutschlands wurde das Buch ein Bestseller. Von der deutschen Erstausgabe, die in einem kleinen Genfer Verlag ohne Mareks Vorwort herauskam, wurden im Erscheinungsjahr 1959 nur 735 Exemplare verkauft. Die Tantiemen für die Autorschaft flossen an Marta Hillers, bei den ausländischen Ausgaben abzüglich eines Anteils von zehn Prozent für Marek. Im Buch blieb die Autorin namenlos, englisch "Anonymous" , deutsch "Anonyma".

1960 trug sich Hillers mit neuen literarischen Plänen. Marek forderte sie auf, sich von den Kritiken der deutschen Ausgabe nicht irritieren zu lassen. "Ein gutes Buch braucht schlechte Kritiken. Ein schlechtes Buch kriegt nicht einmal schlechte Kritiken." Paradoxerweise sah der Profi Marek ein Handicap darin, dass ihr das Schreiben "zu leicht" falle. "Du bist immer an der Grenze der Schnoddrigkeit." Aber in der modernen Literatur gab es Beispiele für die Nobilitierung der Vulgarität im Dienst der "schonungslosen Beschreibung". Marek griff so hoch wie möglich. "Lies noch einmal Stücke aus dem Ulysses von Joyce. Dort kannst Du ahnen, wie weit Du gehen kannst."

In einem Postskriptum berichtete Marek, dass er in New York einen "höchst angenehmen Mann" kennengelernt habe, den englischen Verleger von "A Woman in Berlin", Fredric Warburg. "Sonderbarerweise" habe er diesem "tatsächlich versichern" müssen, dass es sich "wirklich um ein authentisches Tagebuch handelt". Der Engländer "hatte Zweifel". Drei Punkte stehen am Schluss dieser Mitteilung. Mehr musste nicht gesagt werden. Autor und Empfängerin des Briefes wussten, was es wirklich mit dem Buch auf sich hatte. Sie teilten dieses Wissen miteinander und hielten es vor der Welt geheim.

Der Verlag Secker & Warburg hatte Karl Dietschy, dem Ehemann von Hillers, der für sie die Geschäftskorrespondenz führte, im Frühjahr 1959 mitgeteilt, dass "A Woman in Berlin" einer der erfolgreichsten Titel der Firmengeschichte sei. Bis dahin waren von der englischen Ausgabe 210 000 Stück abgesetzt worden. Fredric Warburg war der Verleger von George Orwell. Worauf bezogen sich seine Zweifel? In welchem Sinne könnte das Buch kein authentisches Tagebuch sein? Zweifelte Warburg daran, dass es auf Erlebtem beruhte? Oder bezweifelte er, dass es sich um ein Tagebuch im Sinne der mehr oder weniger gleichzeitigen Niederschrift des Erlebten handelt?

Die Authentizität wurde Thema einer heftigen Kontroverse, als "Eine Frau in Berlin" 2003, zwei Jahre nach dem Tod von Marta Hillers, in einer neuen deutschen Ausgabe erschien, in der "Anderen Bibliothek" von Hans Magnus Enzensberger. In dieser Gestalt wurde das Buch mit einem halben Jahrhundert Verspätung auch in Deutschland ein Bestseller. Hillers hatte die postume Neuausgabe autorisiert; die Erbin des Urheberrechts, Hannelore Marek, die Witwe des 1972 verstorbenen Kurt Marek, bestand darauf, dass der Eichborn Verlag die Anonymität wahrte. Jens Bisky, Redakteur der "Süddeutschen Zeitung", fand die Identität der Verfasserin heraus und machte sie publik. Zur Biographie von Hillers teilte Bisky mit, dass sie im Hitler-Reich als Journalistin gearbeitet und Kriegspropaganda produziert hatte. Er machte auf literarische Eigenheiten des Textes aufmerksam, die für eine spätere Entstehung oder Überarbeitung sprachen, insbesondere die filmhafte Erzählweise, und äußerte die Vermutung, dass Marek am Text mitgeschrieben habe oder sogar Ghostwriter gewesen sei.

Der Verlag bestellte ein Gutachten bei Walter Kempowski, der als Sammler, Herausgeber und Monteur von Tagebuchtexten aus dem Zweiten Weltkrieg als kompetent galt. Kempowski ließ sich die Urschrift des Tagebuchs, drei Schreibhefte, und eine mit Schreibmaschine erstellte Abschrift vorlegen und stellte durch Stichproben fest, dass diese Textzeugen sich so verhalten, wie es das (in absurder Konsequenz ebenfalls anonyme) Vorwort der Eichborn-Ausgabe darstellte: Die Notate waren in eine flüssigere Form gebracht worden. Auf Nachfrage gab Kempowski an, für seine Echtheitsbescheinigung kein Honorar erhalten zu haben. "Ich hatte die Hoffnung, man würde mir die Tagebücher für mein Archiv überlassen. Aber nicht einmal eine Fotokopie wollte man mir gönnen. Vielleicht kommt das ja noch."

Es kam nicht mehr. Hannelore Marek verfügte vor ihrem Tod, wohl eine Instruktion Marta Hillers' befolgend, dass deren auf "Eine Frau in Berlin" bezogener Teilnachlass in die Obhut des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) in München gelangen solle, dem ihr Sohn die Dokumente im Jahre 2016 übergeben hat. Yuliya von Saal, wissenschaftliche Mitarbeiterin im IfZ und Expertin für russische Geschichte, legt nun im Juliheft der "Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte" eine quellenkritische Untersuchung vor. Das Ergebnis: Der Untertitel der 2015 im neuen Verlag der Anderen Bibliothek noch einmal aufgelegten Enzensberger-Ausgabe, "Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945", ist irreführend. Der größere Teil des Textes ist erst nach 1945 entstanden, steht jedenfalls nicht in dem angeblich im Sommer 1945 angefertigten Typoskript.

Der Gutachter Kempowski, dem Frau Marek und ein Eichborn-Lektor Manuskript und Typoskript zeigten, sieht nun ähnlich naiv aus wie der weltberühmte Historiker Hugh Trevor-Roper, der die Hitler-Tagebücher für echt erklärte, nachdem er sie in einer Zürcher Bank durchgeblättert hatte. Die offensichtliche Frage stellte Kempowski, Autor etlicher dickleibiger Bestseller, nicht: Wie konnte aus einem Konvolut von 121 Schreibmaschinenseiten ein Buch von 300 Druckseiten werden? Von Saal hat gezählt: Das Typoskript umfasst 49 610 Wörter, das Buch 91 120. "Vergleicht man Buch und Original, sind nur noch circa 35 Prozent des publizierten Texts als authentisch zu bewerten."

Eine Mitautorschaft Mareks hält von Saal für äußerst unwahrscheinlich. Diese Einschätzung ist gut begründet, steht allerdings unter dem Vorbehalt der Quellenlage. Es muss ein Typoskript für den amerikanischen Übersetzer gegeben haben. Eine Durchschrift enthält der Münchner Nachlass nicht. Hannelore Marek, deren Vermächtnis die Erforschung der Textgenese möglich macht, hat die Öffentlichkeit zu Lebzeiten über entscheidende Fakten getäuscht, insoweit die Arbeit ihres Mannes fortsetzend, dessen Beschreibung der Manuskripte im Nachwort voller Erfindungen (Geheimschrift) steckt. Auf Frau Mareks Angaben beruhte die auch in dieser Zeitung (F.A.Z. vom 25. September 2003) wiedergegebene Auskunft des Verlags, das Typoskript von 1945 sei bis auf Kleinigkeiten mit dem Buch identisch.

Yuliya von Saal nimmt an, dass Hillers die spätere Buchfassung um 1950 fertigstellte. Ihre nach München gegebene Korrespondenz mit Marek setzt erst 1952 ein. Abwegig nannte der Herausgeber Enzensberger 2003 "die Idee, dass hinter einer solchen Publikation in den fünfziger Jahren eine verlegerische Spekulation stehen könnte". Das war nicht die einzige grotesk abwegige Einlassung Enzensbergers zur Sache. Im Briefwechsel von Marek und Hillers, aus dem in einer kleinen Ausstellung im IfZ jetzt mehrere Stücke gezeigt werden, geht es durchgehend um solche Spekulationen. Der abgebrühte Sound der Buchgeschäftsfreunde ist eine interessante Variante des neusachlichen, unheimlich ungerührten Tons, mit dem die Anonyma die Leser ihres Protokolls eines Alltags unter dem Gesetz der ständigen Vergewaltigung in den Bann schlug.

In München erörterte von Saal ihre Ergebnisse vorgestern im Gespräch mit der Zürcher Historikerin Svenja Goltermann, die 2017 das Buch "Opfer" veröffentlichte, und dem "Spiegel"-Redakteur Martin Doerry, dessen Edition der Briefe seiner Großmutter Lilli Jahn ein Bestseller wurde. Es bestand Einigkeit darüber, dass die historische Aussagekraft des Buches eher noch zunimmt, wenn man sich Rechenschaft darüber gibt, dass der Text selbst eine Geschichte hat. Was den Kern des Berichts angeht, so hat die New Yorker Historikerin Atina Grossmann geltend gemacht, dass das offene, drastische Reden über erlittene sexuelle Gewalt durchaus typisch für die Berlinerinnen von 1945 war.

Die Leserinnen und Leser von 2003 bezauberte, dass die Tagebuchschreiberin diese Haltung in eine fertige Philosophie der souveränen Ergebenheit übersetzt. Nach dem Befund von Saals sind aber die "Reflexionen über das deutsche Leid, den Zusammenbruch der Zivilisation und die Sinnlosigkeit der Technik im zerbombten Berlin, über die Verfügbarkeit des weiblichen Körpers" wie über Sexualität und Nationalsozialismus "nicht authentisch", sondern spätere Zusätze. Es war eine Selbsttäuschung, dass die Kritik dieses Buch für einen Text der Art der Tagebücher von Victor Klemperer hielt. Yuliya von Saal belegt "die dramaturgische Aufladung einzelner Szenen mit fiktiven Elementen, die zu filmskriptartig wirken".

Am Ende des Krieges stehe "auch die Niederlage der Männer als Geschlecht", mit der "männerbeherrschten Naziwelt" stürze "der Mythos ,Mann'": Warum wollte man unbedingt glauben, dass die Namenlose ihre Erfahrung schon auf diese allgemeine Formel gebracht hatte, als sie noch in der Gewalt der sowjetischen Männer war? Von der Niederschrift einer Selbsttherapie sprach eine Rezension - mit der Pointe, dass die Therapie gleichzeitig mit der Verletzung gewesen sein soll. So beglaubigte das Buch von 1959 im Jahre 2003 eine Phantasie von der heilenden, ermächtigenden Kraft weiblichen Schreibens.

Das Institut für Zeitgeschichte ist befugt, eine kritische Ausgabe von "Eine Frau in Berlin" zu veranstalten. Welcher Verlag wird als erster in München anrufen? Der nicht länger namenlosen Autorin steht ihre Karriere als Schriftstellerin vielleicht erst bevor.

PATRICK BAHNERS

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 24.09.2003

Wenn Jungen Weltgeschichte spielen, haben Mädchen stumme Rollen
Wer war die Anonyma in Berlin? Frauen, Fakten und Fiktionen – Anmerkungen zu einem großen Bucherfolg dieses Sommers
Zu den größten Bucherfolgen dieses Sommers gehört das Buch der Anonyma „Eine Frau in Berlin. Tagebuch-Aufzeichnungen vom 20. April bis zum 22. Juni 1945” (Eichborn Verlag). Zehntausende lasen den Zeugnisbericht der Unbekannten. Seit achtzehn Wochen behauptet er einen Platz auf der Bestsellerliste des Spiegel. „Eine Frau in Berlin” ist durchweg positiv, oft euphorisch besprochen worden (SZ vom 10. Juni). Das Buch ist ein gut inszeniertes Rätsel. Wir wissen nicht, wer es geschrieben hat, wird dürfen es nie erfahren und sollen doch glauben, dass es sich um ein authentisches Zeugnis handelt: den Bericht einer deutschen Frau über Luftschutzkeller, Hunger und Vergewaltigungen durch marodierende Rotarmisten.
Das Buch über den Frühling der Befreiung im russisch besetzten Berlin erschien erstmals 1954 auf englisch, wurde in den USA, in England, Italien, Dänemark, Schweden, Norwegen, den Niederlanden, Spanien und Japan verkauft, bevor im Jahr 1959 eine deutsche Ausgabe auf den Markt kam. Dann war „Eine Frau in Berlin” lange Zeit verschollen. Nun hat der Bericht in der von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen „Anderen Bibliothek” eine triumphale Rückkehr erlebt.
Der Leser findet hier alle Zutaten der Zeugnisliteratur, das spezifische Aroma eines document humain. „Eine Frau in Berlin” will als zeithistorisches Dokument gelesen werden, zwingt uns, dies auf Treu und Glauben zu tun, verlangt, dass wird die Aura des Authentischen für den Beweis der Echtheit nehmen. Verlag und Herausgeber tun alles, uns in dieser Lesehaltung zu belassen. Dabei ist das Buch als zeithistorisches Dokument wertlos. Es ist bisher in erster Linie ein Dokument für die Umtriebigkeit seiner Herausgeber.
Die erste, die amerikanische Ausgabe aus dem Jahr 1954 wurde herausgegeben von Kurt W. Marek (1915-1972), einem Autor, dessen Spezialität es war, Tagebücher zu montieren und umzuschreiben, Zeugnisse zu literarisieren. Es waren gewiss nicht ausschließlich edle Motive, die Marek veranlassten, das Manuskript einem New Yorker Verleger zu übergeben. Im eigens für die Ausgabe bei Harcourt Brace & Company verfassten Nachwort lässt Marek keinen Zweifel am propagandistischen Charakter des Unternehmens. Kurz nach dem Ende des Korea-Krieges legte er ein Buch vor, dass erzählt, wie die „rote Apokalypse” über Berlin kam und zugleich das Bild bußfertiger Deutscher zeichnet. Der deutsche Kommunist, der im Buch auftritt, trägt alle Züge einer Karrikatur, des Unmännlichen, Verschlagenen.
Die überaus schlampige Ausgabe des Eichborn-Verlags arbeitet weiter an der Verrätselung der Textgeschichte. Wer hat die Vorbemerkung verfasst? In Mareks Nachwort, das hier „erstmals in deutscher Originalfassung” erscheint, heißt es „immer wieder dieses VG = Vergewaltigung”. In den Tagebuch-Aufzeichnungen erklärt die Verfasserin, sie habe die Abkürzung „Schdg.” = Schändung benutzt. Die Abweichung ist ein Anzeichen für die Existenz verschiedener Fassungen. Welche haben wir vor uns?
Glauben wir der Vorbemerkung, dann hat die Unbekannte von April bis Juni 1945 drei Schulhefte voll geschrieben, diese anschließend auf der Schreibmaschine abgetippt, „für einen Menschen, der ihr nahestand”. Es wurden „121 engzeilige Maschinenseiten”.
Die Aufzeichnungen beginnen drehbuchreif: „Ja, der Krieg rollt auf Berlin zu. Was gestern noch fernes Murren war, ist heute Dauergetrommel. Man atmet Geschützlärm ein.” Schreibt so, wer einem engen Freund sich erklären will? Es handele sich, behauptet das Nachwort, „um ein Dokument”, „nicht um ein literarisches Erzeugnis, bei dessen Verfertigung der Autor mit einem Auge auf ein Publikum blickt”. Von bewährten literarischen Verfahren der Spannungserzeugung und Figurencharakterisierung, von allem, was geeignet ist, den Eindruck wahren Lebens hervorzurufen, wird im Buch allerdings reichlich Gebrauch gemacht. Wer hat es geschrieben? Hat es die unbekannte Frau in Berlin überhaupt gegeben oder ist sie eine literarische Figur?
„Es war der Wunsch der Verfasserin, daß ihr Name ungenannt bleibt. Schon aus diesem Grunde verbieten sich Spekulationen über ihre Identität”, steht warnend auf dem Schutzumschlag der Neuausgabe. Am 14. Juni 2003 hat der verantwortliche Herausgeber Hans Magnus Enzensberger im „Hessischen Rundfunk” dennoch Mutmaßungen angestellt: „Wenn ich eine Vermutung wagen darf: Ich glaube, es muss vielleicht jemand sein, der überwintert hat in der Nazi-Zeit irgendwo doch im Medienbereich. Ich stelle mir jemand vor, der schon 1930 seine ersten Sachen veröffentlicht hat und dann vielleicht in einem Modejournal überwintert hat.”
Was die Unbekannte vor anderen vergewaltigten Frauen auszeichnet, lässt sich nach Lektüre des Buches genauer sagen: Sie war 1945 Anfang dreißig, sie kannte Kurt W. Marek bereits vor Kriegsausbruch, sie ist viel gereist, war in der Sowjetunion, wo sie Russisch lernte, sie sprach Französisch, besaß noch ein Notizheft aus ihrer Pariser Zeit. Ihr Vater wurde 1916 einberufen, im Juni 1945 wurde sie in das Verlagsprojekt eines Ungarn hineingezogen. Wer ist die Unbekannte, die sich als „Kopfarbeiter zweiter Garnitur” charakterisiert?
Es hat unter den Bekannten Kurt W. Mareks eine Frau gegeben, auf die ein Großteil dieser Charakteristika passt. Ein Brief von Frau S. aus München führte uns auf ihre Spur. Die Unbekannte hat – ehrgeizig, zäh und entschlossen – ein erstaunlich selbstbestimmtes Leben geführt, in vielem typisch für ihre Generation. Marta Hillers wurde am 26. Mai 1911 als Tochter des Betriebsleiters Johannes Hillers und seiner Frau Petronella in Krefeld geboren. Als sie fünf Jahre alt war, 1916, fiel ihr Vater bei Verdun. Die allein stehende Mutter hatte drei Kinder großzuziehen.
Nach den Angaben in einem Anfang 1935 verfassten Lebenslauf erhielt Marta Hillers nach dem Besuch der Grundschule eine Freistelle auf einem Lyzeum in Krefeld. Von 1925 bis 1930 besuchte sie das Realgymnasium, „Untertertia bis Oberprima”. Einen Beruf erlernte sie zunächst nicht, arbeitete nach dem Abgang vom Gymnasium in Krefelder und Düsseldorfer Firmenbüros.
In jungen Jahren, heißt es im Tagebuch, sei die rote Fahne ihr „so leuchtend” erschienen. In der Tat hatte Marta Hillers früh schon den katholischen Glauben ihrer Eltern abgelegt, bezeichnete sich selber als „Dissident” oder, wie ein Mitarbeiter der Reichsschrifttumskammer notierte, „gottgläubig”. Von September 1931 bis Mai 1933 ging sie auf Reisen. Im Lebenslauf heißt es dazu lapidar: „Auslandsreisen nach Polen, Georgien, Armenien, Russland, Türkei, Griechenland, Sizilien, Italien – dabei fotografische Tätigkeit für europäische und amerikanische Blätter.” In diesen Jahren hat sie Russisch gelernt. War sie Kommunistin?
Als sie um Aufnahme in den Reichsverband Deutscher Schriftsteller ersuchte, bürgte für sie Max Barthel (1893-1975). Barthel war das Musterbild eines Arbeiterschriftstellers, Sohn eines Maurers, Spartakuskämpfer und einer der ersten Mitglieder der gerade gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands, die er 1923 wieder verließ. Er hatte Sowjetrussland ausgiebig bereits, die Jugendinternationale mitgegründet. In dem Buch „Kämpfende Menschheit”, das Jugendweihlingen übergeben wurde, ist Barthel auch 1930 noch vertreten. Max Barthel wurde einer der prominentesten Überläufer von rot zu braun. Er arbeitete für das von Goebbels gegründete Blatt „Angriff” , später als Schriftleiter der „Büchergilde Gutenberg”, die der Deutschen Arbeitsfront eingegliedert war. Wegen „Unzuverlässigkeit” aus dem Verlag entlassen, verdiente Barthel seinen Lebensunterhalt als Journalist, unter anderem für die Deutsche Arbeitsfront, für die auch Marta Hillers kurze Zeit tätig werden sollte.
Von ihren Reisen ist Marta Hillers nicht direkt nach Deutschland zurückgekehrt. Von Mai 1933 bis Juli 1934 studierte sie „Historik und Kunsthistorik an der Sorbonne” in Paris. Im Sommer 1934 ging sie heim ins Reich, zunächst für einen „Ferienaufenthalt in Süddeutschland”. Dann zog sie nach Berlin und begann dort ihre Karriere als freie Journalistin, schrieb Artikel, Reportagen, Erzählendes für den Berliner Lokal-Anzeiger, die Nachtausgabe, für Zeitschriften und Provinzzeitungen.
Sie wohnte zunächst in der Wohnung ihres Vetters Hans Wolfgang Hillers (1901-1952), Berliner Straße 2 in Tempelhof, dem Teil Berlins, in dem sie all die Jahre wohnen wird. Die Nachtausgabe wie die Berliner Straße werden auf der ersten Seite der Tagebuch-Aufzeichnungen erwähnt. Hans Wolfgang Hillers, zu dem sie eine innige Beziehung gehabt haben soll, ist vor allem als Bühnen- und Film-Autor bekannt geworden. Er schrieb das Drehbuch zum Ufa-Film „Germanin. Die Geschichte einer kolonialen Tat”, im Mai 1943 uraufgeführt und mit den Prädikaten „künstlerisch wertvoll”, „staatspolitisch wertvoll” versehen. Spätestens mit Hans Wolfgang Hillers trat auch Kurt W. Marek ins Leben unserer Unbekannten. Hillers bürgte, als Marek Mitglied des Reichsverbands Deutscher Schriftsteller werden wollte, für diesen. Wenig später bürgte Kurt W. Marek für Marta Hillers.
Kurz nachdem Marta zu Hans Wolfgang Hillers gezogen war, erschienen aus dessen Feder „60 Thesen gegen das Elend der Literatur in Deutschland”: „Freunde! Kameraden! Hört! Verlaßt die Schreibtische! Verlaßt die Stuben! Verlaßt die Lesesäle der Bibliotheken! Geht auf die Straße! Seht! Ein Volk ist geworden! Ein Volk ist aufgebrochen! Ein Volk ist unterwegs.” Rot oder braun? Es ging um Bewegung.
Marta Hillers hatte diesen Ratschlag nicht nötig, sie war ohnehin gern on the road. Vom 11. bis zum 15. Dezember 1934 veröffentlichte der „Berliner Lokal-Anzeiger” in Fortsetzungen die Reportage „Heimat Landstraße. Zwei Mädel mit Fernfahrern unterwegs. Von Trude Sand und Marta Hillers.”
Trude Sand war damals bei der Union, Deutsche Verlagsgesellschaft tätig. Ihr Werk über „Leben, Treiben, Taten und Abenteuer der Jungen und Mädel im Landjahr” trug den unvergesslichen Titel „Zickezacke Landjahr Heil” und erschien 1935 in vierter Auflage.
Bevor die beiden Mädel zur Fahrt aufbrechen, erfahren sie auf einem Parkplatz in Berlin SO einiges über die Geschichte der deutschen Fernfahrerei: „Eigentlich ist der Versailler Vertrag schuld. Er nahm Deutschland so viele Waggons, dass die Reichsbahn zunächst den Güterverkehr nicht mehr bewältigen konnte. Da half sich die Industrie selber, kaufte aus Heeresbeständen Lastwagen auf und ließ sie mit Gütern laufen.” Mit zwei Fernfahrern durchreisen Trude und Marta das Land, singen, sitzen in Kneipen, hören Geschichten, greifen, wenn es not tut, zur Nadel. Einmal fällt ihnen ein Goethe-Vers ein: „. . . weiche Nebel trinken / Rings die türmende Ferne . . .”
Die Reportage verbindet zwanglos alt und neu, modernen Transport, Naturgefühl, Brauchtum und Wirtschaftsleben. Es geht aufwärts. Geschildert wird das frische Lebensgefühl der Volksgemeinschaft. Aus der Reportage wurde später ein Hörspiel, „Wikinger der Landstraße” von Marta Hillers und Kurt W. Marek.
Im Dezember 1935, zehn Tage vor Weihnachten, schilderte Marta Hillers für die Morgenausgabe den Zusammenhang von „Kinderspiel und Weltgeschichte”, erklärte, warum der kleine Wolf und seine Kameraden „Nürburgrennen” und „Geländeübung” spielen, die zahmen Spiele aus den „Jahren der Reaktion” verachten und sich zu Weihnachten eine „Reichsautobahn” wünschen. „Ueberläßt man aber die Jungen sich selber, so bricht der Hordentrieb durch. Jungen müssen in ihren Spielen längst versunkene Menschheitsepochen neu erleben. Da toben sich in zeitgeschichtlicher Verkleidung Atavismen aus . . . Wenn Jungen Weltgeschichte spielen, haben Mädchen allenfalls stumme Rollen.”
Es ist diese Vorstellung von Männlichkeit, deren Zusammenbruch auf deutscher Seite wie deren Bestätigung auf russischer in den Tagebuch-Aufzeichnungen reflektiert wird. NS-Propaganda, die in der deutschen Frau die Kriegsgefährtin des Mannes entdeckte, hatte dem zweifelsohne vorgearbeitet.
Marta Hillers hat auch für die Neue Gartenlaube und die Berliner Hausfrau geschrieben, aber keinesfalls „in einem Modejournal überwintert” (Enzensberger). Von Februar 1940 bis zum März 1941 erledigte sie, nach eigenen Angaben, Büroarbeiten im Verlag der Deutschen Arbeitsfront. Ab dem 1. April 1941 war sie im „Hilf-Mit-Werk” tätig, schrieb Artikel und Abhandlungen für Broschüren und Lehrschaubögen zur Erziehung der deutschen Jugend. Hilf mit hieß die Schülerzeitschrift des NS-Lehrerbundes. Worin die Arbeit von Marta Hillers bestand, kann man an einer Broschüre sehen, die das Oberkommando der Kriegsmarine den deutschen Schulen widmete. Es ist ein Bildbericht über den „Hilf-mit!-Wettbewerb der deutschen Jugend” im Jahr 1940/41. Er trug den Titel „Seefahrt ist not!”, diente der Werbung von Nachwuchs für die Marine, der „wehrgeistigen Erziehung”. Die Textbearbeitung dieser Broschüre lag in den Händen von Marta Hillers.
Dankbar scheint sie jeden Auftrag angenommen zu haben. 1938 pries sie in einer Broschüre die Zellwolle, einen Ersatzstoff, dessen Herstellung dem Ziel der Selbstversorgung des Dritten Reiches diente. In seinen Tagebüchern erzählt Viktor Klemperer, einen Witz über die Zellwolle: „,Ich wünsche einen Anzug, in den Motten kommen.‘ – ? – ,Na ja, in die üblichen Stoffe kommen jetzt Holzwürmer.‘” Marta Hillers lobt die Mottenresistenz der Zellwollstoffe ganz unironisch.
In die NSDAP ist Marta Hillers wahrscheinlich nie eingetreten. In einem Fragebogen gab sie an, seit Februar 1938 Mitglied der Jugendgruppe der NS-Frauenschaft gewesen zu sein. Als die Amerikaner sie 1948 befragten, bestritt sie diese, ohnehin bedeutungslose Mitgliedschaft.
Besaß sie, während sie über Zellwolle, Kriegsmarine, Reichsautobahn schrieb, als eine Art Kleinpropagandistin des Dritten Reiches tätig war, bereits jene innere Distanz zum Nationalsozialismus, die im Tagebuch den Ton bestimmt? Ich weiß es nicht. Sie wird wohl wie die meisten hier und da genörgelt, aber den Aktivismus, die Modernität, das Gemeinschaftsgefühl begrüßt haben. Im Buch „Eine Frau in Berlin” wird berichtet, dass die Unbekannte der Welt der frühen dreißiger Jahre ablehnend gegenüberstand. Dieselben Gründe, die das junge Mädchen nach Moskau führten, dürften sie zur guten Bürgerin des Dritten Reiches gemacht haben.
Nach der Erinnerung von Frau S., die Marta Hillers gut kannte, den Frühling 1945 ebenfalls in Berlin erlebte und über ein glänzendes Gedächtnis verfügt, war Marta groß und sehr schlank. Wer ist Gerd gewesen, der Freund der Frau in Berlin? Eng befreundet war Marta Hillers mit Robert A. Stemmle, einem einflussreichen Mann im NS-Filmwesen. Er führte Regie für „Charleys Tante” und verfasste das Drehbuch zu „Quax der Bruchpilot”. An Liebesbeziehungen der Hillers kann sich Frau S. nicht erinnern, sie vermutet, dass hinter Gerd sich Hans Wolfgang Hillers verbirgt.
Der Ungar auf jeden Fall, von dessen Verlagsprojekten im Tagebuch erzählt wird, sei ein Zypriote gewesen. In der Tat finden wir Marta Hillers nach Kriegsende bald wieder in einer Zeitschrift zum Wohle der Jugend beschäftigt.
Die erste Nummer der „Illustrierten Jugendzeitschrift” Ins Neue Leben erschien im Oktober 1945 und kostete 25 Pfennige. Herausgegeben wurde sie im Minerva-Verlag. Die Zeitschrift wie das Verlags-Programm dienten der Umerziehung, der Lebensbewältigung.Gorki und Jack London wurden in den Heften der Zeitschrift ebenso abgedruckt wie Höflichkeitsfloskeln des Englischen oder ein Bericht über verfemte, verfolgte Künstler. Trude Sand berichtete über Kindertheater in München.
„Ein Blick in die Werkstatt unseres Körpers”, im Heft Nr. 3, November 1945 veröffentlicht, ist mit „M.H.” gezeichnet, möglicherweise ein Kürzel der Hillers. War sie verantwortlich für das russische Alphabet, das im März 1946 den Jungen und Mädchen die Schrift der Besatzer verständlich machen sollte? Namentlich zeichnete sie etwa einen Prozessbericht: Vor dem Militärgericht Berlin-Lichterfelde waren Kinder wegen Diebstahls angeklagt worden: „Von Herzen hoffen wir, daß die Jungen, die hier vor dem Richter standen, den Weg zurück in ein ehrliches Leben finden. . . . Keiner soll mit dem Finger auf sie deuten; und kommen sie später in die Schule, in die Werkstatt zurück, so sollen sie an uns hilfreiche Kameraden finden.”
Im August 1948 wurde Marta Hillers „Chefredakteur” der Zeitschrift, die bald darauf mit den Schwierigkeiten der Blockade zu kämpfen hatte. Ihre journalistische Arbeit gab sie auf, als sie in den fünfziger Jahren einen Eidgenossen heiratete und in die Schweiz übersiedelte. Den Kontakt zu Marek und seiner Frau Hannelore, die heute die Rechte am Buch besitzt, hielt sie aufrecht. In der Schweiz ist Marta Hillers im Juni 2001 gestorben.
Wer hat eine „Frau in Berlin” geschrieben, dieses Buch, das Marta Hillers offenkundig viel verdankt? Es handelt sich um ein literarisches Sachbuch, herausgegeben von dem Autor, der das Genre des literarischen Sachbuchs in Deutschland durchgesetzt hat. Mit einem „mitreißenden Bericht nach Tagebuchaufzeichnungen” ist Kurt W. Marek in die Literaturgeschichte des Dritten Reiches eingegangen. 1938 eingezogen und bald als Kriegsberichterstatter an vielen Schauplätzen des „großdeutschen Freiheitskampfes” eingesetzt, legte er 1941 den nach Tagebuchaufzeichnungen verfassten Bericht „Wir hielten Narvik” vor. Erzählt wird von Berliner Flak-Artilleristen, die mit der Gebirgsjägerdivison des Generalleutnants Dietl das norwegische Narvik besetzten, also halfen, die Raubzüge der Volksgemeinschaft zu sichern. Im Bericht hat Marek „die Namen fast aller Personen” verändert, „ihre Charaktere zum Teil vertauscht, zum Teil erfunden”. In fast den gleichen Worten werden die Änderungen des Tagebuches der Anonyma in der Vorbemerkung beschrieben.
Mareks Erfolg als Sachbuchautor beruhte auf seiner Fähigkeit, Gehörtes und Gelesenes zu einer eingängigen Geschichte zusammenzufassen. Er hat dies auch in seinem bekanntesten Werk getan, dem „Roman der Archäologie”, den er als C. W. Ceram erstmals 1949 veröffentlichte. „Götter, Gräber und Gelehrte” wurde so häufig verkauft, dass Marek, um Steuern zu sparen, 1954 in die USA übersiedelte. Im gleichen Jahr gab er dort „A Woman in Berlin” heraus. Um seine Position auf dem amerikanischen Buchmarkt zu festigen, kam ihm ein Buch wie dieses, menschlich anrührend, propagandistisch wertvoll, gerade recht.
Auf Deutsch und weitgehend erfolglos erschienen die Tagebuch-Aufzeichnungen – ohne Angabe eines Herausgebers oder Rechteinhabers – erstmals 1959 bei Helmut Kossodo, Genf und Frankfurt am Main. Mareks Nachwort fehlt, dafür gibt es eine Vorbemerkung. Diese ist mit Änderungen in die Erfolgsausgabe des Jahres 2003 übernommen worden. 1959 hieß es, die Autorin habe ihr Tagebuch, die drei Schulhefte, im „Juli und August 1945” auf Schreibmaschine abgeschrieben. 2003 steht da nur noch „ab Juli 1945”. Die einst klare Angabe zur Textgeschichte ist vage geworden. Wie lange saß die Unbekannte an der Schreibmaschine? „Dabei wurden aus Stichworten Sätze. Angedeutetes wurde verdeutlicht, Erinnertes eingefügt”, kurz: so etwas wie der Urtext erstellt. Ob er in zwei Monaten oder während eines längeren Zeitraums entstand, ist keineswegs gleichgültig. War der Text vor oder nach der Blockade Berlins fertig?
Der Haupttext, heißt es in der Eichborn-Ausgabe, „folgt, mit einigen Korrekturen, der deutschen Erstausgabe.” 1959 steht da: „Einer weist auf die Möbel ringsum (Schietkram) und findet darin überlegene Kultur.” „Schietkram” sagt man in Berlin selten. Wer wie Marek mehrere Jahre in Hamburg gearbeitet hat, greift wohl selbstverständlicher zu diesem Wort. In der Eichborn-Ausgabe des Jahres 2003 fehlt es ganz: „Einer weist auf die Möbel ringsum (Stil 1800) und findet darin überlegene Kultur.”
Es gibt im Text einige Randbemerkungen, später Hinzugefügtes. Derlei erhöht auf suggestive Weise die Plausibilität, macht deutlich, dass wir es mit einem „Dokument” zu tun haben: „Wochen später an den Rand gekritzelt, zur Verwendung für Romanautoren”. In der deutschen Erstausgabe war die Angabe präziser: „Drei Wochen später an den Rand gekritzelt . . .” Offenkundig ändert sich die Entstehungsgeschichte dieses Dokuments im Lauf der Jahre. Wer hat die Druckfassung 1959, wer 2003 redigiert? Von wem stammt welche Formulierung? Wo sind die „drei Schulhefte” heute? Drei Schulhefte, 121 Schreibmaschinenseiten, die Druckvorlage der Erstausgabe – wie viele Fassungen gibt es noch?
Es ist möglich, dass die Druckvorlage von Marta Hillers stammt. Es ist möglich, dass sie Marek Papiere übergab, und dieser daraus ein Buch machte. Denkbar ist auch, dass Marek ein Manuskript der Hillers gründlich überarbeitet hat. Der zuständige Lektor, Rainer Wieland, will keine Auskunft darüber geben, wie der Verlag die Echtheit des Dokuments überprüft hat. Es gelte, die Anonymität der Unbekannten zu wahren.
Die Eichborn-Ausgabe präsentiert auch einen anderen Schluss als die deutsche Erstausgabe. Ein Absatz wurde gestrichen, in dem es um die Textgeschichte geht. „Eines noch will ich tun. Ich hab mir von der Witwe die Schreibmaschine ausgeliehen. Darauf schreibe ich meine Tagebuchhefte sauber ab, auf Papier, das ich in der Dachwohnung fand. Schön langsam, wie es die Kräfte zulassen. Schön deutlich und ohne Abkürzungen wie ,Schdg.‘ Gerd soll es lesen, wenn er zurückkehrt.”
Wo ist das Typoskript? Wer hat in ihm rumgestrichen? Marta Hillers vor ihrem Tod? Ein Eichborn-Mitarbeiter? Was ist dokumentarisch belegt an diesem Dokument? Die Tagebuch-Aufzeichnungen geben sich engagiert, sie appellieren an unser moralisches Urteilsvermögen, verlangen, dass wir unsere historischen Urteile überprüfen. Das können wir aber vernünftig erst tun, wenn wir die Fassungen des Textes, seine Entstehungsgeschichte kennen und wissen, wer was geschrieben hat. Dies ist ein literarischer Fall, wenigstens so brisant wie der von Jakob Littner und Wolfgang Koeppen.
Warum spekuliert Enzensberger über die Verfasserin, wenn keiner erfahren soll, wer es war? Solange das Buch in so nachlässiger Edition verkauft und als historisches Zeugnis vermarktet wird, profitieren Verlag und Herausgeber schamlos von der gutwilligen Leichtgläubigkeit der Leser. Diese haben ein Recht zu erfahren, wie es wirklich war mit diesem Buch.
JENS BISKY
Frühjahr der Befreiung, Berlin, Mai 1945: Ein Soldat der Roten Armee entwendet einer deutschen Frau das Fahrrad.
Foto: Bernhard Megele
Junge und Rotarmist mit Fahrrad.
Foto: Heinz Röhnert
Vielfach verändert, mehrfach überarbeitet, ohne Beweis der Echtheit: Das Buch der Anonyma
Von Krefeld über Moskau und Paris nach Berlin: Das Leben der Unbekannten
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Stimme aus dem Verlag

"Das Einmalige an diesem Text ist seine Eindrücklichkeit und seine Poesie. Das ist deshalb so erstaunlich und umwerfend zugleich, weil die Tagebuchaufzeichnungen dieser anonymen Frau einerseits ein schonungslos offenes Zeitdokument darstellen. Ohne jedes Pathos dokumentieren sie den Überlebenskampf, die notwendige Prostitution der Frauen in den letzten Kriegstagen in Berlin, schildern die ungeheure Gewalt, die den Frauen physisch und psychisch mit der Besatzung der Russen zuteil wird. Andererseits öffnet dieser Text mit seiner dichten, eindrücklichen literarischen Form ein sprachliches Universum, das von unendlicher Liebe zum Leben, zu den Menschen und von einem Mut und einer Kraft zeugt, die sowohl in der heutigen als auch in der zeitgenössischen Literatur seinesgleichen sucht."
(Uta Niederstrasser, Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Eichborn Verlag)

"Das unglaubliche Sprachgefühl, der Sinn für Pointen, der unprätentiöse Gebrauch von Bildung, die genaue Beobachtungsgabe, die Dichte der Beschreibung, der intellektuelle Feinsinn, das klare Urteil - man möchte nicht aufhören, dieses Buch zu loben und für seine Lektüre zu werben."
(Hanna Leitgeb in Literaturen)

"'Eine Frau in Berlin' ist ein unglaubliches Buch. Wer das Alphabet gelernt hat, darf und muss es jetzt lesen!"
(Renée Zucker in der taz)

"Ein menschlich berührendes und literarisch gewichtiges Dokument - und eine späte, überfällige Entdeckung."
(Joachim Kronsbein in Der Spiegel)

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Unzufrieden ist Rezensent Wolfgang Schneider mit dieser Einlesung des "grandiosen" Textes der Anonyma. Nicht nur, dass er die Schauspielerin Monika Lennartz unglücklich besetzt findet und eine junge Frau für diesen, von einer jungen Frau verfassten Roman passender gefunden hätte. Insgesamt liest ihm die Berliner Schauspielerin "ein wenig zu besonnen und gemächlich", so dass Tempo und Temperament dieses Textes nur an wenigen Stellen spürbar werde. Auch der "manchmal ziemlich schwarze Humor" bleibt nach Ansicht des Rezensenten auf der Strecke. Selbst den Kürzungen will er seinen Segen nicht geben, da "versöhnliche Episoden" bevorzugt werden und manch hässliche Geschichte gestrichen wurde, die in Schneiders Augen dringend in die Hörbuchfassung gehört hätte.

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