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Bewertung von Wuestentraum

Wunderschöne Liebesgeschichte, toll geschrieben, man ist von der ersten bis zur letzten Seiten mittendrin. Sehr gefühlvoll geschrieben. Das Buch hätte noch einige Seiten mehr …


    Broschiertes Buch

12 Kundenbewertungen

»Wir haben ... Siegfried Lenz für ein poetisches Buch zu danken. Vielleicht ist es sein schönstes.« -- Marcel Reich-Ranicki
Die erste Liebesgeschichte von Siegfried Lenz
Ein Sommer in einer Kleinstadt an der Ostsee irgendwann in den sechziger Jahren: Die Englischlehrerin Stella Petersen und ihr Schüler Christian sind ein Liebespaar - bis Stella bei einem Bootsunfall tödlich verunglückt. Während einer Gedenkfeier in der Aula blickt Christian zurück auf diese heimliche Liebesbeziehung, die nur einen Sommer dauerte, ihn aber für sein ganzes Leben verändert.
"Wir haben ... Siegfried Lenz
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Produktbeschreibung
»Wir haben ... Siegfried Lenz für ein poetisches Buch zu danken. Vielleicht ist es sein schönstes.« -- Marcel Reich-Ranicki
Die erste Liebesgeschichte von Siegfried Lenz

Ein Sommer in einer Kleinstadt an der Ostsee irgendwann in den sechziger Jahren: Die Englischlehrerin Stella Petersen und ihr Schüler Christian sind ein Liebespaar - bis Stella bei einem Bootsunfall tödlich verunglückt. Während einer Gedenkfeier in der Aula blickt Christian zurück auf diese heimliche Liebesbeziehung, die nur einen Sommer dauerte, ihn aber für sein ganzes Leben verändert.

"Wir haben ... Siegfried Lenz für ein poetisches Buch zu danken. Vielleicht ist es sein schönstes." Marcel Reich-Ranicki
  • Produktdetails
  • dtv Taschenbücher Bd.13823
  • Verlag: Dtv
  • Seitenzahl: 128
  • Erscheinungstermin: 1. November 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 122mm x 12mm
  • Gewicht: 126g
  • ISBN-13: 9783423138239
  • ISBN-10: 3423138238
  • Artikelnr.: 26366260
Autorenporträt
Siegfried Lenz, der am 17. März 1926 in Lyck, einer kleinen Stadt im masurischen Ostpreußen geboren wurde, zählt seit langem zu den bedeutendsten Autoren der deutschsprachigen Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur.Nachdem Lenz aus englischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden war, ging er nach Hamburg und studierte Philosophie, Anglistik und deutsche Literaturgeschichte, ehe er 1950/51 als Redakteur für die "Welt" arbeitete. Seit 1951 lebt er als freier Schriftsteller in Hamburg. Bereits mit seinem ersten Roman gelang es ihm, die Kritik und die Leser für sich einzunehmen, und bis heute zeichnet sich Lenz' Werk dadurch aus, daß es menschliche Schicksale und aktuelle gesellschaftliche Fragen auf eine Weise verknüpft, die literarisch ambitioniert die Bedürfnisse breiter Leserschichten nicht vernachlässigt.Weite Teile des Lenzschen Werkes sind geprägt durch die Auseinandersetzung mit gesellschaftskritischen Problemen (etwa die Romane "Der Mann im Strom", 1957, oder "Brot und Spiele", 1959, einer der wenigen geglückten Sportromane der deutschen Literatur) und mit dem Dritten Reich bzw. seiner Verarbeitung. Zu Lenz' größtem Erfolg wurde dabei der 1968 erschienene Roman "Deutschstunde", der auch internationalen bahnbrechend wurde. Wie der junge Siggi Jepsen darin die Geschichte seines Vaters, eines norddeutschen Polizisten, der es im Nationalsozialismus für seine Pflicht hält, das Malverbot seines Freundes Nansen zu überwachen, erzählt, ist eine bis heute bestechende Demaskierung eines pervertierten Pflichtbegriffs und wurde von vielen als befreiende künstlerische Auseinandersetzung mit diesem Thema verstanden.Der "Deutschstunde" folgten viele große Romane ("Heimatmuseum", 1978, "Der Verlust", 1981, "Exerzierplatz", 1985 oder "Die Auflehnung", 1994), die Lenz unverrückbar an die Seite der 'großen' deutschen Gegenwartsautoren wie Heinrich Böll, Günter Graß oder Martin Walser stellten. Sein Werk umfaßt alle literarische Gattungen: Lenz arbeitete für das Theater ("Zeit der Schuldlosen", 1961), schrieb Hörspiele ("Haußuchung", 1967) und Essays ("Über den Schmerz", 1997), und für viele Leser ist er nicht zuletzt ein Meister der "kleinen Form". Seine oft humoristisch grundierten Erzählbände wie "So zärtlich war Suleyken" (1955), "Lehmanns Erzählungen" (1964) und "Der Geist der Mirabelle" (1975) belegen dies trefflich.Siegfried Lenz wurde für sein 'uvre mit zahlreichen Ehrungen ausgezeichnet, darunter der Gerhart-Hauptmann-Preis, der Bayerische Staatspreis für Literatur, der Thomas-Mann-Preis, der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und zuletzt, 1999, der Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main. Seine Auszeichnungen galten dem literarisch unvergleichlichen Werk, und sie rühmten immer auch das unerschrockene Engagement des Autors.
Rezensionen
»Keine Angst vor großen Namen. Siegfried Lenz ist zwar einer der prominentesten und ältesten deutschen Schriftsteller, sein Buch "Schweigeminute" ist aber auch für Jugendliche bester Lesestoff.[...]Große Literatur.« -- Borkener Zeitung 04.08.2011
"Dieses Buch gilt als das schönste, das Siegfried Lenz je geschrieben hat."
Meins 10.08.2016

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 22.04.2008

Bettgeschichten hatten für ihn nie Beweisqualität

Siegfried Lenz hat sich immer geweigert, Liebesgeschichten zu schreiben. Mit seiner Novelle "Schweigeminute", die wir von heute an in der F.A.Z. vorabdrucken, ist er sich auf beglückende Weise untreu geworden.

Von Marcel Reich-Ranicki

Von allen erfolgreichen deutschen Erzählern ist er der bescheidenste. Aber er weiß genau, dass ein Schriftsteller nur dann etwas leisten und erreichen kann, wenn er seinen Stoffen und Einfällen, seinen Mitteln und Motiven vertraut. Schriftsteller von Rang sind allesamt (auf mitunter schwer erträgliche Weise) eigensinnig - und sie müssen es sein.

In schweren Stunden hatte Siegfried Lenz stets einen Trost: Auf sein Publikum konnte er sich verlassen. Nur hat er diese Treue niemals mit Zugeständnissen erkauft. Er ist nie den Lesern nachgelaufen; vielmehr hat er sie höflich gebeten, ihm doch zu folgen. Sie taten es gern, sie tun es immer noch, denn sie spüren, dass er nicht für die Kritiker oder Kollegen schreibt und niemals mit dem Rücken zum Publikum, sondern immer den Pakt eben mit ihnen, den Lesern, anstrebt.

Lenz weiß, was der Siegreiche, der Triumphierende empfindet. Den bitteren Geschmack der Niederlage und des Scheiterns kennt er ebenfalls - wie kein anderer Schriftsteller seiner Generation. Seine Helden gehören zu jenen, die immer leer ausgehen. Die Niederlage ist der rote Faden, der sich durch seine Prosa zieht.

So wurde Lenz einer der populärsten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur - und einer der am heftigsten beneideten. Das ganz Ungewöhnliche: Er hat sich die Zustimmung seines enormen Publikums gesichert, obwohl er auf das Thema verzichtet hat, dem die meisten Romanciers und Novellisten den deutlichen und lauten Beifall der Leser verdanken: Er hat in seinem Werk die Liebe gemieden. Man hatte dafür überhaupt kein Verständnis.

Er wurde mehr oder weniger aufdringlich befragt, sehr direkt gemahnt, ja, zur Rede gestellt. Man wünschte von Siegfried Lenz eine Liebesgeschichte. Er antwortete ausweichend, bisweilen sogar schroff. Er hat jenen, denen daran so gelegen war, auf die Wahl seiner Themen und Motive Einfluss auszuüben, nichts versprochen.

In einem "Spiegel"-Gespräch im Juni 2003 wollte man von ihm wissen, ob er sich vielleicht "vor dem allzu Konkreten" drücke, "vor der Darstellung der handgreiflichen Seite der Liebe". Man verwies ihn auf John Updike, auf Michel Houellebecq. Lenz antwortete, natürlich habe er die Möglichkeit gehabt, Henry und Paula (in seinem damals neuen Roman "Fundbüro") "ins Bett zu schicken. Für mich hat das zu wenig Beweisqualität."

Ich gebe zu, ich wollte meinen Augen nicht trauen. Denn ich kann mich nicht daran erinnern, je einen ähnlich verwegenen Satz über die Sexualität gelesen zu haben, einen Satz, der sich auf verblüffende und, zugegeben, imponierende Weise über die Weltliteratur hinwegsetzt. Nur sollte man es sich nicht zu leicht machen. Lenz kennt Dante, Shakespeare und Goethe, er liebt Francesca da Rimini und Paolo Malatesta, Romeo und Julia, Faust und Gretchen. Seine kühne, geradezu tollkühne Behauptung soll offensichtlich nur für ihn selber gelten; sie erhebt keinerlei allgemeinen Anspruch.

Aber Lenz kennt auch Heines Wort: "Wir ergreifen keine Idee, sondern die Idee ergreift uns und knechtet uns." Damals, als er die "Beweisqualität" des Sexuellen mit Entschiedenheit in Frage stellte, wenn nicht schlicht ablehnte, hatte ihn die Idee, die er ein Leben lang ignorierte, wohl schon ergriffen: Er arbeitete an seinem nächsten Buch, der Novelle "Schweigeminute". Es ist - wer hätte das erwarten können? - eine Liebesgeschichte.

Ist es etwa zugleich eine Sexualgeschichte? Hat Lenz (um seine Formulierung aus dem "Spiegel"-Gespräch zu übernehmen) von vornherein geplant, das Paar im Mittelpunkt seiner Novelle "Schweigeminute", Christian und Stella, ins Bett zu schicken? Oder wurde er zu seiner eigenen Überraschung von den beiden jungen Menschen dazu gezwungen, sie so und nicht anders handeln zu lassen?

Tolstoi hatte ursprünglich keineswegs die Absicht, seinen berühmten Roman mit Anna Kareninas Selbstmord zu beenden. Das hat sie, Anna, entschieden, und Tolstoi musste ihrem Willen nachgeben. Auch Goethe ist es passiert, dass er sich in eine seiner fragwürdigsten Figuren (die Giftschlange Adelheid im "Götz von Berlichingen") verliebt hat. Es sind die schlechtesten Autoren nicht, die sich von ihren Figuren gelegentlich überrumpeln lassen.

Lenz hat viel von den Klassikern gelernt und dies nie verschwiegen. Alle seine Arbeiten haben das gleiche Fundament - die Geschichte, zu der er sich als seinem wichtigsten Ausdrucksmittel bekennt. Er ist ein Traditionalist. Respektvoll und dankbar knüpft er an die deutsche Novelle an ebenso wie an die angelsächsische Kurzgeschichte und die russische Erzählung. Storm, Hemingway, Tschechow - er liebt sie alle. Hemingway hat ihn vorübergehend sogar begeistert, das ist lange her.

Aber er ist ein vernünftiger, ein gemäßigter Traditionalist. Wo es ihm passiert, weicht er von der Tradition ab, er reformiert sie - doch tut er es nicht, wo es möglich ist, sondern, wo es ihm unbedingt nötig scheint. Manche Rezensenten haben ihm dies verübelt; sie meinten, er sei "altmodisch". Geschont haben sie ihn nie. Gewiss, sie haben ihn, wenn es ihnen gefiel, auch in Grenzen wohlwollend behandelt, doch ohne ihm einen Rabatt wegen guter Gesinnung einzuräumen.

Letztlich ist sein Weg zum internationalen Ruhm mit Verrissen deutscher Kritiker gepflastert. Übertrieben? Ja, aber nur ein wenig. Auf Vorwürfe der Kritiker reagiert Lenz meistens nur mit einem nicht überheblichen, zuweilen resignierten Lächeln. Nichts wäre falscher als die Vermutung, er ignoriere die Kritiker. Wenn sie es ernst meinen, dann nimmt auch er sie sehr ernst. Doch entmutigen und beirren lässt er sich niemals, glücklicherweise.

Was erzählt Lenz in der "Schweigeminute"? Das Ganze spielt in der Nähe der deutsch-dänischen Grenze, an der Küste. Man zahlt mit der Deutschen Mark, wir schreiben wohl Mitte der siebziger Jahre. Was zur Küste gehört, einschließlich eines Touristenhotels, hat Lenz hier erwähnt und dort angedeutet, hier mit wenigen Worten beschrieben und dort für einen Augenblick geradezu vergegenwärtigt.

Sinnliche Prosa ist es: Man kann alles fühlen, sehen, hören und riechen. Es wird geschwommen, gerudert und gesegelt und natürlich geangelt, es gibt Schlauchboote, Lastkähne und Ausflugsdampfer. Aus den sich rasch ablösenden Bildern entstehen wie von selbst Genrebilder. Man sieht es gleich: Lenz weiß da bestens Bescheid. Wozu braucht er diesen mit sicherer Hand gezeichneten Hintergrund? Er will uns, wie immer, eine Geschichte erzählen. Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu. Ein Schüler, achtzehn Jahre alt, verliebt sich in seine wenige Jahre ältere Lehrerin. Die Sache geht, wie anders nicht zu erwarten war, schlecht aus.

Das haben wir zahllose Male gelesen, gewiss. Wozu sollten wir uns noch einmal damit beschäftigen? Vielleicht deshalb, weil wir es noch nie so gelesen haben, wie es von dem Erzähler Lenz, zweiundachtzig Jahre alt, hier dargestellt wurde. Weil jede Epoche und jede Generation ihre Liebesgeschichten hat und weil jede neue Geschichte andere Wege geht als die bisherigen. Warum eigentlich? Das hat nur einen Grund: Jeder liebt auf seine Weise. Und jeder, der sich verliebt hat, versucht zu verstehen, was mit ihm geschehen ist.

Respekt, Diskretion, Dezenz, Takt: Das sind die Vokabeln, die sich mir zunächst aufdrängen. Lenz hat Respekt vor den Figuren, die er geschaffen hat. Er gönnt ihnen den Anspruch auf Diskretion, er spart nichts aus, aber er schreibt vorsichtig, dezent und taktvoll. Er ist ein Erzähler mit guten Manieren.

Man wird mir einwenden, Kunst, gar große Kunst beginnt erst jenseits aller Manieren. Die von Faulkner oder Dostojewski mögen miserabel gewesen sein. Schon wahr, es genügt nicht, ein Gentleman zu sein, um gute Literatur zu schreiben. Aber Epik hat schon zur Zeit von Homer ein wenig auch mit Rücksichtnahme, mit Takt zu tun gehabt.

Über die Vergangenheit des Schülers Christian wissen wir nichts; über Stella, die junge Lehrerin, die er liebt, die er plötzlich liebt, erfahren wir sehr wenig. Sie sind wortkarge Menschen. Christian streichelt ihren Rücken: "Auf einmal jedoch warf sie den Kopf zurück und sah mich überrascht an, ... als hätte sie unerwartet etwas gespürt oder entdeckt, womit sie nicht gerechnet hatte." Von der Liebe überfallen, gehen sie zum Hotel, in dem sie jetzt vorübergehend wohnt. "Stella forderte mich nicht auf, sie zu begleiten, sie setzte einfach voraus, dass ich mit ihr ging." So ist es in dieser Geschichte: Man verlangt nichts voneinander. Es kommt alles wie von selbst. Was sie unvermutet teilen und was jetzt nur ihnen gehört, wird nicht ausgesprochen, bleibt unerwähnt.

Wer liebt, sieht alles anders, als er es bisher gesehen hat. Die Liebe verändert natürlich auch Christians und Stellas Wahrnehmung der Welt. Beide spüren das sofort. Beide sind, jeder auf seine Weise, für das Glück dankbar, das ihnen das Leben beschert hat. Das eben zeigt Lenz, das macht er bewusst.

Christian befürchtet, dass das, was ihn jetzt mit Stella verbindet, ein Ende haben könnte. Die Sehnsucht nach Dauer kommt wie selbstverständlich, sie wird zum Leitmotiv seines Daseins: "Ich wollte nicht, dass etwas aufhörte, was so unvermutet begonnen hatte und wie von selbst nach Dauer verlangte."

Stella, die Ältere, die über mehr Erfahrungen verfügt, sieht alles skeptischer. Um aber Christian ihr Einverständnis zu erkennen zu geben, sagt sie ihm: "Du musst dir nun überlegen, was besser ist für uns ... Es kann nicht so sein wie früher." Was immer sie im Sinne haben - sie sind zart zueinander, so zart, wie der Autor dieser Liebesgeschichte zu seinen Geschöpfen ist. Wir haben meinem Freund Siegfried Lenz für ein poetisches Buch zu danken. Vielleicht ist es sein schönstes.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 07.05.2008

Eine Wassernixe und ihr Krakenmann
Aus der Hauswirtschaft der Phantasie: Ein Besuch bei Siegfried Lenz, aus Anlass seiner Novelle „Schweigeminute”
Die Fenster des Restaurants in Sonderhav gehen auf die Flensburger Förde hinaus. Das Wochenende hat schon begonnen, bei leichtem Wind sind einige Segler unterwegs. Siegfried Lenz kommt gern hierher zum Essen. Er blickt von der dänischen Seite aus über das Wasser auf die deutsche Küste. Am Vortag hat ihm Günter Berg, Verlagsleiter bei Hoffmann und Campe, das erste Exemplar der neuen Novelle heraufgebracht: „Die Schweigeminute”. Es ist sehr liebenswert gedruckt, sagt der Autor, sehr lesbar, auch für über achtzigjährige Augen.
Das schmale Buch erzählt die Geschichte einer Liebe an der Küste. Die Schweigeminute, die ihm den Titel gibt, findet in der Aula des Lessinggymnasiums statt, während der Totenfeier für die junge Englischlehrerin Stella Petersen, die einem Segelunfall zum Opfer fiel. Der Schüler Christian, noch nicht lange achtzehn Jahre alt, war ihr heimlicher Geliebter. Er ruft sich als Ich-Erzähler die Gedenkstunde vor Augen, und die Photographie der Lehrerin im schwarzen Trauerflor. Und er erinnert sich, wie, während Schulchor und Orchester den Schluss der Matthäus-Passion und Bachs Kantate 106 „Actus tragicus” zu Gehör brachten, die Liebesgeschichte vor seinem inneren Auge noch einmal vorbeizog.
Die Orte, in denen das Geschehen spielt, heißen Hirtshafen und Schärmünde. Das sind fiktive Ortsnamen, aber sie müssen irgendwo hier in der Region liegen, an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste. Sind unverkennbar lokalisiert, und sie sollen etwas Wiedererkennbares haben. „Für einen abstrakten Gedanken brauche ich sehr verlässliche Realität”, sagt Siegfried Lenz. Das ist, nicht nur mit Blick auf diese Novelle, ein Schlüsselsatz für diesen Schriftsteller, und je älter er wird, desto deutlicher tritt hervor, dass die Verlässlichkeit der Realität in seinen Romanen und Erzählungen vor allem den Schauplätzen entspringt.
Hier ist dieser Schauplatz durchaus nicht die Schulaula, in der die Schweigeminute begangen wird. Sie bleibt unbeschrieben, auch wenn sie Fenster zur Straße hat, von der herauf störend ein Drehorgelspieler mit seinem „Muss i denn, muss i denn zum Städele hinaus” der Bach-Kantate Konkurrenz macht. Die Trauerszenerie der Rahmenhandlung ist ein Fenster, das den Blick auf die Küste, auf das nahe Meer, auf die vorgelagerte Vogelinsel, auf den Wellenbrecher freigibt, den Christians Vater, der Steinfischer, während der Sommerferien aufgeschichtet hat. So viel maritime Sprachgischt aus Fischnamen, Schiffstypen und mäßigem Nordost, der gutes Wetter verspricht, geht über diesen Schauplatz, dass sie wie eine weitere Hauptfigur dem Liebespaar an die Seite tritt.
Siegfried Lenz lässt sein heimliches Liebespaar eher sorglos mit der Gefahr des Entdecktwerdens umgehen. Er will seinen Protagonisten nicht die Gesellschaft zum Verhängnis werden lassen, er will das Unglück mit der Landschaft, mit dem Schauplatz verschmelzen lassen. Dazu gehört, dass es nur von ungefähr datierbar ist. Gewiss, man kann nachrechnen: Die junge Englischlehrerin ist ein Nachkriegskind. Ihr Vater war als Bordfunker, in einem deutschen Bomber, unter dem Himmel von Kent abgeschossen worden. Wenn er sie 1945/46 nach der Rückkehr aus der englischen Kriegsgefangenschaft gezeugt hat, muss sie bei ihrem Tod etwa dreißig Jahre alt gewesen sein. Von diesen mittleren siebziger Jahren aber, in die den Leser die Genealogie der Protagonisten führt, ist nur andeutungsweise die Rede. Weder ihre Hits, noch die Aktionen der RAF, an die man sich derzeit erinnert, noch die politischen Zäsuren wie der Übergang von der Kanzlerschaft Willy Brandts zu der Helmut Schmidts spielen eine Rolle.
Wie weit die Nachkriegszeit schon vorangeschritten ist, zeigen Alltagsgesten wie die, dass die Lehrerin ihrem Schüler ihre Zigaretten anbietet. „Der Rabbi in der Sonntagsschule”, sagt Siegfried Lenz, „wird gefragt, ob der Mensch vorzugsweise von innen nach außen oder von außen nach innen lebt. Er dachte sehr lange nach und sagte: Ja. Wenn Sie nach der zeitlichen Datierung fragen, sage ich ,ja’.” Lenz raucht nicht Zigaretten wie sein Freund Helmut Schmidt. Er raucht Pfeife, und muss darum das Restaurant immer wieder verlassen und sich in den Garten setzen, in eine Decke gehüllt. Es macht ihm Spaß, seine Figuren rauchen zu lassen.
Das Umständliche, Zeremonielle des Pfeifestopfens, das langsame Ziehen und das bedächtige Hantieren hüllen den Pfeifenraucher leicht in eine Aura der Gelassenheit und Souveränität ein. Der literarische Ruhm des Autors Siegfried Lenz ist von ähnlichem Aroma. Erstaunlich abgeklärt für einen jungen Ich-Erzähler – aber ist er wirklich noch jung, während er erzählt? – ist auch in dieser Novelle der Stil. Aber nicht, worauf der Autor abzielt: „Was mich an der Geschichte interessierte, war die Preisgabe der Souveränität und Selbstbestimmung, in dem Augenblick, in dem man liebt, kopflos und unheilvoll liebt. Und da gibt es auf der anderen Seite die Autorität der Pädagogin, die der Junge von Beginn an anerkennt.”
Hier, wo die Institution Schule die Forderungen der Liebe begrenzt, wäre die Abzweigung in Richtung jener zeithistorisch aufgeladenen Novelle gewesen, die Siegfried Lenz ausgeschlagen hat. Denn es geht hier um eine harmlose Gymnasiastenschwärmerei: „Ich streifte ihren Badeanzug ab, und sie ließ es geschehen, sie half mir dabei, und wir liebten uns in der Mulde bei den Kiefern.” Das ist so diskret wie deutlich.
Aber diese Englischlehrerin hat mit der Reformpädagogik der siebziger Jahre nichts zu tun, ihre Liebe ist kein Projekt sexueller Emanzipation. Sie ist zwar, was ihre bürgerliche Existenz angeht, ein Kind der Nachkriegsgeschichte, und sie hält sich an den Lehrplan, nimmt „The Adventures of Huck Finn” und „Animal Farm” von George Orwell durch und lässt die Schüler in ihrem Aufsatz die politische Allegorie des Totalitarismus erörtern.
Literarisch aber stammt Stella Petersen von den Nixen und Meerjungfrauen alter Balladen ab. Sie ist eine ausgezeichnete Schwimmerin, ein schlanker Fisch im Wasser, der, wenn es nottut, bei der Optimisten-Regatta kenternde Schüler rettet. Mit unsichtbaren, vom Autor kunstvoll geknüpften Fäden ist sie an jene Welt gebunden, die bei den Strandfesten in Hirthafen zu den Klängen von „La Paloma” aus der Ferne zitiert wird, wenn einer der Steinfischer als der „heimische Wassergott, der Krakenmann genannt wird”, auftritt: den Aalstecher in der Hand, Hemd und Hose am Körper klebend, den Nacken mit Seetang bekränzt.
„Ich liebe meine Figuren, ich liebe diese Stella”, sagt Siegfried Lenz, und das hat vielleicht auch damit zu tun, dass er wie seine nixenhafte Lehrerin in der Nähe des Wassers aufblüht. Den Gymnasiasten Christian hat er zum Sohn eines Steinfischers gemacht. Und das nicht nur, um das Geschehen in jener Epoche zu lokalisieren, als im Zuge des zunehmenden Tourismus viele kleine Häfe, Molen und Wellenbrecher gebaut wurden.
Sondern zugleich und vor allem, um sein Liebespaar ganz in die Sprache der Küste und des Küstenhandwerks einhüllen zu können. Christian hilft seinem Vater, auf dem Prahm die schweren Findlinge aus dem Wasser zu hieven, fährt mit der „Katarina” seines Vaters die Feriengäste aus dem Hotel „Seeblick”, dem Hauptquartier der Liebe, zum Steinriff, wo die Jungen des Ortes nach Münzen um die Wette tauchen. Seine Liebeserzählung ist zugleich eine Landschaftserzählung: „Wir glitten am Riff entlang, und als die sandige Landzunge in Sicht kam, erhob sich eine Wolke von Wasservögeln, inszenierte ein weißes Stiemwetter, Heringsmöwen vor allem.”
Wenn Siegfried Lenz davon erzählt, wie er selber Jahrzehnte lang als Hobbyfischer ausfuhr, wenn er vom Anlanden bei aufkommendem Wind spricht, dann ist unüberhörbar, wie sehr sich der geborene Ostpreuße in diese Welt, in die Küstenregion Deutschlands und Dänemarks eingewurzelt hat. Mit den masurischen Erzählungen aus seiner Herkunftswelt ist er berühmt geworden, aber wenn er jetzt auf eine literarische Windrose blickt, so ist diese deutsch-dänische Welt seine Landschaft geworden, „der Ort an dem ich lebe, der erfahren ist, den ich erdulde und den ich genieße”. Und er fügt hinzu: „Über den Osten – und die Vertreibung daraus – habe ich im Roman ,Heimatmuseum’ (1978) geschrieben, er ist über 600 Seiten dick, ein Versuch, die Erfahrung des Ostens auszufragen, ins Soziale und Politische auszugreifen.” Noch einmal stopft er die Pfeife und lässt keine Zweifel daran, dass dieser Roman über den Osten eine Parallelaktion zur Unterstützung der Ostpolitik Willy Brandts in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren war.
In der Erzählung „Das Feuerschiff” (1960) wurde die Katastrophe an Bord, mit Handfeuerwaffen ausgetragen. Dazu stehen im Werk von Lenz, wie in dem Roman „Der Mann im Strom” (1957), die Unglücke im Kontrast, die aus dem Wasser selbst hervorgehen, die Todesarten der Elbe und der See. „Bestimmte Unglücke gehören zu bestimmten Landschaften”, sagt Siegfried Lenz. „Dieses schwerfüßige Unglück, das hier im Norden einen Menschen ereilen kann, nimmt sich anders aus als ein Skiunglück in den Alpen. Das Leben hält viele Arten des Unglücks bereit, Sie können wählen . . . Zur Voraussetzung der Geschichte vom Mann im Strom gehört die Elbe, gehört die Missachtung der kritischen Tiefe. ”
In der Novelle „Schweigeminute” hat das Unglück zwei Voraussetzungen: das aufkommende schwere Wetter und den Dilettantismus der Segler auf dem Zweimaster „Polarstern”, die Stella Petersen zu einer Tour abgeholt haben und bei der Rückkehr in den Hafen scheitern. Seine Stella liebt Siegfried Lenz, den Namen dieses Schiffes nicht: „ ,Polarstern’ das ist ein Verlegenheitsname, ich fand ihn blöd, doof. Wenn Sie hier manche Kajaks sehen, die nennen sich auch Polarstern – das ist keine maritime Valuta, so ein Name. Wenn man nicht weiß, ob man es Philipp II. oder Perikles nennen soll, dann sagt man ,Polarstern’.”
Der Osten, der Norden und der Westen spielen gehören in der literarischen Windrose von Siegfried Lenz zusammen. Der Süden steht abseits. „Diese sentimentalische Sehnsucht des Nordens nach dem Süden, für die Goethe die schönsten Worte gefunden hat, kenne ich nicht”, sagt er. Sein Süden ist der amerikanische Süden William Faulkners, dessen „Light in August” Stella Petersen in den Sommerferien liest – nicht, weil das zum Schulkanon gehörte. Lenz hat seiner Stella den Lieblingsautor Faulkner geschenkt: „Ich hatte mal eine wunderbare Einladung vom amerikanischen Außenministerium, nach Amerika zu reisen und jedermann zu treffen, den ich treffen wollte. Ich sagte Mr. William Faulkner in Yoknapatawpha County, aber er war kurz vorher vom Pferd gefallen und ist dann gestorben, ich hab ihn leider nie kennengelernt, aber ich habe ihn weiter gelesen.”
Die Landschaft und das Unglück gehören hier wie dort zusammen. Aber von Faulkners Figuren sind die von Lenz himmelweit entfernt, auch in der „Schweigeminute”. Sie leben trotz aller Stürme in milderem Klima, und wenn ihr Autor sagt, er betreibe „eine Art Hauswirtschaft der Phantasie”, dann ist in diesem Haus das menschliche Normalmaß der Bewohner vorausgesetzt. Aber nicht ein mäßiges, laues Unglück. Das gilt wohl auch für dieses junge Liebespaar mit der alten Geschichte. „Darum die Bachsche Musik,” sagt Siegfried Lenz, „nach dem Tod meiner Frau Anfang 2006 hat mir einmal der Organist in der Domkirche von Aarhus die Kantate „Actus tragicus” vorgespielt, da ging es mir auf, diese Verlorenheit, diese Ausgesetztheit – und das Universum des Trostes.”
LOTHAR MÜLLER
„Für einen abstrakten Gedanken brauche ich verlässliche Realität”
„Bestimmte Unglücke gehören zu bestimmten Landschaften”
Wer hier sein Boot „Polarstern” nennt, dem ist nicht mehr zu helfen: Die Schiffsbrücke an der Förde in Flensburg im Jahr 1956 Foto: Ullstein
„Die Landschaft und ihre Geschichten gehören zusammen”: Der Schriftsteller Siegfried Lenz am vergangenen Wochenende im Restaurant des dänischen Koches Christian Bind in Sonderhav an der Flensburger Förde. Foto: Müller
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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Ganz beglückt zeigt sich Rezensent Dirk Knipphals über diese schmale Novelle von Siegfried Lenz, die ihn gar nicht so sehr wegen der darin erzählten Liebesgeschichte berührte, sondern als "sentimental journey" in die Literatur der alten Bundesrepublik. Denn die Geschichte einer Liebe zwischen einer Lehrerin und ihrem Schüler wirkt im Grunde ein wenig "geschreinert" auf ihn und so ganz glaubhaft scheint sie ihm auch nicht. Trotzdem findet er den Stil der Dialoge und Lenz? Einfühlung in seine Figuren so formvollendet gelungen, dass er angesichts des hier scheinbar so geballt auftretenden "Retrocharmes" fast ein paar Tränen der Rezensentenrührung vergießt. Denn er muss plötzlich an seinen eigenen Deutschunterricht denken, unser eitler Rezensent.

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