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Im Mittelpunkt des Buches steht Childerich III. von Bartenbruch, ein grotesker Zeitgenosse. Nachfahre aus merowingischem Geschlecht. Er ist bestrebt, durch ein kompliziertes System von Heiraten und Adoptionen sämtliche Verwandtschaftsgrade in seiner Person zu vereinigen. Es gelingt ihm, durch vier nach einem bizarren Plan ausgeklügelten Ehen sein eigener Vater, Großvater, Neffe und Onkel zugleich zu werden. Childerich, der letzte Merowinger im 20. Jahrhundert, verfiel auf die Vorstellung von der "Totalität der Familie" und ihrer vollen Repräsentanz im Ein-Mann-Prinzip. "La famille c'est moi."…mehr

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Produktbeschreibung
Im Mittelpunkt des Buches steht Childerich III. von Bartenbruch, ein grotesker Zeitgenosse. Nachfahre aus merowingischem Geschlecht. Er ist bestrebt, durch ein kompliziertes System von Heiraten und Adoptionen sämtliche Verwandtschaftsgrade in seiner Person zu vereinigen. Es gelingt ihm, durch vier nach einem bizarren Plan ausgeklügelten Ehen sein eigener Vater, Großvater, Neffe und Onkel zugleich zu werden. Childerich, der letzte Merowinger im 20. Jahrhundert, verfiel auf die Vorstellung von der "Totalität der Familie" und ihrer vollen Repräsentanz im Ein-Mann-Prinzip. "La famille c'est moi." Schließlich aber gerät der Merowinger in Konflikt mit anderen Sippen, wird überwältigt, seiner weit über die Grenzen des Gewöhnlichen hinausgehenden Manneskraft beraubt und zu einem Schattendasein verurteilt.

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Autorenporträt
Heimito von Doderer (1896 - 1966) gilt seit der Veröffentlichung seiner beiden großen Wiener Romane "Die Strudlhofstiege" (1951) und "Die Dämonen" (1956) als einer der bedeutendsten österreichischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.
Rezensionen
"Ein Roman, der profundes Geschichtswissen des Autors, Zeitkritik und -analyse und barocke Schnurren höchst amüsant vereinigt."
(Oberösterreichische Nachrichten)

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 06.03.2006

DAS HÖRBUCH
Wie man sein eigener Vater wird
Gotteskomplex: Bernd Jeschek liest Heimito von Doderer
Die applizierte Nasenzange ähnelt einem kleinen, auf der Nase sitzenden Schmetterling. Ihre Wirkung ist jedoch hornissenhaft. Schon leichtes Ziehen an der Zangenschnur lässt drei scharfe Nadeln tief in die Nase dringen, „wodurch sich auch schwerst tobende Individuen mühelos bändigen” lassen. Die Nasenzange, erfunden vom Wiener Nervenarzt Prof. Horn, ist ein therapeutisches Sedativ, besonders gegen den Jähzorn.
So grob das Mittel erscheinen mag - es ist ein bescheidenes Remedium gegen die beim Nichtigsten lostobende Wut von Horns bedeutendstem Patienten, des fränkischen Barons Childerich III. von Bartenbruch (geb. 1890). Childerichs Prügelungen des Hofpersonals sind noch sanftes Gemütskräuseln gegen sein Lebensziel, das auf Seelenverknotungen schließen lässt, vor denen alle pathologische Diagnostik versagen muss: Die Idee der „familiären Totalität”. Ihre Umsetzung beginnt der Baron, als er die junge Witwe seines Großvaters heiratet; ihr folgt, nach den nötigen Trauerfällen, seine junge Stiefmutter. Diese Partien machen Childerich sozusagen zu seinem eigenen Vater und Großvater - und man erahnt, wie sich über weitere Ehen, Adoptionen etc. Childerichs Häufung „familiärer Chargen” zum unüberblickbaren dynastischen Zentralismus bauscht - „man nennt es schwerlich mehr mit Recht Familie. Es ist die Welt. Die Welt, und ich ihr Vater”! Das ist schon eine Art Wotans- oder Gotteskomplex.
Jeder vernünftige Leser wird nun den größten Irrsinn in dieser Geschichte ihrem Autor bescheinigen wollen: Heimito von Doderer, der Childerich III. zur Zentralfigur in „Die Merowinger” (1962) macht. Der Roman erzählt vom Untergang der letzten Linie des frühmittelalterlichen Geschlechts im 20. Jahrhundert, wo der in Childerich geballte Wahn von anderthalb Jahrtausenden ein vernichtendes modernes Echo in der Firma „Hulesch & Quenzel Ltd” findet, die beispielsweise „Nähnadeln ohne Öhren” oder „Pneumatische Untertassen. Haften einige Sekunden an der Teetasse” vertreibt, also dafür sorgt, dass uns das Le-ben als „Werk von zehntausend Teufeln kleinsten Formats” vorkommt.
Ein Mordsblödsinn
Es stimmt schon, Doderer macht da zur Hauptsache, was er in „Die Strudelhofstiege” und „Die Dämonen” randständig lässt - das Obsessive, Sadistische, Zufällige - und zwar in einer Art und Weise, der Worte wie „komisch” oder „skurril” nur bis zum Knöchel reichen. „Die Merowinger” hauen einen einfach um. Das Buch aber nur als Megawahnwitz zu sehen, wäre falsch. Auch das brave Tantchen Ironie spielt nur nebenher mit, gleichwohl „Die Merowinger” den Historienroman, die gesamte Psychotherapeutik, Wagners „Ring” etc. parodieren. Nein, das Werk ist einer der raren Fälle, in denen das Komische nicht nur die zweite Juxgeige neben der Realität spielt. Hier gehört die bizarre Verschraubung zum Wesen des Erzählens, welches Seltsamkeit für selbstverständlich nimmt und immer höher windet, in eine fast unheimliche Sphäre des universell Komischen hinein - in der man vergeblich aufs plumpe Aufplatzen der Scherze lauscht.
Auf diese Spannung hin ist der Aber-witz angelegt. Wenn der Baron das „Klystieren” als Ritual mit viel Gesinde pflegt, zieht die Schilderung ihren brenzligen Reiz gerade aus der Umschiffung des Vulgären. „Und dass auf Bartenbruch Jagdgäste zwangsweise klystiert worden seien, ist glatter Unsinn, den einige junge Herren aus Lausbüberei in Umlauf gesetzt haben.” Das spricht es aus: Doderers Witz bleibt indirekt, umläufig, noch in den unzimperlichsten Einfällen ruht seine Prosa in eleganter Gelassenheit, ja Umständlichkeit - als Schutz, gewissermaßen als Nasenzange vor dem Schreckenskern der Geschichte: der Wut.
„Die Wut ist die katastrophalste Form der Apperzeptionsverweigerung, welchletzere ja sonst nur in den vielhunderten Formen der Dummheit umherschleicht." Wer so schreibt, meint es ernst. Deshalb steht in diesem „Mordsblödsinn” (Doderer) kein dummer Satz. Der „alles zerfressenden Lächerlichkeit” zur Wehr hat Doderer eine vollkommen zur Kunst gewordene Komik entworfen.
Ein Schaupieler, der so etwas in toto einzulesen wagt, steht im Verdacht der Überzeugungsstat. Bernd Jeschek bestä-tigt ihn aufs Schönste, nämlich in stiller Anverwandlung an die Gelassenheit, in die Doderer seine Erzählwucherung bettet - es schreibt ja ein Moderner, sich selbst kommentierend, fußnotenweise parodierend, Reden in Verse setzend. Jeschek fistelt, piepst und brüllt die Figuren famos, und Childerichs Groll ist in den archaischen Reibeisen-Konsonanten seines Kärtner Idioms wie zuhause. Die Liebe zum Buch aber hört man Jeschek anders an: Im dezenten, genauen Ton, im trockenerdigen Klang, der Doderer in jede exquisite Absurdheit folgt, ohne sich je zu wundern oder sich, Pointen auslöffelnd, vor den Text zu spielen. Mit der Zeit erst spürt man die Kunst in Jescheks Zurückhaltung, die „Die Merowinger” in ihrer ganzen niederstreckenden Komik hörbar macht. Nur das Glockenspiel bei Hulesch & Quenzel - im Text stehen die Noten gedruckt - das hätte man auch gern noch gehört! WILHELM TRAPP
HEIMITO VON DODERER: Die Merowinger oder Die totale Familie. Gelesen von Bernd Jeschek. Preiser Records, Wien 2006, 10 CDs, 740 min., 49,90 Euro.
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»Tolldreiste Komik.« NEUE ZÜRCHER ZEITUNG