Ich war Hitlers Trauzeuge - Keglevic, Peter
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Ein grandioser, tragikomischer Roman mit Harry Freudenthal, Eva Braun, Leni Riefenstahl, HJ Syberberg u.v.a.m. sowie, zu guter Letzt, Adolf Hitler
Ostersonntag 1945. In Berchtesgaden wird zum 13. Mal "Wir laufen für den Führer" gestartet: eintausend Kilometer in 20 Etappen durch das Tausendjährige Reich. Der Sieger darf Adolf Hitler am 20. April persönlich zum Geburtstag gratulieren. Dank Leni Riefenstahl, die den großen Durchhaltefilm drehen soll, gerät der untergetauchte Harry Freudenthal in den Pulk der Läufer und entrinnt damit seinen Häschern. Der irrwitzige Lauf nach Berlin führt…mehr

Produktbeschreibung
Ein grandioser, tragikomischer Roman mit Harry Freudenthal, Eva Braun, Leni Riefenstahl, HJ Syberberg u.v.a.m. sowie, zu guter Letzt, Adolf Hitler

Ostersonntag 1945. In Berchtesgaden wird zum 13. Mal "Wir laufen für den Führer" gestartet: eintausend Kilometer in 20 Etappen durch das Tausendjährige Reich. Der Sieger darf Adolf Hitler am 20. April persönlich zum Geburtstag gratulieren. Dank Leni Riefenstahl, die den großen Durchhaltefilm drehen soll, gerät der untergetauchte Harry Freudenthal in den Pulk der Läufer und entrinnt damit seinen Häschern. Der irrwitzige Lauf nach Berlin führt Harry schließlich bis in den Führerbunker, wo er Geschichte schreibt.

Mit großer Lust am historischen Detail und der Absurdität der Ereignisse in den letzten Wochen des Dritten Reichs erzählt Peter Keglevic die Lebensgeschichte eines Berliner Juden, der es bis in den Führerbunker schafft und dessen Schicksal aufs engste mit dem von Adolf Hitler verbunden ist.
  • Produktdetails
  • Verlag: Knaus
  • Seitenzahl: 571
  • Erscheinungstermin: 18. September 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 224mm x 149mm x 47mm
  • Gewicht: 774g
  • ISBN-13: 9783813507270
  • ISBN-10: 3813507270
  • Artikelnr.: 48070520
Autorenporträt
Keglevic, Peter
Peter Keglevic, geboren 1950 in Salzburg und gelernter Buchhändler, ist ein erfolgreicher TV-Regisseur, ausgezeichnet u.a. mit dem Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis. Seit über 20 Jahren hat er für »Laufen für den Führer« und die Lebensgeschichte von Harry Freudenthal recherchiert. »Ich war Hitlers Trauzeuge« ist sein erster Roman.
Rezensionen
Besprechung von 25.10.2017
Und läuft und läuft und läuft
Finis Germaniae: Peter Keglevics grotesk überdrehter Pikaro-Roman über die letzten Tage des Nationalsozialismus

Am Ende steht in Deutschland immer Er. Man kann es auch umdrehen: Ohne Hitler ist nichts wirklich zu Ende. So müssen wir abermals hinab in den Führerbunker, der hier - Walter Moers zuliebe - einmal "Bonker" genannt wird. Man nehme noch Charlie Chaplin, Mel Brooks, Gerhard Polt, Helge Schneider und Timur Vermes hinzu: Peter Keglevic, ein anerkannter Fernsehfilmregisseur, der von redaktionell gleichgeschalteten Fernsehfilmen erklärtermaßen die Nase voll hat, reiht sich mit seiner grandios irrsinnigen, in den Details verlässlich recherchierten Schelmenerzählung, die all die Chauffeurs- und Sekretärinnen-Erinnerungen aufs Korn nimmt, ins Partisanencorps der grobianischen Hitler-Persiflierer ein.

Das ist aber bereits das erste Problem dieser zentnerschweren Romanbombe: An die starken Vorgänger reicht ihr Witz nur selten heran. Lustig à la Moers immerhin ist es, wenn die Hauptfigur, als sie schließlich am Ziel angelangt ist, den "Gröfaz" zuerst übersieht, denn der hockt zusammengefallen im Sessel, "als läge da eine alte Hundedecke". Finis Germaniae.

Die Hauptidee ist hübsch kurios. Angelehnt an diverse Volksläufe "zu Ehren des Führers", imaginiert der Autor einen Tausend-Kilometer-Lauf, der noch im Frühjahr 1945 durch das zusammenbrechende "Reich" führt. Vermarktet als Triumph des Durchhaltewillens wird dieser Ruinenparcours medial-propagandistisch durch den "Völkischen Beobachter" sowie die Reichsfilmregisseurin höchstselbst begleitet, was Anlass bietet für zahllose Scherze sowie Verbeugungen vor Leni Riefenstahls künstlerisch-technischem Talent. Als ihr Lakai agiert übrigens "Hajott" Syberberg, wobei mit den Daten etwas freihändig umgegangen wurde: Der echte Hans-Jürgen Syberberg, nachmals Regisseur des umstrittenen "Hitler"-Mehrteilers, war zu diesem Zeitpunkt erst neun Jahre alt. Aber es ist ja ein Roman.

Dramaturgisch ist die Konstruktion apart, vollzieht der Leser so doch im Moment der Niederlage von Berchtesgaden aus, wo Adolf Hitler von 1923 an regelmäßig gastierte, über seine Geburtsstadt Braunau, die "Führerstadt" Nürnberg, Wagners Bayreuth, Dresden und Potsdam bis nach Berlin noch einmal den Aufstieg des Nationalsozialismus nach, und zwar als groteske Reise ins Herz der Finsternis, die den realen Menschenströmen dieser Tage - nur raus aus Berlin, nur weg von der Verantwortung - diametral zuwiderläuft. Der Sieger darf am 20. April dem "Führer" persönlich zum Geburtstag gratulieren, während dem Zweitplazierten eine BMW-Beiwagenmaschine winkt, was dazu führt, dass niemand das Rennen gewinnen möchte. Ideologie zieht hier längst nicht mehr.

Erzählt ist der Roman in Ich-Perspektive von seinem jüdischen Protagonisten, dessen tragische Lebensgeschichte mittels vieler Rückblenden nachgereicht wird. Nach der Auslöschung seiner Familie entwischte Harry Freudenthal mit Hilfe eines Zahnarzt-Netzwerks den Häschern des Regimes und verbarg sich zuletzt in Wien, wo er einige Heldentaten im Widerstand vollbrachte. Abermals fliehend - diesmal mit einem Pilgerpass -, wurde er bei Berchtesgaden aufgegriffen, aber anders als seine abgeschlachteten Mitpilger von Leni Riefenstahl, die sich an sein zufällig im "Olympia"-Film auftauchendes Gesicht erinnert ("Ich stand genau hinter dem Streckenreporter"), für die Teilnahme am Führerlauf rekrutiert. Von nun an ist er Teil einer clownesken, teils auch liebenswürdigen Gurkentruppe, die sich als viel weniger heldenhaft erweist, als der erste Eindruck vermuten lässt.

Es handelt sich bei Harry, der im Führerbunker das Licht ausknipst, um eine leicht märchenhafte Auserwählten-Figur. Man geht kaum zu weit, wenn man ihn, der unter dem Namen Paul Renner an dem End-Lauf teilnimmt, als Personifikation jenes Projektils auffasst, das den zur eigenen Karikatur gewordenen Hexenmeister des Bösen schließlich dahinrafft. Zugleich ist Harry, der Sohn eines erfolgreichen jüdischen Zahnarztes aus Krampnitz bei Potsdam, vielleicht aber auch - daher der Vorname - des Hausfreunds Harry Graf Kessler, ein aus der Not geborener Hochstapler, der stets die Enttarnung fürchtet. Er hat Hitlers Aufstieg als Kind fasziniert beobachtet und sich vom Atem der Geschichte durchaus anhauchen lassen, was ihm nun zugutekommt: Um Antworten ist er nie verlegen. Nationalsozialistische Funktionäre schenken seiner koketten Notlüge einer nur noch auf diese Weise nach Berlin zu überbringenden Geheimbotschaft - "Durchbruch in der Antriebstechnik. Mehr kann ich nicht sagen" - aus Verzweiflung Glauben. Obwohl man inmitten des Bombenhagels wahrlich andere Sorgen hat, wird der abstruse Lauf daher immer weiter unterstützt.

Keglevic übertreibt es jedoch mit der Brachialkomik. Er reduziert sämtliche Figuren auf wenige Attribute und will häufig aufs Schenkelklopfen hinaus, wenn etwa in Bayreuth die beiden It-Girls des Hitlerstaats - Leni Riefenstahl und Winifred Wagner - Zickenkämpfe aufführen oder wenn der dem BDM-Organisationsstab des Führerlaufs in die Hände gefallene schwarze Amerikaner Joe eisern "Roy Black" genannt wird. Dieser fleißig Deutschmädel beglückende Soldat, der sieben Leben zu besitzen scheint, erweist sich als guter Geist der Operation Plattfuß, die bald auch unter amerikanischen und englischen Einheiten als Ereignis gilt. Spannungstechnisch lässt der Haupterzählstrang derweil zu wünschen übrig, geht es doch über Hunderte von Seiten in quälender Langatmigkeit, aber ohne erkennbaren narrativen Gewinn um endlos viele Einzeletappen. Jede Verpflegungspause wird notiert, jede folgenlose Unterhaltung, jede Nachtquartierständelei. Als die Handlung endlich Berlin erreicht, läuft der Leser nicht weniger auf dem Zahnfleisch als der Protagonist.

Die endgültige Kapitulation aber findet im Führerbunker statt. Hier verläppert die bis dahin wenigstens punktuell dramatische oder amüsante Erzählung vollends, wandelt sich zu einer so billigen Travestie, dass einen kaum mehr interessiert, wenn Eva Braun, die mit ihrem Trauzeugen intim wird, über den "Dolphi" klagt, er nehme sie "immer nur von hinten", weil er eigentlich den Chauffeur meine: "Und mit dem Speer stöpselt er auch." Müde angepappt wirkt zudem die hilflose Rahmenhandlung in der Jetztzeit: Der fünfundneunzigjährige Harry erzählt seine Geschichte in Joes Friseursalon, und zwar über vierundzwanzig Stunden. Warum gerade jetzt, erfahren wir nicht einmal.

So stehen Aufwand und Ertrag bei diesem Roman in keinem günstigen Verhältnis. Auch ein beherzteres Lektorat und die Kürzung um zwei Drittel des Umfangs hätten das Grundproblem des Buches nicht beseitigt: dass der Autor allein vom Stoff her denkt und so etwas wie ein überlanges Drehbuchexposé vorgelegt hat. Literarische Kategorien - eine elaborierte, verdichtende Sprache, das hintersinnige Kombinieren von Motiven, Metaphern und intertextuellen Bezügen - spielen so gut wie keine Rolle. Alles liegt hier offen zutage, aber nichts verweist auf etwas. Der reichlich vorhandene Klamauk unterminiert geradezu jede tiefere Bedeutung. Es hätte ja nicht gleich hochspekulativ Identitätsphilosophisches oder eine Reflexion über die moralische Pflicht zum Tyrannenmord sein müssen, aber etwas mehr als ein bitteres Kichern und die Frage, ob wohl eine Verfilmung droht, sollte bei einem solchen Dolchstoß im Narrenkostüm doch bleiben.

OLIVER JUNGEN

Peter Keglevic: "Ich war Hitlers Trauzeuge." Roman.

Knaus Verlag, München 2017.

576 S., geb., 26,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 31.01.2018
Im Bett mit
Eva Braun
Peter Keglevic schleppt sich
durchs zertrümmerte Reich
Auch wenn Adolf Hitler in den letzten Tagen seines tausendjährigen Reiches im Führerbunker nicht mehr viel hermacht; auch wenn er schwitzt und furzt und stinkt wie ein Güllefass und in seinem ranzigen Sessel so aussieht wie eine alte Hundedecke – als Ziel und Fixpunkt eines Romans taugt er trotzdem und wird in jeder Buchsaison aufs Neue für einen Mummenschanz reanimiert. Seit den „Adolf“-Comics von Walter Moers und Timur Vermes mit „Er ist wieder da“ darf dafür auch die Satire in Anspruch genommen werden. Hitler ist eine Witzfigur, und eigentlich könnte man es endlich mit ihm bewenden lassen. Leider hat sich auch der österreichische Filmregisseur Peter Keglevic in diesem Genre versucht, nur dass sein vermutlich witzig gemeinter Versuch kein bisschen witzig ist und keinerlei Erkenntnisgewinn zu bieten hat.
„Ich war Hitlers Trauzeuge“ hat Keglevic seinen ersten Roman genannt, womit nach Hitlers Generälen, Chauffeuren, Friseuren, Sekretärinnen und den vielen willfährigen Vollstreckern die letzte seinerzeit von Guido Knopp und anderen gelassene Lücke geschlossen wäre.
Bis es aber zur Trauzeugenschaft im Führerbunker kommt, muss man einen Langstreckenlauf absolvieren und dabei eine geradezu heroische Ausdauer beweisen. Erzählt wird die Geschichte des letzten großen Volkslaufs „Wir laufen für den Führer“, der im April 1945 in 20 Etappen á fünfzig Kilometer von Berchtesgaden über Braunau, Nürnberg, Bayreuth und Leipzig in die zerstörte Reichshauptstadt führte und dem Sieger versprach, dass er dem Führer zum Geburtstag gratulieren dürfe.
Keglevic lässt wirklich keine Etappe und keinen Kilometer aus, auch dann nicht, wenn nur zu berichten ist, was es an der Verpflegungsstation gab. Das schleppt sich literarisch mit schweren Schritten durchs zertrümmerte Reich. Vielleicht ist das so, wenn ein Filmregisseur, um dem Diktat des 90-Minuten-Formats zu entkommen, zu schreiben beginnt und die Freiheit, die er da erlebt, allzu sehr auskostet. Von Verknappung, Reduktion auf das Wesentliche scheint Keglevic noch nichts gehört zu haben. Dass Bilder sich auch mit der Sprache erzeugen lassen, weiß er nicht. Selbst die Schnitttechnik hat er vergessen.
Hauptfigur ist der jüdische Junge Harry Freudenthal, der sich unter dem Vorwand, eine Geheimbotschaft nach Berlin bringen zu müssen, unter dem falschen Namen Paul Renner ins Feld der Starter hineinmogelt. Unterstützung erfährt er dabei von Leni Riefenstahl, die ihn vor der Erschießung rettet, weil sie in ihm die ideale Läufer-Statur sieht, die sie für ihren Film braucht. So wird der geheime Jude zum Arier-Darsteller, während Leni Riefenstahl als „Reichsgletscherspalte“ ihn auf Zelluloid bannt. In Rückblenden – für die ist im langatmigen Etappenverlauf viel, viel Zeit – erfährt man nach und nach Pauls Lebensgeschichte und dass er der einzige Überlebende seiner Familie ist. Dabei spricht und denkt er jedoch eher wie ein Hitlerjunge. Seine Mimikry ist so perfekt, dass man seine wahre jüdische Identität unterwegs ständig vergisst, weil seine Geschichte so äußerlich, so ausgedacht bleibt.
Die Pointe – sie auszuplaudern ist kein Verbrechen, weil es die Lektüre von 572 Seiten erspart – besteht darin, dass Harry von den Dibbuks seiner jüdischen Mischpoke als Totengeister umgeben ist, die ihm zuraunen, die Gelegenheit jetzt aber wirklich zu nutzen: Er soll den Lauf gewinnen, um anschließend Hitler zu ermorden.
Das hat der Großvater versäumt, als er nach dem Ersten Weltkrieg Hitler rasierte und ihm nicht die Gurgel durchgeschnitten hat. Er konnte ja noch nicht wissen, was aus Hitler werden würde. Schlimmer das Versäumnis des Vaters, der als Zahnarzt in Berlin die Zahnschmerzen des Führers behandeln musste, ihm dabei aber nur eine lokale Betäubung und keine finale Giftspritze verpasste. So muss also der Junge tun, was die Vorfahren versäumten. Nach dem siegreich absolvierten Lauf lungert er tagelang im Führerbunker herum, als wäre er dort vergessen worden. Bevor er dann Hitler erschießt – der sich also keineswegs selbst getötet hat – freundet Eva Braun sich mit ihm an. Er wird nicht nur Trauzeuge, sondern muss auch noch mit Eva Braun schlafen, die es genießt, endlich mal mit einem Mann die Nacht zu verbringen, der auch einen hochkriegt.
Wer so etwas lustig findet, dem ist nicht zu helfen. Wer glaubt, die Satire müsse immer noch und immer wieder die Arbeit des Exorzismus verrichten, um Hitler zu entdämonisieren, der sollte zumindest lustig sein und nicht nur doof.
Und wer einen Roman schreibt, sollte zumindest ansatzweise die Sprache als Kunstmittel begreifen, mit der sich mehr produzieren lässt als ein hanebüchener Handlungsverlauf.
JÖRG MAGENAU
Die Pointe auszuplaudern ist kein
Verbrechen, weil es
die Lektüre von 572 Seiten erspart
Peter Keglevic: Ich war Hitlers Trauzeuge. Roman. Knaus Verlag, München 2017. 572 Seiten, 26 Euro.
E-Book 19,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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»Man muss schon ziemlich oft schlucken und nicht selten laut lachen, wenn man diesen gerade erschienenen 600-Seiten-Wälzer zur Hand nimmt.«
Im Bett mit
Eva Braun

Peter Keglevic schleppt sich
durchs zertrümmerte Reich

Auch wenn Adolf Hitler in den letzten Tagen seines tausendjährigen Reiches im Führerbunker nicht mehr viel hermacht; auch wenn er schwitzt und furzt und stinkt wie ein Güllefass und in seinem ranzigen Sessel so aussieht wie eine alte Hundedecke – als Ziel und Fixpunkt eines Romans taugt er trotzdem und wird in jeder Buchsaison aufs Neue für einen Mummenschanz reanimiert. Seit den „Adolf“-Comics von Walter Moers und Timur Vermes mit „Er ist wieder da“ darf dafür auch die Satire in Anspruch genommen werden. Hitler ist eine Witzfigur, und eigentlich könnte man es endlich mit ihm bewenden lassen. Leider hat sich auch der österreichische Filmregisseur Peter Keglevic in diesem Genre versucht, nur dass sein vermutlich witzig gemeinter Versuch kein bisschen witzig ist und keinerlei Erkenntnisgewinn zu bieten hat.

„Ich war Hitlers Trauzeuge“ hat Keglevic seinen ersten Roman genannt, womit nach Hitlers Generälen, Chauffeuren, Friseuren, Sekretärinnen und den vielen willfährigen Vollstreckern die letzte seinerzeit von Guido Knopp und anderen gelassene Lücke geschlossen wäre.

Bis es aber zur Trauzeugenschaft im Führerbunker kommt, muss man einen Langstreckenlauf absolvieren und dabei eine geradezu heroische Ausdauer beweisen. Erzählt wird die Geschichte des letzten großen Volkslaufs „Wir laufen für den Führer“, der im April 1945 in 20 Etappen á fünfzig Kilometer von Berchtesgaden über Braunau, Nürnberg, Bayreuth und Leipzig in die zerstörte Reichshauptstadt führte und dem Sieger versprach, dass er dem Führer zum Geburtstag gratulieren dürfe.

Keglevic lässt wirklich keine Etappe und keinen Kilometer aus, auch dann nicht, wenn nur zu berichten ist, was es an der Verpflegungsstation gab. Das schleppt sich literarisch mit schweren Schritten durchs zertrümmerte Reich. Vielleicht ist das so, wenn ein Filmregisseur, um dem Diktat des 90-Minuten-Formats zu entkommen, zu schreiben beginnt und die Freiheit, die er da erlebt, allzu sehr auskostet. Von Verknappung, Reduktion auf das Wesentliche scheint Keglevic noch nichts gehört zu haben. Dass Bilder sich auch mit der Sprache erzeugen lassen, weiß er nicht. Selbst die Schnitttechnik hat er vergessen.

Hauptfigur ist der jüdische Junge Harry Freudenthal, der sich unter dem Vorwand, eine Geheimbotschaft nach Berlin bringen zu müssen, unter dem falschen Namen Paul Renner ins Feld der Starter hineinmogelt. Unterstützung erfährt er dabei von Leni Riefenstahl, die ihn vor der Erschießung rettet, weil sie in ihm die ideale Läufer-Statur sieht, die sie für ihren Film braucht. So wird der geheime Jude zum Arier-Darsteller, während Leni Riefenstahl als „Reichsgletscherspalte“ ihn auf Zelluloid bannt. In Rückblenden – für die ist im langatmigen Etappenverlauf viel, viel Zeit – erfährt man nach und nach Pauls Lebensgeschichte und dass er der einzige Überlebende seiner Familie ist. Dabei spricht und denkt er jedoch eher wie ein Hitlerjunge. Seine Mimikry ist so perfekt, dass man seine wahre jüdische Identität unterwegs ständig vergisst, weil seine Geschichte so äußerlich, so ausgedacht bleibt.

Die Pointe – sie auszuplaudern ist kein Verbrechen, weil es die Lektüre von 572 Seiten erspart – besteht darin, dass Harry von den Dibbuks seiner jüdischen Mischpoke als Totengeister umgeben ist, die ihm zuraunen, die Gelegenheit jetzt aber wirklich zu nutzen: Er soll den Lauf gewinnen, um anschließend Hitler zu ermorden.

Das hat der Großvater versäumt, als er nach dem Ersten Weltkrieg Hitler rasierte und ihm nicht die Gurgel durchgeschnitten hat. Er konnte ja noch nicht wissen, was aus Hitler werden würde. Schlimmer das Versäumnis des Vaters, der als Zahnarzt in Berlin die Zahnschmerzen des Führers behandeln musste, ihm dabei aber nur eine lokale Betäubung und keine finale Giftspritze verpasste. So muss also der Junge tun, was die Vorfahren versäumten. Nach dem siegreich absolvierten Lauf lungert er tagelang im Führerbunker herum, als wäre er dort vergessen worden. Bevor er dann Hitler erschießt – der sich also keineswegs selbst getötet hat – freundet Eva Braun sich mit ihm an. Er wird nicht nur Trauzeuge, sondern muss auch noch mit Eva Braun schlafen, die es genießt, endlich mal mit einem Mann die Nacht zu verbringen, der auch einen hochkriegt.

Wer so etwas lustig findet, dem ist nicht zu helfen. Wer glaubt, die Satire müsse immer noch und immer wieder die Arbeit des Exorzismus verrichten, um Hitler zu entdämonisieren, der sollte zumindest lustig sein und nicht nur doof.

Und wer einen Roman schreibt, sollte zumindest ansatzweise die Sprache als Kunstmittel begreifen, mit der sich mehr produzieren lässt als ein hanebüchener Handlungsverlauf.

JÖRG MAGENAU

Die Pointe auszuplaudern ist kein
Verbrechen, weil es
die Lektüre von 572 Seiten erspart

Peter Keglevic: Ich war Hitlers Trauzeuge. Roman. Knaus Verlag, München 2017. 572 Seiten, 26 Euro.
E-Book 19,99 Euro.

DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de

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