»schreib alles was wahr ist auf« - Bachmann, Ingeborg; Enzensberger, Hans Magnus

44,00
versandkostenfrei*
Preis in Euro, inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln

  • Gebundenes Buch

Jetzt bewerten

Die Eine: eine Lyrikerin und Cover-Girl des Spiegels 1954. Der Andere: der "zornige junge Mann", Netzwerker, zugleich Strippenzieher im Literaturbetrieb, dessen Lyrik-Karriere 1957 startet. Ingeborg Bachmann (Jahrgang 1926) und Hans Magnus Enzensberger (Jahrgang 1929) lernen sich im Oktober 1955 bei der Tagung der Gruppe 47 in Tübingen kennen. Nach einem erneuten Zusammentreffen anlässlich einer Gesprächsrunde zur Literaturkritik in Wuppertal im Oktober 1957 kommt es am 27. November 1957 zur ersten (brieflichen) Kontaktaufnahme: Die Initiative geht von Enzensberger aus. Danach setzt eine…mehr

Produktbeschreibung
Die Eine: eine Lyrikerin und Cover-Girl des Spiegels 1954. Der Andere: der "zornige junge Mann", Netzwerker, zugleich Strippenzieher im Literaturbetrieb, dessen Lyrik-Karriere 1957 startet. Ingeborg Bachmann (Jahrgang 1926) und Hans Magnus Enzensberger (Jahrgang 1929) lernen sich im Oktober 1955 bei der Tagung der Gruppe 47 in Tübingen kennen. Nach einem erneuten Zusammentreffen anlässlich einer Gesprächsrunde zur Literaturkritik in Wuppertal im Oktober 1957 kommt es am 27. November 1957 zur ersten (brieflichen) Kontaktaufnahme: Die Initiative geht von Enzensberger aus. Danach setzt eine Korrespondenz ein, von der insgesamt 130 Stücke überliefert sind: 53 von Bachmann, 77 von Enzensberger.

Die beiden emblematischen Figuren, die Ikonen, der deutschen Nachkriegsliteratur tauschen sich aus über Literatur im Allgemeinen wie über deren Details, über eigene Vorhaben (kritischer wie großer Moment: die Debatten um das legendäre Böhmen liegt am Meer , dem von Bachmann publizierten Gedicht in Enzensbergers Kursbuch ), reflektieren über das Zeitgeschehen, polemisieren gegen alles und halten sich mit ihrem Urteil auch über die lieben Kollegen nicht zurück. Dabei prallen die unterschiedlichen (Schreib-) Charaktere aufeinander: Auseinandersetzungen, die der eine pragmatisch-ironisch ausficht, die andere prinzipiell.
Der bisher unpublizierte und unbekannte Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Hans Magnus Enzensberger macht nacherlebbar, wie zwei der überragenden Autoren nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur die Welt, die Literatur, den Betrieb, sondern auch sich selbst darstellen und gesehen werden wollen.
  • Produktdetails
  • Die Werke und Briefe Ingeborg Bachmanns (Salzburger Edition)
  • Verlag: Suhrkamp; Piper
  • Seitenzahl: 479
  • Erscheinungstermin: 16. Oktober 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 203mm x 126mm x 43mm
  • Gewicht: 573g
  • ISBN-13: 9783518426135
  • ISBN-10: 3518426133
  • Artikelnr.: 52361694
Autorenporträt
Ingeborg Bachmann wurde am 25. Juni 1926 als erstes von drei Kindern des Volksschullehrers Matthias Bachmann (1895-1973) und seiner Frau Olga (geb. Haas, 1901-1998) in Klagenfurt (Österreich) geboren. Ihre Mutter stammt aus dem an >Böhmen< und Ungarn grenzenden Niederösterreich, ihr Vater aus Obervellach bei Hermagor im Kärntner Gailtal, wo die Familie in Ingeborg Bachmanns Kindheit oft Ferien verbrachte. Dieser Kärntner Grenzraum im Dreiländereck Österreich-Italien-Slowenien repräsentiert für die Autorin später »ein Stück wenig realisiertes Österreich (...), eine Welt, in der viele Sprachen gesprochen werden und viele Grenzen verlaufen» (WIV, 302), und damit die Utopie eines gewaltfreien Miteinanders der Völker, die bereits der ebenfalls in Klagenfurt geborene Autor Robert Musil (1880-1942), Bachmanns wohl wichtigster Bezugspunkt in der literarischen Moderne Österreichs, mythisierend auf das Kaiserreich Österreich-Ungarn als Vielvölkerstaat projiziert hatte. Noch in dem Roman Malina steht dieses »Haus Österreich« als literarische Utopie für eine »geistige Formation«, die kritisch gegen die Verkrustungen der österreichischen Nachkriegsgesellschaft und gegen die Verdrängung des österreichischen Anteils an der Katastrophe des Nationalsozialismus gewendet wird, um zugleich gegen die wachsende kulturelle Dominanz Westdeutschlands einen spezifisch österreichischen »Erfahrungsfundus, Empfindungsfundus» zu behaupten. Rückblickend nach dem Erscheinen des Romans Malina (1971) hat die Autorin den »Einmarsch von Hitlers Truppen in Klagenfurt« (im Rahmen des >Anschlusses< Österreichs an das Deutsche Reich am 12.  März 1938) symbolisch zum biographischen Ausgangspunkt ihres Schreibens erklärt und als »einen zu frühen Schmerz« bezeichnet, mit dem ihre »Erinnerung« anfange. Mit dieser Pointierung unterstreicht sie die moralische Verpflichtung und zeitkritische Ausrichtung ihres literarischen Werks als ein »Schreiben gegen den Krieg« (Höller 2004), das seine »Problemkonstanten« in der Auseinandersetzung mit den Verflechtungen von >kleiner< und »großer GESCHICHTE« (TKA 1, 53), Individual- und Zeitgeschichte im Zeichen gesellschaftlicher Gewalt findet. Bachmann beginnt schon als Schülerin in Klagenfurt zu schreiben, bis ihr nach ihrem ersten, in Innsbruck und Graz verbrachten Studienjahr (1945/46) mit der Erzählung Die Fähre schließlich die erste Veröffentlichung gelingt. Im September 1946 vollzieht sie den eigentlichen Aufbruch aus der Provinz, indem sie ihr Studium der Philosophie (mit den Nebenfächern Germanistik und Psychologie) in Wien fortsetzt, wo sie zugleich den Kontakt zur Wiener Literaturszene sucht. Aufgrund der offiziellen Anerkennung Österreichs durch die Alliierten als das >erste Opfer Hitler-Deutschlands< konnte das literarische Leben in Wien nach 1945 unmittelbarer als in Deutschland an die Vorkriegszeit anknüpfen, und so haben Repräsentanten der älteren Autorengeneration wie Heimito von Doderer (1896-1966) und jüdische Remigranten wie Hermann Hakel (1911-1987) und Hans Weigel (1908-1991) an Bachmanns literarischem Debüt in den Publikationsorganen der Wiener Nachkriegsliteratur wesentlichen Anteil. Das Jahr 1949 markiert mit Bachmanns Dissertation über Die kritische Aufnahme der Existentialphilosophie Martin Heideggers nicht nur den Abschluss des Studiums, sondern auch die Professionalisierung ihrer schriftstellerischen Arbeit durch die Veröffentlichung erster Gedichte in der Zeitschrift Lynkeus und einer Reihe von Erzählungen in der Wiener Tageszeitung. Zugleich arbeitet die Autorin an einem ersten, unveröffentlichten und verschollenen Roman (Stadt ohne Namen), dessen überlieferte Fragmente (TKA 1, 3-25) in ähnlicher Weise wie die Gedichte und Erzählungen dieser frühen Wiener Jahre durch die zeittypische, existentiale Metaphorisierung zeitgeschichtlicher Generationserfahrung und durch kafkaeske Parabolik gekennzeichnet sind. Nach ihrer Promotion findet Bachmann im Herbst 1951 eine Stelle im Script-Department des amerikanischen Senders Rot-Weiß-Rot, die zum Ausgangspunkt ihrer Rundfunkarbeit wird, aus der in den 1950er Jahren Rundfunkbearbeitungen zeitgenössischer angloamerikanischer und französischer Dramen, Rundfunkessays (u. a. zu Musil, Wittgenstein und Proust) und Hörspiele (Ein Geschäft mit Träumen, 1952; Die Zikaden, 1955; Der gute Gott von Manhattan, 1958) hervorgehen. Aus der Perspektive der Wiener Schule, der neopositivistischen Wissenschaftstheorie ihres Doktorvaters Viktor Kraft (1880-1975) und der Sprachkritik Ludwig Wittgensteins (1889-1951) hatte die Kritik am »deutschen Irrationaldenken«, das Bachmann in Heidegger (auch wegen seiner Verstrickung in den Nationalsozialismus) verkörpert sah (GuI, 137), am Schluss ihrer Dissertation zu der Überzeugung geführt, dass nur Literatur und Kunst in der Lage seien, den existentialen Grunderlebnissen des »modernen Menschen« und insbesondere seinen Erfahrungen »mit der >Angst< und dem >Nichts<« Ausdruck zu verleihen (Diss., 130). Die Bekanntschaft mit den frühen psychotherapeutischen Forschungen Viktor E. Frankls (1905-1997) zu den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten, vor allem aber die Begegnung (1948) und Freundschaft mit dem deutsch-jüdischen Dichter Paul Celan (1920-1970) aus der Bukowina, dessen Familie zu den Opfern des Holocaust gehörte, bewirkt in der Weiterentwicklung dieses existentialistischen Ausgangspunkts eine »tiefgreifende Verwandlung ihres Denkens und Schreibens« (Höller 1999, S.59) im Sinne jenes kritischen Ethos, das sie in ihrer Rede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden (1959) in die Formel »Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar« (W IV, 275) fasst. So sind z. B. die Gedichte ihres ersten Lyrikbandes Die gestundete Zeit für die sie 1953 den renommierten Preis der Gruppe 47 erhält, von expliziter Zeitkritik durchzogen und appellieren angesichts von Kaltem Krieg und gesellschaftlicher Restauration an das kritische Gewissen der Zeitgenossen. Auch wenn der zweite Gedichtband Anrufung des Großen Bären (1956) das Pathos dieser Zeitkritik wieder einschränkt und auch traditionellere lyrische Formen wiederentdeckt, war Bachmanns Synthese von Zeitkritik, literarischer Moderne und lyrischer Tradition doch die Grundlage ihres raschen Aufstiegs zur wichtigsten deutschsprachigen Dichterin der Nachkriegszeit. Ermutigt durch ihren Erfolg in Deutschland, bricht Bachmann im Sommer 1953 auf Einladung des gleichaltrigen deutschen Komponisten Hans Werner Henze (* 1926) aus Wien nach Italien auf, um dort eine Existenz als freie Schriftstellerin zu begründen. Die Freundschaft und Zusammenarbeit mit Henze, der sie in ganz neuer Qualität in die Welt der europäischen Musik und insbesondere der Oper einführt, schlägt sich u.a. in den Opernlibretti Der Prinz von Homburg (1958) und Der junge Lord (1965) sowie in theoretischen Überlegungen zum Verhältnis von Musik und Dichtung (W IV, nieder, wirkt jedoch bis in die späten Gedichte der 1960er Jahre und den Roman Malina hinein auch auf ihr literarisches Schreiben zurück. In den zehn Jahren nach dem Aufbruch aus Wien, in denen Bachmann in Rom (1953-57), München und Neapel (1957/58) sowie (zusammen mit Max Frisch) abwechselnd in Zürich und Rom wohnt (1958-63), entstehen neben Gedichten, Hörspielen und Essays auch die Frankfurter Vorlesungen, mit denen die Autorin im Wintersemester 1959/60 die gleichnamige Reihe der Poetik-Vorlesungen zu »Problemen zeitgenössischer Dichtung« eröffnet, indem sie ihre poetologischen Überlegungen erstmals systematisch zusammenfasst und im Prozess der Moderne literarhistorisch verortet. Mit Hilfe des an Musil entwickelten Begriffs der »Literatur als Utopie« und im Glauben an ihre »verändernde  Wirkung« verpflichtet die Autorin die Literatur nach dem Nationalsozialismus auf die kritische Dekonstruktion der »schlechten Sprache« der öffentlichen Diskurse (W IV, 270 f.). In der Auseinandersetzung mit den >sozialen, mitmenschlichen und politische Konflikten< der Zeit geht es ihr nicht zuletzt um die Erkundung von »neuer Wahrnehmung, neuem Gefühl, neuem Bewußtsein« (W IV, I90 f., 195). Dieses selbstbewusste Vertrauen auf die Fähigkeit der Literatur, angesichts der verzweiflungsvolle »Dunkelhaft der Welt« «im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen [...] unsere Möglichkeiten [zu erweitern]« (W IV, 276 f.), spiegelt sich in den gleichzeitig entstandenen Erzählungen des Bandes Das dreißigste Jahr (1961) in der Thematik der Grenze und Grenzüberschreitung, der  Dekonstruktion der bestehenden gesellschaftlichen, moralischen und diskursiven Ordnung der Nachkriegszeit auf der prekären Suche nach einer anderen, gewaltfreien Ordnung, die die Literatur jedoch nicht vorzuführen, sondern nur anzumahnen in der Lage ist. Trotz des kritischen Echos, auf das Bachmanns erster Erzählband vor dem Hintergrund ihres Ruhmes als Lyrikerin stieß, hat sich die Autorin in ihren Berliner Jahren (1963-65) und dann wieder in Rom (1965-73) schwerpunktmäßig auf die Prosa konzentriert. Die Trennung von Max Frisch (1962) fällt mit einer Lebenskrise zusammen, die zugleich den Ausgangspunkt für einen literarischen Neuansatz bildet, die literarische Darstellung der verborgenen >Verbrechen< auf dem »Mordschauplatz« Gesellschaft und insbesondere im Verhältnis der Geschlechter (S. 276,6), die unter dem Titel Todesarten von nun an im Mittelpunkt ihres Schreibens steht. Neben dem Roman Malina und einer Fülle zu Lebzeiten unveröffentlichter und fragmentarischer Texte wie der Erzählung Requiem für Fanny Goldmann, dem Buch Franza und dem Goldmann/Rottwitz-Roman gehört auch Bachmanns zweiter Erzählband Simultan (1972) mit seinen Porträts ganz unterschiedlicher Wienerinnen und ihrem (teils ironisch erzählten) »Abstürzen« aus der »Banalität ihrer Existenz« »in die letzten Dinge« (TKA 4, 3) kontrapunktisch in den weiteren Zusammenhang dieses Projekts einer literarischen Sittengeschichte der (österreichischen) Nachkriegsjahrzehnte, das nicht mehr zum Abschluss gelangen konnte, da die Autorin am 17. Oktober 1973 in einem römischen Krankenhaus den (durch Medikamentenentzug noch erschwerten) Folgen eines Brandunfalls erlag.
Rezensionen
Besprechung von 15.11.2018
So wird aus diesen Schätzen schnödes Katzengold

Warum das Kursbuch entstanden ist: Im Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Hans Magnus Enzensberger suchen zwei entgegengesetzte Geister den Einklang

Auf dem Briefbogen eines texanischen Hotels schreibt der achtundzwanzigjährige Enzensberger aus dem norwegischen Stranda im November 1957 an die gebürtige Klagenfurterin Bachmann, die gerade von Rom nach München umgezogen ist. Dieser Anfang kennzeichnet den jetzt publizierten Briefwechsel der beiden Schriftsteller. Ständig wechselnde Aufenthaltsorte bringen es mit sich, dass darin ebenso häufig von geplanten oder verpassten Begegnungen die Rede ist wie von Buch- und Zeitschriftenprojekten und von der jeweiligen Gemütslage der Schreibenden.

Sowenig sesshaft die Briefpartner sind, ist ihr unstetes Leben doch von ganz unterschiedlicher Natur. Er ist ein Weltreisender, der unentwegt an Schriftstellertreffen und politischen Kongressen in aller Herren Ländern teilnimmt - ein agiler Akteur des Literaturbetriebs, vor dem er sich immer wieder in sein ländliches Refugium in Norwegen zurückzieht. Hingegen glaubt sie nicht an das einfache Leben, wie sie einmal bekennt. Seit sie mit 26 Jahren aus Wien aufbrach, ist sie immerzu auf der Suche nach einem Ort, an dem sie arbeiten, leben und atmen kann. Eine Unbehauste, die sich fast überall fremd fühlt: in Zürich, das für sie "von sympathischer Öde" ist, wie auch in Berlin, wo sie sich als "displaced person" empfindet. Ihr Vorhaben, in Italien eine Wohnstatt zu finden, benötigt vier Anläufe: den ersten beim wahlverwandten Künstlergeist Hans Werner Henze in Neapel, den dritten zusammen mit Max Frisch in Rom, was desaströs scheitert; dauerhafter gelingt es allein (das erste Mal 1953 bis 1958 und dann 1965 bis zum Tod 1973).

Als Enzensberger einige Monate in Italien lebt, tut er sich schwer, das zu sehen, was Bachmann in Rom sah und hörte. Erst durch ihre Augen kann er in seinem Aufenthalt ein "Geschenk der Götter" wahrnehmen, doch "sobald deine augen nicht mehr darauf ruhn, wird aus diesen schätzen das katzengold, das es vordem für mich war". Obwohl aus dem über ein Jahrzehnt geführten Briefwechsel zwei extrem unterschiedliche Persönlichkeiten hervortreten, zeugt er von überraschender Nähe - ganz ohne Nebentöne, geprägt von Offenheit, persönlichem Vertrauen und weit größeren Gemeinsamkeiten im literaturpolitischen Engagement, als die Klischeebilder von der "weltfernen Dichterin" und dem "enragierten Autor" es wollen. Die Offenheit verdankt sich der Tatsache, dass der um drei Jahre jüngere Enzensberger, anders als viele andere Schriftsteller-Kollegen, die intellektuelle Überlegenheit und das sichere Urteilsvermögen Bachmanns problemlos anerkennen, ja bewundern konnte, "denn du bist klüger als ich". Neidlos beneidet er sie um ihr Leben, "weil und soweit es eben ein schreibendes leben ist". Und er weiß ihre Fähigkeiten zu nutzen.

Nach zweimaligen Begegnungen (1955 bei der Gruppe 47, 1957 bei einem Seminar zur Literaturkritik) und etlichen gewechselten Briefen kommt es 1959, während Enzensbergers Aufenthalt in einem Haus außerhalb Roms, zu einem kurzen Sommer der Liebe - Enzensbergers Briefton wird poetisch; nach ihrer Abreise "steht die luft still", er fürchtet sich, denkt immerzu an sie und will mit ihr "die sieben himmel befliegen"; und sie ist glücklich über seine Briefe. Nach einer weiteren Begegnung bei der Gruppe 47 in Elmau wandeln sie ihren "Beziehungswahn" in Freundschaft um. Von nun an herrscht im Briefwechsel ein Grundton rhetorischer Gesten, mit denen sie sich ihrer Freundschaft, ihres Vertrauens und ihrer Zuneigung versichern, "schreibe bald das, was nicht in die zeitschrift gehört: nämlich wie dir zumute ist, damit wir einer des andern wieder versichern", so Enzensberger. "Ich bin Dir, auf diesem kalten Stern, immer zugetan", so Bachmann. Dies ist der Rahmen, in dem die gegensätzlichsten Haltungen zu Leben und Schreiben Platz haben und der intellektuelle Austausch stattfindet: über die je eigenen Arbeiten und über die Unternehmungen, zu denen Enzensberger Bachmann animiert: zu Beginn das Museum der modernen Poesie, am Ende das Kursbuch und zwischendrin ihre Ungaretti-Übersetzungen und das gemeinsame Engagement für das dreisprachige europäische Zeitschriftenprojekt "Gulliver".

Enzensbergers Briefe kommen eher leicht, oft ironisch, auch selbstironisch, daher: Seine Katastrophen hätten leichte Füße. Darauf kontert sie: "auch ohne Katastrophentalent und -neigung - wir kommen alle nicht heil raus." Während er mit 36 Jahren nahezu lakonisch resümiert, dass ihn nichts überzeugt von dem, was er gemacht hat, ist zwar auch Bachmann gegenüber den eigenen Produkten äußerst skrupulös. Doch dass sie mehr von dem, was sie schreibt, verwirft als veröffentlicht, liegt daran, dass sie höchste Ansprüche an sich stellt und weiß, dass sie das darf. Und sie weiß, was wirklich gelungen ist. Als sie ihm für das "Kursbuch" einige Gedichte zusammenstellt, erkennt sie in "Böhmen liegt am Meer" "das beste Gedicht, das ich je geschrieben habe". Zu Recht, es sind Verse, die ins Museum der modernen Poesie gehörten.

Diesen Titel trägt die Anthologie mit großen Gedichten der internationalen Moderne - von Baudelaire über Rimbaud, Mandelstam, Eliot, Rilke, Lorca bis Kaschnitz -, mit deren Plan Enzensberger sich zu Beginn des Briefwechsels an Bachmann wandte. Mit ihren Gedichtbänden "Die gestundete Zeit" (1953) und "Anrufung des Großen Bären" (1956) war sie da bereits bewunderte Dichterin; von ihm war gerade der erste Gedichtband "Verteidigung der Wölfe" erschienen. Für die Auswahl der Autoren und Gedichte setzt er auf ihre Belesenheit in der europäischen Literatur und bittet sie um die Übersetzung der Gedichte Ungarettis - woraus zudem die Idee für einen ganzen Band mit Bachmanns Übertragungen von Ungarettis Lyrik entsteht. Enzensberger kannte Bachmann bereits so gut, dass er sicher sein konnte, sein Programm würde bei ihr offene Ohren finden. Es ging um das neue Terrain einer Sprache der Poesie "jenseits aller ,richtungen', ,bewegungen', bis zu dem hohen grad sogar jenseits der nationalen zungen", um eine "koiné oder lingua franca", die man nur aus Verlegenheit modern getauft habe.

Ein solch kosmopolitisches Literaturverständnis, in dem das Besondere gerade jenseits nationalliterarischer Merkmale seinen Ort hat, verband beide Autoren, auch in ihrer inneren Reserve gegenüber der Gruppe 47. Nicht ganz so satirisch wie in der Korrespondenz mit Hildesheimer, aber doch auch ironisch kommentiert Bachmann die Gruppe 47 hier. Vor deren Zusammenkunft 1960 in Aschaffenburg freut sie sich vor allem auf ein Treffen mit Enzensberger am Vorabend in Frankfurt, "ehe uns Aschaffenburg zum Kinderglauben an die Literatur zwingt", und schlägt als Ort eine "Sansi-bar" vor, in Anspielung auf Alfred Anderschs Roman der sogenannten Aufarbeitungsliteratur, "Sansibar oder der letzte Grund" (1957). Als sie den Treffen der Gruppe 47 immer häufiger fernbleibt und auch die Reise zu deren Tagung in Princeton 1966 kurzfristig absagt, schickt er ihr einen ernüchternden Bericht. Sie solle nur froh sein, nicht gekommen zu sein; es sei öde gewesen, die Kritik dumm, die Texte schlecht, aber "noch mehr hat mich die vollkommene immunität dieser versammlung verstimmt, diese luftdichte beschränktheit, die unbegrenzt transportabel ist und nie merken wird, wo sie sich aufhält".

Dieser knappe Bericht ist gespickt mit präzisen Anspielungen. Denn die Gruppe tagte in der Tat hinter verschlossenen Türen und den dicken Marmormauern der nahezu fensterlosen Whig Hall, während auf dem Campus am selben Wochenende unter dem Titel "What's Happening: The Arts 1966" ein flirrendes Kulturfestival stattfand, an dem Persönlichkeiten wie Tom Wolfe oder Allen Ginsberg teilnahmen und Duke Ellington ein Konzert gab. All dies wurde von der Mehrheit der Gruppe ignoriert, die sich, auch wenn sie im Ausland tagte, als Forum der deutschen Literatur verstand. Leider erfahren die Leser der Edition nichts von solchen Hintergründen, da der Stellenkommentar nur die dürftigen Informationen bringt, die seit Jahrzehnten in den Annalen der Literaturgeschichte verzeichnet sind. Wie entstellend die sind und wie treffend dagegen Enzensbergers knapper Bericht, lässt sich leicht an der Rekonstruktion des Treffens durch das German Department der Princeton University anhand der wiederaufgefundenen Ton-Aufzeichnungen des Treffens feststellen.

Die Edition ergänzt die 185 Seiten Brieftext um einen umfangreichen Kommentar und ein siebzigseitiges Nachwort, in dem lange Briefpassagen und vieles aus den Kommentaren nochmals auftaucht. Zwar erläutert der Stellenkommentar sämtliche Namen und Titel in wikipediaähnlichen biographischen Einträgen, da heute mit Lesern zu rechnen ist, die mit Namen wie Hermann Kesten nichts mehr anfangen können. Dagegen befremdet es, dass die Forschung nur selektiv herangezogen wird. Das ist besonders ärgerlich im Blick auf die literaturgeschichtlich interessanten Passagen des Briefwechsels, auch im Falle des Zeitschriftenprojekts "Gulliver", für das sich Enzensberger und Bachmann jahrelang engagiert haben. Die dreisprachige europäische Zeitschrift sollte aus der Zusammenarbeit dreier Redaktionsgruppen aus Italien, Frankreich und Deutschland entstehen. Beteiligt waren Autoren wie Blanchot, Nadeau, Butor, Robbe-Grillet und andere; auf deutscher Seite war erst Enzensberger die treibende Kraft, dann übernahm Uwe Johnson die Redaktion. Es gab etliche Redaktionstreffen, bis das Unternehmen an den Kontroversen über die vorliegenden Texte der ersten Nummer scheiterte, speziell an der deutschen Kritik am Stil der französischen Texte.

Noch steht eine Gesamtdarstellung dieses Zeitschriftenprojekts aus, aus dem ein kulturelles Medium im Prozess der Europäisierung hätte werden können. Im Briefwechsel von Bachmann und Enzensberger taucht die Idee erstmals 1961 auf; es folgen etliche Briefe, in denen von Redaktionstreffen und Gesprächen mit einzelnen Protagonisten berichtet wird und die entstandenen Probleme erörtert werden; besonders aufschlussreich ist Bachmanns Brief, in dem sie von der letzten Sitzung im April 1963 in Paris berichtet, und der resümierende Rundbrief Enzensbergers vom Mai 1963, in dem er das Scheitern als vorläufig interpretiert. Darin tritt er als Realpolitiker des Literaturbetriebs auf und unterbreitet Vorschläge für einen neuen Versuch mit längerem Atem.

Eine Konsequenz aus dem Scheitern war die Gründung des "Kursbuchs"; von der Idee spricht Enzensberger erstmals Mitte 1964. Die Vorgeschichte zur Veröffentlichung von Bachmanns Gedichten 1968 in der fünfzehnten "Kursbuch"-Ausgabe durchzieht den Briefwechsel zwei Jahre lang; hier zeigt Bachmann sich als Künstlerin des Zögerns und Versprechens, während Enzensberger so sanft wie beharrlich die Sendung einfordert und ihre anfänglichen Bedenken zerstreut, "dass man eben keine Gedichte zwischen Vietnam und Südamerika unterbringen kann". Es sind weniger politische Bedenken, denn im Mai 1968 schreibt sie: "vor Kulturrevolution hab ich wirklich keine Angst." Sie sorgt sich vielmehr um den Ort der Literatur in der Achtundsechziger-Bewegung; das belegt auch ihre Reaktion auf Karl Markus Michels Artikel "Ein Kranz für die Literatur" im selben Heft, in der sie bedauert, dass ihr Gedicht "Keine Delikatessen" geradewegs "in die Kerbe schlägt, die sie gerade erst erfunden haben, das wollte ich nicht".

SIGRID WEIGEL

Ingeborg Bachmann, Hans Magnus Enzensberger: "Schreib alles was wahr ist auf". Briefe.

Piper Verlag/Suhrkamp Verlag, München/Berlin 2018. 479 S., geb., 44,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr
Besprechung von 23.10.2018
Seit deiner Abreise steht die Zeit still
Der bisher unpublizierte Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Hans Magnus Enzensberger enthält zwischen den Zeilen
eine Liebesgeschichte. Er zeigt die literarische Distanz der beiden Autoren – und ihre überraschend große Nähe im Politischen
VON HELMUT BÖTTIGER
Ingeborg Bachmann und Hans Magnus Enzensberger haben wenig miteinander zu tun. In der heutigen Wahrnehmung verkörpern sie größtmögliche Gegensätze: die an den zeitlosen Problemen von Ich und Welt laborierende schwerblütige Dichterin hie, der alerte und wendige Virtuose des Literaturbetriebs da. Dennoch war es unvermeidlich, dass sie in den Fünfzigerjahren aufeinanderstießen. Die Treffen der Gruppe 47 boten all denen ein Forum, die sich abseits des herrschenden Konsenses bewegten – und dieser bestand vor allem in der Verdrängung der Nazizeit und einem Begriff von Literatur als etwas Höherem, das sich über krude Alltagsprobleme und politische Fragen hinwegsetzt.
Enzensberger lernt Bachmann bei einem solchen Treffen 1955 als 26-Jähriger kennen, sie ist drei Jahre älter und bereits ein gefeierter weiblicher Star. Bachmann gilt als lyrische Diva, die sich auch als solche inszeniert, aber gleichzeitig große Schwierigkeiten im Umgang mit der Öffentlichkeit hat. Enzensberger hingegen ist gerade dabei, sich in die Rolle eines angry young man hineinzuarbeiten und die Medien geschickt für sich zu instrumentalisieren. Dass er Ende November 1957 zum ersten Mal an Bachmann schreibt, hat etwas damit zu tun. Er möchte den frühen Ruhm der Dichterin für seine Zwecke nutzen, das führt zu ihren Ungaretti-Übersetzungen für sein berühmtes „Museum der modernen Poesie“ – ein glänzender Effekt.
Als Enzensberger am 1. März 1959 sein Stipendium an der Villa Massimo in Rom antritt, spitzt sich die Sache zu. Rom ist der Fluchtpunkt für Ingeborg Bachmann, sie lebt mit Unterbrechungen seit sechs Jahren in Italien, und der stürmische Jungschriftsteller schreibt ihr deshalb, natürlich in aufmüpfiger Kleinschreibung: „ich werde mich verirren wenn sie nicht da sind.“ Recht schnell merkt er, dass die Villa Massimo ein „miserables kunstghetto“ ist, „hier halte ichs nicht aus“, und mietet kurzerhand ein idyllisches Haus im Umland. Zwischen Ende Mai und Juli passiert dann etwas. Nach einem Abstand von mehreren Wochen setzt der Briefwechsel wieder ein, und der der Ton hat sich abrupt geändert – Enzensberger spricht Bachmann plötzlich mit „du“ an, und mit was für einem Du! Es ist etwas Intimes dazwischengekommen, und der sich gerade abbrühende Medienprofi wird dem kaum Herr: „seit deiner abreise steht die zeit still“.
Die in deutlichen Anspielungen und vor allem in den Leerstellen des Briefwechsels dokumentierte Liebesaffäre der beiden ist zwar nicht das Wichtigste an diesem Band – aber sie ist natürlich geeignet, das Bild Ingeborg Bachmanns spekulativ und sensationsheischend in noch grelleres Licht zu rücken. Sie lebte gerade mit Max Frisch zusammen, und das Liebesverhältnis mit Paul Celan, an dem sie immer noch laborierte, lag noch nicht lange zurück.
Schon die Zeitgenossen waren damit überfordert, diese merkwürdig flirrende, ein offenbar selbstbestimmtes Leben anstrebende Dichterin in ihrer Eigenart zu erkennen. Von Anfang an gibt es widersprüchliche Deutungen ihrer Person. In ihren Suchbewegungen, ihrem Spiel mit verschiedenen Selbstbildern und Rollenzuweisungen ist sie nur vor dem Hintergrund ihrer Zeit zu verstehen, Kurzschlüsse aus heutiger Sicht sind fahrlässig. Eine weibliche Person wie sie, als eine ebenbürtige Intellektuelle, war in der damaligen Gesellschaft und in der damaligen Männerperspektive nicht vorgesehen, und es gab – gerade bei Ingeborg Bachmann – keine Vorstellung dafür, wie eine „Emanzipation“ in den Fünfzigerjahren konkret umzusetzen wäre. Während ein Dichter wie Gottfried Benn, der diverse Liebschaften auch parallel unterhielt, damit als „homme à femmes“ glänzend wegkommt, wird mittlerweile bei Ingeborg Bachmann etwas Haltloses suggeriert, mit vorschnellen Konstruktionen aus der Psychopathologie.
Dass von dieser Dichterin etwas Faszinierendes ausgegangen sein muss, wird auch in den Briefen Enzensbergers deutlich. Nach ihren gemeinsamen Tagen in Italien schreibt er atemlos, in kurzen Abständen, und erschrickt zugleich darüber. Es ist charakteristisch, wie sich Enzensberger aus dieser Situation, die er nicht mehr steuern zu können glaubt, zu befreien versucht. Er spricht von „deiner barschen abreise“ (sie muss zurück zu Max Frisch, der erkrankt ist), und dann folgen merkwürdig klarsichtige, sehr bezeichnende Abgrenzungsversuche. Enzensberger betont die Unterschiede zwischen ihren literarischen Auffassungen. Die Aufforderung des „Cherubinischen Wandersmanns“ von Angelus Silesius aus der Barockzeit, wonach der Mensch „wesentlich“ werden müsse, habe er nie geteilt – das zielt mitten in Bachmanns Ästhetik.
Enzensberger provoziert auch damit, dass er gern Kinderreime und ähnliche Fingerübungen schreibe, und er polemisiert gegen Bachmanns Bestrebungen, nur „hinterlassungsfähige gebilde“ im Sinne Benns zu produzieren, nur das zu schreiben, „was auch gedruckt werden“ könne. Diese rigide Haltung zur Kunst „macht dir überhaupt das leben schwer“, lautet seine Analyse. Das weist auf fast schon unheimliche Weise in die Zukunft.
Mit solchen Reflexionen, so lässt sich vermuten, schafft er es, eine Distanz zwischen sich und Bachmann zu schaffen und sich von der Affizierung zu lösen, die ihm durchaus zusetzt. Es gibt einige Passagen, die Enzensberger tatsächlich ungewohnt unironisch, ungeschützt zeigen. Sie sind eine beeindruckende poetologische Quelle. Enzensbergers Fähigkeit, Bachmanns Ästhetik, ihre Verschmelzung von Literatur und Leben genau nachvollziehen zu können und dies gleichzeitig für sich selbst zurückzuweisen, zeigt seine ureigenen Qualitäten auf bestechende Weise.
Die frühsommerliche Affäre des Jahres 1959 war von vornherein nicht auf Dauer angelegt, Enzensberger nennt es „unseren gemeinsamen pakt“. Unter den Mechanismen des Literaturbetriebs leiden sie gleichermaßen, aber höchst unterschiedlich. Enzensberger macht es Spaß, sich ins Getümmel zu stürzen, einmal setzt er Bachmann auseinander, die Zeiten seien doch sehr günstig – „es geht uns gut!“ Postwendend kommt ihre Antwort: „Es geht uns nicht gut.“ Sie quält sich in der gerade entstehenden Konsumgesellschaft, fühlt sich als „displaced person“ – eine offizielle Bezeichnung vor allem für überlebende Juden direkt nach dem Krieg! – und sie meint bestimmt nicht die konkrete Person Enzensbergers, wenn sie einmal schreibt: „und ich fühle mich nur mehr sicher in der Liebe.“ Es ist ihre verzweifelte Utopie.
Enzensbergers Utopie scheint konkreter zu sein, sie hat mit Kuba, mit der Sowjetunion und dann mit dem Jahr 1968 zu tun. Es ist dennoch verblüffend, wie groß die politische Nähe zwischen den beiden ist. Ingeborg Bachmann hat bereits 1958 gegen die atomare Aufrüstung der Bundeswehr demonstriert, sie beteiligt sich an den Protesten gegen den Vietnamkrieg der USA und verabscheut die „Realpolitik“ Henry Kissingers. Sie unterschreibt Resolutionen der Gruppe 47, macht Wahlkampf für die SPD Willy Brandts und trennt sich vom Piper-Verlag, weil dieser einen durch seine Aktivitäten in der Nazizeit diskreditierten Übersetzer beschäftigt.
Bachmann zeigt sich zwar innerlich immer mehr zerrissen, sie sperrt sich gegen modische Politikströmungen, aber verficht umso offensiver ihre Kulturkritik. Sie hat Enzensbergers Zeitschrift „Kursbuch“ keineswegs als eine „rabiate kulturkritische Umgebung“ abgelehnt, wie der Herausgeber dieses Briefwechsels mutmaßt. Überhaupt betont er eine literarische Nähe zwischen den beiden Briefschreibern, die es so nicht gab, und spielt zugleich ihre politischen Gemeinsamkeiten herunter.
Sehr spannend ist der jahrelang währende Kampf Enzensbergers darum, einige späte Gedichte Bachmanns, die dem Schreiben von Lyrik eigentlich abgeschworen hat, im „Kursbuch“ abdrucken zu können. Ihre vier berühmten Gedichte, die dann in der umstrittenen Nr. 15 im Jahr 1968 endlich erscheinen, haben eine bewegte literarisch-politische Vorgeschichte, mit zum Teil grotesken Arabesken und komödiantischen Einlagen. Einmal bekennt sie, an der „österreichischen Krankheit“ zu leiden und fühlt sich „irresponsabel“ – wie der „Schwierige“ bei Hugo von Hofmannsthal, einem geheimen Bezugspunkt. „Die Schwierige“ – einige Akte dieser ins Tragische kippenden Tragikomödie bietet auch dieser Briefwechsel.
Die frühsommerliche Affäre des
Jahres 1959 zwischen den beiden
war nicht auf Dauer angelegt
Schreibt er „Es geht uns gut!“,
kommt postwendend ihre
Antwort: „Es geht uns nicht gut.“
Mit Schlips, Perlenkette und Strohhut: Hans Magnus Enzensberger, Ingeborg Bachmann und Günter Grass in Rom, Sommer 1959.
Foto: Ingeborg Bachmann Erben, Suhrkamp
Ingeborg Bachmann/Hans Magnus Enzensberger: „Schreib alles was wahr ist auf“. Briefe. Herausgegeben von Hubert Lengauer. Mit Abbildungen. Piper Verlag und Suhrkamp Verlag, Berlin, München und Zürich 2018. 450 Seiten, 38 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr
"Intellektuellengeschichte mal juicy ... "
Mara Delius, Die literarische Welt 06.10.2018