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Sorgenkinder - Ritzmann, Iris
Vergriffen, keine Neuauflage

    Gebundenes Buch

Was geschah im 18. Jahrhundert mit Kindern, wenn sie erkrankten, verunglückten oder an einer Behinderung litten? Der Topos des ungeliebten, vernachlässigten Kindes verstellte lange Zeit den Blick auf die vormoderne Kindheit. Dabei belegen Krankenjournale, elterliche Bittschriften zur Spitalaufnahme ihrer Kinder, Gerichtsakten von Heilerprozessen oder Protokolle frühneuzeitlicher Ärztegremien, dass die Wahrnehmung behinderter und kranker Kinder mehrheitlich von einer starken emotionalen Zuwendung geprägt war. Ausnahmen bildeten Kinder ohne familiäre Anbindung, wie eine Analyse der…mehr

Produktbeschreibung
Was geschah im 18. Jahrhundert mit Kindern, wenn sie erkrankten, verunglückten oder an einer Behinderung litten? Der Topos des ungeliebten, vernachlässigten Kindes verstellte lange Zeit den Blick auf die vormoderne Kindheit. Dabei belegen Krankenjournale, elterliche Bittschriften zur Spitalaufnahme ihrer Kinder, Gerichtsakten von Heilerprozessen oder Protokolle frühneuzeitlicher Ärztegremien, dass die Wahrnehmung behinderter und kranker Kinder mehrheitlich von einer starken emotionalen Zuwendung geprägt war. Ausnahmen bildeten Kinder ohne familiäre Anbindung, wie eine Analyse der Kinderversorgung in Waisenhäusern ergab. Im Normalfall jedoch genossen die Mädchen und Jungen eine aufwändige Pflege und Behandlung, sogar wenn die Familie mit ihren Einkünften kaum das eigene Überleben sichern konnte. Entsprechend attraktiv war es für Heilkundige, eine breite Palette verschiedener kindermedizinischer Therapien anzubieten. So minimal die therapeutischen Erfolge auch waren, so stark beeindruckt der respektvolle Umgang mit den kleinen Patienten. Der hohe Stellenwert dieser "Sorgenkinder" relativiert nicht nur das historische Bild, sondern gibt zu Fragen Anlass, wo die Kindermedizin heute steht und ob die hohe Beachtung, die Kinder heute finden, wirklich erst in der jüngsten Gegenwart aufkam.
  • Produktdetails
  • Verlag: Böhlau
  • Seitenzahl: 320
  • Erscheinungstermin: 9. Oktober 2008
  • Deutsch
  • Abmessung: 240mm
  • Gewicht: 756g
  • ISBN-13: 9783412201494
  • ISBN-10: 3412201499
  • Artikelnr.: 23349931
Autorenporträt
Ritzmann, Iris
Iris Ritzmann, Ärztin und Historikerin, lehrt und forscht am Medizinhistorischen Institut der Universität Zürich.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 28.01.2009

Kein Einsatz war den Eltern zu schwer

Ging es Kindern früher schlechter als heute? Iris Ritzmann korrigiert ein Vorurteil. Sie zeigt, wie liebevoll man sich im achtzehnten Jahrhundert um den kranken und behinderten Nachwuchs sorgte.

Jeder meint zu wissen, wie schlecht es Kindern früher erging. Aktuelle Kurzlehrbücher der Soziologie bestätigen, dass in früheren Jahrhunderten die Erwachsenen die Kinder härter und brutaler behandelten und ihnen weniger Zuwendung gaben als heute. Als Zeuge muss in der Regel "Die Geschichte der Kindheit" von Philippe Ariès herhalten, die vor fast fünfzig Jahren zur Chiffre für die mangelnde Kinderliebe unserer Altvordern wurde. Diese irrige Vorstellung ist indes nicht nur widerlegt, was den Umgang mit dem gesunden Nachwuchs angeht. Selbst kranken und behinderten Kindern, die die Ressourcen ihrer Familie mitunter bis an die Grenzen belasteten, blieben innige Zuwendung und aufwendige Fürsorge nicht versagt. Das ist das Resümee neuerer medizinhistorischer Forschungen, die Iris Ritzmann in ihrem Buch "Sorgenkinder" zusammenfasst.

Die Autorin weist entschieden jene pauschalen Vorwürfe zurück, ein Kinderleben habe den Eltern seinerzeit angesichts der hohen Säuglingssterblichkeit nicht viel gegolten. Im achtzehnten Jahrhundert, das von ihr näher beleuchtet wird, erreichte nur jedes zweite Kind das Erwachsenenalter. Daraus abzuleiten, das mitunter als "Himmeln" bezeichnete, aktive Töten von Kindern sei nicht zuletzt ein Instrument der Familienplanung gewesen, um unnütze Esser loszuwerden, lässt sich nicht halten. Nur ein einziges Mal fand die Medizinhistorikerin in den Unterlagen einen Hinweis darauf, dass Eltern einem schwer behinderten Jungen - er war ohne Hände geboren worden - angesichts des schlimmen Loses, das ihn erwartete, den Tod wünschten.

Es gab im Gegenteil sogar Beispiele dafür, dass man selbst bei auffallenden Fehlbildungen wie Gaumenspalten einem Säugling die dadurch aufwendige Versorgung nicht versagte. Nicht zuletzt die Berichte über die aus Lebensgefahr, vor dem Ertrinken etwa, geretteten Kinder zeugen davon, wie viel Einsatz auch nichtverwandte Erwachsene für ein Kinderleben zeigten.

Als Quellen dienen Krankenjournale und Aufzeichnungen über Diagnosen und Therapien der Kinder, amtlich festgehaltene Auseinandersetzungen im Falle von vermuteten und angezeigten Fehlbehandlungen, Bittschriften zur Übernahme der Behandlungskosten oder zur Unterbringung in einer Krankenabteilung sowie Akten aus Waisenhäusern, vor allem aus Hessen, Süddeutschland und der Schweiz. Da das Augenmerk auf die ärmeren, nicht gebildeten Bevölkerungsschichten gerichtet ist, korrigiert das Buch so manches uneingestandene Vorurteil über den Umgang dieser Eltern nicht nur mit ihren kranken Kindern, sondern auch über ihr Verhältnis zu den Gesundheitsexperten.

Vor allem die Mütter mischten sich selbstbewusst ein, verboten sogar dem Fachmann die eine oder andere Therapie. Und wenn die Autorin den Umgang mit den Kindern als ausgesprochen rücksichtsvoll und behutsam bezeichnet, ist dies angesichts der aufgelisteten Beispiele nicht übertrieben. Erstaunt liest man, dass Therapien sogar mit den Kindern besprochen wurden und ihre Zustimmung in den Krankenakten eigens festgehalten ist.

Als Kunden bestimmten die Eltern wesentlich die Nachfrage nach der Versorgung der Kinder. Entscheidend war für sie nicht zuletzt die Qualität der Behandlung, die sich auch über Mundpropaganda verbreitete. Einfache Bauern nahmen für ihre verletzten Kinder lange Wege auf sich, weil sie von einem geschickten Wundarzt gehört hatten. Manche Bittbriefe um finanzielle Unterstützung zeugen davon, dass die Familien zuvor für ihre Verhältnisse viel Geld für die medizinische Behandlung ausgegeben hatten. Da bleibende Funktionseinbußen zwangsläufig ein Leben in Abhängigkeit bedeuteten, wurden oft zahlreiche Heilversuche unternommen, bevor man eine dauerhafte Behinderung hinnahm. Ungern ließen Eltern ihre Kinder in einem Spital oder Heim zur Behandlung allein. Oft blieb die Mutter mit einem kleinen Kind dort. Auch dann, wenn etwa die im Kindesalter häufigen epileptischen Krampfanfälle dauernde Beaufsichtigung erforderten, war die Unterbringung nur eine Ultima Ratio. So wurden Kinder im arbeitsreichen Sommer in die Einrichtung gegeben, im Winter kamen sie wieder nach Hause. Etliche Berichte zeugen von langjähriger, aufopferungsvoller Pflege selbst schwer behinderter, bettlägeriger Kinder in Familien, in denen auch sonst belastende körperliche Arbeit geleistet wurde. Die Familie behielt zudem die Entscheidungsgewalt: Nirgends habe sich ein Beispiel gefunden, schreibt Ritzmann explizit, dass etwa geistig behinderte Kinder gegen den Willen der Familie dauerhaft in einer Einrichtung untergebracht worden wären.

Das alles mag nach einer idyllischen Fallsammlung klingen, ist es aber nicht. Der Blick darauf, wie weit die historischen Quellen tragen, begleitet als kritische Einschränkung jedes Kapitel. Das macht den Text mitunter sperrig, verhindert indessen, dass das Negativurteil über vergangene Zeiten nun lediglich ins rosarote Gegenteil umschlägt. Zum anderen werden die Beispiele stets im Kontext zeitgenössischer Debatten und kulturhistorischer Strömungen präsentiert. So waren Kinder im achtzehnten Jahrhundert nicht nur Patienten. Sie waren gleichzeitig eine interessante Klientel, an der sich die akademische Ärzteschaft profilieren konnte. Infolgedessen wurden nicht nur andere Heiler, die sich traditionell um Kinder gekümmert hatten, zu Konkurrenten. Auch die Mütter mutierten vor diesem Hintergrund zu Gegenspielern der Ärzte.

Der Abwertung der weiblichen Kinderbetreuung ist deshalb ein erhellendes eigenes Kapitel gewidmet. Darin erfährt man schließlich, dass Ärzte und Ehemänner ihren Kompetenzbereich auf die Beurteilung der Brüste von Ammen auszudehnen vermochten. Jedoch auch bei solchen Befunden am Rande des Hauptthemas lässt die Autorin wissenschaftliche Strenge walten. So gestattet sie lediglich die Vermutung, dass die entsprechende Ammenbrustliteratur als eine Art Ersatzerotik fungierte - selbst wenn das unmittelbar einleuchtet.

MARTINA LENZEN-SCHULTE

Iris Ritzmann: "Sorgenkinder". Kranke und behinderte Mädchen und Jungen im 18. Jahrhundert. Böhlau Verlag, Köln 2008. 320 S., Abb., geb., 39,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

In ihrem Buch "Sorgenkinder", räumt Iris Ritzmann mit der hartnäckigen Vorstellung auf, Kinder, insbesondere kranke und behinderte Kinder, seien in früheren Zeiten wesentlich schlechter behandelt worden als heute, stellt Martina Lenzen-Schulte zufrieden fest. Die Medizinhistorikerin hat für ihre Untersuchung des Umgangs mit kranken oder behinderten Kindern des 18. Jahrhunderts viele medizinische und amtliche Quellen sowie Bittschriften von Eltern für die finanzielle Unterstützung der Behandlung und Waisenhausakten ausgewertet, informiert die Rezensentin. Die Autorin kommt dabei zu dem Schluss, dass die Kinder überwiegend mit "inniger Zuwendung" und umfassender Versorgung rechnen konnten, auch wenn Ritzmann nicht müde wird, in "wissenschaftlicher Strenge" auf die Begrenzung der historischen Quellen hinzuweisen. Damit verhindere sie, dass die Schwarz-Weiß-Malerei in der Beurteilung der frühen Kinderbetreuung einfach nur in ihr "rosarotes Gegenteil" verkehrt wird, lobt Lenzen-Schulte sehr angetan.

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