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Bei Pogromen gegen Juden wurden in Polen nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als 1500 Menschen getötet. Woher kam dieser Haß? Wieso nahm der Antisemitismus derart aggressive Formen an? Jan T. Gross zeigt, wie sich der traditionelle katholische Antisemitismus durch die deutsche Besatzung radikalisierte und nach der Befreiung durch die Rote Armee fortbestand, vor allem im Glauben an einen "jüdischen Bolschewismus". Der Autor schildert die Auseinandersetzungen innerhalb der polnischen Gesellschaft um das Verhältnis zu den Juden, er zeigt detailliert, wie es 1945 und 1946 zu den großen Pogromen von…mehr

Produktbeschreibung
Bei Pogromen gegen Juden wurden in Polen nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als 1500 Menschen getötet. Woher kam dieser Haß? Wieso nahm der Antisemitismus derart aggressive Formen an? Jan T. Gross zeigt, wie sich der traditionelle katholische Antisemitismus durch die deutsche Besatzung radikalisierte und nach der Befreiung durch die Rote Armee fortbestand, vor allem im Glauben an einen "jüdischen Bolschewismus". Der Autor schildert die Auseinandersetzungen innerhalb der polnischen Gesellschaft um das Verhältnis zu den Juden, er zeigt detailliert, wie es 1945 und 1946 zu den großen Pogromen von Rzeszów, Krakau und Kielce kam.
Diese waren keine Erscheinungen am Rande der Gesellschaft, sondern sie fanden mit Unterstützung der Bevölkerung statt. Gross sieht im polnischen Antisemitismus ein Zeichen der "Angst": die Angst vor den Rückkehrern und nicht zuletzt die Angst, den Besitz der jüdischen Nachbarn wieder zu verlieren, den man sich unter den Deutschen angeeignet hatte.
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • Seitenzahl: 453
  • Erscheinungstermin: 17. September 2012
  • Deutsch, Englisch, Polnisch
  • Abmessung: 219mm x 146mm x 35mm
  • Gewicht: 796g
  • ISBN-13: 9783518423035
  • ISBN-10: 3518423037
  • Artikelnr.: 34536503
Autorenporträt
Gross, Jan T.
Jan T. Gross, geboren 1947, lehrt Geschichte an der Princeton University. Er arbeitet seit Jahren über den polnischen Antisemitismus und die Zeit der nationalsozialistischen Besatzung.

Griese, Friedrich
Friedrich Griese studierte Philosophie und Soziologie. Später übersetzte er Sachbücher aus dem Englischen, Französischen, Polnischen und Italienischen ins Deutsche. Friedrich Griese verstarb am 20. Juni 2012.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Das geht dem Rezensenten entschieden zu weit. Ein Historiker habe keine Ratschläge an ein Volk zu verteilen, befindet Jörg Baberowski nach Lüktüre von Jan T. Gross' neuem Buch. Die Geschichte der Juden im frühen Nachkriegspolen erzählt der Autor laut Rezesent apodiktisch, grell und in deutlicher Mission: Er will anklagen, und zwar die polnische Nachkriegsgesellschaft für ihren Antisemitismus. Bei aller Fassungslosigkeit, mit der Baberowski hier über die Pogrome von Polen an Juden liest, die den Nationalsozialismus überlebt hatten, hätte er sich doch auch mehr Differenzierungsvermögen beim Autor gewünscht. Nicht alle Polen waren Antisemiten, meint er, und nicht alle hatten die Option für moralisches Handeln, wie wir es aus heutiger Sicht für selbstverständlich halten.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 10.12.2012
Unmenschlichkeit und Gleichgültigkeit
Jan Gross über Gewalt, die Juden nach Kriegsende 1945 in Polen erleiden mussten

"An meinem Akzent merkten sie, dass ich Jude war", erinnerte sich der Schneider Elias Magid an eine Auseinandersetzung mit Kriminellen im Jahr 1946. "Als der Zug in voller Fahrt war, sagten sie mir, ich würde in Miedzyrzec nicht ankommen, da ich Jude sei. Bevor ich etwas darauf erwidern konnte, schlugen sie mir irgendein Eisenteil auf den Kopf und warfen mich bewusstlos aus dem fahrenden Zug. Ich geriet unter die Räder eines Waggons. Wie durch ein Wunder bin ich nicht gestorben, aber ich habe die Beine verloren. Ich lag neun Monate im Krankenhaus, und jetzt bin ich ein Krüppel."

Auf mehr als 400 Seiten erzählt Jan Gross, der an der Universität Princeton Geschichte lehrt, von der Gewalt, die Juden nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Polen zu erleiden hatten. Polen und Juden waren Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gewesen. Und nun setzten die einen fort, was die Besatzer nicht zu Ende bringen konnten. So jedenfalls interpretiert Gross das Geschehen. Juden, die selbst die Vernichtungslager überlebt hatten, seien nach ihrer Rückkehr von ihren polnischen Nachbarn angegriffen, verprügelt und aus ihren Häusern vertrieben, diskriminiert und stigmatisiert worden. Tausende wurden getötet, in Kielce und anderen Orten kam es zu Gewaltexzessen und organisierten Pogromen, wie es sie seit dem Ende des Krieges nicht mehr gegeben hatte. "Wenn ein Jude", schreibt Gross, "gleich nach dem Krieg mit der Eisenbahn durch Polen reiste, riskierte er schlicht und einfach sein Leben."

Fassungslos liest man von der Bösartigkeit, Mitleidlosigkeit und Brutalität. Polen misshandelten und töteten Juden, obwohl sie doch ebenso wie sie Opfer des nationalsozialistischen Terrors gewesen waren. Und die polnischen Kommunisten schwiegen. Sie ließen zu, was sie im Interesse des inneren Friedens hätten unterbinden müssen. Wie konnte es geschehen, dass, ein Jahr nachdem die deutschen Besatzer abgezogen waren, in Polen wieder Juden überfallen, ausgeraubt und getötet wurden? Gross gibt darauf eine klare und einfache Antwort: weil es in Polen ein heimliches Einverständnis mit der nationalsozialistischen Vernichtungsstrategie gegeben habe. Kein Jude habe sich Illusionen über die Haltung der polnischen Mehrheitsgesellschaft hingegeben. Schon während des Krieges hätten sich viele Polen mit den Besatzern gegen ihre jüdischen Landsleute verbündet.

Nun weiß auch Gross, dass sich solches Einverständnis nicht nur aus Traditionen herleiten lässt. Nach Jahren exzessiven Terrors waren nur wenige Menschen noch schockiert, wenn sie Zeuge roher Gewalt wurden. Wer den Terror der Nationalsozialisten und die Verwüstungen des Krieges überlebt hatte, empfand Exzesse nicht mehr als außergewöhnliche Ereignisse. Und dennoch glaubt Gross, dass nicht die Gewöhnung an die Gewalt, sondern die Tradition des Antisemitismus für die Grenzenlosigkeit der Gewalt verantwortlich gewesen sei. Man habe Juden vorgeworfen, christliche Kinder getötet zu haben, um ihr Blut zu trinken, und die katholische Kirche habe sich von solchem Aberglauben nicht hinreichend distanziert.

Als Stalin in der Sowjetunion eine antisemitische Kampagne entfachte, habe er den polnischen Genossen das Signal gegeben, Gewalt gegen Juden sei nicht nur möglich, sondern auch gerechtfertigt. Die polnischen Kommunisten aber hätten auch deshalb geschwiegen, weil sie sich nicht dem Vorwurf aussetzen wollten, Anwälte jüdischer Interessen zu sein. Denn die meisten Polen seien überzeugt gewesen, dass Juden Kommunisten seien. Gross bringt dieses Verhältnis auf eine einfache Formel: Die Kommunisten hätten den Antisemitismus toleriert, um sich die Zustimmung der Bevölkerung für die Usurpation der Macht zu erkaufen. Die Gewalt beruhte also auf einem unausgesprochenen Gesellschaftsvertrag.

Gross will nicht nur erzählen, was der Antisemitismus in der polnischen Nachkriegsgesellschaft gewesen ist. Er will auch anklagen. Seit langem schon führt er einen Feldzug gegen jene, die er im Verdacht hat, den polnischen Anteil an der Vernichtung der osteuropäischen Juden in Abrede zu stellen. Seine Urteile sind apodiktisch, seine Bilder in grellen Farben gemalt. Nach Grautönen wird der Leser vergeblich suchen. Die meisten Juden seien keine Kommunisten gewesen, schreibt Gross. Und er verschwendet mehr als fünfzig Seiten darauf, dieses Urteil zu begründen. Aber wer, außer einigen wenigen Rechtsextremisten, hat eigentlich jemals behauptet, Juden seien Kommunisten gewesen? Und wer behauptet es heute noch?

Historiker sind weder Richter noch Staatsanwälte. Sie sollen die Toten nicht verurteilen. Stattdessen sollten sie sich Mühe geben, zu verstehen, was geschehen ist, damit die Menschen der Gegenwart begreifen, warum sie anders leben als die Toten, deren Leben die Historiker erzählen. Dazu aber gehört eine Perspektive, die nicht unterstellt, Menschen hätten stets so handeln können wie wir es tun. Nicht alle Polen waren Antisemiten, Tausende opferten ihr Leben oder brachten sich in Gefahr, indem sie Juden vor den Schergen der Nationalsozialisten versteckten. Nicht jeder Judenfeind war ein Antisemit. Mancher wollte nichts weiter als den Besitz derer, die man ungestraft verfolgen konnte. Andere waren abgestumpft, verroht und unempfindlich für das Leid ihrer Mitmenschen geworden, weil schon im zweiten Kriegsjahr ein Menschenleben nichts mehr wert war.

Hunderttausende Polen wurden nach dem Ende des Krieges vom sowjetisch besetzten Teil Polens nach Westen deportiert. Das Land war verwüstet, Städte und Dörfer zerstört und die Überlebenden traumatisiert. Unter solchen Umständen konnte niemand Solidarität und Mitmenschlichkeit wirklich erwarten. Gross erzählt von den Schrecken, von der Unmenschlichkeit und Gleichgültigkeit. Aber er erzählt nicht von den Umständen, die sie ermöglichten, und er ignoriert, dass moralisches Handeln, wie er es versteht, für viele Menschen überhaupt keine Option war. Stattdessen gibt er den Menschen im gegenwärtigen Polen einen Rat: Sie sollten ihrer Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit eine Struktur geben, in der sich die Opfer wiedererkennen könnten. Diesem Vorschlag würden wahrscheinlich auch in Polen nur wenige Menschen widersprechen, liefe er nicht auch darauf hinaus, eine Kollektivschuld einzugestehen, der sich bislang nur die Deutschen auszusetzen hatten. Hätte der Rezensent einen Rat zu erteilen, so richtete sich dieser nicht an die Gesellschaft, sondern an den Historiker: Sei nicht selbstgerecht, richte nicht über andere Menschen und schreibe stets so, dass sich auch die Historiker in deinen Geschichten wiedererkennen können.

JÖRG BABEROWSKI

Jan T. Gross: Angst. Antisemitismus nach Auschwitz in Polen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2012. 454 S., 26,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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»Gross kommt das Verdienst zu, die schrecklichen Ereignisse eines Antisemitismus nach Auschwitz dem Vergessen entrissen zu haben. ... Das beeindruckende historische Buch glänzt darüber hinaus noch mit diskussionswürdigen analytischen Thesen.«