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Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung. So lautet die Kernthese dieses gefeierten Buches von Hartmut Rosa, das als Gründungsdokument einer Soziologie des guten Lebens gelesen werden kann. Anstatt Lebensqualität in der Währung von Ressourcen, Optionen und Glücksmomenten zu messen, müssen wir unseren Blick auf die Beziehung zur Welt richten, die dieses Leben prägt. Dass diese Beziehung immer häufiger gestört ist, hat viel mit der Steigerungslogik der Moderne zu tun, und zwar auf individueller wie kollektiver Ebene. Rosa nimmt die großen Krisen der Gegenwart…mehr

Produktbeschreibung
Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung. So lautet die Kernthese dieses gefeierten Buches von Hartmut Rosa, das als Gründungsdokument einer Soziologie des guten Lebens gelesen werden kann. Anstatt Lebensqualität in der Währung von Ressourcen, Optionen und Glücksmomenten zu messen, müssen wir unseren Blick auf die Beziehung zur Welt richten, die dieses Leben prägt. Dass diese Beziehung immer häufiger gestört ist, hat viel mit der Steigerungslogik der Moderne zu tun, und zwar auf individueller wie kollektiver Ebene. Rosa nimmt die großen Krisen der Gegenwart in den Blick und weist einer resonanztheoretischen Erneuerung der Kritischen Theorie den Weg.
  • Produktdetails
  • suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2272
  • Verlag: Suhrkamp
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 815
  • Erscheinungstermin: 10. März 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 177mm x 111mm x 42mm
  • Gewicht: 475g
  • ISBN-13: 9783518298725
  • ISBN-10: 3518298720
  • Artikelnr.: 52363323
Autorenporträt
Rosa, Hartmut
Hartmut Rosa, geboren 1965, ist Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena sowie Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt.
Rezensionen
"Lesen!"
DIE ZEIT 17.03.2016

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 05.04.2016

Im Resonanzhafen bekommt die Welt ein anderes Gesicht
Ist das wirklich auf der Wellenlänge der Kritischen Theorie? Hartmut Rosa findet einen Begriff, mit dem sich das gute Leben erklären lassen soll

Da ist Anna. Anna frühstückt mit ihrer Familie, alle sind gut drauf, lächeln einander an. Anna geht zur Arbeit, genießt das schöne Wetter und freut sich auf den Tag und auf die Kollegen. Am Abend spielt Anna Volleyball in einem Verein, genießt das Spiel in der Gruppe, die nur um des Spielens willen, nicht um des Siegens willen spielt. - Da ist Hannah. Hannah frühstückt auch mit ihrer Familie, aber irgendwie sind alle misslaunig.. Das schöne Wetter stört sie bloß. Ihre Arbeit macht ihr keinen Spaß, sie verkrampft schon beim Gedanken daran. Am Abend geht auch Hannah zum Sport, aber sie weiß gar nicht so genau, warum, sie wäre lieber woanders, die Teamkollegen spielen eh nur auf Sieg, es herrscht verbissener Ehrgeiz.

Welcher dieser Tagesabläufe passt eher zu einem guten Leben? Für Hartmut Rosa, Soziologe aus Jena, liegt die Antwort nahe. Annas Leben ist voller Resonanz, sie geht gleichsam beschwingt durch ihren Alltag. Hannah dagegen ist nicht ganz dabei, fühlt sich etwas verloren. Ihr Leben ist, so Rosa, ohne Resonanz und steht damit in Gefahr, wesentliche Bedingungen für ein gutes Leben zu verfehlen.

So lässt sich in wenigen Worten die Kernthese des neuen Buchs von Rosa zusammenfassen. Rosa ist über die Fachgrenzen hinaus bekannt geworden mit seiner Beschleunigungstheorie und sieht sich stets in der Nachfolge der Kritischen Theorie. Diese hat sich lange schwer damit getan, Bedingungen des guten Lebens zu benennen, zu verhangen schien ihr der Horizont in der verwalteten, durchkapitalisierten, von instrumenteller Vernunft durchzogenen Welt. Adornos Satz, wonach es im falschen Leben kein richtiges geben könne, bündelt auf seine Weise diese systematische Zurückhaltung.

Jürgen Habermas und Axel Honneth haben in der Nachfolge Adornos zwar mit ihren Kernbegriffen der Kommunikation und der Anerkennung die Türen für eine versöhnliche Aussicht auf die Moderne geöffnet, aber es ist Rosa, der, wenn man so will, endgültig alle Hemmungen fahrenlässt und eine mit objektiven Gültigkeitsansprüchen versehene Theorie des guten Lebens skizziert. Und das gleich auf fast achthundert Seiten.

Rosa entfaltet ein erfahrungs- und subjektnahes Vokabular, das darauf zielt, gelingende Weltbeziehungen in ihrer phänomenalen Fülle zu beschreiben. Der Kernbegriff der Resonanz ist dabei geradezu genial gewählt, erlaubt er doch, zahllose konkurrierende Modelle und Phänomene gelingender Welt- und Selbstverhältnisse unter sich zu vereinen. Man schließt das Buch und fragt ein wenig benommen: Ist meine Wohnung eigentlich resonanzfähig? Wie steht es um meine Freundschaften? Eher resonant oder stumm? Und die Lehre an der Universität? Lebendiger Austausch, der beide Seiten bereichert, oder doch nur kalte Wissensvermittlung? Spricht ein Gott zu mir, das Antlitz eines Mitmenschen, die erhabene Macht der Natur?

Monomanisch durchpflügt Rosa soziologische, philosophische und psychologische Studien, um in ihnen Resonanzmotive ausfindig zu machen. Er liest Literatur, hängt sich an Spiegelneurone, sucht nach "Resonanzhäfen", "Resonanzachsen" und "Resonanzsphären", er scheut sich nicht vor Blasen (Sloterdijk), Atmosphären (Schmitz), Antwortregistern (Waldenfels), Auren (Benjamin), vertieft sich in dichte leibphänomenologische Analysen - Atmen, Essen, Trinken, Stimme, Blick, Gehen, Schlafen, Lachen, Weinen, Lieben - und findet stets die Möglichkeit der Resonanz oder ihr Scheitern, das bei ihm Entfremdung, Stummheit oder Repulsion heißt.

Was also ist Resonanz? Maßgeblich ist zunächst die musikalische Metapher: die Stimmgabeln, die einander zum Schwingen und Klingen bringen. Übertragen auf menschliche Weltverhältnisse, heißt das: Zwei Entitäten geraten in Schwingung, berühren einander, so dass sie als "aufeinander antwortend, zugleich aber auch mit eigener Stimme sprechend, also als ,zurück-tönend' begriffen werden können". Es sind nicht nur Menschen, die Resonanzverhältnisse zu anderen Menschen aufbauen, es kann auch um Resonanz zwischen Mensch und Ding, Mensch und Musik, Mensch und Natur, Mensch und Gott oder Mensch und Kunst gehen. Resonanzverhältnisse, das wird immer wieder betont, transformieren Subjekt und Welt, sie lassen nichts, wie es ist. Herrschen Stummheit und Entfremdung vor, kann sich das Subjekt Welt nicht "anverwandeln", alles bleibt "bleich, tot und leer".

Man könnte meinen, dass Rosa mit seinem Resonanzbegriff nur knapp an der Esoterik vorbeischrammt. Aber ein beträchtlicher Teil des Buchs zielt darauf, genau diesen Einwand zu entkräften. Die Pointe von Rosas Modell heißt "Anverwandlung". "Resonanzfähigkeit", so Rosa, "gründet auf der vorgängigen Erfahrung von Fremdem, Irritierendem und Nichtangeeignetem, vor allem aber von Nichtverfügbarem". Resonanzmöglichkeiten sind also nicht immer schon da, sie müssen geschaffen, müssen erarbeitet werden, und dazu bedarf es der Fremdheit, ja der Entfremdung. Der bisweilen erstaunliche Optimismus des Buchs hat sicherlich hier eine Quelle - wenn anverwandelte Fremdheit Voraussetzung für Resonanz ist, dann bietet eine Zeit wachsender Entfremdung und Verdinglichung offenbar überraschend viele Resonanzmöglichkeiten. Die Fülle der Beispiele, die Rosa anschaulich präsentiert, überwältigt geradezu.

Doch hier liegt auch das zentrale Problem des Buchs. Der Resonanzbegriff wird schlicht überdehnt und verliert damit dramatisch an Kontur. Fast gewaltsam wirkt es, wie Rosa den Begriff Phänomenbereichen überstülpt, die bislang in anderen Termini beschrieben werden konnten und damit offenbar ganz gut ausgekommen sind; es sieht, anders gesagt, nicht so aus, als könne Rosas Neubeschreibung tatsächlich bislang ungekannte Dimensionen etwa geglückter Liebesbeziehungen oder intensiver Musikerfahrungen erschließen. Nennen wir Flowerlebnisse also resonant. So what?

Das Resonanzmodell Rosas passt ohnehin nicht zur Fülle der alltäglichen Resonanzmöglichkeiten, die das Buch heraufbeschwört, passt genau genommen nicht einmal auf Anna und Hannah. Hand aufs Herz: Wie oft machen wir transformatorische Erfahrungen, die den Kriterien des Resonanzbegriffs von Rosa entsprechen? Diese Erfahrungen bleiben eher selten, und sie müssen es bleiben, Rosa scheint dies am Ende zu ahnen, wenn er bestreitet, dass ein dauerresonantes Leben wünschenswert sein kann.

Damit aber taugt der Begriff auch nicht als Schlüsselbegriff der Kritischen Theorie. Sicher, irgendeine Vision von Glück inspiriert vermutliche alle Versionen Kritischer Theorie, das ist kein Makel. Aber warum sollten wir die Vielfalt der unterschiedlichen Motive und biographischen Erfahrungen, die all die internen Differenzen innerhalb dieser Denktradition speisen, auf Resonanz reduzieren? Dafür spricht schlicht gar nichts.

Schließlich der Kapitalismus. Ist er problematisch, weil er Resonanzerfahrungen erschwert oder blockiert? In einem gewissen Maße tut er das bestimmt, aber ist das unser wichtigstes Problem mit ihm? Was ist mit Ausbeutung, Ungleichheit und Ungerechtigkeit? Die Kritische Theorie wird sich diese Themen nicht abnehmen lassen können.

MARTIN HARTMANN

Hartmut Rosa: "Resonanz". Eine Soziologie der Weltbeziehung.

Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 816 S., geb., 34,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Rezensent Jens Bisky hat sich durch 816 Seiten Resonanztheorie gequält und schlägt das Buch am Ende enttäuscht zu. Mit "Resonanz" meint der Soziologe Hartmut Rosa ein passiv-aktives Mitschwingen in der Gesellschaft, das die als so quälend empfundene Entfremdung aufheben solle. Das Bild kommt von der Stimmgabel, erklärt Bisky. Eine wird angeschlagen, die andere beginne, "in ihrer Eigenfrequenz mitzuschwingen". Dass jedem Physiker und Musiker hier die Haare zu Berge stehen würden, fällt Bisky nicht auf: Stimmgabeln schwingen nicht mit ihrer jeweils eigenen Frequenz mit, sondern nur, wenn sie dieselbe Frequenz haben oder ihre Frequenz zumindest auf der Obertonskala der ersten Gabel vorkommt. Bisky findet auch so eine Menge Argumente gegen den von Rosa herbeigesehnten "Dreiklang von Leib, Geist und erfahrbarer Welt". Er liest das Buch als eine Romantisierung der Kritischen Theorie, aber was ihm abgehe, sei Präzision. Die von Rosa ausgewählten Beispiele für seine Theorien wirkten präfabriziert. Bisky fehlt bei aller Sympathier für die Sehnsucht nach einer gelingenden Welt eine Würdigen der tatsächlichen.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 28.07.2016

Mehr Resonanz
wagen!
Hartmut Rosa entwirft eine Soziologie guten Lebens
Es fehlt nicht an Forderungen, die Welt zu verbessern: „Mehr Wachstum für Andalusien! Mehr Bildung für Migrantinnen! Höheres Einkommen für die Eisenbahner! Wahlrecht für 16-Jährige! Bessere Straßen durch die Wüste! Sauberes Wasser in Peking! Freie Kitaplätze für alle! Staatlicher Versicherungsschutz für jeden! Mehr vegane Gerichte in der Mensa!“ Der Soziologe Hartmut Rosa entdeckt in dieser Liste eine „verblüffende Uniformität“. So verschieden die Absichten und Ansprüche im einzelnen auch seien, sie zielten sämtlich darauf, weitere Weltausschnitte zu kontrollieren und verfügbar zu machen. Sie gehorchten einer Steigerungslogik – mehr! besser! höher! –, die Rosa für verhängnisvoll hält. Die Zeit für einen kulturelle Paradigmenwechsel sei gekommen: „Nicht die Reichweite, sondern die Qualität der Weltbeziehung soll zum Maßstab politischen wie individuellen Handelns werden.“
  Diesem kulturellen Wandel redet Rosas „Soziologie der Weltbeziehung“ das Wort. Das Zauberwort, das zum sozialphilosophischen Grundbegriff einer erneuerten Kritischen Theorie auserkoren ist, heißt „Resonanz“. Resonanztheorie verspricht, Normen zu begründen, Wirklichkeit zu beschreiben und Wege der Besserung skizzieren zu können. Aber was ist damit eigentlich gemeint?
  Man denke an zwei Stimmgabeln: Eine wird angeschlagen, eine zweite in der Nähe beginnt, „in ihrer Eigenfrequenz mitzuschwingen“. Aus dem akustisch-physikalischen Vorgang gewinnt Rosa eine Großmetapher, als verhielten Menschen sich stimmgabelartig zu sich, ihren Mitmenschen und der äußeren Welt. Resonanz bezeichnet eine „Form der Weltbeziehung, in der sich Subjekt und Welt gegenseitig berühren und zugleich transformieren“, es geht um eine Antwortbeziehung, einen Beziehungsmodus im „Dreiklang von Leib, Geist und erfahrbarer Welt“.
  Vieles von dem, was Rosa der Resonanz zuschreibt, kennt man aus Analysen ästhetischer Erfahrung. Für Rosa aber geht es nicht um eine begrenzten Bereich mit seiner eigenen Logik, sondern ums große Ganze. Menschen sind fähig zur Resonanz, sie haben ein Bedürfnis danach. In der Moderne aber, je länger sie dauert, desto mehr, wird Resonanz blockiert, die Welt verstummt. Die Geschichte der Moderne lässt sich als die Geschichte einer Resonanzkatastrophe erzählen, während zugleich die Sensibilität für Resonanzen gewachsen ist.
  Hartmut Rosa, der in Jena lehrt und in Erfurt das Max-Weber-Kolleg leitet, erweitert mit „Resonanz“ seine Großtheorie unserer pathologischen, aber nicht rettungslos verlorenen Moderne. Wer sich für die Stichwortgeber der Gegenwartsdeutung interessiert, kennt auch Rosas Buch „Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne“ aus dem Jahr 2005. Daran knüpft er unmittelbar an: „Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung“.
  Vieles nimmt für diesen neuen Versuch ein oder weckt doch Neugier: der Drang auf’s Ganze; die Reaktivierung des ehrwürdigen, oft zu rasch verabschiedeten Begriffs der Entfremdung; der kulturkritische Elan; das pädagogisch-rhetorische Können des Autors. Und doch schlägt man das Buch nach gut 750 Seiten enttäuscht zu, ohne Resonanz erfahren zu haben. Gewiss, Rosa vermeidet einige Fallen. Er verdammt Entfremdung nicht vollständig, wirbt nicht für eine Welt aus lauter Resonanzachsen, vielmehr für eine Balance. Die ratlose Enttäuschung nach der Lektüre hat auch nicht nur etwas mit der esoterisch-banal klingenden Verschiebung von „eine andere Welt ist möglich“ hin zu „auf andere Art in der Welt sein“ zu tun. Sie hat ihren Grund in der normativen und deskriptiven Ungenauigkeit der Resonanztheorie.
  Da, wie Rosa zu Recht darlegt, Resonanz prinzipiell unverfügbar ist, nicht auf Befehl und nicht nach Regeln zu erreichen, behält der zwischen Metaphern und Beschwörung schillernde Begriff etwas Vages. Der Begriff verbinde, was Aufklärung und Rationalismus streng trennten: „Geist und Körper (oder Leib und Seele), Gefühl und Verstand, Individuum und Gemeinschaft und schließlich Geist und Natur“. Also ein romantisches Konzept gegen die Vorherrschaft von „Berechnung, Fixierung, Beherrschung und Kontrolle“. „Resonanz“ entziehe sich also, sobald man ihn „philosophisch festzunageln“, also auf den Begriff zu bringen versuche.
  Was aber ist mit ihm gewonnen? Was bringt die Romantisierung der Kritischen Theorie? Rosa mustert, an dieser Stelle überraschend knapp, einige andere Kandidaten für „das Andere der Entfremdung“, etwa Autonomie, Sinn, Identität, Authentizität, Anerkennung. Auch wer Anerkennung erfahre, könne sich entfremdet fühlen, wobei „Entfremdung“ mit Rahel Jaeggi eine „Beziehung der Beziehungslosigkeit“ bezeichnen soll. Nicht-entfremdet wären also Verhältnisse, die die Ausbildung vieler Resonanzachsen ermöglichen.
  Rosa unterscheidet horizontale in Familie, Freundschaft, Politik; diagonale etwa in Arbeit, Schule, Sport; vertikale in Religion, Natur, Kunst und im „Mantel der Geschichte“. Wenn es dann heißt, Demokratie bezeichne in erster Linie „einen anhaltenden Prozess der Sensibilisierung für die Vielfalt der Stimmen“, stimmt der Leser zu – und freut sich, dass das bei weitem nicht alles ist, dass die von Rosa an die Seite gestellten Aushandlungsprozesse, Interessenkonflikte, auch das schlichte Regieren, verwalten, Ansprüche Abwägen weiterhin eine entscheidende Rolle spielen. So wie in diesem Fall scheinen aus dem Blickwinkel der Resonanztheorie viele entscheidende Leistungen und Normen, ja das einfach und immer unwahrscheinliche Funktionieren an Bedeutung zu verlieren. Das ist schade, verstärkt es doch den Verdacht, der große Schirm der „Resonanz“ verschatte die Eigenart der einzelnen Bereiche. In dieser „Soziologie der Weltbeziehung“ fehlt es an Vielfalt, an substanziellen Unterschieden neben der einen großen Scheidung in entfremdet und nicht entfremdet.
  Rosa erzählt gern Fallgeschichten wie der beiden Nachwuchskünstler Gustav und Vincent, die in zwei Wochen ein Bild malen sollen. Gustav plant alles genau, beste Leinwand, die richtigen Pinsel. Er ist ressourcenfixiert. Vincent beginnt einfach zu seiner Lieblingsmusik zu malen. Ihm spricht Rosa die größeren Chancen zu, den Wettbewerb zu gewinnen. Denn, so die Moral, Ressourcen sind nicht das Wichtigste. Es geht auch um Anna und Hannah, froh die eine, missmutig die andere. Diese Geschichten, behauptete Empirie, sind kränkend schlicht, nie kompliziert. Konflikte, Dilemmata, Paradoxien, also das, was Leben in unserer Moderne ausmacht, scheinen nur am Rand auf.
  Daneben stehen kulturkritische Klischees, nicht falsch, nicht neu: in Schulen müsse nur der Lehrplan erfüllt werden, an der Uni seien Drittmittel am wichtigsten; in der Unternehmensberatung drehe sich alles um Profit; in der Zeitung um Auflage und Werbekunden. Ach!
  Der Leser hat sich an dieser Stelle schon daran gewöhnt, dass die Beispiele meist zur Illustration der Thesen ausgewählt und zurechtgemacht wurden. Dass bürokratischer Zwang und Optimierungswahn vernichten, was sie zu verbessern vorgeben, hat man auch vor der Resonanztheorie schon gehört. Wer vom gelingenden Leben spricht, sollte das tatsächliche nicht so obenhin abtun.
JENS BISKY
Konflikte, Dilemmata
und Paradoxien scheinen hier
nur am Rand auf
        
  
  
    
Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 816 Seiten,
34,95 Euro. E-Book 29,99 Euro.
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