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Das Besondere ist Trumpf, das Einzigartige wird prämiert, eher reizlos ist das Allgemeine und Standardisierte. Der Durchschnittsmensch mit seinem Durchschnittsleben steht unter Konformitätsverdacht. Das neue Maß der Dinge sind die authentischen Subjekte mit originellen Interessen und kuratierter Biografie, aber auch die unverwechselbaren Güter und Events, Communities und Städte. Spätmoderne Gesellschaften feiern das Singuläre.
Ausgehend von dieser Diagnose, untersucht Andreas Reckwitz den Prozess der Singularisierung, wie er sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Ökonomie, Arbeitswelt,
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Produktbeschreibung
Das Besondere ist Trumpf, das Einzigartige wird prämiert, eher reizlos ist das Allgemeine und Standardisierte. Der Durchschnittsmensch mit seinem Durchschnittsleben steht unter Konformitätsverdacht. Das neue Maß der Dinge sind die authentischen Subjekte mit originellen Interessen und kuratierter Biografie, aber auch die unverwechselbaren Güter und Events, Communities und Städte. Spätmoderne Gesellschaften feiern das Singuläre.

Ausgehend von dieser Diagnose, untersucht Andreas Reckwitz den Prozess der Singularisierung, wie er sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Ökonomie, Arbeitswelt, digitaler Technologie, Lebensstilen und Politik abspielt. Mit dem Anspruch einer Theorie der Moderne zeigt er, wie eng dieser Prozess mit der Kulturalisierung des Sozialen verwoben ist, welch widersprüchliche Dynamik er aufweist und worin seine Kehrseite besteht. Die Gesellschaft der Singularitäten kennt nämlich nicht nur strahlende Sieger. Sie produziert auch ihre ganz eigenen Ungleichheiten, Paradoxien und Verlierer. Ein wegweisendes Buch.
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • 5. Aufl.
  • Seitenzahl: 480
  • Erscheinungstermin: 9. Oktober 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 217mm x 148mm x 37mm
  • Gewicht: 664g
  • ISBN-13: 9783518587065
  • ISBN-10: 3518587064
  • Artikelnr.: 48056001
Autorenporträt
Reckwitz, Andreas
Andreas Reckwitz, geboren 1970, ist Professor für Soziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Seine viel beachtete Studie Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne wurde 2017 mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet. 2019 ist er Fellow im Thomas-Mann-Haus in Los Angeles.
Rezensionen
Besprechung von 07.10.2017
Wir schrecklich Kreativen

Die Spätmoderne hat den Anspruch auf Selbstverwirklichung zum Dogma erhoben: Andreas Reckwitz untersucht die Nebenwirkungen.

Von Thomas Thiel

Die Liste der hundert umsatzstärksten Unternehmen der Welt dominieren Energiefirmen, Banken, Konsumgüterhersteller. Apple rangiert auf Position 8, Amazon auf Rang 24, Google und Facebook tauchen dort nicht einmal auf. Geht man dagegen nach dem Trendindikator der Börsenkapitalisierung, bleiben die großen IT-Unternehmen auf den vordersten Plätzen unter sich. Diese Zahlen helfen bei der Einordnung der oft zu hörenden Behauptung, dass die Wirtschaft daran sei, sich völlig nach dem Modell der digitalen Kreativwirtschaft umzuorganisieren. Davon ist sie noch ein gutes Stück entfernt, und auch wo sie es tut, heißt das nicht, dass kein Stein auf dem anderen bleibt.

Google ist ein gutes Beispiel: Das Internet, hieß es noch vor wenigen Jahren, werde lauter hochindividuelle Konsumwege schaffen. Heute laufen achtzig Prozent der Suchanfragen über Google ab. Zumindest im Suchmaschinensektor hat sich nicht das Individuelle, sondern der Standard durchgesetzt. Gleiches gilt für die sozialen Netzwerke. Geht man nach der These des Frankfurter Kultursoziologen Andreas Reckwitz, dann hat sich die Gesellschaft aber bereits völlig nach dem Modell der neuen Bewusstseinsindustrien umorganisiert.

Reckwitz, der sich zuletzt mit der Ästhetisierung der Gesellschaft befasste, weitet seine Erkenntnisse in seinem neuen Buch zu einer Großthese aus. Dem Titel entsprechend heißt es nun: Wir leben in einer Gesellschaft der Singularitäten, die von der Kulturökonomie flächendeckend umgewandelt worden ist. Diese Entwicklung sei seit rund dreißig Jahren zu beobachten. Seit den achtziger Jahren werde eine auf standardisierten, industriellen Produktionsformen basierende Moderne, für die Soziologen in Deutschland den Begriff der nivellierten Mittelstandsgesellschaft prägten, abgelöst von einer Spätmoderne, die überall auf das Singuläre zielt.

Beispiele sind dafür leicht zu finden: die Raffinesse, die Menschen auf ausgesuchtes Essen, technisches Spielzeug und ethischen Konsum verwenden, die Profil- und Markenbildung, die heute selbst öffentliche Bäder betreiben, oder die Personalisierung der Medizin. Wenn Reckwitz den ethischen Konsum oder die Flagship-Architektur als Beispiele nennt, werden jedoch die Grenzen seiner These deutlich: Bio macht heute knapp fünf Prozent der Lebensmittelwirtschaft aus, und neben den Prestigebauten sprießen die Wohnsilos der neuen Gründerzeit.

Der Trend zum Besonderen wird bei Reckwitz von der Digitalisierung und dem Lebensstil einer neuen Mittelklasse vorangetrieben, die ganz auf Selbstentfaltung setzt und im "authentischen" Konsum zu sich selbst findet. Der Kampf um Absatz und Aufmerksamkeit in der globalen Konkurrenz und die Vermarktlichung des staatlichen Sektors machen den "Performer" zum Leitbild, der, um seinen Markenwert zu halten, auf sich aufmerksam machen muss. Der Laufsteg der Besonderheiten ist das personalisierte Internet, das eine narzisstische Subjektbildung fördert und über den Plattformkapitalismus eine Spirale ständiger Auf- und Abwertung am Laufen hält. Im Grau versinken darüber die Tugenden der industriellen Moderne: Konstanz, Pflichtbewusstsein, Unauffälligkeit.

Sozialer Träger dieses Wandels ist bei Reckwitz die "Creative Class", die er aber nur vage definiert. Kreativ ist hier alles: das kulinarische Gewerbe, die IT-Unternehmen, die Wissenschaft. Wie sehr Reckwitz ein spezielles Segment im Auge hat, wird deutlich, wenn er das Spitzenrestaurant als Beispiel der Kreativbranche nennt. Dass er bei der Beschreibung dieser kulturtragenden Schicht die Sprache von Trendbüros und Eventmanagern spricht, macht die Lektüre streckenweise ermüdend. Man liest von einzigartigen Kompetenzbündeln, einmaligen Events, die es gleichwohl in Serie gibt, Kreativindividuen, die mühelos zwischen Schubert und Sneakers wechseln, und von Projektarbeitern, die ihre ganze Persönlichkeit in ihre Tätigkeit setzen.

Die ganze Persönlichkeit? Wie viel stupide Arbeit in diesen Branchen tatsächlich geleistet wird, fällt unter den Tisch, denn Reckwitz' Kulturbegriff zielt ganz auf das, was von den Akteuren oder ihren Arbeitgebern selbst als besonders gewertet wird. Zu selten wird deutlich, dass diese normsetzenden Besonderheiten fabriziert und nicht originell sind, auch wenn manche es so betrachten.

Diese Pendelbewegung durchzieht das ganze Buch. Reckwitz nimmt seine These immer wieder ein Stück weit zurück, hält aber trotzdem daran fest, dass Wirtschaft und Gesellschaft flächendeckend dem ästhetischen Imperativ der Kulturökonomie unterstehen. Auch lässt er unbegründet, warum fortbestehende Routinen als bloßer Hintergrund der Singularisierung zu betrachten sind. Zielt seine These nicht zu hoch, wenn es, wie er schreibt, eigentlich um eine Doppelbewegung von Standardisierung und Singularisierung geht, wie sie sich beispielhaft in den Rasterbildungen des Big-Data-Sektors ausdrückt? Auch wenn man die Bedeutung der Kulturökonomie nicht ganz so hoch veranschlagt, lässt sich die mentalitätsprägende und gesellschaftlich polarisierende Kraft der beschriebenen Phänomene nicht abstreiten.

Im zweiten Teil seines Buchs bündelt Reckwitz die Nebenwirkungen einer ganz auf Besonderheit zielenden Gesellschaft zu einer eindrucksvollen Synthese. Individuen mit gesteigertem Selbstverwirklichungsanspruch bewegen sich in einer Spirale ständiger Auf- und Abwertung, in der sie sich nicht selten erschöpfen, weil der schnelldrehende Plattformkapitalismus nur wenige Stars und Unternehmen prämiert. Gesellschaftlich wirkt sich das Gebot des attraktiven Lebensstils als Kulturalisierung der Ungleichheit aus.

Weniger Vermögensverhältnisse als die soziale Norm der Auffälligkeit führen dazu, dass sich eine in der alten Pflichtethik gefangene Unterschicht mühsam durch ein als wertlos empfundenes Leben kämpft. Ein besonderer krasser Fall sind Attentäter, die den gesteigerten Wert des Besonderen usurpieren und ins Makabre verkehren. Reckwitz versteht sie als Rache der Deklassierten an einer als erdrückend empfundenen Meritokratie.

Im Politischen wirkt sich die Krise des Allgemeinen als Verlust des Vertrauens in die Volksparteien, als Fundamentalismus, Populismus und Kulturnationalismus aus. Weltweit manifestiert sie sich als Kritik am westlichen Universalismus. Reckwitz macht dafür einen Liberalismus verantwortlich, der in Wirtschaft und Politik auf Deregulierung setzt und in der Gesellschaftspolitik die Identitätsrechte stärkt, Kultur aber gleichzeitig als Ressource der Wettbewerbsfähigkeit instrumentalisiert. Von geschlossenen Gemeinschaften werden die Identitätsangebote dankbar aufgegriffen und dogmatisch interpretiert.

Man kann aus dem Urteil leicht schließen, dass sich diese Form des Liberalismus erschöpft hat und einem Liberalismus weichen sollte, der die geschwächten staatlichen Institutionen als Stellvertreter des Allgemeinen wieder aufwertet und an den richtigen Stellen - etwa in der Plattformökonomie - Regeln setzt. Allgemein hält Reckwitz eine Arbeit an geteilten Normen und Gütern für notwendig, um dem irrationalen Sog der Singularisierung entgegenzuwirken. Sein Buch ist dazu ein erster energischer Schritt.

Andreas Reckwitz: "Die Gesellschaft der Singularitäten".

Suhrkamp Verlag, Berlin 2017.

480 S., geb., 28,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 26.10.2017
Wir sind ganz bei uns
Die Aura des Kulturkapitalismus – der Soziologe Andreas Reckwitz hat eine große Theorie der Vereinzelung geschrieben
Wenn man zum Beispiel am Münchner Berufsinformationszentrum (BIZ) in der Arbeitsagentur für Arbeit vorbeispaziert, quatschen einen knallrote Plakate an: „Typisch Ich! Und was steckt in dir?“ Früher wurde man als Zehntklässlerin von seinen Lehrern ins BIZ gebracht, und durfte dort einen standardisierten Test ausfüllen, der die eigenen Interessen und Vorlieben ermittelte und einem dann das entsprechende Berufsfeld zuordnete (es sei denn man gehörte zu der Sorte arroganter Elftklässlerinnen, die sich nicht von einem bescheuerten Computer ihre Interessen erzählen lassen wollten). Inzwischen ist die berufliche Orientierung zumindest in der offiziellen Sprachregelung offenbar eher etwas, das per Coaching ans Tageslicht therapiert werden soll.
Wir leben in einer Zeit, die von der Persönlichkeit des Einzelnen, seinen individuellen Vorlieben und Verwirklichungsbestrebungen gar nicht genug bekommen kann. Das jedenfalls ist die Beobachtung, die der Soziologe Andreas Reckwitz seinem neuen großen Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ zugrunde legt. Reckwitz selbst findet Attribute wie „verblüffend“ und „erstaunlich“ für die Theorie. Und ja, zusammengefasst: In seiner Theorie der Spätmoderne verknüpft Reckwitz so ziemlich alle ärgerlichen und verwirrenden Auswüchse der Gegenwart zu einem logischen System.
Weltweit eskalierende politische Antagonismen bei einer gleichzeitig erlahmten Partizipation sind in den vergangenen Jahren unter anderem über die Benachteiligungsgefühle weißer heterosexueller Männer, über den Raubtierkapitalismus, den religiösen Fundamentalismus und die Selbst-Überwachungsgesellschaft erklärt worden. Aber was, wenn all diese Phänomene nichts weiter als genau das sind – Manifestationen einer größeren Verschiebung? Für Andreas Reckwitz ist das so: Der fundamentale Strukturwandel unserer Zeit liege in der Verschiebung der sozialen Logik: Das Singuläre – das Einzelne, Besondere, Hyperindividuelle – dominiere das Allgemeine. Während also die Moderne mit all ihrer Normativität, ihren Standardisierungen von Abläufen, ihren Ideal-Typen, ihrer Formatierung und ihren sozialen Begrenzungsmechanismen eine einzige „Generalisierungsmaschine“ war (Reckwitz hängt, wie man während der Lektüre feststellt, übermäßig an der Maschinenmetaphorik), arbeiten seit etwa den Achtzigerjahren die großen Kräfte von Wirtschaft und Kultur daran, Güter, Leistungen und Subjekte wieder in einen Zustand zu bringen, den Reckwitz als Singularität bezeichnet.
In unseren zeitgenössischen Arbeits-, Konsum- und Kommunikationsstrukturen findet nur gut Platz, wer ein Einzelner sein kann – und zwar ein Einzelner mit bestmöglich ausgebildeten Kapazitäten und Kompetenzen. Gesellschaft ist in dieser Logik nicht mehr vorrangig dazu da, um Teil von ihr zu sein, sondern um vor ihr zu glänzen. Wir leben im Zeitalter des Hyper-Individuums, und laut Reckwitz tun wir das nicht nur wegen der bösen Selbstoptimierung, sondern weil wir es auch so wollen. Wer uns umgibt, tut das nicht in erster Linie als möglicher Partner, Verbündeter oder Kontrahent, es geht gar nicht so sehr darum, sich in ein Verhältnis zu ihm zu setzen. Die anderen dienen eher dem eigenen Wertabgleich. „Das spätmoderne Subjekt“, schreibt Reckwitz, strebe „für sich und sein Leben nach Befriedigung im Besonderen“. Wertschätzung ist dann eine Erfahrung, die – in beruflichen, politischen, aber auch privaten Kontexten – immer seltener etwas mit Zugehörigkeitsgefühlen oder Sicherheiten zu tun hat, und immer häufiger mit eher flüchtigen Zuwendungen von Aufmerksamkeit. Auf dem Arbeitsmarkt ist das vor allem für diejenigen spürbar, die mit befristeten Verträgen oder als Sub-Unternehmer oder freie Mitarbeiter beschäftigt sind. Auf der globalgesellschaftlichen Ebene kann man diese Mechanik natürlich auch auf all jene Super-Regionen wie Katalonien, Kalifornien oder Norditalien und ihre Kleinstaatsehnsüchte anwenden. Sie sind offenbar zu gut für die Landmassen, deren Teil sie rein geologisch gesehen unbedingt sind.
Je nachdem wo man anfängt zu zählen, ist die deutsche Soziologie 2017 genau 130 Jahre alt: Ferdinand Tönnies veröffentlichte 1887 mit „Gemeinschaft und Gesellschaft“ das erste sozialwissenschaftliche Grundlagenwerk Deutschlands. Die Frage sollte beantwortet werden, was das menschliche Zusammenleben ausmacht – und wie aus den traditionellen Kleinst-Einheiten von Familie, Glaubensgemeinde, Dorf der Zusammenhalt in dem entsteht, was wir als die moderne Gesellschaft begreifen. Die in dieser Zeit schon in vollem Gang befindlichen Entwicklungen – also die Herausbildung einer Massengesellschaft, die sich von standardisierten Verfahren und rationalen Systemen ordnen lässt – ermöglichten überhaupt erst die systematisierte soziale Neugierde als neue Geisteswissenschaft.
Wie charmant also, dass sich gerade in diesem Jahr wieder ein Soziologe die Grundlagenarbeit vorgenommen hat. Plausibel ist das, was Reckwitz beschreibt, plausibel sind auch die terminologischen Konsequenzen, die er zieht. Sein wichtigster Schlüsselbegriff – den er schon in seinem Buch „Gesellschaft und Ästhetik“ einführte – lautet „Kulturkapitalismus“. Gemeint ist damit der Prozess, nach dem bestimmte Dienstleistungen oder Waren, Erfahrungen oder Räume kulturalisiert werden: Eine Bar mit den richtigen Gästen, ein neues Hotel in einem besonderen Space, eine bestimmte Handtasche – Aufenthaltsräume und Gebrauchsgegenstände erhalten im Kulturkapitalismus eine sakrale Qualität, eine Art Aura, um es mit Walter Benjamin auszudrücken. (Das Ganze ist natürlich Adornos Albtraum.) Ihnen wird Einzigartigkeit zugeschrieben, sie werden als optimaler Ausdruck des Besonderen aufgefasst – und hochwertiger als einzigartig geht nicht. In Zeiten der technischen Reproduzierbarkeit wird nicht nur das Kunstwerk zur Ware, die Ware wird, wenn sie denn nur geschickt genug mit Bedeutung angereichert und im Attraktivitätsdiskurs der Stunde platziert wurde, zur Kunst.
Reckwitz’ zweite begriffliche Innovation ist eigentlich eine Restauration: Er schreibt nämlich wieder von Klassen. Er lehnt die Beck’sche Diagnose von der Individualisierung auf Augenhöhe in der Post-Klassen-Gesellschaft ab. Im Gegenteil, sagt er, zementieren sich Klassen stärker denn je, weniger mit harten Grenzen wie Wohlstand und Einkommen, sondern entlang der nur vermeintlich durchlässigen Bildungsmembran. Im Westen gibt es mehr Menschen mit akademischen Abschlüssen als je zuvor, und auch wenn sie nicht die materiell reichste Schicht bilden, so verfügen sie über Einfluss, Deutungshoheit und Geschmacksherrschaft. Es sind ihre Werte und Ideale, die in den Medien überrepräsentiert sind, ihre Interessen, die politisch geltend gemacht werden, ihre Ideen, die Diskurse prägen. Reckwitz spricht von einer neuen oberen Mittelklasse. Während die alte Mittelklasse sich zwar materiell behauptet, gerät sie kulturell ins Hintertreffen und empfindet dies in einem kulturalisierten Kapitalismus als Niederlage. Und dann ist da noch die „neue Unterschicht“, jene, die weder durch Bildung noch durch Geschäft ihren Status festigen kann. Sie ist es, die an allen Fronten verliert: Sie wird nicht nur durch sozialrechtliche Eingriffe materiell immer weiter entsichert, sondern auch, in der Reckwitz’schen Lesart vielleicht sogar schmerzlicher, kulturell entwertet. Die politische Krise, die hieraus entsteht, liegt auf der Hand: Eine Gesellschaft die einer sozialen Logik der Besonderheit folgt, die permanent damit beschäftigt ist, Eigenschaften zu bewerten, verliert die Dynamik der Gemeinsamkeit. Und ganz ohne die ist demokratische Handlungsfähigkeit nicht denkbar.
Reckwitz ist bei all der spürbaren Begeisterung, die er für sein eigenes Projekt hegt, zum Glück kein eitler Theoretiker. Sein Buch bietet keine Lösungen für die Krisen der Gegenwart und er tut auch nicht so, als hätte er die. Und es macht, das ist ein echtes Verdienst, sogar Spaß, es zu lesen. Einzig die ökonomische Analyse, die größtenteils auskommt, ohne bedeutsame wirtschaftspolitische Machtakte wie zum Beispiel der Deregulierung des Finanzsektors zu erwähnen, wirkt teilweise harmlos und bleibt insgesamt eher bei einer Analyse des Verhaltens von Konsumenten und Arbeitnehmern. Trotzdem zeigt „Die Gesellschaft der Singularitäten“ erstmals ein erkennbares und überzeugendes Bild dessen, was unserem Zusammenleben zugrunde liegt. Ob sich daraus schlagkräftige Werkzeuge der Gesellschaftskritik entwickeln lassen, ist fraglich. Aber es ist ein großer, tief gedachter Wurf gegen die gesellschaftspolitische Ratlosigkeit – und allein deshalb ein Buch, das sich unbedingt zu lesen lohnt.
MEREDITH HAAF
Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 480 Seiten, 28 Euro. E-Book 23,99 Euro.
Das spätmoderne Subjekt, schreibt
Reckwitz, strebe „nach
Befriedigung im Besonderen“
Ohne die Dynamik der
Gemeinsamkeit ist demokratische
Handlungsfähigkeit nicht denkbar
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"Die Gesellschaft der Singularitäten dürfte zu den intensiv diskutierten Neuerscheinungen der Saison zählen."
ZDF - aspekte 03.11.2017
»Die Gesellschaft der Singularitäten ist ein engagiertes Plädoyer für eine Debatte über neue allgemeinverbindliche Normen und Werte und ein wichtiger Schlüssel zu einem umfassenden Verständnis unserer spätmodernen Zeit.«
Mirko Schwanitz, Bayerischer Rundfunk 02.11.2017