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"Diese letzten Worte als Sammlung gleichen einer Sammlung von Irrtümern und ungenauer Überlieferung", notierte Ernst Jünger auf einer Karteikarte. Seine Sammlung betrachtete er als ein Mosaik, "dessen Steinchen zwar zufällig geformt sind, doch dessen Ganzes ein Bild ergibt." Die letzten Worte waren daher auch dann für ihn von Interesse, wenn sie den Toten von den Hinterbliebenen zugeschrieben oder in den Mund gelegt wurden. Diesen Kanon der Toten hat Jünger zeitlebens gesammelt oder sich von Freunden in Form von vorgedruckten Postkarten zuschicken lassen. Nun wird diese Sammlung erstmals in…mehr

Produktbeschreibung
"Diese letzten Worte als Sammlung gleichen einer Sammlung von Irrtümern und ungenauer Überlieferung", notierte Ernst Jünger auf einer Karteikarte. Seine Sammlung betrachtete er als ein Mosaik, "dessen Steinchen zwar zufällig geformt sind, doch dessen Ganzes ein Bild ergibt." Die letzten Worte waren daher auch dann für ihn von Interesse, wenn sie den Toten von den Hinterbliebenen zugeschrieben oder in den Mund gelegt wurden. Diesen Kanon der Toten hat Jünger zeitlebens gesammelt oder sich von Freunden in Form von vorgedruckten Postkarten zuschicken lassen. Nun wird diese Sammlung erstmals in einer Auswahl des Jünger-Kenners Jörg Magenau in einem bibliophilen Band herausgegeben.
  • Produktdetails
  • Verlag: Klett-Cotta
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 245
  • Erscheinungstermin: 23. April 2013
  • Deutsch
  • Abmessung: 178mm x 113mm x 21mm
  • Gewicht: 280g
  • ISBN-13: 9783608939491
  • ISBN-10: 3608939490
  • Artikelnr.: 36867488
Autorenporträt
Ernst Jünger, am 29. März 1895 in Heidelberg geboren. 1901-1912 Schüler in Hannover, Schwarzenberg, Braunschweig u. a. 1913 Flucht in die Fremdenlegion, nach sechs Wochen auf Intervention des Vaters entlassen 1914-1918 Kriegsfreiwilliger 1918 Verleihung des Ordens »Pour le Mérite«. 1919-1923 Dienst in der Reichswehr. Veröffentlichung seines Erstlings »In Stahlgewittern«. Studium in Leipzig, 1927 Übersiedlung nach Berlin. Mitarbeit an politischen und literarischen Zeitschriften. 1936-1938 Reisen nach Brasilien und Marokko. »Afrikanische Spiele« und »Das Abenteuerliche Herz«. Übersiedlung nach Überlingen. 1939-1941 im Stab des Militärbefehlshabers Frankreich. 1944 Rückkehr Jüngers aus Paris nach Kirchhorst. 1946-1947 »Der Friede«. 1950 Übersiedlung nach Wilflingen. 1965 Abschluß der zehnbändigen »Werke«. 1966-1981 Reisen. Schiller-Gedächtnispreis. 1982 Goethe-Preis der Stadt Frankfurt/Main.1988 Mit Bundeskanzler Kohl bei den Feierlichkeiten des 25. Jahrestags des Deutsch-Französischen Vertrags. 1993 Mitterrand und Kohl in Wilflingen. 1998 Ernst Jünger stirbt in Riedlingen.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Schön aufgemacht scheint Rezensent Stephan Speicher dieser schmale Band mit einer Auswahl aus Ernst Jüngers Sammlung "Letzter Worte", die Jünger-Biograf Jörg Magenau - versehen mit einem Nachwort, einem Fragment gebliebenen Aufsatz Jüngers sowie einiger faksimilierte Karteikarten aus der Sammlung des Schriftstellers - herausgegeben hat. Dass die Authentizität dieser letzten Worte oft fragwürdig scheint, mindert nicht Speichers Interesse an der Auswahl. So findet er hier neben allerhand banalen und/oder staatsmännischen Äußerungen auch sehr komische. Jüngers Interesse an den Äußerungen von Sterbenden liegt nach Ansicht Speichers vor allem in dem "Blick nach vorn", auf eine "neue Geburt".

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 11.05.2013

Wahrheit atmet, wer schwer atmend spricht
Ernst Jünger hat „Letzte Worte“ gesammelt, triviale, schöne, komische und staatsmännische – was interessierte ihn daran?
Es war, eigenen Worten zufolge, seine „Neigung für skurrile Beschäftigungen und Grenzgänge“, die Ernst Jünger bewog, eine Sammlung Letzter Worte anzulegen. Wie bei ihm kaum anders zu erwarten, fasste er die Sache ernsthaft an. Bald nach dem Umzug von Kirchhorst nach Ravensburg 1949 ließ er sich Postkarten drucken, vorn mit der neuen Adresse, rückseitig mit drei Spalten für „Autor“, „Letztes Wort“ und „Quelle“. Freunde und Bekannte sollten ihn bequem mit Stoff beliefern können. Tatsächlich machte er die meisten Funde allerdings selbst. So oder so, es kamen, vor allem in den frühen fünfziger Jahren, einige tausend Karten zusammen, die in zwei Karteikästen stecken und heute im Deutsche Literaturarchiv in Marbach aufbewahrt werden. Aus diesem Material hat Jörg Magenau, Verfasser einer Doppelbiografie über die Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger und auch Autor der Süddeutschen Zeitung, nun ein kleines, zierlich gestaltetes Buch gemacht. Er hat die Auswahl Letzter Worte getroffen (einige mit, andere ohne Kommentar Jüngers) und sie nach selbst gewählten Begriffen geordnet. Eingeschossen sind faksimilierte Karteikarten, auf denen Jünger allgemeine Erwägungen zur Sache festhielt. Ein Fragment gebliebener Aufsatz „Letzte Worte“ eröffnet den Band, ein Nachwort des Herausgebers beschließt ihn.
  Was macht Letzte Worte so interessant? „Sterben ist der langen Narrheit Ende“, schreibt der junge Schiller, vielleicht treten im Moment des Sterbens endlich Ernst und Wahrheit zu Tage? Ist der Sterbende ehrlich, weil ihm die Lüge nicht mehr nutzen kann? Der sterbende Gaunt in Shakespeares „Richard II.“ nimmt das für sich in Anspruch: „Wo Worte selten, haben sie Gewicht,/denn Wahrheit atmet, wer schwer atmend spricht.“ Aber ganz so ist es dann doch nicht, denn etwas hat der Sterbende noch von der Welt zu erhoffen, Nachruhm. Ein solcher Fall, der Ernst Jünger offenbar Spaß machte, ist der des jüngeren Pitt: „Von ihm wird erzählt, er habe auf dem Totenbette, auf das ihn die Sorge um England nach dem Fall Ulms (1805) und der Schlacht von Austerlitz gebracht hätten, ausgerufen: ,O mein Vaterland, wie verlasse ich mein Vaterland’' Ein alter Diener freilich, der den Auftrag, eine Kalbs- oder Wildschweinpastete zu bringen, hatte (. . . ) erzählt, die letzten Worte dieses großen Staatsmannes seien gewesen: ,Ich denke, ich könnte doch eine von Bellamys Pasteten essen.’“
  Ob die staatsmännischen Abschiedsworte gesprochen oder Pitt bloß beigelegt wurden, ob Pitt, wenn er sie denn sprach, dies spontan tat, ob er sein Land patriotisch erbauen wollte oder seiner Eitelkeit nachgab, das wissen wir nicht. Nicht selten ist jedenfalls, dass einfache, alltägliche Bemerkungen von der Nachwelt ins Erhabene umgebogen werden. Goethes „mehr Licht“ war die Bitte um Öffnung des Fensterladens. Kant wurde im Sterben Wein gereicht und zwar so oft, dass er zuletzt sagte „Es ist gut“ – über sein oder gar das Leben war also nicht geurteilt. „Zufälliger Anlass, wie bei Goethe, dem aber doch Tieferes beigelegt werden kann“, urteilt Jünger.
  Seine Sammlung enthält neben trivialen Beispielen sehr schöne, auch komische Dinge. Einer der Teilnehmer des Dekabristen-Aufstands von 1825 wurde vom Tode durch Vierteilen zum Tode durch Erhängen begnadigt, musste aber erleben, dass er bei dieser Exekution herunterfiel. „Nicht einmal das versteht man bei uns.“ Die Gräfin Kanitz, als sie hört, wie jemand den Arzt fragt, ob man ihr noch eine Spritze geben solle: „Halt’s Maul, jetzt wird gestorben.“ Der Jesuitenpater Alfred Delp, als Mitglied des Kreisauer Kreises 1945 in Plötzensee hingerichtet, sagte auf dem Weg unter den Galgen zum Gefängnispfarrer: „In wenigen Augenblicken weiß ich mehr als Sie.“ Wer in solchem Augenblick ein mutiges oder witziges Wort spricht – Mut und Witz fallen hier leicht zusammen –, stellt sich noch einmal als Person der kommenden Auflösung entgegen. Man könnte denken, solche Beispiele der Selbstbehauptung seien dem Soldaten Jünger die liebsten. Aber so ist es gerade nicht. Und das liegt nicht an der oft sehr fraglichen Authentizität. Mit einiger Einschränkung dürfe man sagen, dass Letzte Worte wie Anekdoten „verliehen“, aber nicht frei erfunden werden.
  Was ihn an den Äußerungen Sterbender interessierte, war der Blick nach vorn, der einen „Schimmer des ganz Anderen“ erfasse. „Vielleicht sind Rufe, Begrüßungen, Kommandos schon zu vernehmen, wenn die Anker gelichtet und die Taue gekappt werden, damit das Schiff die große Fahrt beginnen kann.“ Caroline von Humboldt verabschiedete sich mit dem Satz „Es ist ein Mensch fertig“; Jünger fügt hinzu: „In solchen Worten deutet sich das Bewusstwerden einer neuen Geburt vielleicht an.“
  Als er 1961 zu einem Essay über Letzte Worte ansetzte, sprach er über die Enttäuschung, die er in seiner Sammlungsanstrengung erlebt hatte. Die meisten Äußerungen seien trivial oder verworren. „Es gibt kaum einen Gemeinplatz, mit dem sich nicht schon ein Mensch verabschiedete. Es gibt auch keinen Irrtum, keine Ungereimtheit, ja keine Bösartigkeit, auf der er nicht beharrt.“ Der Essay blieb Fragment, sein Autor konnte sich zu einer Haltung nicht durcharbeiten. Aber was ihn an- und umtrieb, das zeichnet sich doch ab: weniger das Skurrile als der Grenzgang. Er verehrte jedenfalls nicht unbedingt den Ausdruck moralischer Festigkeit angesichts des Endes, im Gegenteil. Je stärker das Bewusstsein, desto fragwürdiger, was Gedanke und Sprache der „Majestät des Todes“ entgegenzusetzen hätten. Deshalb schied er auch aus, was Schriftsteller Sterbenden in den Mund legten. Vielmehr suchte Jünger im Sterben eine gesteigerte Empirie für das Erspüren des Neuen, des „Anderen“, der „großen Fahrt“. Das Letzte Wort sei Zeichen, nicht Bezeichnung, es sei Symbol, „Hinweis der Sprache auf Unaussprechliches“. In diesem Sinne verliere es an Exaktheit, aber gewinne „Kraft aus dem Ungesonderten“.
  „Ungesondert“ ist das Stichwort. Es ist der Jünger der Drogenexperimente, der hier spricht, der den Panzer des Ichs und seiner Selbstbehauptung ablegt, um die Sinne auf eine neue, umfassendere, feinere Wirklichkeit zu richten. Ob man so Jacob Burckhardt verstehen soll: „Nur kein Erdenleben mehr!“?
STEPHAN SPEICHER
„Es gibt kaum einen Gemeinplatz,
mit dem sich nicht schon
ein Mensch verabschiedete.“
      
    
  
  
    
Ernst Jünger: Letzte Worte. Hrsg. von Jörg Magenau. Verlag Klett-Cotta,
Stuttgart 2013.
246 Seiten, 22,95 Euro.
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»Ernst Jünger sammelte nicht nur Käfer, sondern auch "letzte Worte". Sein gleichnamiges Kompendium gehört zu den originellsten Anthologien der Kulturgeschichte.« Magnus Klaue, freitag.de, 6.8.2013