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Richard Wagners radikale Auseinandersetzung mit seiner Erkrankung
Wie lebt man mit einer Krankheit, die selbst die alltäglichsten Dinge sabotiert? Wie leben die anderen damit? Was bedeutet Krankheit überhaupt? Mit dem unbestechlichen Blick des Schriftstellers erzählt Richard Wagner von seiner Parkinson-Erkrankung. Zunächst ganz zurückhaltend wird dieser gelassene und unberechenbare Herr Parkinson über die Jahre zum schicksalhaften Gegenüber des Autors und erlangt immer mehr Macht über dessen Leben.…mehr

Produktbeschreibung
Richard Wagners radikale Auseinandersetzung mit seiner Erkrankung

Wie lebt man mit einer Krankheit, die selbst die alltäglichsten Dinge sabotiert? Wie leben die anderen damit? Was bedeutet Krankheit überhaupt? Mit dem unbestechlichen Blick des Schriftstellers erzählt Richard Wagner von seiner Parkinson-Erkrankung. Zunächst ganz zurückhaltend wird dieser gelassene und unberechenbare Herr Parkinson über die Jahre zum schicksalhaften Gegenüber des Autors und erlangt immer mehr Macht über dessen Leben.
  • Produktdetails
  • Verlag: Knaus
  • Seitenzahl: 144
  • Erscheinungstermin: 15. April 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 193mm x 125mm x 16mm
  • Gewicht: 235g
  • ISBN-13: 9783813506532
  • ISBN-10: 3813506533
  • Artikelnr.: 41831764
Autorenporträt
Wagner, Richard
Richard Wagner, geboren 1952 im rumänischen Banat, arbeitete dort als Journalist und veröffentlichte Lyrik und Prosa in deutscher Sprache. Nach Arbeits- und Publikationsverbot verließ er Rumänien 1987 und lebt seitdem als freier Schriftsteller in Berlin. Seine Romane und Essays wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Zuletzt erschienen "Die deutsche Seele" (mit Thea Dorn) und "Habsburg - Bibliothek einer verlorenen Welt".
Rezensionen
"Es ist nichts weniger als großartige, aufwühlende, verstörende, berührende Literatur. Zum Heulen schön." tip Berlin, Eric Heier

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 02.07.2015

Krankheit als Allegorie
Richard Wagner spricht mit Herrn Parkinson

Alle mal herhören: A ist gar nicht A, sondern in Wahrheit X. Gegen diesen Satztypus hat Susan Sontag so brillant wie vergeblich angeschrieben. Sie verabscheute ihn in der Deutung literarischer Texte, noch mehr aber angesichts ihres Krebsleidens in der öffentlichen Rede über Krankheiten. Zehn Jahre nach ihrem Tod quellen die Medien über von solchen Sätzen, begleitet von Geschwätz über die Ursache und Therapie von Krankheiten.

Aufklärung täte also mehr denn je not. Die Krankengeschichte des Schriftstellers ist allerdings ein problematisches Genre. Besonders der an einer unheilbaren Krankheit leidende Autor steht immer in der Gefahr, falschen Heroismus zu veranstalten, im Leidenskitsch auf die Mitleidsbereitschaft des Lesers zu setzen, schlimmstenfalls mit Verbitterung, verkrampftem Witz oder Zynismus abzustoßen, ungerecht der Medizin gegenüber zu werden oder gar zu langweilen. Selten gelingt die Demonstration souveräner Autorschaft in der aufklärerischen Auseinandersetzung mit der eigenen Krankheit so eindrucksvoll wie in Wolfgang Herrndorfs "Arbeit und Struktur". Dazu hat zweifellos der von vornherein protokollarisch angelegte Blog beigetragen.

Richard Wagner hat eine interessanten Ansatz gefunden, Susan Sontags Kritik an unterlegten Bedeutungen in "Krankheit als Metapher" (1978) zu umgehen. Er bedient sich der Redefigur der Allegorie, jedoch ohne den Tiefsinn, den die literarischen und künstlerischen Darstellungen der Melancholie oder der Pest aufriefen. Der englische Arzt James Parkinson hat Wagners Krankheit 1817 bekanntlich zuerst beschrieben. Der Autor holt ihn als einen stoischen, aber hochmögenden Gentleman in seine Gegenwart der Auseinandersetzung.

Das gerät nicht durchweg stimmig. Mit Herrn Parkinson pflegt der Autor einen respektvollen Umgang, bei den von jenem angeblich befehligten Symptomen kommt die Metaphorik des Krieges ins Spiel. "Die Truppen des Herrn Parkinson stehen überall. Da ihnen der gesamte Körper zur Verfügung steht, können sie die von ihnen gehaltenen Positionen ständig wechseln. So muss der Kranke sich gegen den eigenen Körper wehren." Die Symptome selbst, wie das "Syndrom der ruhelosen Beine", beschreibt Wagner mit den Mitteln des Surrealismus. "Ich hätte einen Hut getragen, wenn mein rechtes Bein mir nicht ständig an die Krempe getippt hätte. Ich hätte den Frauen tief in die Augen sehen können, wenn das Bein sich nicht sofort auf ihre tausend Füße gestellt hätte." Solche stilistischen Faxen wirken so verkrampft wie die Deutung des Bedeutungsentzugs durch das berüchtigte schwarze Quadrat des Suprematismus. Das Absurde der Krankheit kommt in den sachlicheren Feststellungen des Autors viel eindrücklicher zur Geltung, manchmal in beklemmend trockenem Witz und in bewunderungswürdiger Schonungslosigkeit in der Beschreibung des eigenen Verhaltens.

Die Frage, wie sich ein schreibendes Ich angesichts einer unheilbaren Krankheit behaupten kann, was man ihr "abtrotzen" kann, was sie überhaupt für das Schreiben bedeutet, scheint im Vordergrund des Essays zu stehen. Doch wechselt Wagner zwischendurch in den Briefstil und in den Ton der Klage und des Vorwurfs an eine, die ihn verlassen hat. Sie nennt er die "Suprematistin meines Herzens", welche die Liebe gegenstandslos gemacht.

In diesen Passagen erliegt Richard Wagner der Gefahr des billigen Zynismus und stellt sich "untergebuttert" als Opfer der Verflossenen dar, die sich durch ihre Kenntnisse der Krankheit mit Herrn Parkinson verbündet zu haben scheint. Ihr unterstellt er, sie habe vorgehabt, aus ihm "den einzigen, den einzigartigen Parkinson-Schriftsteller zu machen", welchem Plan er mit seinen Gedächtnislücken in die Quere gekommen sei. Das ist unglaubwürdig, dokumentiert aber die Dissoziation der sozialen Beziehungen, mit denen ein Kranker rechnen muss. Einen Anspruch auf unbegrenzte Solidarität gibt es eben nicht. Der Autor lässt im Übrigen offen, ob der Parkinsonkranke tatsächlich "ohne Geduld und Verständnis" ist.

"Gestern bin ich im Bad gestürzt. Der Kopf ist die Wirbelsäule hinabgesprungen. Ich lag für ein knappes Stündchen auf dem Kachelboden. Ich zählte die weißen Kacheln. Ich war allein." So etwas geht dem Leser natürlich ans Herz und setzt so das literarische Urteilsvermögen matt. Solche Sätze erzeugen nur unbehagliches, weil folgenloses Mitleid. Richard Wagner entgeht den Fallstricken des Genres nicht ganz. Die schmerzhaften Widersprüche, die eine Krankheit wie Parkinson zwischen Körper, Geist, Seele und Außenwelt stiftet, kommen aber in den dokumentarischen Passagen eindrucksvoller zum Ausdruck als in den begleitenden kultur- und medienkritischen Reflexionen. Klärungen und metaphorische Verunklärungen stehen sich bei Wagner oft unvermittelt gegenüber. Vielleicht ist gerade das für seine Erfahrung der Krankheit charakteristisch.

FRIEDMAR APEL

Richard Wagner: "Herr Parkinson".

Knaus Verlag, München 2015. 144 S., geb., 16,99 [Euro].

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