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Nach der Schlacht von Marathon soll ein Bote mit der Siegesbotschaft nach Athen gelaufen sein, dort die frohe Nachricht verkündet haben und im selben Moment tot zusammengebrochen sein - eine antike Legende, die den Ursprung des modernen "Marathonlaufes" darstellt. Die Erzählung ist das bekannteste Beispiel für Versuche, die großen Perserschlachten von Marathon und Plataiai in der Erinnerung der antiken Nachwelt zu halten, sie politisch in Dienst zu nehmen und zu deuten. Die Entwicklung der Erinnerung an die beiden Schlachten, ihre politische Deutung und identitätsstiftende Wirkung vom fünften…mehr

Produktbeschreibung
Nach der Schlacht von Marathon soll ein Bote mit der Siegesbotschaft nach Athen gelaufen sein, dort die frohe Nachricht verkündet haben und im selben Moment tot zusammengebrochen sein - eine antike Legende, die den Ursprung des modernen "Marathonlaufes" darstellt. Die Erzählung ist das bekannteste Beispiel für Versuche, die großen Perserschlachten von Marathon und Plataiai in der Erinnerung der antiken Nachwelt zu halten, sie politisch in Dienst zu nehmen und zu deuten. Die Entwicklung der Erinnerung an die beiden Schlachten, ihre politische Deutung und identitätsstiftende Wirkung vom fünften Jahrhundert v. Chr. bis in die römische Kaiserzeit wird nachgezeichnet - in ihren Brüchen, Wandlungen und Umdeutungen.
  • Produktdetails
  • Hypomnemata Bd.164
  • Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
  • Seitenzahl: 427
  • Erscheinungstermin: 7. März 2006
  • Deutsch
  • Abmessung: 239mm x 167mm x 34mm
  • Gewicht: 815g
  • ISBN-13: 9783525252635
  • ISBN-10: 3525252633
  • Artikelnr.: 20765330
Autorenporträt
Jung, Michael
Dr. Michael Jung hat die Fächer Geschichte und Latein in Münster studiert und wurde 2005 in Münster promoviert.
Rezensionen
Besprechung von 29.06.2007
Wer in die Schuhe der Eltern steigt, bekommt keine größeren Füße
Nachholender Kehraus: Michael Jung tröstet sich und uns mit der Schlacht von Marathon über den Verlust der Geschichte hinweg

Gemessen am hegemonialen Erfolg seiner Begriffsprägung, hat Pierre Nora einen Volltreffer gelandet. Seine "Erinnerungsorte" (lieux de mémoire) haben ihren festen Platz in den Debatten um Geschichtskultur und Geschichtspolitik gefunden, und unter den Dickschiffen im historischen Sachbuchprogramm paradieren hierzulande neben einer übersetzten Auswahlausgabe des am Ende siebenbändigen französischen Werkes auch drei Bände "Deutsche Erinnerungsorte". Eben ist eine stattliche Sammlung zur römischen Antike hinzugekommen.

Offenbar trägt das Konzept enzyklopädisch oder essayistisch angelegter Inventare tatsächlich begehbarer oder bloß metaphorisch verräumlichter Gedächtnisorte gerade deshalb sehr weit, weil die theoretischen Voraussetzungen eher allgemein bleiben. Pierre Nora ging von der Nation als Träger des gemeinschaftlichen Erinnerns aus, und bei ihm spielte die Intention eine wichtige Rolle. Denn selbst wenn ein Gedächtnisort unübersehbar als Monument noch dasteht, bedarf es doch, so seine fraglos zutreffende These, der dauernden Anstrengung, ihn mit einem Sinn anzufüllen und diesen dann so weit verbindlich zu machen, dass man sich durch und über ihn verständigen kann. Die Historiker wiederum befinden sich in diesem Prozess in einer Doppelrolle: Als professionelle Kritiker beteiligen sie sich an der Zerstörung von Mythen, als Forscher und Erzähler sind dagegen zumindest einige von ihnen bemüht, den Verlust durch neue Sinnkonstrukte zu kompensieren.

Gleichermaßen als Realereignisse wie durch ihre Mythisierung gehören drei antike Schlachten der Perserabwehr auf griechischem Boden zum Gedächtnisinventar Europas. Marathon galt John Stuart Mill auch mit Blick auf die englische Geschichte für wichtiger als 1066, Salamis war nach Christian Meier ein "Nadelöhr der Weltgeschichte", und weil lange Zeit Siege durch heroische Opfer noch größer zu werden schienen, erhielt auch der militärisch umstrittene Tod von dreihundert Spartanern - die dabei in größerer Zahl gefallenen Verbündeten fielen weitgehend dem Vergessen anheim - literarische Prominenz von Schiller über Böll bis Frank Miller. Demgegenüber wurde die endgültige Vertreibung des persischen Invasionsheeres bei Plataiai im Jahr 479 vor Christus nur noch als ein nachholender Kehraus angesehen, weswegen diese Schlacht Sache der Gelehrten blieb.

Doch nicht die neuzeitliche Rezeptionsgeschichte bildet das Thema der Studie von Michael Jung, sondern die gestiftete und in Gang gehaltene Erinnerung an Marathon und Plataiai während der Antike. Spektakulär kann eine solche Arbeit kaum sein, denn die trümmerhafte Überlieferung nötigt einen Doktoranden generell zur Vorsicht, und gefragt wird nach den üblichen Verdächtigen, nach Medien, Akteuren, Praktiken, politischen Einflüssen und erkennbaren Wirkungen. Allerdings hat Jung die für sein eigenes Untersuchungsfeld neuralgische Voraussetzung in Pierre Noras Konzeption, nämlich die Nation, treffend erkannt. Denn im antiken Hellas dominierte die Zugehörigkeit zur jeweils eigenen Polis, und selbst der Appell an einen Panhellenismus unter Verweis auf die Perserkriege diente meist hegemonialen Interessen.

So wurde der Marathonsieg, von den Athenern 490 vor Christus fast im Alleingang errungen, später zur Begründung von Ansprüchen herbeizitiert, und bot der Sieg einer Koalitionsarmee bei Plataiai den besten Nährboden für einen Streit um den größten Anteil am Ruhm. Erst als die Macht endgültig dahin war, unter römischer Herrschaft, deutete man den ganzen Perserkrieg panhellenisch, um den Respekt der neuen Herren zu gewinnen. Doch ein kritischer Zeitgenosse wie Plutarch hielt auch das für Kinderei: Wer in die Schuhe der Eltern steige, bekomme dadurch keine größeren Füße.

Kulte und Opferrituale, Feste und Wettkämpfe, teils alt und nur umgedeutet, teils auch neu gestiftet, prägten die Kommemoration der beiden Schlachten. Hinzu kamen bauliche und literarische Monumentalisierungen; letztere waren freilich von untergeordneter Bedeutung, wie mit Recht gegen Jan Assmanns Kanonisierungsmodell betont wird.

Jung zeichnet die innen- wie außenpolitisch motivierten Umdeutungen und Neuformierungen, die gerade im Fall Marathon zur Vergangenheitsutopie geraten konnten, präzise nach. Ein Resultat der Untersuchung, eher gegen die Absicht des Autors gewonnen, könnte indes zu einer peinlichen Schlussfolgerung nötigen: Vielleicht hat das ganze so inbrünstig gehegte Geschichtskultur-, Gedächtnisort- und Memorialparadigma seine besten Tage längst hinter sich und zwingen die harten Zeiten wieder zu den harten Tatsachen von Macht, Furcht und Interesse zurück.

Denn wann immer selbst bei diesen doch prominenten Beispielen nach dem handfesten Einfluss von gestalteter, polarisierter, okkupierter und manipulierter Erinnerung auf das Handeln eines politischen Gegenübers gefragt werden kann, jedesmal, so lässt sich festhalten, fällt das Ergebnis negativ aus.

UWE WALTER

Michael Jung: "Marathon und Plataiai". Zwei Perserschlachten als "lieux de mémoire" im antiken Griechenland. Hypomnemata 164. Verlag Vandenhoeck & Rupprecht, Göttingen 2006. 427 S., geb., 69,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Zweifel an der Bedeutung sogenannter "Erinnerungsorte" für die Geschichtswissenschaft findet Rezensent Uwe Walter durch diesen Band über die Perserschlachten in Marathon und Plataiai bestätigt. So unspektakulär ihm die Arbeit aufgrund der "trümmerhaften" Quellenlage und der also gebotenen akademischen Vorsicht erscheint, so deutlich macht ihm Michael Jungs "präzise Nachzeichnung" politischer Umdeutungen Richtung Vergangenheitsutopie die "hegemonialen Interessen" und die eher marginale Rolle des Panhellenismus in den Perserkriegen. Walter zieht daraus, "eher gegen die Absicht des Autors", seinen eigenen Schluss. Die Abkehr vom "Memorialparadigma" zurück zu den harten Fakten von "Macht, Furcht und Interesse", meint er, könnte bevorstehen.

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