Die Tagebücher II (1802-1810) - Beneke, Ferdinand
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In den überaus detailreichen Tagebüchern, die der Hamburger Jurist Ferdinand Beneke zwischen 1792 und 1848 täglich geführt hat, und den beigefügten Briefwechseln und Manuskripten verbinden sich Politik und Alltag, Literatur und gesellschaftliches Leben, philosophische Reflexionen und Familienleben zu einem einzigartigen Mosaik. Die Beneke-Tagebücher sind, wie Benedikt Erenz begeistert in der Zeit geschrieben hat, "die Geschichte des deutschen Bürgertums auf dem Weg in die Moderne" in ihrer ganzen Fülle. Die nun vorliegende zweite, achtbändige Abteilung der Edition umfasst die Jahre 1802 bis…mehr

Produktbeschreibung
In den überaus detailreichen Tagebüchern, die der Hamburger Jurist Ferdinand Beneke zwischen 1792 und 1848 täglich geführt hat, und den beigefügten Briefwechseln und Manuskripten verbinden sich Politik und Alltag, Literatur und gesellschaftliches Leben, philosophische Reflexionen und Familienleben zu einem einzigartigen Mosaik. Die Beneke-Tagebücher sind, wie Benedikt Erenz begeistert in der Zeit geschrieben hat, "die Geschichte des deutschen Bürgertums auf dem Weg in die Moderne" in ihrer ganzen Fülle.
Die nun vorliegende zweite, achtbändige Abteilung der Edition umfasst die Jahre 1802 bis 1810, die von Napoleons Machtpolitik, von unablässigen Kriegen in Europa und der französischen Besetzung Norddeutschlands geprägt sind. Die politischen Umwälzungen dieser Zeit bringen den überzeugten Republikaner und Hansestädter Beneke in engen, zeitweise sogar konspirativen Kontakt mit preußischen Patrioten und Reformern. Die Ereignisse überschatten aber auch Benekes Glück, der nach den Leiden einer unerfüllten Liebe endlich heiraten, einen Hausstand gründen und Familienvater werden kann.
Beneke ist auch hier Seismograph seiner Zeit und erlaubt dem Leser, die Entstehung von Ansichten und Vorstellungen aus ihren Zeitumständen heraus nachzuvollziehen, die in wachsendem Maße die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts bestimmten und so bis in unsere Gegenwart wirken.
Vor allem aber schlagen diese Tagebuchjahrgänge in biographischer wie in kulturgeschichtlicher Hinsicht die mit Spannung erwartete Brücke zwischen der ersten und der dritten Abteilung der Edition, die bereits vorliegen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Wallstein
  • Artikelnr. des Verlages: 3625882
  • Seitenzahl: 3904
  • Erscheinungstermin: Juli 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 312mm x 251mm x 180mm
  • Gewicht: 7822g
  • ISBN-13: 9783835309111
  • ISBN-10: 3835309110
  • Artikelnr.: 32601853
Autorenporträt
Ferdinand Beneke (1774-1848), Jurist, Bildungsbürger, Freimaurer, Netzwerker, Armenpfleger, Syndikus der Hamburger Bürgerschaft, Reisender, Kartograph, Geograph, Historiker, Publizist, Patriot, Familienvater, Hanseat, Religionsphilosoph. Die HerausgeberFrank Hatje, geb. 1962, Privatdozent für Frühe Neuzeit an der Universität HamburgAriane Knuth, geb. 1967, Historikerin (Biographik und Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts)Juliane Bremer, geb. 1965, Kunsthistorikerin, Historikerin, RedakteurinFrank Eisermann, geb. 1964, Historiker (Kultur- und Religionsgeschichte des 19. Jahrhunderts)Angela Schwarz, geb. 1958, Historikerin (Jüdische Geschichte Hamburgs)Birgit Steinke, geb. 1972, Historikerin (Bildungsgeschichte)Anne-Kristin Voggenreiter, geb. 1959, Historikerin, Bibliothekarin und Lektorin
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 12.12.2012

Vaterland! Gott! Welch eine Fülle von Empfindungen!

Eine Schatzkiste aus der Sattelzeit des Bürgertums: Die Tagebücher des Hamburger Juristen Ferdinand Beneke führen ins Herz der Aufklärung - und in eine Fundgrube für Historiker. Die ersten fünf Bände liegen nun vor.

Einen reellen Gegenstand zur beständigen Mittheilung zu finden, ist wohl schweer. ich behelfe mich mit einem eingebildeten: meinem Tagebuch. An jedem Abend vertraue ich, ehe ich zu Bette gehe, bey der letzten traul. Pfeiffe, diesem geduldigen Empfänger die Leiden, u. Freuden des verlebten Tages. O wie so süs ist dann eine doppelt angenehme Wiederholung des genossenen Guten! Und wie sehr erleichtert sich mein Herz durch Expektorazion, wenn Leiden es drücken."

Zwanzig Jahre alt ist Ferdinand Beneke, als er diese Zeilen 1794 in seinem "Tagebuch der Geschichte meines Lebens" notiert. Begonnen hat er mit den Aufzeichnungen im Juni 1792. Fortführen wird er sie bis kurz vor seinem Tod im Jahre 1848, und zwar Tag für Tag. Über einen Zeitraum von sechsundfünfzig Jahren schreibt er mehr als fünftausend Seiten. Hinzu fügt er Beilagen in Form von Briefen, Notizen und Memorabilien. Sie summieren sich auf weitere etwa siebentausend Seiten. Als Beneke stirbt, hinterlässt er einen Textcorpus aus losen Blättern, der zu den umfangreichsten Zeugnissen der Kultur des deutschen und europäischen Bürgertums zwischen der Französischen Revolution und der Märzrevolution des Jahres 1848 gehört. Sechsundzwanzig große Mappen voller "Oral History". Ein Fundus von enzyklopädischen Ausmaßen.

Wer ist der unermüdliche Diarist? Beneke wird am 1. August 1774 in Bremen geboren. Er stammt aus einer gutsituierten Kaufmannsfamilie. Bürgerliche Ideale bestimmen seine Erziehung. Anfangs wird er von einem Hauslehrer unterrichtet, später besucht er das Gymnasium. Er lernt Reiten, Fechten, Tanzen, Musizieren. 1790 nimmt er das Studium der Rechts- und Kameralwissenschaften auf. Es führt ihn über die Universitäten von Rinteln und Halle zur Promotion nach Göttingen. Das Herz des jungen Mannes schlägt für die Ziele der Französischen Revolution. Kein Wunder, dass Beneke der Referendardienst bei der preußischen Provinzialregierung in Minden da zum Graus wird. Anfangs erwägt er auszuwandern; nach Frankreich oder Amerika. Dann jedoch beschließt er, sein Glück in Hamburg zu suchen. Am 14. Februar 1796 erreicht er das rechte Elbufer: "Ich springe ans Land - Republikan. Boden! Mein Vaterland! Gott! Welch eine Fülle von Empfindungen! (...) Victoria!"

Beneke wird Advokat. Makellose Umgangsformen, einflussreiche Studienfreunde und ein wohlklingender Doktortitel helfen ihm, ein engmaschiges Beziehungsgeflecht zu spinnen. Es trägt ihn in einflussreiche Kreise der Hansestadt. Schon Anfang 1797 wird er Mitglied der "Patriotischen Gesellschaft". Bald darauf leistet er den Bürgereid. Erste Ehrenämter werden ihm angetragen. Er wird Armen- und Schulpfleger sowie Richter am Niedergericht. 1806 okkupieren französische Truppen Hamburg. Beneke zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück. Die einstige Bewunderung für Napoleon ist der Verachtung für des "Kaisers" Verrat an der Republik gewichen. Er verweigert die Kollaboration mit den Besatzern. Erst nach der Befreiung seiner Wahlheimat tritt er wieder öffentlich in Erscheinung. Inzwischen hat er geheiratet und eine Familie gegründet.

1816 wählt man ihn zum Sekretär der Oberalten, eines Kollegiums der Erbgesessenen Bürgerschaft. Jetzt hat er eine der wichtigsten Positionen Hamburgs inne. Er behält sie bis kurz vor seinem Tode am 1. März 1848. Benekes Tagebuchmappen überleben ihren Verfasser. So hatte er es gewünscht. Sie finden den Weg ins Staatsarchiv der Hansestadt. In der Tat sind sie ein museales Konvolut, vordergründig mögen sie als das Werk eines Pedanten erscheinen. Unendlich sind die peniblen Hervorhebungen und Unterstreichungen, die merkwürdigen Abkürzungen, die gekritzelten Korrekturen, die nachgetragenen Marginalien, die Angaben zur Wetterlage und vor allem die zu den Personen, die der "Netzwerker" Beneke der Erwähnung für würdig befindet. Schon in den ersten zehn Jahren fallen mehr als fünftausend Namen. Vor allem aber ist Beneke ein Narziss. 17 444 Mal fällt das Wörtchen "ich" in dieser Zeit. Später wird man ermitteln, dass er unter Einschluss der Pronomina "mir, mich, meine, wir und uns" jedes vierundzwanzigste Wort verwendet, um sich selbst in Bezug zu nehmen.

Und trotzdem: Die Tagebücher sind kein bloßes "Journal intime" eines egozentrischen Bourgeois. Zuvörderst sind sie authentische Zeugnisse eines nachdenklichen Mannes, der tagtäglich den Aufbruch des aufgeklärten Bürgertums in eine sich abzeichnende Moderne dokumentiert, und zwar ohne den Ausgang dieses großen Experiments zu kennen. Ganz gleich, ob Verfassungswirklichkeit, Revolution, Kirche, soziale Frage, Bildungswesen, Literatur, Theater, Reisekultur, geheime und gesellige Gesellschaften, Kaffeehäuser oder die Zeitschriften der Spätaufklärung - die Tagebücher sind eine Fundgrube für die historische Forschung; eine Schatzkiste aus der Sattelzeit des deutschen Bürgertums.

Experten sind Benekes Tagebücher seit langem bekannt, der Öffentlichkeit hingegen waren sie bislang verschlossen. Das freilich wird sich ändern. Im Auftrag der "Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur", also von Jan Philipp Reemtsma, arbeitet eine Gruppe von inzwischen sieben Historikern unter der Leitung von Frank Hatje und Ariane Smith seit 2001 an einer vollständigen Edition. Jetzt sind in einer voluminösen Kassette die Jahrgänge 1792 bis 1801 erschienen, und zwar zusammen mit einem überwiegend von Hatje besorgten Begleitband. In drei weiteren Tranchen sollen die restlichen Jahrgänge folgen. Danach ist eine digitale Ausgabe mit textkritischen Angaben und Suchfunktion geplant. Beneke-Enthusiasten werden Geduld benötigen, bis die zwanzig geplanten Bände 2018 komplett sind. Doch schon jetzt verspricht das Projekt eine editorische Glanzleistung zu werden. Die zeichengetreue Transkription von Benekes Handschrift in einen gesetzten Text ist bislang grandios gelungen. Ihre elegante Typographie und ihre Faksimiles der Zeichnungen und Skizzen von Beneke sind ein Labsal für den Bücherfreund. Frank Hatjes Begleitband-Essays mit Skizzen zu Benekes Leben sowie den großen Themen seiner Zeit - Bildung, Netzwerke, Revolution und Republik - sind schieres Lesevergnügen. Und das mehr als hundert Seiten umfassende Register, welches nicht zuletzt die Namen und wichtigsten Daten der von Beneke erwähnten Personen enthält, verdient größten Beifall.

Bleibt allerdings die Frage, wie man Beneke lesen soll? Von vorn bis hinten, auf der Suche nach bedeutenden Daten oder einfach nach Gusto? Die Antwort ist simpel: ein jeder, wie es beliebt. Und was Beneke-Zitate für Festtagsreden betrifft: Da findet man immer was. Der Kanzlerin und ihrem Herausforderer sei schon jetzt die Eintragung vom 22. September 1793 empfohlen. Auf den Tag genau zweihundertzwanzig Jahre vor der nächsten Bundestagswahl kann man dort lesen: "In dieser Woche wird sich vieles entscheiden." Womöglich wiederholt sich Geschichte eben doch.

PETER RAWERT

Ferdinand Beneke: "Die Tagebücher I (1792-1801)".

Hrsg. von Frank Hatje, Ariane Smith, Juliane Bremer, Frank Eisermann, u. a. Wallstein Verlag, Göttingen 2012. 2802 S., 5 Bände im Schuber, geb., 98,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 03.06.2013

Ich bin ein Mensch
und kenne mein Ziel
An einem Tisch mit Revolution, Klassik und Romantik: Seit seinem
18. Lebensjahr führte der Hamburger Bürger Ferdinand Beneke
Tagebuch – Nun sind die ersten Bände erschienen
VON GUSTAV SEIBT
Am 14. Dezember 1800 bittet die Direktion des Hamburger Theaters einen jungen, literarisch sonst nicht bekannten Juristen um einen Beitrag für Silvester. Das 18. Jahrhundert geht zu Ende, das 19. will begrüßt werden. Denn damals feierte Deutschland (übrigens auch Weimar) in überwältigender Mehrheit den Jahrhundertübertritt so richtig erst von 1800 auf 1801, nicht, wie wir vor dreizehn Jahren, von 99 auf 00. Der junge Advokat soll also eine Rede schreiben, die in die Aufführung des Abends eingefügt werden soll: „Den 30°. Dec. soll die Bühne mit dem Vater Hause von Ifland beschloßen werden. Der OberFörster soll denn diese Rede mitten in seiner FamilienGruppe, u. in dem Charakter seiner Rolle halten.“
  August Wilhelm Ifflands „Vaterhaus“, die Fortsetzung seiner „Jäger“, mit denen Goethe 1791 seine Hoftheaterdirektion eröffnet hatte, ein Erfolgsstück der Zeit, soll in der Hansestadt das Jahrhundert auf dem Theater beschließen. Der Jurist tut sich schwer: „Apollo, Jean Paul – Ihr könnt mir hier nicht helfen. Demosthenes, Göthe, – Euch rufe ich an. Ich traue mir durchaus keine RedeKunst zu. Da H. indß darauf besteht, so will ichs zeitig versuchen. Die Leute brauchen mich weniger z. Advokaten, als z. Autor u. Theater Dichter! Was doch aus einem Menschen werden kann!“
  In ein paar Zeilen hat man die literarische Konstellation der Zeit: Der Advokat ist begeisterter Jean-Paul-Leser, die Masse der Bürger liebt Iffland, aber im Moment der Feierlichkeit braucht man Goethe. Die Antike ist selbstverständlich gegenwärtig.
  Aber die Aufgabe ist schwer, der Auftrag drückt, und der vorübergehende Theaterautor wird ausgerechnet zwei Tage vor Weihnachten krank. Am 25. Dezember notiert er: „Noch immer krank . . . Kurz ein fatales Fest; was andere in Freuden zubringen. Ich faßte Herz, diktierte Hildebr. aus dem Bette die Rede, nahm ein Meerrettig Fußbad . . . “ Die Rede gelingt, aber leider wissen wir nicht, was sie enthielt. Ihre Stimmung mag die persönliche Besinnung wiedergeben, die der Autor in der eigentlichen Silvesternacht am 31. Dezember 1800 allein mit sich zu Papier brachte. „Mitternacht zwischen zwey Jahrhunderten“ überschreibt er das Blatt, die Überschrift ist unterstrichen.
  Persönliches und allgemeines verwebt sich, am Ende klingt der Ton eher nach Jean Paul als nach Goethe, er ist empfindsam, nicht klassisch, voller menschheitlicher Wärme: „Wahrlich! von einer vernünftigen ehelichen Verbindung wird mein Glück abhängen. Doch nein. Auch ohne das. Ich bin ein Mensch, u. kenne mein Ziel. Ich bin ein Mann, u. werde es verfolgen. – Noch immer ist die Atmosphäre voll Nebel. Die Stunde schlägt. Meine Empfindungen sind der Sprache zu groß. Nur für die Liebe, u. Freundschaft habe ich Nahmen. Ich habe heute Abend in einer Versammlung alle meine nahen, u. fernen Geliebten. Verhüllter Geist! du kennst meine Wünsche für sie.– Für mich? O senke die Heiterkeit der Tugend in meine Brust, u. gieb der Seele, u. dem Körper die Gesundheit.– Es ist vollbracht. Das neunzehnte Jahrhundert ist da – Friede den Menschen! –“
  Der bisher wenig bekannte Schreiber, den wir hier belauschen dürfen, wird in wenigen Jahren für uns heutige Leser einer der bekanntesten Deutschen um 1800 sein. Denn Ferdinand Beneke, der in Bremen 1774 geborene, in Hamburg 1848 gestorbene Bürger, Advokat, Armenpfleger, Familienmensch, Leser, Freimaurer, Stadtpolitiker hat von seinem 18. Lebensjahr an Tagebücher geführt, fast durchweg täglich, meist ausführlich, oft mit Beilagen, Briefen, Exzerpten, Zeichnungen. Und damit hat er ein Archiv seines Lebens angelegt, das im Umfang mit dem manches seiner allergrößten Zeitgenossen konkurrieren kann.
  Jetzt liegen die ersten vier Bände samt einem erläuternden Begleitbuch in zusammen 2800 Seiten vor, und wir sind erst im Jahre 1801. Und schon bis dahin ist enorm viel passiert in diesem Leben: Beneke hat eine kavaliersmäßige Ausbildung erhalten (fast wie Goethe), weil er aus reichem Haus ist, da die Firma seines Vaters aber fallierte, musste er den ungeliebten Brotberuf eines Juristen ergreifen, zunächst im Königreich Preußen, das ihm verhasst ist. Denn Beneke betritt die Bühne seiner Tagebücher vom ersten Moment an als Republikaner, als Anhänger der Französischen Revolution, als Freund der jungen Vereinigten Staaten von Amerika. Als er bald nach seinem Examen an einer Zukunft in Preußen verzweifelt, entwirft er einen selbstbewussten Brief an George Washington, in dem er um Einbürgerung, aber auch gleich um ein Staatsamt bittet, das seiner guten Ausbildung entspricht. Der Plan zerschlägt sich, aber als Hamburger kann Beneke seit 1797 dann doch Republikaner werden und bleiben.
  Der bald durchaus erfolgreiche Jurist ist ein wacher Zeitgenosse und ein gewaltiger Leser. Und so spiegeln sich die beiden Hauptereignisse der Epoche, die Französische Revolution und die deutsche Klassik, hier für einmal in einem eher typischen als herausragenden Menschen, und sie tun dies von Tag zu Tag. Gleichzeitig sehen wir diesen Menschen in seinem Alltag, seinen Freundeskreisen, wir erfahren von seinem Liebesschmerz, wir hören alle seine Gefühlswallungen, sein Suchen, seine Zweifel, seinen Stolz.
  Wenn in einem Jahrzehnt Benekes Nachlass fertig ediert sein wird – das von Jan Philipp Reemtsma geförderte Unternehmen kommt mit einer Entschiedenheit in Gang, den universitäre Forschung heute nicht mehr hinbekommt –, dann wird die Arbeit der Historiker erst beginnen können. Gewiss wird auch eine gut erzählbare Biografie entstehen, vergleichbar jener des toskanischen Kaufmanns Francesco Datini, aus dessen 11 000 erhaltenen Briefen man das Lebensbild eines Kaufmanns der Renaissance um 1400 gewinnen konnte, eben weil ein einzigartiges Material es hergab. Datini und Beneke, das sind unsere Gewährsleute, gewissermaßen unsere Brüder, die Normalmenschen mitten unter den Genies und den Staatenlenkern, von denen die Geschichte sonst allein erzählen würde.
  Aber nicht nur eine Biografie kann man daraus machen, sondern, so jedenfalls deutet es die erste Lieferung an, auch Sozial- und Kulturgeschichte schreiben, Geschichte von Familie, Gesundheit und Krankheit, die Entwicklung der politischen Einstellungen, der Religion besser verstehen als jemals zuvor. Beneke ist ein sensibler und gewissenhafter Selbstbeobachter, ein lutheranischer Tugendrigorist, ein Mensch, dem seine Gefühle so wichtig sind, wie er es bei Rousseau und Jean Paul gelernt hat. So sind diese Tagebücher auch ein bewegender Beweis für den Nutzen der großen Literatur, die wir heute als Klassik oder Romantik kennen, die damals aber erst einmal Woche für Woche Neuigkeiten bereitstellte, die erfahrungshungrige Leser begierig aufnahmen.
  Was schenkt Beneke seiner Schwester zu Weihnachten 1800? In einer Liste heißt es „1 TaschenB. v. Genz“. Nun muss der heutige Leser allerdings wissen, dass es sich um Gentz handelt, Friedrich Gentz, denn das Register hat die Form ohne das kleine t nicht. Wenn er bei Google-Büchersuche (eine unverzichtbare Ergänzung zum Kommentarband) „Taschenbuch“ und „Genz“ eingibt stößt er zwar nicht auf dieses selbst (was gut möglich wäre) aber doch auf den Text einer Rezension in der Minerva, der damals neben Wielands Teutschem Merkur meistgelesenen Zeitschrift. Das „Taschenbuch für 1801“ war von Friedrich Gentz (Genz geschrieben), Jean Paul und Johann Heinrich Voß verfasst, es enthielt unter anderem Jean Pauls großen Beitrag über Charlotte Corday, die Mörderin Marats. Jean Paul habe der „unsterblichen Corday ein herrliches Denkmal gesetzt“, befindet der Rezensent; „es ist vielleicht das treflichste was er noch geschrieben hat.“
  Wer Benekes Tagebuch bis dahin studiert hat, wird seine Geschenkwahl begreifen. Die Vorgänge in Frankreich hat er so aufmerksam im Blick wie sonst nichts in der Welt. Er kommentiert die Nachrichten von Tag zu Tag und zunächst erleben wir ihn als entschiedenen Jakobiner. Das Ende der Mainzer Republik im Juli 1793 ist dem Neunzehnjährigen eine traurige Nachricht. Am 24. Mai 1794 berichtet er über „Robertpierre’s einzige Rede – – – diese Relata verdunkeln so sehr die facta dieses Tages, oder machen sie eigentlich so unbedeutend, dß ich darüber z. Tagesordnung gehe.“
  Er glaubt an Robespierre bis zum Schluss, erst dessen Hinrichtung weckt im Sommer 1794 erste Zweifel: „Leider bestätigt sich die Hinrichtung des Robespierre in Paris. Gott! wer hätte das gedacht; ich kann mich noch gar nicht darin finden. Indeßen denke ich so, entweder war R. jener edle, unerreichbahre, über alle Kabale erhabene Republikaner – und dann wehe! er fiel unschuldig; mit ihm floßen umsonst so viele Millionen Tropfen Bluts dahin! oder dieser Schein von Größe, war täuschende Maske eines Bösewichts, eines Aritokr. der sich blos des demokr. Mantels bediente.“
  Zu einem Zeitpunkt, in dem sich die meisten der berühmteren Beobachter der Revolution in Deutschland längst von ihr abgewandt hatten, bleibt Beneke ihr aber immer noch treu. Eine Woche später hofft er, dass nun, nach dieser Hinrichtung, „blutige Extremitäten, welche bisher manchen sonst vernünftigen Mann verleitet haben, die ganze edle Nazion zu hassen, u. wider ihre für die Menschheit so wichtige Sache, eine Abneigung zu fassen, – nicht wieder den Altar der Freyheit besudeln werden.“ Dass dieser Zeitgenosse später, als Napoleons Macht auch nach Hamburg gelangte, kein Anhänger des Kaisers der Franzosen werden konnte, lässt sich erahnen. Doch auf diese Fortsetzung, und damit auf einen entscheidenden Wendepunkt der deutschen Geschichte dürfen wir uns erst noch freuen. Vorerst hat sich das literarische Klima gedreht. Beneke hat in den 1790er Jahren nicht nur Jean Paul gelesen, sondern auch die wichtigsten Neuigkeiten von Goethe, vor allem den „Wilhelm Meister“ und den „Egmont“, der dem Freund der Freiheit so gut gefällt wie zur gleichen Zeit dem Komponisten Beethoven. Aber in der Hamburger Gesellschaft treten schon Abgesandte einer neuen Richtung auf, und auch hier ist Beneke hellwach.
  Am 9. April 1801 fällt ihm in einer Abendgesellschaft eine fremde Dame auf. Er schreibt ein Kurzbiogramm, das so lange vor Wikipedia schon für sich die Wachheit des Zeitgenossen belegt: „Madame Schlegel, geb: Michaelis. Zuerst verh: mit einem BergRathe Böhmer. Nach deßen Tode als Maynzer Klubbistin bekannt. Eine Zeit lang hielt sie der König v. P. in Kronenburg gefangen. Eine Frankfurter Dame (Mll. Bethmann) wandte ihren Einfl. bey dem Könige auf die Befreyung der Gef. an. Der bekannte Schlegel in Jena heyr. sie, u. da lebt sie denn jetzt, Mitglied einer literarischen Clique, welche durch Genialität, Paradoxie, und Sans Kulotterie einen Nahmen bek. hat.“
  Die Frühromantik betritt die Bühne, und mit ihr ein neuer Typus intellektueller Frauen, der Beneke ein wenig beunruhigt: „Ihr heut. Betragen zeigte ganz die geistvolle, gebildete Frau. Aber sie schien geheimen Kummer zu haben. Grazie haben gelehrte Weiber selten; statt deßen viel Pedanterie im Reden; ganz insbesondre ein sorgfältiges Vermeiden jeden malerischen Ausdrucks, ein Streben nach reiner Abstrakzion, was mir an dem Weibe mißfallt.“
  Am selben Abend ist übrigens ein preußischer Diplomat dabei, der gerade auf Durchreise vom Rastatter Friedenskongress ist, Beneke nennt „Baron Gerz, CammerHerr aus Berlin, ein jovialer, windiger, zu einer Konversation ganz tauglicher Mensch“.
  Es handelt sich um den Grafen Eustach von Goertz, den Erzieher von Herzog Carl August, den Mann also, der Anna Amalia den Vorschlag machte, Wieland nach Weimar zu berufen. So sitzt Ferdinand Beneke, der Hamburger Bürger und Jakobinerfreund, an einem Aprilabend 1801 mit der Weimarer Klassik und der Jenaer Frühromantik zusammen. Und wenn man sich vor Augen führt, wie winzig der Anteil der akademisch gebildeten, lesenden Schicht an der damaligen Gesellschaft war – wir müssen von einstelligen Prozentzahlen ausgehen –, ist das auch kaum verwunderlich. Die Netze waren zwar weit gespannt, aber zugleich ungeheuer dicht. Auch darum ist diese Quelle so aufschlussreich, die Verbindungen führen wie selbstverständlich zu allen Großen der Epoche, von Hamburg aus zum Beispiel auch zu Goethes engstem politischen Freund, dem Grafen Reinhard, der mit einer Reimarus verheiratet war.
  Beneke war ein Philanthrop, und als solcher stand er politisch weit links von den Klassikern. Goethe konnte als Theaterdirektor und Minister ein unnachsichtiger Vorgesetzter sein, der Verfehlungen streng bestrafte. Unter Benekes Papieren, die im Begleitband abgedruckt sind, findet sich ein Aufsatz eines seiner Freunde über die Berechtigung zum Strafen.
  Die dort entwickelten Gedanken sind von so zarter Humanität, dass sie noch heute kaum mehrheitsfähig erscheinen. Abschreckung heißt es da, sei keine Rechtfertigung für Strafen, denn sie mache den Bestraften zu einem Instrument für einen allgemeinen gesellschaftlichen Zweck, und das verletze seine Menschenwürde. Der von englischer Aufklärung und Kants Philosophie geprägte Aufsatz zeigt, was von dieser Epoche des bürgerlichen Aufbruchs bis heute unabgegolten ist. Wir warten auf die nächsten Folgen. 
Er war ein sensibler und
gewissenhafter Selbstbeobachter,
ein lutheranischer Tugendrigorist
Er glaubte an Robespierre
bis zum Schluss, bis zu
dessen Hinrichtung
In dieser einzigartigen Quelle
führen die Verbindungen
zu allen Großen der Epoche
Der Jurist Ferdinand Beneke (1774-1848) begann sein Tagebuch im Jahr 1792 und führte es über 56 Jahre – ein herausragendes Selbstzeugnis. FOTOS: WALLSTEIN VERLAG
Ferdinand Beneke:
Die Tagebücher. Erste Abteilung 1792 bis 1801. Herausgegeben von Frank Hatje und Ariane Smith u. a. Wallstein Verlag,
Göttingen 2012; 5 Bde.,
2802 Seiten, 98 Euro.
http://www.ferdinand-beneke.de/
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