Die Seele - Di Franco, Manuela
    Broschiertes Buch

Während der Begriff der Seele den einen unspektakulär scheint, verweist er für andere auf das Göttliche. Für wieder andere ist er Quelle der Verführung zu unsinniger Spekulation. Im Alltag ist der Begriff der Seele in seiner Verwendung weder kompliziert noch zweifelhaft. Ob "Seele" aber etwas tatsächlich Existierendes bezeichnet und von welcher Beschaffenheit sie sein könnte, bleibt unklar. Auch dieser Band löst das Mysterium der "Seele" nicht auf, doch er untersucht, auf welche Weise wir über das Seelische reden, weshalb wir so reden, und was dies hinsichtlich unserer Wirklichkeit bedeutet.…mehr

Produktbeschreibung
Während der Begriff der Seele den einen unspektakulär scheint, verweist er für andere auf das Göttliche. Für wieder andere ist er Quelle der Verführung zu unsinniger Spekulation. Im Alltag ist der Begriff der Seele in seiner Verwendung weder kompliziert noch zweifelhaft. Ob "Seele" aber etwas tatsächlich Existierendes bezeichnet und von welcher Beschaffenheit sie sein könnte, bleibt unklar. Auch dieser Band löst das Mysterium der "Seele" nicht auf, doch er untersucht, auf welche Weise wir über das Seelische reden, weshalb wir so reden, und was dies hinsichtlich unserer Wirklichkeit bedeutet.
  • Produktdetails
  • Reclam Universal-Bibliothek Bd.18666
  • Verlag: Reclam, Ditzingen
  • Seitenzahl: 119
  • Erscheinungstermin: November 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 7mm x 97mm x 149mm
  • Gewicht: 62g
  • ISBN-13: 9783150186664
  • ISBN-10: 3150186668
  • Artikelnr.: 26364785
Rezensionen
Besprechung von 16.01.2010
Und manchmal spannt sie auch weit ihre Flügel aus

Nach innen geht der Weg, wo Bilder und Metaphern sprießen: Manuela Di Franco widmet sich knapp und nüchtern der Grammatik des Seelischen.

Der englische Philosoph Gilbert Ryle begann sein längst zu Klassikerwürden gekommenes Buch über den "Begriff des Geistes" mit einer Darstellung dessen, was er die "offizielle Doktrin" nannte: weil ihr Theoretiker wie Laien folgen würden, wenn sie vom mentalen Innenleben handelten. Demnach haben wir einen Körper und einen Geist. Der Körper ist auf selbstverständliche Art in der Welt und insofern öffentlich, die unkörperliche Instanz des Geistes hingegen nur in meinem eigenen Fall mir direkt zugänglich und insofern eine Angelegenheit privaten Wissens. Während ich im Fall der anderen von Worten und Gebaren auf innere geistige Zustände schließe - so wie es umgekehrt die anderen mit Blick auf mich tun.

Man kann diese Vorstellung leicht weiter ausgestalten. Aber im Kern geht es um das Bild eines mentalen Innenraums und seiner körperlichen Schauseite oder, etwas allgemeiner noch: um eine bestimmte, metaphorisch gestiftete Beziehung zwischen innen und außen. Versucht man, dieses Bild ernst zu nehmen, merkt man freilich, dass es auf unseren tatsächlichen Umgang mit uns selbst wie mit anderen nicht passen will. Weder sind wir die meiste Zeit über die inneren Zustände der anderen im Ungewissen, noch weiß ich um meine eigenen geistigen Zustände - andernfalls müsste ich sinnvoll daran zweifeln können, ob sie wirklich die meinen sind -, und dass andere über unser mentales Innenleben besser Bescheid wissen können als wir selbst, ist uns auch geläufig.

Das auf den ersten Blick so harmlos wirkende Bild ist also schief. Philosophen wie Ryle oder Wittgenstein haben es sich angelegen sein lassen, das im Detail vor Augen zu führen. Und auch eine Grunddiagnose lässt sich stellen: Sobald wir darauf verfallen, den Geist als etwas zu verstehen, das zu einem vorab separierten Körper noch irgendwie dazukommt, tendieren wir dazu, unser alltägliches und gar nicht weiter aufregendes Reden von mentalen Phänomenen misszuverstehen. Ein solches "Additionsbild" unserer selbst, wie man es nennen könnte, lässt die Beziehung seiner Bestandteile eben entschieden merkwürdig und rätselhaft erscheinen.

Aber diese Diagnose ist leichter gestellt, als der Anziehungskraft des Bildes tatsächlich zu entkommen ist. Die sprachlichen Differenzierungen zwischen körperlichen und geistigen Phänomenen scheinen es uns beständig zu soufflieren, wenn wir ihnen auf den Grund gehen möchten, um zu wissen, was es mit dem Geist eigentlich auf sich hat - der dann mitunter wirklich zu geistern beginnt oder sich in Nichts auflöst oder neuerdings auch gern ins Gehirn. Was sich am Geist zeigt, gilt erst recht für die Seele, die zwar ein wenig altmodischer anmutet als der durch alle wissenschaftlichen Felder getriebene Geist, aber dafür ein noch reicheres Spektrum unseres inneren Lebens vertritt, die religiösen Obertöne eingeschlossen. Auch in ihrem Fall braucht es, genauso wie beim Vexierbild des Geistes, hin und wieder die Erinnerung, dass sich die vermeintlichen Rätsel ihrer Existenz nicht klären lassen, indem man hinter der Oberfläche unserer Redeweisen nach tieferen Anhaltspunkten sucht, sondern indem man gerade bei dieser sprachlichen Oberfläche bleibt, die ohnehin so tief ist, wie man nur möchte.

Um sich darin zu üben, kann man auch zu einem neuen schmalen Bändchen greifen. Auf knappem Raum, schnörkellos geschrieben, informiert über einschlägige Traditionen und Diskussionen, doch ohne akademischen Gestus - sparsam verwendete Fußnoten müssen ausreichen -, widmet es sich schlicht der Seele. Oder etwas genauer: Seine Autorin widmet sich unserer Art und Weise, über Seelisches zu sprechen, und folgt dabei der Einsicht, dass die Erläuterung dieser Redeweisen eben die Wirklichkeit des Seelischen erläutert.

Das klingt fast banal, ist es aber durchaus nicht. Schließlich ist eine Variante von Ryles "offizieller Doktrin" immer noch mit hoher Wahrscheinlichkeit der Standpunkt, bei dem der Common Sense landet, wenn er aus dem Gleis der alltäglichen Verwendung mentaler oder, allgemeiner, seelischer Prädikate springt und ins Sinnieren kommt. Und auch die Annahme, dass die Hirnforschung uns zuallererst zeigen wird, was es eigentlich mit unserer unbedarften "Laienpsychologie" auf sich hat, darf als Ausdruck der dann eintretenden Verwirrung gelten.

Von Wittgenstein stammt die Bemerkung, dass die Erläuterung unseres Sprachgebrauchs, mit der solcher Verwirrung beizukommen sei, gar keine Behauptungen enthalten dürfe, über die sich noch streiten lasse. Aber solch eine Rückkehr in den Stand sprachlicher Unschuld ist natürlich ausgeschlossen. Sie würde sich vermutlich am genauesten darin zeigen, dass etwa Metaphern in ihr nicht mehr vorkämen - was wir uns kaum vorstellen können. Das ändert aber nichts daran, dass wir schnell ins Schleudern kommen, wenn wir angeben sollen, was es mit den Metaphern eigentlich auf sich hat - ohne die doch das Seelische offenbar ganz seelenlos bliebe, zumindest wenn man eine Bemerkung wie "Ich fühle mich trübe" als Beispiel unumgehbarer Metaphorik nimmt. Weil meine seelische Verfassung Ähnlichkeit mit einer bestimmten Beleuchtung hat? Aber es gibt schlichtweg nichts, dem meine Verfassung nicht ähnlich ist oder besser: sprachlich gemacht werden kann. Obwohl natürlich gilt, dass, wie die Autorin schreibt, "Gefühlsregungen und Beleuchtungsverhältnisse nicht miteinander verwandt sind". Doch wie merkwürdig, dass man das eigens feststellen muss. Kaum hat man's getan, meint man schon eine gewisse Verwandtschaft ausmachen zu können. Woraus zu ersehen ist: Man ist bereits auf dem Feld der Merkwürdigkeiten und der entsprechenden Behauptungen über das Verhältnis zwischen eigentlichem und uneigentlichem Sprachsinn.

Auf diese Weise sich in die Frage nach dem Metaphorischen an der Metapher zu verstricken ist aber um vieles anregender, als einschlägige Theorien zu wälzen. Zumal die Seele doch eine Angelegenheit ist, die einem nahegeht. Ein bisschen mehr Sinn für Inszenierung, also für Irritationen des Common Sense, hätte dem Büchlein zwar vielleicht nicht geschadet, aber man kann schließlich nicht alles haben.

HELMUT MAYER

Manuela Di Franco: "Die Seele". Begriffe, Bilder und Mythen. Reclam Verlag, Stuttgart 2009. 119 S., br., 4,80 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Nicht in die Tiefe kann der Weg gehen, will man wissen, wie sich des Menschen Seele und Körper zueinander verhalten. Dies, so Helmut Mayer, war die Lektion des analytischen Philosophen Gilbert Ryle - und auf ihr beharre auch Manuela Di Franco in diesem schmallen Band. Worauf man vielmehr zu achten habe, so Ryle, und so, anders, auch Di Franco, sei die Sprache und wie sie uns über unser Inneres zu sprechen lehrt, anleitet, verführt. Metaphern und Bilder sind nichts, das sich, resümiert Mayer, auf eigentlichere Beobachtungen hin transzendieren ließe - den Metapher und Bildern selbst sei schon ablesbar, was man übers Leben der Seele erfahren könne. Einen inhaltlichen Einwand hat der Rezensent gegen diesen Band nicht, merkt allerdings kritisch an, dass es der Autorin insgesamt etwas am "Sinn für Inszenierung" gebricht.

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