Verbrechen und Krankheit - Greve, Ylva
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Die Entdeckung der Criminalpsychologie im 19. Jahrhundert Von der Tat zum Täter - mit dieser pointierten Formulierung ist der tiefgreifende Wandel im Strafrecht des 19. Jahrhunderts benannt, der durch das Aufkommen der Criminalpsychologie ausgelöst wurde. Diese Entwicklung, die sich mit den Leitgedanken Individualisierung, Subjektivierung und Psychologisierung kennzeichnen lässt, steht im Mittelpunkt des Buches von Ylva Greve. Nicht mehr die begangene Straftat, sondern der Täter selbst rückte in den Vordergrund strafrechtlichen Interesses. Insbesondere die Tatmotive und die psychische…mehr

Produktbeschreibung
Die Entdeckung der Criminalpsychologie im 19. Jahrhundert Von der Tat zum Täter - mit dieser pointierten Formulierung ist der tiefgreifende Wandel im Strafrecht des 19. Jahrhunderts benannt, der durch das Aufkommen der Criminalpsychologie ausgelöst wurde. Diese Entwicklung, die sich mit den Leitgedanken Individualisierung, Subjektivierung und Psychologisierung kennzeichnen lässt, steht im Mittelpunkt des Buches von Ylva Greve. Nicht mehr die begangene Straftat, sondern der Täter selbst rückte in den Vordergrund strafrechtlichen Interesses. Insbesondere die Tatmotive und die psychische Verfassung von Straftätern wurden genauer untersucht. Die Autorin beschreibt die Auswirkungen der Entwicklung von Psychologie, Psychiatrie und gerichtlicher Arzneywissenschaft auf das Strafrecht. Immer häufiger stellte sich jetzt die Frage, ob sich der Täter zur Tatzeit in einem psychisch unfreien Zustand befand und dadurch strafrechtlich möglicherweise unzurechnungsfähig war. Diese Überlegungen führten auch zu einer weitreichenden Diskussion über den Strafzweck, in deren Verlauf das überkommene Strafensystem, das noch die Todesstrafe und Strafen, die den Täter verstümmelten, kannte, überdacht werden musste.
  • Produktdetails
  • Verlag: Böhlau
  • Seitenzahl: 463
  • Erscheinungstermin: Januar 2004
  • Deutsch
  • Abmessung: 238mm x 167mm x 32mm
  • Gewicht: 835g
  • ISBN-13: 9783412064044
  • ISBN-10: 3412064041
  • Artikelnr.: 12885502
Autorenporträt
Ylva Greve wurde mit dieser Studie an der Universität Gießen promoviert.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 29.01.2005

Kann nicht, muss einfach
Ylva Greve über die gar nicht so neue Idee vom Straftäter als Maschinenwesen
Zwischen 1780 und 1850 versuchten Erfahrungsseelenlehrer, Psychologen, Psychiater, gerichtliche Arzneiwissenschaftler, Mediziner, Philosophen und Juristen tiefe Blicke ins Menschenherz zu werfen. Mittels Traktaten, Büchern, Zeitschriftenaufsätzen diskutierten sie die Möglichkeit, etwas über die Motive und die psychische Verfassung von Mördern, Brandstiftern oder Räubern zu erfahren. Ylva Greve hat diese Literatur, die für den Übergang von einem auf die Tat zu einem auf den Täter konzentrierten Strafrecht steht,zusammengetragen, verzeichnet und vorgestellt. Dutzende von Autoren waren zu sichten und zu ordnen, eine gewaltige Arbeit. Ergebnis: Eine sorgfältige Vorgeschichte der heutigen Kriminologie, eine detaillierte Strafrechtsgeschichte der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, eine Darstellung der neuen, auf psychologischen Überlegungen und Experimenten basierenden Versuche, Tat und Täter aufeinander zu beziehen.
Subjekt und Zurechnung
Was ist es, das in uns mordet, stiehlt und hurt? Eine alte Frage. Wahnsinnige Täter galten früher als von bösen Geistern besessen, Verbrecher im allgemeinen als Sünder. Das, was getan war, musste nach dem Willen Gottes bestraft werden. Warum und wieso es getan wurde, der subjektive Aspekt einer strafbaren Handlung, spielte kaum eine Rolle. Im neuen kriminalpsychologischen Diskurs nun rückte die Täterpersönlichkeit in den Vordergrund. Um bestraft werden zu können, musste der Täter nun willentlich gehandelt haben. Die Willensfreiheit wurde zum Dreh- und Angelpunkt der Straflegitimation überhaupt.
Und die neuen empirischen und spekulativen psychologischen Konsiderationen zum freien Willen brachten schon kurz nach 1800 das ganze Strafsystem ins theoretische Wanken. Sollte es nämlich so sein, dass der Mensch nicht kann, sondern einfach muss - sollte also „das Maschinenwesen im Menschen” (Kant) gar keinen Entschluss, keinen freien Willen ermöglichen, sondern geradezu eine körperliche Ursache für jede Tat, jede Straftat sein, ja dann war es aus mit einem modernen, präventiven oder auf Besserung zielenden Strafrecht. Es blieb nur noch Vergeltung, Rache oder Abschaffung des Strafrechts.
Natürlich waren sich die Kriminalpsychologen darüber nicht einig. Entworfen hatten sie eine neue, auf Beobachtung und Erfahrung aufbauende Sichtweise auf den verrückten, wahnsinnigen, kranken Verbrecher. Zunehmend wurden zu diesen Delinquenten Gerichtsgutachten angefertigt. Eine ganze Kasuistik zur mangelnden Zurechnungsfähigkeit entstand: Heimweh, Melancholie, Zorn, Schwermut, Lebensüberdruss, Wahnsinn, Schwangerschaft, Blödsinn, Epilepsie, Raserei - mit allen möglichen „Mittelzuständen”.
Am Ende fragten sich manche Autoren, wo die Differenz zwischen dem straffreien Normalen und dem strafbaren Abnormalen liege, wenn der Mensch insgesamt nicht frei sei, was die neue Gefühlswissenschaft zeige, wenn es doch immer der Trieb ist, der uns zu Tätern macht oder nicht, wenn also das Verbrechen aus innerer Notwendigkeit heraus begangen werde. Verbrechen und Krankheit - kann ein Kranker bestraft werden?
Bis zu den feinsten Verästelungen führt Ylva Greve den Leser in die Geheimnisse der Kriminalpsychologie ein. Die Subjektivierung des Strafsystems führte zu einer Reihe von Fragen: zu den Ursachen des Verbrechens - Willensfreiheit oder Determinismus? Zum Strafzweck - Vergeltung, Prävention oder Besserung? Zu Zurechnungsfähigkeit und Verantwortung - hat der Täter die Wahl zwischen Begehung und Nichtbegehung der Tat? Zur Strafrechtspraxis - urteilt der Richter-Jurist oder der Gutachten-Mediziner? 1793 schreibt Johann Heinrich Abicht im Hinblick auf die Zurechnungslehre im Strafrecht vom „Bedürfnis einer vollständigen wissenschaftlichen Gefühllehre”. Was daraus bis 1850 geworden ist, nämlich zahlreiche verschiedene Lehren der Kriminalpsychologie, das zeigt Ylva Greve auf über vierhundert Seiten.
Nichts weiter. Die - Gott sei Dank seltenen - allgemeinen und entliehenen ideengeschichtlichen Einbettungen kann man getrost vergessen. „Die Quellen werden nicht aus heutiger Sicht interpretiert, sondern in ihren zeitlichen Kontext gestellt.” Die Autorin schreibt tatsächlich irgendwie zeitlos. Trotz eines mysteriösen „theoriegeschichtlichen Ansatzes” gibt es kein Wort über die nahe liegenden modernen Großtheorien zur Geschichte des Wahnsinns und des Wissens darüber, zur Unterscheidung von Gesundheit und Krankheit, zum Verhältnis von Aufklärung, Moderne und Strafe, zu Körper und Gefängnis, zu Disziplin und Herrschaft, zum prekären Verhältnis von psychologischem Gutachtenwesen und Justiz. Kein Wort zu Georges Canguilhem, Michel Foucault oder etwa Pierre Legendre.
Dies ist kein Vorwurf an die Autorin. Sie hat eben die Quellen sprechen lassen. Dies bringt eine gewisse Langeweile in diese Dissertation - und dennoch ist „Verbrechen und Krankheit” eine faszinierende Lektüre. Nicht weil Ylva Greve gut zu schreiben versteht (das tut sie), sondern weil das Buch jetzt erscheint. Man kann ihm kaum ansehen, wann es verfasst worden ist, ob 1920, 1950 oder 1980. Doch heute ist die Langeweile der Quellen(re)konstruktionen wie verflogen. Das liegt - ganz entgegen der „theoretischen” Überzeugungen der Autorin - an der Gegenwart. Es liegt an der Hirnforschung, an der aktuellen Debatte um die Willensfreiheit.
Auch hier wird in letzter Konsequenz eines naturwissenschaftlich befeuerten, stofforientierten Menschenbildes das Recht zu strafen verworfen. Man ist kein Verbrecher, sondern krank. Der Mensch ist nicht Herr seiner Entschlüsse. Sein Arm bewegt sich, noch bevor er (bewusst) daran denkt, ihn zu bewegen. Ob es sich wohl wirklich so verhält? Neueste wissenschaftliche Spitzenerkenntnisse zeigen es uns so. Die neuesten wissenschaftlichen Spitzenerkenntnisse von vor zweihundert Jahren haben unseren Altvorderen das Gleiche gezeigt, nur dass es keine Neuronen und Synapsen, sondern Säfte und andere Stoffe waren.
Was folgt aus dieser Beobachtung? Sicher nicht, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt. Aber sicher auch nicht, dass wir im Augenblick einer Revolution der Denk- und Weltart beiwohnen. In zweihundert (vermutlich bereits in zwanzig) Jahren werden unsere Nachkommen auf die Hirnforscher von 2005 so schauen, wie diese auf die Kriminalpsychologen des Jahres 1805, wenn sie denn von Letzteren wüssten.
Heute: Hirn oder Freiheit
Die neurowissenschaftlichen, philosophischen, theologischen oder juristischen Redner zur Debatte um das Gehirn und die Freiheit des menschlichen Willens, des Mordens und des Strafens sollten sich die alten, aber in der Substanz nicht veralteten Vorstellungen von der inneren Notwendigkeit menschlicher (strafbarer) Handlungen anschauen. Theodor Kirnbergers 1829 entworfenes seelenkundliches „Labyrinth von Fäden tausend und abermal tausendfältiger Ursachen und Wirkungen in ihrer notwendigen Progression und Consequenz” wird immer noch nicht entwoben und entsponnen werden können. Der historische Blick auf das Denken, das dieses Buch von Ylva Greve darstellt, kann der gegenwärtigen Debatte Tiefenschärfe verleihen. Das ist gewissermaßen eine Forderung des Denkanstandes.
RAINER MARIA KIESOW
YLVA GREVE: Verbrechen und Krankheit. Die Entdeckung der „Criminalpsychologie” im 19. Jahrhundert. Böhlau, Köln u.a. 2004. 463 S., 49,90 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Diese Dissertation ist kein Werk der Theorie, sondern eines der mühseligen Aufarbeitung historischen Materials. Daran ist, wie der Rezensent Rainer Maria Kiesow vielleicht einmal zu oft feststellt, nichts verwerflich. Natürlich sei es ein bisschen erstaunlich, wenn man in einer Arbeit, die sich mit dem Thema Psychologie des Verbrechens und der historischen Rekonstruktion eines Diskurswandels befasst, den Namen Michel Foucault überhaupt nicht zu lesen bekommt. Am Nutzwert des zudem recht "zeitlos" erscheinenden und auch gut geschriebenen Werks ändert das freilich wenig. Wie der Zweifel am freien Willen im Laufe des 19. Jahrhunderts zum Zweifel an der Angemessenheit des Strafrechts führte, das lasse sich hier genauestens nachverfolgen. Und nach der Lektüre ist man dann, so Kiesow, auch schlauer, was die neuesten Diskussionen um Willensfreiheit angeht. Sich um die "Tiefenschärfe" zu bemühen, die sich hier einstelle, sei geradezu eine "Forderung des Denkanstands".

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