Demokratisches Denken in der Weimarer Republik - Gusy, Christoph (Hrsg.)
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Während das "antidemokratische Denken" in der Weimarer Republik gut erforscht ist, wissen wir über die Denkweisen und Motive ihrer Befürworter nach wie vor so gut wie nichts. In dieses Forschungsdefizit stößt dieser Band der "Interdisziplinären Studien zu Recht und Staat". Seine Beiträge behandeln das "demokratische Denken" in Rechtswissenschaft, Geschichtswissenschaft, Philosophie ebenso wie in der gerade erst entstehenden Soziologie. Sie stellen die zugrunde liegenden Demokratiekonzepte vor, beschreiben die verschiedenen Argumente zur Legitimation, Erklärung und Rechtfertigung der Weimarer…mehr

Produktbeschreibung
Während das "antidemokratische Denken" in der Weimarer Republik gut erforscht ist, wissen wir über die Denkweisen und Motive ihrer Befürworter nach wie vor so gut wie nichts. In dieses Forschungsdefizit stößt dieser Band der "Interdisziplinären Studien zu Recht und Staat".
Seine Beiträge behandeln das "demokratische Denken" in Rechtswissenschaft, Geschichtswissenschaft, Philosophie ebenso wie in der gerade erst entstehenden Soziologie. Sie stellen die zugrunde liegenden Demokratiekonzepte vor, beschreiben die verschiedenen Argumente zur Legitimation, Erklärung und Rechtfertigung der Weimarer Demokratie sowie die Stärken und Schwächen dieser Argumente. Ein besonderer Wert liegt dabei auf interdisziplinären Fragestellungen.
Die Autoren der Beiträge - Historiker, Philosophen, Politikwissenschaftler und Juristen - sind durch zahlreiche Veröffentlichungen als Kenner der Materie ausgewiesen.
Der Band basiert überwiegend auf den Beiträgen einer Tagung im Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld.
  • Produktdetails
  • Interdisziplinäre Studien zu Recht und Staat Bd.16
  • Verlag: Nomos
  • 2000.
  • Seitenzahl: 681
  • Erscheinungstermin: 12. Dezember 2000
  • Deutsch
  • Abmessung: 226mm x 151mm x 40mm
  • Gewicht: 975g
  • ISBN-13: 9783789070358
  • ISBN-10: 3789070351
  • Artikelnr.: 09469868
Autorenporträt
Christoph Gusy ist Professor für Öffentliches Recht, Staatslehre und Verfassungsgeschichte an der Universität Bielefeld.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 10.04.2001

Was ist demokratisches Denken?
Die Weimarer Staatsrechtslehre: Gegensätzliche Auffassungen von Begriffen wie Volk und Volkswillen

Christoph Gusy (Herausgeber): Demokratisches Denken in der Weimarer Republik. Interdisziplinäre Studien zu Recht und Staat, Band 16. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2000. 681 Seiten, 178 Mark.

Der Herausgeber dieses gewichtigen Bandes, Staatsrechtler an der Universität Bielefeld, begründet sein Vorhaben mit dem Hinweis, daß die Forschung sich seit Sontheimers gleichnamigem Buch von 1961 vorwiegend mit dem "antidemokratischen Denken in der Weimarer Republik" beschäftigt habe, nicht jedoch mit dem "demokratischen Denken" dieser Zeit, über das man nahezu nichts wüßte. Das ist etwas übertrieben. Denn im Zuge der Erforschung von Institutionen, politischen Gruppen und Persönlichkeiten hat die Frage ihrer Einstellung und ihres Verhältnisses zur neuen demokratischen Staatsform immer eine gewisse Rolle gespielt. Außerdem gehört die Geschichte der Weimarer Republik zu den am besten erforschten Abschnitten der neueren deutschen Geschichte. Dennoch galt das Forschungsinteresse meist stärker den geistigen und politischen Vorgängen, die zum Scheitern der Weimarer Republik und zum Triumph des totalitären NS-Staates über die erste deutsche Demokratie geführt haben, als den vielleicht auch auffindbaren Qualitäten dieser kurzlebigen Demokratie.

So hat es also durchaus seine Berechtigung, den Blick auf das demokratische Denken in der Weimarer Republik zu richten. Das geschieht in einer Weise, die das Thema sowohl anhand der wichtigsten zeitgenössischen Autoren zum Thema Demokratie - wie Hugo Preuss und Gustav Radbruch, Richard Thoma und Hans Kelsen, Hermann Heller und Ernst Fraenkel - behandelt, aber auch den gelungenen Versuch macht, die Gesamtproblematik des demokratischen Denkens zu umreißen und zur Diskussion zu stellen. So ist ein Sammelband entstanden, der sich sehen lassen kann, weil er dem Thema auf hohem wissenschaftlichen Niveau gerecht zu werden versucht.

Freilich beschränkt sich das Werk aus methodisch verständlichen Gründen auf die Demokratiediskussion innerhalb der deutschen Staatsrechtslehre der Weimarer Zeit, und es kann auch die Frage nicht beantworten, was die Diskussion über "Wesen und Wert der Demokratie" (Kelsen) für das politische Schicksal der Weimarer Demokratie bedeutet und bewirkt hat. Der größte Teil der Beiträge widmet sich deshalb der Untersuchung des demokratischen Denkens der führenden Staatswissenschaftler, die auf der Seite der neuen Verfassung standen. Aber es werden auch demokratisch nicht so eindeutig festgelegte Professoren wie Rudolf Smend und Gerhard Leibholz einbezogen, und natürlich ist der Schatten des einflußreichen, mit der Demokratie geschickt jonglierenden Carl Schmitt in zahlreichen Aufsätzen präsent. Der Herausgeber betont zu Recht, daß es "das" demokratische Denken nicht gibt, wohl aber verschiedenartige Ansätze und Facetten eines solchen Denkens. Ginge es nach dem Selbstverständnis der Staatsrechtler jener Zeit, so würden sie fast alle ihre Schriften zur Konstitution als einen Beitrag zum richtigen oder kritischen Verständnis der demokratischen Ordnung ausgeben.

Es war also nicht einfach, die richtige Auswahl zu treffen, da die subjektive Einstellung zur Republik nicht das alleinige Kriterium sein konnte. Christoph Gusy sieht in der Beurteilung des Begriffs des Volkes beziehungsweise des Volkswillens das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zwischen demokratischen und antidemokratischen Staats- und Verfassungsrechtlern. Die Demokraten sahen das Volk in seiner pluralistisch gegliederten Vielfalt, ihre Antipoden begriffen es als politische Einheit.

Vier Wohnungen

Desgleichen sahen die Demokraten auch in der Organisation des Staates ein mit der Gesellschaft verwachsenes pluralistisches Gebilde, während der anderen Richtung die Einheit und Geschlossenheit des über der Gesellschaft stehenden Staates als Orientierung diente. Im Hause der demokratischen Staatslehre gab es somit viele Wohnungen, die jetzt mittels ausführlicher und anmerkungsgesättigter Aufsätze zur Besichtigung freigegeben werden: juristische Positivisten, Wertrelativisten, Vernunftrepublikaner, soziologisch ausgerichtete Staatslehrer, sozialistische Demokraten - eine bunte Vielfalt und doch stets nur eine Minderheit im geistig-politischen Raum der Republik. Aber auf wesentliche Ideen der damaligen Minderheit der Demokraten stützt sich das heutige mehrheitliche Demokratieverständnis. Darum ist es gut, daß dieser Sammelband die wichtigen frühen Vertreter eines demokratischen Denkens in der Staatslehre so ausführlich und kompetent behandelt.

Gibt es auf der Basis dieses Materials so etwas wie Grundzüge des demokratischen Denkens in der Weimarer Republik? Gusy hat im Bewußtsein der Schwierigkeit einer sicheren Bestimmung demokratischen Denkens dankenswerterweise den Versuch gemacht, wenigstens die "Schlüsselbegriffe" des demokratischen Denkens in der Staatsrechtslehre der Weimarer Republik zu fixieren. Es geht (1) aus von der Anerkennung der Volkssouveränität. Es fußt (2) auf einem empirischen und darum pluralistisch zu interpretierenden Volksbegriff, der politisch durch Wahlen und Abstimmungen bestimmt wird, während die tendenziell antidemokratischen Autoren den Volkswillen ontologisch oder organisch, also dank subjektiver Erkenntnis, bestimmen wollten. Die demokratischen Denker wußten (3), daß der Volkswille nur im Rahmen einer komplexen Organisation der Willensbildung realisiert werden kann. Sie hielten (4) eine demokratische Führung für notwendig, bestanden aber im Gegensatz zu den autoritären Führer-Konzeptionen auf der Notwendigkeit einer Mehrzahl von Führern, die für eine konstruktive Relation von Führern und Geführten zu sorgen hatten.

Im Gegensatz zu den Theoretikern, die auf die Idee der politischen Einheit des Staates Wert legten, betonten die Demokraten (5) die Notwendigkeit einer komplexen, sich gegenseitig kontrollierenden Organisation des demokratischen Staates. Von den Kritikern der Weimarer Verfassung und Staatsordnung unterschieden sich die Demokraten ferner durch die Bejahung der Novemberrevolution von 1918, die eine legitime neue staatliche Ordnung hervorgebracht hatte, ferner durch ihre Ablehnung der spätestens ab 1930 forcierten Bemühungen um eine grundlegende Verfassungsrevision und durch die Zurückweisung aller mit dem italienischen Faschismus sympathisierenden Ideen und Reformkonzeptionen.

Die Autoren dieses Bandes waren bestrebt, jede besserwisserische Kritik zu vermeiden, die das Denken der Demokraten wie Antidemokraten von Weimar an heutigen Vorstellungen mißt. Darum plädieren sie für die Einbettung des demokratischen Denkens, das seiner noch nicht ganz sicher ist, in den historischen Zusammenhang der Weimarer Zeit. Es läßt sich auch in den demokratischen Denkansätzen jener Jahre manches finden, was die heute herrschende Demokratietheorie für problematisch hält - beispielsweise die Nähe zu Rousseaus Idee der direkten Demokratie oder die Bereitschaft, auch offen antidemokratische Positionen und Gruppierungen zuzulassen.

Christoph Schönberger plädiert für die Historisierung der Debatte; er will sie von der politisch immer noch aktuellen Frage nach der geistigen Mitverantwortung für das Scheitern der Weimarer Demokratie entlasten, was ihm auch bei den Antidemokraten geboten erscheint. Politisch läßt sich dies vorerst noch nicht durchsetzen, und es erscheint auch nicht empfehlenswert, weil es die Einsicht unterschlägt, daß die Bürger und erst recht die führenden Vertreter des geistigen Lebens für das Wohl und Wehe der demokratischen Verfassungsordnung Verantwortung tragen, was auch für die Vergangenheit gilt.

Gewiß sind die Verhältnisse in der jetzigen Demokratie nicht mit denen von Weimar vergleichbar, aber die politische Verantwortung für die Bewahrung und Stabilisierung der freiheitlichen Demokratie gilt heute wie damals. Die vorliegende Darstellung des demokratischen Denkens der Weimarer Zeit zeigt, daß man die Probleme und Herausforderungen der Demokratie nicht einfach historisch ableiten kann, sondern in ihrer jeweiligen Gegenwart richtig erkennen und stets von neuem angehen muß. Auf keinen Fall darf darauf verzichtet werden, dem demokratischen Denken die geistige Vorherrschaft zu sichern.

KURT SONTHEIMER

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

In einer sehr inhaltsreichen Rezension setzt sich Kurt Sontheimer mit diesem Buch, das er einen "gewichtigen Band" nennt, auseinander. Zwar habe sich die Forschung schon ausgiebig mit antidemokratischem Denken in der Weimarer Republik befasst. Über das demokratische Denken gebe es jedoch erst wenig Aussagekräftiges. Sontheimer weist darauf hin, dass sich die Autoren "aus methodisch verständlichen Gründen auf die Demokratiediskussion innerhalb der deutschen Staatsrechtslehre" beschränken, wofür er durchaus Verständnis zeigt. Drei Aspekte dieses Bandes hebt Sontheimer besonders hervor: So lobt er das "hohe wissenschaftliche Niveau" und die Tatsache, dass die Autoren auf "jede besserwisserische Kritik" verzichtet hätten. Darüber hinaus sieht der Rezensent eine der großen Stärken dieses Bandes darin, dass gezeigt werde, wie wichtig die Beleuchtung des Problems der Demokratie in der Weimarer Republik von dem Erkennen "ihrer jeweiligen Gegenwart" abhängt und nicht aus heutiger Perspektive abgeleitet werden kann.

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