Kritische Ästhetik - Scheible, Hartmut
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Gegenüber Kants Aufsatz Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, in dem die liberalistische Ideologie noch nicht in Frage gestellt wird, enthält die Kritik der Urteilskraft eine bedeutsame Modifikation. Hatte dort die Befangenheit der Menschen in bloßen ,Naturzwecken' die endlich doch erfolgende Verwirklichung von Vernunftzwecken nicht zu gefährden vermocht, so wird hier erkennbar, daß die den Menschen gegebene ,Tauglichkeit: sich selbst überhaupt Zwecke zu setzen' nicht die Möglichkeit einschließt, auf diese Tauglichkeit nach Belieben etwa auch zu verzichten. Sollten…mehr

Produktbeschreibung
Gegenüber Kants Aufsatz Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, in dem die liberalistische Ideologie noch nicht in Frage gestellt wird, enthält die Kritik der Urteilskraft eine bedeutsame Modifikation. Hatte dort die Befangenheit der Menschen in bloßen ,Naturzwecken' die endlich doch erfolgende Verwirklichung von Vernunftzwecken nicht zu gefährden vermocht, so wird hier erkennbar, daß die den Menschen gegebene ,Tauglichkeit: sich selbst überhaupt Zwecke zu setzen' nicht die Möglichkeit einschließt, auf diese Tauglichkeit nach Belieben etwa auch zu verzichten. Sollten die Menschen sich beschränken auf das Streben nach Glückseligkeit (im Sinne des Guizot zugeschriebenen Aufrufs Enrichissez-vous, der das Verhältnis des Kapitalismus zu Vernunftzwecken auf die kürzestmögliche Formel bringen wird) und in der Immanenz des vernunftlosen Naturzusammenhangs befangen bleiben wollen, so wird sich herausstellen, daß die Möglichkeit, in dieser Immanenz als ein Naturwesen unter anderen auf Dauer zu verharren, ihnen nicht gegeben ist. Die Regression ist möglich, Leben in der Regression nicht.

In den in diesem Band versammelten Arbeiten über Kant, Simmel, Lukács, Benjamin, Adorno und Horkheimer werden die Möglichkeiten einer auf die kritische Analyse der Gegenwart hin angelegte Ästhetik ausgelotet.
  • Produktdetails
  • Verlag: Königshausen & Neumann
  • Seitenzahl: 382
  • Erscheinungstermin: 9. März 2012
  • Deutsch
  • Abmessung: 233mm x 154mm x 33mm
  • Gewicht: 590g
  • ISBN-13: 9783826044854
  • ISBN-10: 3826044851
  • Artikelnr.: 32766818
Autorenporträt
Hartmut Scheible ist Professor für Deutsche Sprache und Literatur an der Johann Wolfgang Goethe- Universität in Frankfurt am Main. Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u. a. zu Carlo Goldoni, zur Ästhetik im bürgerlichen Zeitalter, Theodor W. Adorno, zur österreichischen Literatur der Jahrhundertwende, zum literarischen Jugendstil in Wien, zu Joseph Roth und Arthur Schnitzler.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 29.06.2012

Mikado mit Adorno
Hartmut Scheibles ästhetische Lieblingsbeschäftigung

Die "Kritische Theorie" der Frankfurter Schule war, als Adorno 1969 starb, schon in ihrer eigenen Theoriedynamik an ein gewisses Ende gekommen. Das Pathos der Weltveränderung hatte sich zusammengezogen auf immer abstraktere, weltfernere Sätze, ein Ausweg musste für die Erben so oder so gefunden werden. Während die einen nun die museale Einbalsamierung begannen, während die Aktivisten sich "tumultuarisch", wie Goethe gesagt hätte, von ihren theoretischen Leitfiguren absetzten, versuchten andere, wie etwa der Frankfurter Soziologe Ulrich Oevermann, einzelne Motive Adornos in eine grundsätzlich andere Methodologie aufzunehmen.

In ähnlicher Lage befand sich nun auch der Frankfurter Germanist Hartmut Scheible, der morgen seinen siebzigsten Geburtstag feiert und den Lesern dieser Zeitung seit langem bekannt ist. Zum Datum hat ihm der Verlag Königshausen und Neumann das schöne Geschenk einer Auswahl seiner Schriften gemacht, soweit diese sich mit den Problemen der ästhetischen Theorie befassen - denn Scheible ist auch als großer Kenner der Werke Casanovas oder Joseph Roths hervorgetreten.

Seine Methode ist nicht die der Musealisierung, aber auch nicht die der harten, direkten Destruktion. Wie er mit der Tradition von Georg Simmel bis Theodor W. Adorno umgeht, dabei Georg Lukács, Max Horkheimer und Walter Benjamin berührend, das erinnert eher an ein ungemein geduldiges Mikado-Spiel: Nach und nach wird Stäbchen für Stäbchen weggenommen, ohne aber die ganze Sache in Unordnung zu bringen. Oder man denkt an einen mit feiner Hand geführten chirurgischen Schnitt, minimalinvasiv, aber wirkungsvoll. Die Konzision der Argumente ist überzeugend. Es sind aber eben Argumente, ganz leicht ist die Lektüre nicht.

Das theoretische Rätsel, das diese Schriften aufgeben, lautet: Wie ist es möglich, den konservativen Habitus, den Scheible nicht verleugnen kann, mit einer Treue zu den alles andere als konservativen, nämlich aufklärerischen Gedanken zu verbinden, von denen er nicht ablässt? Während seine Sympathien doch nachdrücklich an Autoren wie eben Casanova hängen, die ihre beste Zeit im Ancien Régime hatten, oder an Joseph Roth, der zu spät die Vorzüge der Habsburgermonarchie erkannte, findet sich an keiner Stelle ein Argument, das sich etwa einer "Gegenaufklärung", einem "Irrationalismus" zurechnen ließe. Schwerer kann man es sich nicht machen.

Der Schlüssel liegt wohl im achtzehnten Jahrhundert, mit dem Scheible beginnt. Denn erst damals konstituierte sich eine Ästhetik, in der die Kunst nicht mehr nur als "Spielwerk" galt, wie Scheible mit Hegel sagt, sondern, noch einmal mit Hegel, als eine "Entfaltung der Wahrheit, die sich in der Weltgeschichte offenbart, von der sie selbst die schönste Seite und den besten Lohn für die sauren Mühen der Erkenntnis ausmacht". Von der Breite, die mit diesem Programm verbunden war, blieb bei Adorno nur noch eine Radikalisierung, die dann durchaus konsequent in die sehr kurzen Stücke mündete, die er selbst komponierte. Scheibles Studien ermöglichen es nun, die Akten aus diesem zweihundertjährigen Prozess, den das Bürgertum erst gegen die aristokratische Kunstrezeption und dann gegen sich selbst führte, Schritt für Schritt zu studieren.

LORENZ JÄGER

Hartmut Scheible: "Kritische Ästhetik". Von Kant bis Adorno.

Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2012. 382 S., br., 38,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Lorenz Jäger begrüßt diesen Band mit ausgewählten Arbeiten zu Problemen der ästhetischen Theorie von Hartmut Scheible, der zum 70. Geburtstag des Frankfurter Germanisten erschienen ist. Er würdigt den Autor nicht nur als Kenner Adornos und der Kritischen Theorie, sondern auch als Kenner der Werke Casanovas oder Joseph Roths. Die Studien zu Autoren wie Benjamin, Adorno, Lukács und Horkheimer findet er beeindruckend, auch wenn die Lektüre keineswegs ein Sonntagsspaziergang ist. Vor allem hebt er die konzise Argumentation des Autors hervor.

© Perlentaucher Medien GmbH