Reise mit Yoshimi - Harig, Ludwig

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Wer sehnt sich nicht danach, dem seit Kindertagen Erlesenen, Erdachten und Erträumten leibhaftig zu begegnen! Mit der Einladung eines Freundes geht für Ludwig Harig ein langgehegter Wunsch in Erfüllung: eine Reise nach Japan. Auf den Spuren des Dichters Max Dauthendey zu den acht Gesichtern des Biwasees, beim Glockenklang vom Miideratempel oder im Straßengewirr von Tokio läßt sich das Vexierspiel von Phantasie und Wirklichkeit immer wieder aufs neue auskosten. Doch was einst in der Vorstellung zum Greifen nahe anmutete, entfernt sich mit jedem weiteren Schritt, den der Autor darauf zugeht.…mehr

Produktbeschreibung
Wer sehnt sich nicht danach, dem seit Kindertagen Erlesenen, Erdachten und Erträumten leibhaftig zu begegnen! Mit der Einladung eines Freundes geht für Ludwig Harig ein langgehegter Wunsch in Erfüllung: eine Reise nach Japan. Auf den Spuren des Dichters Max Dauthendey zu den acht Gesichtern des Biwasees, beim Glockenklang vom Miideratempel oder im Straßengewirr von Tokio läßt sich das Vexierspiel von Phantasie und Wirklichkeit immer wieder aufs neue auskosten. Doch was einst in der Vorstellung zum Greifen nahe anmutete, entfernt sich mit jedem weiteren Schritt, den der Autor darauf zugeht. Kein heimeliges Gefühl des Dazugehörens stellt sich ein, sondern das der Fremdheit, fern jeder multi-kulturellen Idylle. Ludwig Harigs poetische und außerordentlich unterhaltsame Japan-Reportagen sind ein Annäherungsversuch an eine Kultur, die den Werbenden spröde abweist. Ohne Bitterkeit, aber mit einer gehörigen Portion Selbstironie gesteht der Autor sein Scheitern ein. Erst die Bereitschaft, "im Widerspiel des Unvereinbaren das Gleichartige zu entdecken", macht das Fremde flüchtig vertrauter. "Das ist einfach 'schöne' Literatur, die oft eine geheime Leidenschaft für das Fremde hegt." (Ev. Wochenzeitung) "Harigs sehr persönlich geschriebene Geschichten lesen sich kurzweilig und wecken Neugier auf eine uns so ferne Welt." (dpa)
Autorenporträt
Ludwig Harig, Jahrgang 1927, lebt in seinem Geburtsort Sulzbach/Saarland. Zwanzig Jahre unterrichtete er als Volkschullehrer, seit 1970 widmet er sich ganz seiner schriftstellerischen Arbeit. Zu seinen zahlreichen Buchveröffentlichungen zählen die drei autobiographischen Romane »Ordnung ist das ganze Leben«, »Weh dem, der aus der Reihe tanzt« und »Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf«, die Novellen »Der kleine Brixius« und »die Hortensien der Frau Roselius«, die Reisegeschichten »Spaziergänge mit Flaubert« sowie Hörspiele, Essays und Übersetzungen. Für sein Gesamtwerk wurden ihm u. a. 1987 der Heinrich-Böll-Preis und 1994 der Friedrich-Hölderlin-Preis verliehen.
Rezensionen
Besprechung von 26.02.2001
Ein Kranich in der Nudelsuppe
Ludwig Harigs japanische Reportagen

Seit Marco Polo den Europäern erstmals von dem Inselreich Cipangu vorschwärmte, vor allem aber, seit die portugiesischen Jesuiten im späten 16. Jahrhundert damit begonnen hatten, detailreiche Berichte über das neue Missionsgebiet Japan nach Rom zu schicken, haben Generationen von Japan-Reisenden einen Berg von der Höhe des Fuji an Berichten über dieses Land angehäuft. Besonders seit Mitte des 19. Jahrhunderts, nachdem das weit über zwei Jahrhunderte währende Einreiseverbot für Ausländer aufgehoben worden war, sind die Japan-Berichte von Diplomaten, Kaufleuten, Gelehrten und Abenteurern Legion. Einige nach Jahrzehnten, andere oft schon nach wenigen Wochen Aufenthalts verfaßt, sind sie allesamt von dem Sendungsbewußtsein getragen, eine zuvor unzugängliche Welt zu erschließen und den Daheimgebliebenen Stoff zum Kopfschütteln und Staunen vorzusetzen. Doch inzwischen ist uns diese ehemals ferne Welt unübersehbar auf den Leib gerückt, wenn auch in allererster Linie in Form von Waren und Vergnügungsangeboten, von Limousinen und Unterhaltungselektronik bis hin zu Karaoke und Pokémon. Gibt Japan eigentlich demjenigen, der es heute bereist, noch Neues preis, das sich lohnen würde, mitgeteilt zu werden?

Ludwig Harig, der Japan-Reisende am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, nähert sich dem Land als ein aufgeklärter Mitteleuropäer, mit vorsichtiger Skepsis gegenüber den eigenen Japan-Bildern, die sich seit seiner Kindheit in seinem Hinterkopf eingenistet haben, und mit dem erklärten Willen, sich auf das ganz andere einzulassen. So schwebt er, als Begleiter eines Künstlerfreundes, der ihn zu dieser Frühjahrsreise mitnimmt, im nördlichen Sapporo ein, durchquert die Hauptinsel Honshû bis in den Süden und läßt die Entdeckungstour in Tôkyô enden. Nicht, daß wir viel über die Geographie oder die regionale Kultur erfahren würden. Nein, Ludwig Harig geht es in den sieben Kapiteln seines schmalen Bändchens eher um das, was sich in seinem Kopf abspielt, um die Assoziationen und die Reaktionen auf das Unerwartete. Dabei klingen die Kapitelüberschriften zunächst mehr als konventionell: "Insel zwischen Woge und Meer", "Kirschblüte in Kioto", "Buddhas Geburtstag", "Geschichten aus dem Kopfkissen" oder "Tausend Kraniche". Sie beschwören das altbekannte, zum Klischee erstarrte Traumbild der Nippon-Fahrer. Aber es sind dies natürlich auch die Ikonen der japanischen Selbstexotisierung, und die japanischen Begleiter, die den Deutschen die Örtlichkeiten, die Tempel und Schreine, die Gärten und die Kneipen nahebringen, entpuppen sich immer wieder als Verkünder des wahren Japanertums.

Merkwürdig, wie rasch ein europäischer Intellektueller, der offenbar über wenig Vorwissen verfügt, vor lauter Lust auf das Fremde, aber auch vor lauter abendländischer Selbstkritik bis hin zu unterwürfiger Selbstverleugnung, sich dem doch wieder Exotischen, Exotisierten hingibt und seinen gesunden Menschenverstand an den Haken hängt. Die Muster sind bekannt: Da wird die eigene Sprache im Vergleich zum als klangvoller empfundenen Japanischen plötzlich zum häßlichen Idiom, "knarrend und zischend", die eigenen Landsleute werden als grobschlächtig wahrgenommen. Die Japaner hingegen, Kinder wie Erwachsene, verbeugen sich bei allen nur denkbaren Gelegenheiten, sie reden gedämpft, "in ausgeklügelter japanischer Feinheit". So sehr nimmt dieser europäische Gast einen vermeintlich japanischen Blick an, daß ihm das Essen mit Messer und Gabel statt mit Stäbchen als Stechen und Reißen, als "räuberisches Verstümmeln" erscheint. Und natürlich wird - auch dies mittlerweile schon ein Gemeinplatz unter westlichen Japan-Reisenden - der entspannt meditierende Buddha gegen Christus ausgespielt: "Ja, warum ist die christliche Botschaft von der Liebe mit so viel Häßlichkeit und einem ans Kreuz genagelten Mann verbunden?" fragt sich der Autor und gibt zu erkennen, daß ihm christliches Denken kulturell ähnlich fern liegt wie seinem japanischen Gesprächspartner, der sich vor Matthias Grünewalds Kreuzigungsbild vom Isenheimer Altar ekelt.

Gelesen habe er von Japan nicht viel, gesteht der Autor, und natürlich ist es sein gutes Recht, sich vornehmlich den unmittelbaren Eindrücken und den spontanen Reaktionen seiner Begleiter anheimzugeben. Nur ab und zu zieht er einen Reiseführer aus der Tasche, um sich zu vergewissern. Am wichtigsten sind ihm - darin ganz der Schriftsteller - einige literarische Texte wie das Kopfkissenbuch der Dame Sei Shônagon, ein Geisha-Buch, und Kawabatas Roman "Tausend Kraniche", vor allem aber Max Dauthendeys "Acht Gesichter am Biwasee". Die Reise auf den Spuren dieser japonisierenden Novellensammlung von 1911 bildet so etwas wie ein Kernstück von Harigs Reisebericht, den Versuch, nach Dauthendey als zweiter deutscher Dichter in die Fußstapfen Bashôs zu treten, der die berühmten Landschaftsschönheiten in Form von Haikus kanonisierte.

Bei dieser Fahrt um den See bei Kyôto wird Harigs unausgesprochene Sehnsucht nach dem klassischen Japan-Topos allerdings auf eine harte Probe gestellt. "Die acht Gesichter am Biwasee sind keine Idylle, wie wir sie aus heimischen Büchern kennen", gesteht der Autor: "Im zugesiedelten Sandstreifen, mitten in knallbunter Reklamewelt, sind nur scharf umrissene Bezirke japanischer Landschaftskunst übriggeblieben - die meisten davon zwar mit wenigen Schritten zu durchqueren, doch geheimnisvoll wie Wälder und Wüsten, worin man ein halbes Jahr zubringen muß, ihre Reize auszukosten."

In diese miniaturisierten Idyllen zieht sich der Autor zum Nachvollzug der literarischen Topoi zurück. Damit enthebt er aber zugleich die von ihm nacheinander abgearbeiteten acht Schauplätze jeder Reflexion auf die historische Distanz zwischen ihm und seinen literarischen Vorgängern. Aber vielleicht ist diese Erwartung ungerecht - Harig geht es ja um "japanischen Zauber" und "Dauthendeys Wörter", und wer sich verzaubern lassen möchte, dem muß es auch gelingen, die ihn umgebende profane Wirklichkeit weitgehend auszublenden.

Neben diesen stimmungsvoll geschilderten Tableaus stehen Szenen, wie wir sie aus vielen Japan-Berichten kennen: Wir werden darüber aufgeklärt, wie man ein japanisches Bad benutzt und wie man eine Nudelsuppe ißt. Apropos Essen: Die zum Teil auch für Japaner sehr abenteuerlich klingenden Speisen verstärken den Eindruck des Exotischen - es gibt gewiß nicht viele Japaner, die Hammelhoden, Schweinegurgel oder Oktopusaugen essen, jedenfalls sind diese Gerichte so wenig japanisch wie Pu-Suppe oder Lilien in Spargelsuppe. Vermutlich hat sich der Autor hier wie bei japanischen Wörtern und Namen, die in falscher Umschrift angegeben sind, allzu sorglos auf seine im Vorübergehen gemachten Notizen verlassen, statt noch einmal zu überprüfen, wie man sumô, botan, hakkei, Miyajima, Rikyû oder seppuku schreibt. Kleinigkeiten, gewiß, aber ist es beckmesserisch, von einem Reisebericht möglichst auch sachliche Korrektheit zu erwarten? Das gilt auch, wenn beispielsweise ein Falke zum Seeadler wird oder wenn die japanischen Gesprächspartner unwidersprochen so kuriose Behauptungen aufstellen wie die, daß Japaner keinen Whisky herstellten oder daß Pachinko ein verbotenes Glücksspiel sei. Um der Informationen über Japan willen wird man nicht zu diesem Buch greifen wollen.

Fesseln können diese "Japanischen Reportagen" eher als Anschauung einer kulturellen Begegnung, bei der der europäische Reisende versucht, neben sich zu treten. Doch wohin tritt er eigentlich? "Was denkt sich ein europäischer Tourist?" fragt sich der Autor an einer Stelle. Ist er denn nicht selber einer? Die Offenheit für das andere, die Bußfertigkeit, mit der die aus Unwissen oder Unvermögen begangenen Fehlleistungen registriert werden, ist sympathisch und bewundernswert: "So endete dieser Aufenthalt im Mißgeschick. Ich habe auf dem Stuhl gesessen statt mit verschränkten Beinen auf dem Boden, bin auf den Platten gegangen statt mit richtigem Gefühl auf dem Kies, bin des Wassers vom ewigen Leben nicht teilhaftig geworden, weil ich aus der falschen Rinne geschöpft habe. Auch mit meinen launischen Gedankenspielen war ich nicht unter die Außenhaut der japanischen Lebensregeln gedrungen, die allesamt in so wunderbare Begriffe gefaßt sind." - Ein erstes Stadium im (aufgeklärten) Kulturkontakt: die Selbstzurücknahme und die Erhöhung und Mystifizierung des anderen. Schon die verräterische Rede von dem Japaner wenig später macht es deutlich: Hier wird das Fremde vor lauter Ehrfurcht (und Unwissenheit) neu essentialisiert. Als ob es nicht auch genügend Japaner gäbe, die auf Stühlen statt auf dem Boden sitzen oder auf Steinplatten gehen. Ob ein Japaner, der bei seinem ersten Europa-Besuch mit der Etikette des Händedrucks seine Probleme hat oder gegen heimische Tischsitten verstößt, sich auch fragen wird, ob er unter die Außenhaut der europäischen Lebensregeln gedrungen sei? Viel von der vermeintlichen wie der realen gegenseitigen Fremdheit löst sich bekanntlich mit wachsender Kenntnis landesüblicher Sitten auf. Selbst eine Reise ins Vereinigte Königreich könnte schließlich einen entsprechend sensibilisierten Deutschen verunsichern, nur daß er über solche Erlebnisse wohl eher hinweggehen wird. Zumal vermutlich sein britisches Gegenüber nicht versuchen wird, ihm daran die von ihm nicht begriffene Seele Großbritanniens auszudeuten.

Ludwig Harig ist nach Japan gereist und hat sich auf das Fremde eingelassen. Sein Fazit: "Das Schönste einer Reise ist das Zurückdenken an die erwartungsvollen Augenblicke, an die herzhaften Erlebnisse, als sie noch Wünsche waren." Dem ist nur zuzustimmen.

IRMELA HIJIYA-KIRSCHNEREIT

Ludwig Harig: "Reise mit Yoshimi". Japanische Reportagen. Verlag zu Klampen, Lüneburg 2000. 107 S., geb., 24,- DM.

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Angelika Overaths Rezension zu Ludwig Harigs "Reise mit Yoshimi" liest sich wie eine Warnung, nicht in die Erwartungsfalle zu tappen, die schon im Titel des Buches gelegt sei. Harig zeige sich zwar aufgeschlossen für alles, was er auf seiner Japanreise erlebt, recherchieren tue er jedoch nicht. Ein Flaneur, der auf seiner "Tour d'Horizon" eher auf ausgetretenen Pfaden wandelt, sei er, aber kein Reporter, befindet sie mit kaum überhörbar spöttischem Unterton. Wenn der Leser dabei nichts über das heutige Japan erfahre, sei dies jedoch nicht so schlimm, denn dafür erhalte er Informationen über "die Sehnsucht eines deutschen Dichters, dessen japanische Knabenträume nicht reiften". Wer keinen Bericht über das moderne Japan erwartet, kann sich an Harigs poetischen Bildern erfreuen, zu denen ihn diese Reise zweifellos angeregt hat, kann man als Fazit aus Overaths Besprechung mitnehmen.

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