Der Schmetterlingskoffer - Zeckau, Hanna; Zischler, Hanns

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Der Schmetterlingskoffer - jetzt als Sonderausgabe zum Wiederentdecken! Hanns Zischler und die Illustratorin Hanna Zeckau entdeckten im Berliner Naturkundemuseum einen verwaisten Überseekoffer - bis an den Rand gefüllt mit Schmetterlingen! Gut achtzehntausend Falter aus dem kolumbianischen Hochland, einer schöner als der andere, gesammelt und verpackt in Hunderte von Zigarrenkistchen von dem Forschungsreisenden Arnold Schultze.Zischler und Zeckau entfalten sorgsam und neugierig die Papiere, in die die Schmetterlinge eingepackt sind - und tauchen ein in die Welt von Arnold Schultze, lesen seine…mehr

Produktbeschreibung
Der Schmetterlingskoffer - jetzt als Sonderausgabe zum Wiederentdecken!
Hanns Zischler und die Illustratorin Hanna Zeckau entdeckten im Berliner Naturkundemuseum einen verwaisten Überseekoffer - bis an den Rand gefüllt mit Schmetterlingen! Gut achtzehntausend Falter aus dem kolumbianischen Hochland, einer schöner als der andere, gesammelt und verpackt in Hunderte von Zigarrenkistchen von dem Forschungsreisenden Arnold Schultze.Zischler und Zeckau entfalten sorgsam und neugierig die Papiere, in die die Schmetterlinge eingepackt sind - und tauchen ein in die Welt von Arnold Schultze, lesen seine Tagebücher, Notizen und Aufsätze. Sie lernen einen erstaunlichen Forscher und Schriftsteller kennen, der durch seine sensible Beobachtungsgabe eine geradezu ansteckende Lust daran verbreitet, fremde Länder, Pflanzen und Tiere zu erkunden. Ihn, seine Schriften, seine Schmetterlingssammlung - und die Freuden der Beschäftigung mit der Natur stellen Hanns Zischler und Hanna Zeckau in diesem durchgestalteten, durchgehend vierfarbigen Band vor.
  • Produktdetails
  • Verlag: Galiani, Berlin
  • 1. Aufl.
  • Seitenzahl: 256
  • Erscheinungstermin: 24. September 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 246mm
  • Gewicht: 668g
  • ISBN-13: 9783869710242
  • ISBN-10: 3869710241
  • Artikelnr.: 29739707
Autorenporträt
Hanns Zischler, Jahrgang 1947, arbeitet neben seinem Beruf als Schauspieler seit vielen Jahren als Publizist und Schriftsteller. Seine Forschungsarbeit Kafka geht ins Kino (1996) erhielt bei Erscheinen große Beachtung und wurde in viele Sprachen übersetzt. Bei Galiani erschien von ihm Der Schmetterlingskoffer (2010, gemeinsam mit Hanna Zeckau), Berlin ist zu groß für Berlin (2013), Die Erkundung Brasiliens (2013, gemeinsam mit Sabine Hackethal und Carsten Eckert) und zuletzt Das Mädchen mit den Orangenpapieren (2014).
Rezensionen
Besprechung von 27.11.2010
Der wundersame Koffer

Über das Los von achtzehntausend südamerikanischen Schmetterlingen berichten Hanna Zeckau und Hanns Zischler.

Von Julia Voss

Könnten Sie sich vorstellen, dass im nächsten Jahrhundert ein Buch über Sie erscheint? Nein? Arnold Schultze jedenfalls wäre wohl außerordentlich verblüfft gewesen, hätte ihm jemand vorausgesagt, dass im Jahr 2010 ein Buch über ihn geschrieben werden sollte, mehr als sechzig Jahre nachdem er gestorben war. Bis zuletzt hatte er mit Bienenfleiß daran gearbeitet, ein Naturkundemuseum auf Madeira einzurichten, als ihn 1948 der Tod auf der Insel überrumpelte. Sogar die Fachwelt brauchte zwei Jahre, um sein Ableben zur Kenntnis zu nehmen, und verabschiedete ihn schließlich mit einem höflichen Nachruf in der Zeitschrift "Botanische Jahrbücher für Systematik". Arnold Schultze schien darin ein Mann mit wissenschaftlichen Verdiensten, sicherlich, ein respektabler Forscher eben, aber gewiss kein Humboldt. Und das hätte er wahrscheinlich selbst auch so gesehen.

Was damals aber niemand ahnte und vielleicht auch Schultze nicht wissen konnte, war, dass ein Koffer, den er 1939 aus Südamerika an das Berliner Naturkundemuseum geschickt hatte, nicht nur unbeschadet über den Ozean reiste, sondern auch die Bombardierung Berlins überstand. Jahrzehntelang hatte Schultze sammelnd und forschend Südamerika durchquert, bis er ausgerechnet kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs mit Hab und Gut von Brasilien aus die Heimreise antrat, mit dem Schiff in die Atlantikblockade geriet, woraufhin die Engländer Besatzung und Passagiere evakuieren ließen, den Frachter aber versenkten.

In den Fluten verschwand Schultzes Lebenswerk: die wertvolle Sammlung seltener Herbarien für das Botanische Museum in Berlin-Dahlem sowie seine umfangreichen Notizen, Zeichnungen und Fotografien. "Durch zwölf Kanonenschüsse" sei das Schiff versenkt worden, schrieb der verzweifelte Schultze in einem Brief, "wir sind jetzt bettelarm". Schultze und seine Frau wurden zunächst in Dakar interniert; ein befreundeter französischer Wissenschaftler legte ein gutes Wort für das Ehepaar ein; sie durften abreisen und fanden in Funchal auf Madeira Unterschlupf.

Das Ungeheuerliche: Ein Koffer war von den Schultzes schon vorausgeschickt worden, so dass er sich nicht auf dem Unglücksfrachter befand, und auf ebendieses Gepäckstück mit der Nummer 41 (unsere Abbildung unten links) stießen Hanna Zeckau und Hanns Zischler im Naturkundemuseum in Berlin. Was sich darin befand? Achtzehntausend südamerikanische Schmetterlinge, die sorgfältig in zu Dreieckstüten gefalteten Papieren eingepackt waren, verstaut in sechsundvierzig Zigarrenkisten. Rein wissenschaftlich betrachtet, ist das bereits eine Sensation. Schultze hatte aber als Einpackpapier nicht schlichte weiße Bögen verwendet, sondern Zeitungen, Zeitschriften oder Werbedrucke und damit ebenfalls seine Zeit dokumentiert und archiviert.

Ausgehend von diesem Zauberkoffer, in dem sich im Übrigen auch noch Fotografien und andere persönliche Dokumente befanden, rekonstruieren nun die Buchautoren Schultzes Geschichte und seine Leidenschaft für Schmetterlinge. Beide sind für diese Recherche geradezu berufen: Die Berliner Grafikerin und Illustratorin Hanna Zeckau brachte bereits 2007 zusammen mit Carsten Aermes das wunderschöne und tieftraurige Buch über "Brehms verlorenes Tierleben" heraus, das in Wort und Bild Arten vorstellte, die Tiervater Brehm seinen Lesern im neunzehnten Jahrhundert noch aus eigener Anschauung schildern konnte, die inzwischen aber ausgestorben sind. Und das Berliner Naturkundemuseum kennt wohl - die Mitarbeiter ausgenommen - niemand so gut wie der Schauspieler und Publizist Hanns Zischler, der schon zahlreiche Veranstaltungen im Haus durchführte und die Wissenschaftsgeschichte in ihren erstaunlichsten Details kennt.

Der Schmetterlingskoffer wird durch Zeckau und Zischler als das vielschichtige Meisterwerk eines passionierten Schmetterlingssammlers, Forschers und Südamerika Reisenden sichtbar. Dessen Wege sind wortwörtlich nachgezeichnet worden: Das Buch versammelt Texte von und über Schultze, während der Inhalt des Schmetterlingskoffers - von Tieren über Bordkarten bis zu den Zigarrenbildchen - von Zeckau in herrlichen Illustrationen dem Leser vorgeführt wird. Schultzes Leben und Wirken sind der rote Faden des Buchs, der aber auch immer wieder zu anderen begeisterten Schmetterlingsfängern führt, zum Schriftsteller Vladimir Nabokov etwa oder zum Soziologen und Philosophen Roger Caillois. In einem Aufsatz von 1960, der ebenfalls im Buch abgedruckt ist, bringt Caillois auf den Punkt, worin die Anziehungskraft der Schmetterlinge besteht: Wozu nämlich, so Caillois' Frage, die luxuriöse Färbung und Musterung? Welchen Nutzen hat diese Pracht, wenn ein Überlebensvorteil doch auch mit viel weniger Aufwand zu haben wäre? Bei Caillois führt es dazu, die Vorstellung von einer nützlich eingerichteten Natur zu verabschieden und eine neue einzuführen. Er schreibt: "Alles, absolut alles spricht dafür, dass die exzessive Verausgabung ohne erkennbaren Zweck eine weitaus stärker befolgte Regel ist als die Einhaltung des strikten Lebensinteresses, als das Gebot der Arterhaltung." Im gleichen Zeitraum, als Schultze seinen Schmetterlingskoffer zusammentrug und verschickte, schuf der Künstler Marcel Duchamp sein berühmtes Koffermuseum "La Boîte-en-Valise", in dem er winzige Reproduktionen seiner Werke verpackte. Schultzes naturkundliches Koffermuseum verdient nicht weniger Ruhm.

Hanna Zeckau & Hanns Zischler: "Der Schmetterlingskoffer". Die tropischen Expeditionen von Arnold Schultze. Galiani Verlag, Berlin 2010. 257 S., geb., 39,95 [Euro]

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 18.10.2010
Die Schatztruhe des
Arnold Schultze
Hanna Zeckau und Hanns Zischler öffnen einen alten Koffer
aus Übersee, der 18 000 Schmetterlinge barg
Sie tragen lateinische Bezeichnungen wie Morpho rhetenor, Perisana vaninka oder Papilio protesilaus – und vollbringen seit Jahrhunderten das Kunststück, allem voran Dichtern Geständnisse zu entlocken, die etwas von schwärmerischen Liebesschwüren haben. Der russische Schriftsteller Vladimir Nabokov etwa gestand noch im hohen Alter, „an Gefühlen und Begierden, an Ehrgeiz und Erfüllung“ nur wenig kennengelernt zu haben, „was reicher und stärker gewesen wäre als die Erregung entomologischer Streifzüge“; der französische, 1824 in Paris verstorbene Essayist Joseph Joubert hatte das sichere Gefühl, „in vielen Dingen dem Schmetterling zu ähneln“, denn „wie er liebe ich das Licht; wie er verbrenne ich darin mein Leben“; und der amerikanische Schriftsteller, Weltenbummler und passionierte Falterjäger Frederic Prokosch, dessen fabelhafte, in den dreißiger und vierziger Jahren entstandene Abenteuerromane „Die Asiaten“ und „Sieben auf der Flucht“ noch immer ihrer überfälligen Wiederentdeckung harren, erlebte, mit den Stecknadeln des kundigen Präparators bewehrt übers Spannbrett gebeugt, „das Öffnen der Flügel jedes Mal als einen Moment, in dem sich meine Erwartung kaum zügeln konnte“.
Kurz: Das Verhältnis zwischen Dichtern und Schmetterlingen ist von jeher ein besonderes. Dies zeigtauch das schöne, soeben unter dem die phantasieanregenden Titel „Der Schmetterlingskoffer“ erschienene Buch, das der Schauspieler Hanns Zischler und die junge Berliner Illustratorin Hanna Zeckau gemeinsam herausgebracht haben. Denn Zischler, der sich neben seiner mimischen Vielseitigkeit bereits mehrfach als Entdecker und Wiederausgräber kleinerer oder größerer Kulturschätze erwies – zum Beispiel brachte er Frederic Prokosch mit einem Zeit-Artikel vor Jahren hierzulande wieder ins Gespräch –, dieser Zischler pflegt offenbar eine besondere Leidenschaft für vom Wind der Geschichte Verwehtes.
Zigarrenkisten auf Expedition
Und so ist es wohl auch kein Zufall, dass ausgerechnet Zischler, der ein regelmäßiger Besucher des Museums für Naturkunde in Berlin ist und sich mit Vorliebe im dortigen Schmetterlingssaal aufhält, über die Illustratorin Hanna Zeckau auf eine wahre Schatztruhe stieß, die es zu heben galt: einen alten Überseekoffer, der im musealen Alltagsbetrieb lange unbeachtet geblieben war, und der, wie sich bald herausstellte, angefüllt mit Zigarrenkisten, nicht weniger als
18 000 Faltern anscheinend als letzte Ruhestätte gedient hatte – in kleinen, aus gefalteten Hotelrechungen, Zeitungsfetzen oder herausgerissenen Buchseiten angefertigten Tüten untergebracht.
Von dem inzwischen als „Koffer 41 / Trockenmaterial“ deklarierten Fundstück sowie von dem Mann, der es Ende der dreißiger Jahre von Kolumbien aus über den Postweg auf seine abenteuerliche Reise durch die Jahrzehnte und die Geschichte schickte, handelt das vorliegende Buch. Es ist vieles gleichzeitig: der Roman
eines Lebens, die kurze Chronik der Verunmöglichung eines Traums, das Vermächtnis einer lebenslangen Leidenschaft und die Geschichte einer glücklichen, kaum mehr für möglich gehaltenen Bergung. Denn was der „Schmetterlingskoffer“ des im März 1875 in Köln geborenen und 1948 auf Madeira verstorbenen großen Forschungsreisenden Arnold Schultze vor allem dokumentiert, ist die wahrhaft abenteuerliche Geschichte eines Mannes, der 1910/11 als Geo-
graph an der Zentralafrika- Expedition des Herzogs Adolf Friedrich Mecklenburg teilgenommen hatte und sich anschließend mehr als vier Jahrzehnte in Kolumbien, Zentralafrika und Ecuador herumtrieb – gelenkt und getrieben von seinem schier unstillbaren naturkundlichen Wissensdurst.
Schultze sammelte dabei wahre Schätze an, ehe ihm die Weltgeschichte 1939 mit der Kriegserklärung der Alliierten an das Deutsche Reich den größtmöglichen Unfall bescherte, der sich in einem Forscherleben wie seinem denken lässt. Die Atlantikblockade trat in Kraft, und das Handelschiff namens Inn, das eben – seine forscherischen Erträge jahrzehntelanger Arbeit an Bord – den brasilianische Hafen Parà mit Kurs Deutschland verlassen hatte, wurde am 5. September südwestlich der Kanarischen Inseln gestoppt, beschossen und versenkt. Und mit ihm all das, was Schultze auf all seinen ausgedehnten Südamerika-Expeditionen zusammengetragen hatte: Zehntausende präparierte Coleoptera (dt. Käfer) und Pflanzen, Wurzeln und Tagebucheintragungen, Samen und ungezählte aufschlussreiche, selbst angefertigte Zeichnungen und Skizzen seiner Funde, kurz: die ganze unwiederbringliche Summe eines Forscherlebens. Schultze und seine Frau gerieten anschließend in Gefangenschaft, wurden in Dakar interniert und fanden über Umwege zuletzt Unterschlupf in Funchal auf Madeira – deutschen Boden aber hat Arnold Schultze anschließend nie mehr betreten.
Bleiben also nur die jetzt wieder aufgetauchten, seinerzeit an das Botanische Museum in Berlin-Dahlem versandten 18 000 Falter – samt seiner 1937 unter dem Titel „Flammen in der Sierra Nevada de Santa Marta“ zusammengefassten Aufzeichnungen; Schilderungen, die noch heute deutlich machen, dass sich in der gandhihaften Erscheinung Schultzes – einer schmalen Gestalt mit kahl rasiertem Schädel und Nickelbrille – nicht nur ein blitzgescheiter Forschergeist und visionärer Agronom verbarg, der bereits 1914 eine längere Abhandlung über „Die afrikanischen Seidenspinner und ihre wirtschaftliche Bedeutung“ verfasst hatte; vielmehr erweist sich Schultze darin obendrein als versierter Erzähler, der das Erlebte und Gesehene in leuchtende Sprachbilder zu übertragen verstand.
„In einer kleinen Quebrade (Felsschlucht) nahe Caracas, an der wir anschließend halten, erbeute ich an einem blühenden Strauch meinen ersten afrikanischen Schmetterling, eine Mechanitis polymnia mit einem Hochgefühl, das nur ein Entomologe würdigen kann.“ Ob dieser oder jener Falter majestätisch durchs Bild schaukelt: Schultzes Schilderungen sind von einer präzisen Lakonie. Das eint ihn mit den eingangs erwähnten „Schmetterlingsmenschen“ Nabokov, Prokosch oder Joubert: Auch Schultze läuft regelmäßig insbesondere dort zu erzählerischer Hochform auf, wo es um die Schmetterlingsjagd als solche geht.
Doch Arnold Schultze, der in Afrika vermaß und kartierte und seiner Liebe zu den Lepidopteren, also den Schmetterlingen, mit größter Wonne frönte, war nicht nur auf das Beobachten, Erhaschen und Beschreiben im afrikanischen Sonnenlicht verführerisch blau oder grün schillernder Falter aus, sondern er dehnte sein forscherisches Interesse bald auf alles aus, was sich naturkundlich erfassen lässt: Fliegen, Käfer und alle anderen Erscheinungsformen vorkommender Kleinstlebewesen. Das Resultat sind Momentaufnahmen von ganz eigener sprachlicher Dichte. So heißt es etwa anlässlich eines Kurzaufenthalts an der heimischen Mosel Anfang der dreißiger Jahre mit Blick auf den von Schultze bereits von frühester Jugend an leidenschaftlich verehrten Parnassius Apollo, den roten Apollofalter: „Wir waren schon einige Tage vor dieser Entdeckung zu vorgerückter Tagesstunde zufällig an der fraglichen Stelle angekommen, die so günstige Bedingungen für unseren Falter bot, dass meine Begleiterin ausrief: Der Hang schreit geradezu nach Apollo! (. . .) Wir konnten so nahe an sie herankommen, dass wir alle Einzelheiten der Zeichnung erkennen konnten.“
Der Forscher konnte schreiben
So erweist sich der von Hanns Zischler einfühlsam mit Begleit- und Ergänzungstexten zum Thema versehene und von Hanna Zeckau kulinarisch illustrierte Band als geschichtenpralles Lesebuch, das nicht nur Schmetterlingsfreunden das Herz höher schlagen lassen dürfte. Denn zwischen den Notaten und feinen Zeichnungen entsteht das faszinierende Porträt eines Mannes, der in der Ferne Kolumbiens bedeutende naturwissenschaftliche Erkenntnisse sammelte, und der es hierzulande am Ende doch zu nicht mehr brachte als einem knappen Wikipedia-Eintrag, der seine Lebensstationen in einer Handvoll dürrer Sätze zusammenfasst.
Tatsächlich aber verkörperte Schultze den Prototyp des modernen, seinen wissenschaftlichen Exerzitien frönenden Reiseschriftstellers, der sich zuletzt um seinen wissenschaftlichen Ruhm gebracht sah; ein großer Verwehter und deutscher Chatwin vergangener Tage, der nun – da sein von Hanns Zischler im Buch treffend als „Zeitkapsel“ bezeichneter, reich gefüllter „Schmetterlingskoffer“ geöffnet vor uns liegt – vor uns aufersteht: als ein großer Forschergeist und Mann von beachtlichem schriftstellerischen Format, dessen Leben von seinem siebenten Lebensjahr an im Wendekreis des Schmetterlings stand – und verging. Und streift man offenen Auges durch dieses wunderschöne Buch, so wird man plötzlich auch als nicht vom Bazillus der Entomologie Infizierter verstehen, woran Nabokov dereinst dachte, was er empfand, als er im Rahmen seines Erinnerungsbuches „Erinnerung, sprich!“ notierte: „Gehörte der erste Blick am Morgen der Sonne, so gehörte mein erster Gedanke den Schmetterlingen, die er hervorbringen würde“: höchstes irdisches Glück. PETER HENNING
HANNA ZECKAU, HANNS ZISCHLER: Der Schmetterlingskoffer. Die tropischen Expeditionen von Arnold Schultze. Verlag Galiani, Berlin 2010. 256 Seiten, 39,95 Euro.
Der Entomologe, also Insektenforscher, Arnold Schultze wurde 1875 in Köln geboren und starb
1948 auf Madeira.
Seinen „Schmetterlingskoffer“ öffnen der Autor Hanns Zischler und
die Zeichnerin Hanna Zeckau in einem wunderbaren Lesebuch.
Abb.: Hanna Zeckau
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Das höchste irdische Glück liegt auf den Flügeln der Schmetterlinge. Beim Blättern in diesem Buch beginnt Peter Henning zu ahnen, was es mit diesem Gedanken Nabokovs auf sich hat. Laut Henning ein wunderschönes Buch in gleich mehrfacher Hinsicht. Enthält es doch das Vermächtnis eines Forscherlebens und eines Mannes von "beachtlichem schriftstellerischen Format", ist es doch zugleich Roman, Auswanderergeschichte, Chronik eines Scheiterns wie einer lebenslangen Leidenschaft und auch einer Rettung. Arnold Schultzes Koffer mit den 18000 Schmetterlingen, der so lange in den Archiven des Botanischen Museums zu Berlin Dahlem vor sich hindämmerte, wiederentdeckt und ins Buch gebracht von Hanns Zischler und der Illustratorin Hanna Zeckau, überzeugt den Rezensenten von der Leidenschaft des Naturkundlers, aber ebenso (in den Texten) von dessen Präzision und Fähigkeit, den Leser mit Sprachbildern in seine Welt zu ziehen. Zischlers Begleittexte und Zeckaus "kulinarische" Illustrationen runden dies Bild für Henning ab.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Eines der schönsten Bücher des Herbstes! Eine Fantasie anregende Textcollage, eingebettet in die elegante Pracht von Zeckaus großartigen Illustrationen." Stern