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Die literarische Entdeckung des Jahres aus den USA"Ein hinreißender Roman - voller Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Liebe und Lebensfreude." The New York Times"Ich liebte sogar Dinge an ihr, die normalerweise nicht als liebenswert gelten. Zum Beispiel ihre Zehen. Nicht nur die Füße, nein, auch die Zehen. Krumm und schief von Geburt an, aber für mich so schön wie die Zacken eines Diadems." Abel hat gleich zwei Probleme - er hat einen Buckel, und die Frau, die er liebt, ist mit seinem Bruder verheiratet. Als Mae eines Tages spurlos verschwindet, zerbricht Abels Welt. Die Jahre vergehen. Sein Bruder…mehr

Produktbeschreibung
Die literarische Entdeckung des Jahres aus den USA"Ein hinreißender Roman - voller Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Liebe und Lebensfreude." The New York Times"Ich liebte sogar Dinge an ihr, die normalerweise nicht als liebenswert gelten. Zum Beispiel ihre Zehen. Nicht nur die Füße, nein, auch die Zehen. Krumm und schief von Geburt an, aber für mich so schön wie die Zacken eines Diadems." Abel hat gleich zwei Probleme - er hat einen Buckel, und die Frau, die er liebt, ist mit seinem Bruder verheiratet. Als Mae eines Tages spurlos verschwindet, zerbricht Abels Welt. Die Jahre vergehen. Sein Bruder stirbt. Die Farm verfällt. Aber Abel gibt nicht auf. Er wird warten, bis Mae zurückkommt. Doch als es eines Tages endlich an seiner Tür klopft, steht dort nicht Mae, sondern ein Fremder ... Stefan Merrill Blocks Debüt ist faszinierend vielschichtig. Es ist die Geschichte einer ganz großen Liebe und ein grandioser Familienroman. Stefan Merrill Block ist nichts weniger als ein tragikomisches Meisterwerk geglückt. Von der amerikanischen Kritik wird er neben Benjamin Kunkel und Jonathan Safran Foer auch mit Jeffrey Eugenides und Jonathan Franzen verglichen.

Der Übersetzer: Marcus Ingendaay übertrug unter anderem Werke von William Gaddis ins Deutsche. Für seine Übersetzungen wurde er mit dem Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Preis ausgezeichnet.
  • Produktdetails
  • Verlag: Dumont Buchverlag
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 347 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 21, 5 cm
  • Gewicht: 522g
  • ISBN-13: 9783832180393
  • ISBN-10: 3832180397
  • Best.Nr.: 23814014
Autorenporträt
Marcus Ingendaay, geboren 1958, Studium der Anglistik und Germanistik in Köln und Cambridge. Tätigkeit als Werbetexter und Reporter, danach freier Übersetzer mit mehrfachen Auszeichnungen. Romanveröffentlichung.
Rezensionen
Besprechung von 26.09.2008
Eine Kunst des Vergessens? Vergiss es!

Geschrieben in der Signalsprache der Nukleinsäuren: Stefan Merrill Block rehabilitiert das Vergessen. Nur so kann man sich immer wieder in dasselbe verlieben.

Der Titel führt in die Irre: Zwar verliebte sich tatsächlich Abel, einer der beiden Ich-Erzähler, in alles, was mit seiner angebeteten Schwägerin Mae zu tun hatte, sogar in ihre krummen Zehen, "so schön wie die Zacken eines Diadems", doch es geht um weitaus mehr. Im Original heißt der Debütroman von Stefan Merrill Block "The Story of Forgetting", was sich zuallererst auf den tragischen Verlauf der erblichen Alzheimer-Erkrankung bezieht. Blocks Großmutter starb an dieser unheilbaren Krankheit; bei dem 1982 geborenen und in Texas aufgewachsenen Autor könnte sie ebenfalls eines Tages ausbrechen.

Dieselbe Ungewissheit, die hier zum Teil als schriftstellerisches Movens gelten könnte, treibt Seth um, einen aknegeplagten Teenager, der miterleben muss, wie seine Mutter den Bezug zu Vergangenheit und Gegenwart verliert. Er setzt sich daher in einem Anflug jugendlichen Übermuts in den Kopf, Wissenschaftler zu werden, um ein Heilmittel gegen Morbus Alzheimer finden zu können, während sich sein Vater in seinem bequemen "La Z Boy"-Sessel ausgerechnet dem History Channel und dem Alkohol zuwendet: Erinnerung und Verdrängung auf engstem Raum. Trotz der vielen verwirrenden und verlockenden Ereignisse im Leben eines Pubertierenden begibt sich Seth auf Spurensuche, studiert neurowissenschaftliche Bücher, analysiert neunmalklug seine eigene Adoleszenz und knackt schließlich sogar eine medizinische Datenbank, was es ihm ermöglicht, mit anderen Trägern der fiktiven Alzheimer-Variante EOA-23 in Kontakt zu treten. Als deren Ursprung entpuppt sich schließlich ein britischer Lord Mapplethorpe, der im achtzehnten Jahrhundert fatalerweise der Polygamie zugetan war wie kein Zweiter. Doch mit jenem Gendefekt, ein tödliches Stottern in der Signalsprache der Nukleinsäuren, breitete sich nahezu parallel der Mythos des elysischen Märchenlandes Isidora aus, in dem das Vergessen ein heilsamer Akt der Gnade ist; denn dort wird dem Besucher alles entfallen, was ihm jemals Schlechtes widerfahren ist, so dass er sich gar stets aufs Neue in dieselbe Person verlieben kann, weil er meint, sie nicht zu kennen. Eine Legende, deren Überlieferung in der Realität dem Trost der Nachkommen dient oder schlicht die unaussprechliche Wahrheit an die nächste Generation weitergibt.

Jene Sage ist zunächst das vordergründige Bindeglied zwischen Seth und Abel, der, meilenweit von Seth entfernt, als buckliger Hinterwäldler im schäbigen Haus seiner Familie auf die Rückkehr seiner vor etlichen Jahren nach New York verschwundenen Tochter wartet. Er, dem der biblische Kontext seines Namens schmerzlich bewusst ist, erinnert sich minutiös an die so glückliche wie folgenreiche Affäre mit Mae, die mit seinem Bruder Paul eine trostlose Ehe führte. Er hat sich allerdings auch mit den Zumutungen der Gegenwart herumzuschlagen, etwa mit der Gentrifizierung seiner Nachbarschaft, die ihn als unansehnliches Relikt der grauen Vorzeit nur zu gern loswerden würde. Noch jemand, mit einem Makel belastet, der aus der Zeit gefallen ist.

Das Verdienst von Stefan Merrill Block, inspiriert von Jonathan Franzens autobiographischem Essay "Das Gehirn meines Vaters", ist es, diesen vermeintlich tristen und auf den ersten Blick womöglich deprimierenden Stoff in eine vorwiegend optimistische und spannende Erzählung zu packen, die trotz zahlreicher anrührender und trauriger Momente mit einer angemessen dosierten Prise Ironie gewürzt ist. Dafür sorgt nicht allein der stetige Wechsel zwischen den Erzählern, die so manchen Cliffhanger am Ende der Kapitel bieten, sondern vor allem die Perspektive Seths, die den Leser mit abwegigen Ideen, originellen Abschweifungen und liebevoll-kritischen Schilderungen des bröckelnden Familienzusammenhalts fesselt.

Durch Seths Augen blickt Block ferner auf die aktuelle Gehirnforschung, wodurch es ihm gelingt, den wissenschaftlichen Diskurs unterhaltsam und verständlich mit dem tragikomischen Romangeschehen zu verweben. So flicht er Beschaffenheit und Arbeitsweisen des Gedächtnisses, soweit jene bislang überhaupt nachzuvollziehen sind, in die emotionale Geschichte eines Sohnes, der die genetische wie faktische Vergangenheit seiner Mutter ergründet, die sich allenfalls bruchstückhaft ihrer Individualität bewusst ist und ihren Spross zuweilen nicht mehr erkennt. Dabei wird etwa anhand eines Fallbeispiels deutlich, dass das Vergessen zu den notwendigen Aufgaben der Memoria gehört, ja der evolutionäre Erfolg der Spezies Mensch ebenso davon abhängt, gewisse Daten zu löschen, um sinnvoll Ordnung in das Chaos der nicht abreißenden Eindrücke zu bringen, wie sich andere Sachverhalte einzuprägen.

Willkürlich, als eine Kunst des Vergessens als Pendant zur Mnemotechnik, ist dieser Prozess gleichwohl nicht in Gang zu setzen, wie Umberto Eco einmal äußerst gewitzt in einem Aufsatz feststellte: "An Ars Oblivionalis? Forget It!" In Blocks "Wie ich mich einmal in alles verliebte" freilich gleicht das krankhafte Vergessen einem kaum aufzuhaltenden Sturzbach, den die Literatur in ihrer ureigensten Funktion als Speicher, Wunderkammer und Archiv kunstvoll eindämmt. Stefan Merrill Block - so vorsichtig man bei einem vielversprechenden Erstling sein muss, der offensichtlich aus überaus persönlichen Beweggründen verfasst wurde - dürfte ein Name sein, den man sich für die Zukunft unbedingt merken sollte.

ALEXANDER MÜLLER

Stefan Merrill Block: "Wie ich mich einmal in alles verliebte". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Marcus Ingendaay. DuMont Buchverlag, Köln 2008. 348 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 31.10.2008
Liebe ist besser als Alzheimer
Stefan Merrill Blocks sehr komischer Roman „Wie ich mich einmal in alles verliebte”
In beängstigendem Einklang mit der Theorie, nach der zu jeder Epoche die ihr gemäße Krankheit gehört, verbreitet sich im Informationszeitalter der Morbus Alzheimer gleich einer Epidemie. Bei allen tragischen Begleiterscheinungen zeichnet sich dieses Leiden gegenüber anderen durch sein hohes Witzpotential aus. Kennen Sie die Vorteile von Alzheimer? Erstens: Man kann seine Ostereier selber verstecken. Zweitens: Man lernt täglich neue Freunde kennen. Drittens: Man kann seine Ostereier selber verstecken. Galgenhumor scheint im Umgang mit der Krankheit, zumal wenn sie in der eigenen Familie auftritt, eine lebenswichtige Technik zu sein. In den USA, wo das Problem der präsenilen (also nicht mit Altersdemenz zu verwechselnden) Alzheimer-Symptomatik entweder schon bedrohlichere Ausmaße angenommen hat oder aber öffentlicher verhandelt wird als in Europa, ist aus den betreffenden Erfahrungen ein neues Sub-Genre hervorgegangen – die unbefangen so genannte Alzheimer-Literatur, die auf dem Sachbuchsektor wie in der Belletristik einen Boom erlebt.
Das Gehirn meines Vaters
Als der junge texanische Autor Stefan Merrill Block seinem Debütroman den Titel „The Story of Forgetting” gab, konnte er darauf zählen, dass das amerikanische Publikum die Anspielung versteht. Die deutsche Fassung behilft sich mit der Überschrift des ersten Kapitels, „Wie ich mich einmal in alles verliebte”, was in Verbindung mit dem launig-konfusen Umschlagtext („Immer wieder geht es um die Liebe – meistens ist sie verboten”) einer bewussten Irreführung gleichkommt. Liebe verkauft sich bei uns eben immer noch besser als Alzheimer, und man weiß nicht recht, ob man herbeiwünschen soll, dass sich das ändern möge. Stefan Merrill Block, der 1982 geboren wurde und heute in New York lebt, gehört zu einer Gruppe mit erhöhtem Risiko. Das heißt, die Erkrankung ist in seiner Verwandtschaft mehrfach aufgetreten und könnte, nach dem aktuellen Stand der Genetik, jederzeit auch ihn heimsuchen. So war seine literarische Auseinandersetzung mit dem Thema, die Jonathan Franzens Essay „Das Gehirn meines Vaters” ihre wesentliche Inspiration und den Blick für die Bizarrerien des Leidens verdankt, nicht zuletzt ein Versuch, die Angst zu bewältigen. Dabei spielte allerdings, das ist unübersehbar, die Liebe eine große Rolle, und zwar die zu den eigenen Angehörigen, zu den Mitmenschen im allgemeinen, zum Leben – und zum Erzählen: Im Roman werden gleich vier Handlungsstränge zu einer Geschichte verknüpft, die über weite Strecken kurzweilig und spannend geraten ist, viel über Amerika und noch mehr über die Alzheimer-Krankheit verrät und, obwohl sie gefühlvolle Momente keineswegs scheut, eher durch Komik als durch Sentimentalität berührt.
Die erste Erzählstimme gehört dem buckligen alten Sonderling Abel Haggard, der in seinem heruntergekommenen, von neureichen Villen umwucherten texanischen Farmhaus den Immobilienspekulanten widersteht und seinen Erinnerungen nachhängt – er zumindest kann noch frei über sie verfügen. Anders war es bei seinem Bruder Paul, dessen geistige Verwirrung irgendwann ein Stadium erreichte, in dem er Abel für seinen schwulen Lover hielt und sich ihm unsittlich näherte. Vorausgegangen war ein schleichender Verlust des Durchblicks, der freilich auch sein Gutes hatte: Das Liebesverhältnis zwischen seiner Frau Mae und Abel sowie die Tatsache, dass Tochter Jamie von seinem Bruder stammte, blieben ihm verborgen. Paul, Opfer eines Defekts in den Genen der Haggard-Familie, ist gemeinsam mit Mae bei einem Autounfall ums Leben gekommen; Jamie hat sich nach New York abgesetzt und den Kontakt abgebrochen. So eigensinnig wie demütig wartet Abel auf ihre Rückkehr, und so lustvoll wie schuldbewusst lässt er die Szenen seiner heimlichen Affäre mit der Schwägerin Revue passieren, an der ihm – nur darauf bezieht sich der deutsche Titel – jedes Detail liebenswert erschien, inklusive ihrer krummen Zehen.
Im fernen New York muss unterdessen Jamies pubertierender Sohn Seth, der so wenig von der Existenz des Großvaters weiß wie letzterer von der des Enkels, die Erkenntnis verkraften, dass seine 35-jährige Mutter an Alzheimer leidet. Während sein Dad beim Fernsehprogramm „History Channel” und im Alkohol mehr schlecht als recht Vergessen sucht, beschließt Seth, ein großer Wissenschaftler zu werden und ein Medikament gegen die Krankheit zu finden. Auf eigene Faust betreibt er neurowissenschaftliche Studien und medizinische Feldforschung und knackt dafür sogar die Datenbank eines Spezialisten. Daraus entspinnt sich, abenteuerlich-skurril, der dritte Handlungsfaden, die „Genetische Historie” der fiktiven Alzheimer-Variante EOA-23, die im 18. Jahrhundert durch die Nachkommenschaft eines extrem polygamen britischen Lords über den Atlantik transportiert wurde. Ungefähr gleichzeitig verbreitete sich, hier auf einer vierten Schiene mitlaufend, der Mythos einer märchenhaften Parallelwelt namens Isidora, in der Vergessen nicht als Manko, sondern als Gnade und Heilmittel gilt, ja als Voraussetzung für einen idealen, befriedeten Zustand der Menschheit.
Eine humane Legende
In diesem totalvergoldeten Fantasy-Reich hält sich der Roman etwas zu lange auf, was der Jugend des Autors geschuldet sein mag. Er gleicht das jedoch an anderer Stelle durch manch schrägen und klugen Einfall aus, und immerhin hat die Idee einer trostspendenden Legende für Alzheimer-Patienten etwas entschieden Humanes. Seth wiederum betreibt neben seinen wissenschaftlichen Recherchen auch eine familiäre Spurensuche, die ihn am Ende, wie zu erwarten war, mit Abel zusammenführt. Und da erweist es sich als segensreich, dass der Erfinder dieser originellen Konstellation sein Bedürfnis nach Pathos schon in den Isidora-Passagen ausgelebt hat, denn so kann er den emotionalen Höhepunkt der Geschichte mit sehr erwachsener Gelassenheit und Distanz gestalten.
Ohne Zweifel ist dies ein Debüt, das man weniger schnell vergisst als die meisten anderen. Man wird von Stefan Merrill Block noch hören – bevor es dann für uns alle heißt: Letzte Ausfahrt Alzheim. KRISTINA MAIDT-ZINKE
STEFAN MERRILL BLOCK: Wie ich mich einmal in alles verliebte. Roman. Aus dem Englischen von Marcus Ingendaay. DuMont Buchverlag, Köln 2008. 348 Seiten, 19,90 Euro.
Im Umgang mit Alzheimer hilft nur Galgenhumor: Stefan Merrill Block Foto: Alessandra Ziparo/Agentur Focus
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Alexander Müller spricht nach der Lektüre von Blocks Roman von einem "vielversprechenden Erstling": In der scheinbar biografisch geprägten Erzählung über das krankhafte Vergessen beschließt der Teenager Seth angesichts seiner an Alzheimer erkrankten Mutter, Wissenschaftler zu werden - er träumt davon, eines Tages vielleicht ein Heilmittel zu finden. Diesen Erzählstrang entlang gelinge es dem Autor, unterhaltsam aktuelle Erkenntnisse aus der Hirnforschung in den Roman einzuflechten, lobt der Rezensent. Es gibt noch einen zweiten Erzählstrang, der mit einem gewissen Abel zu tun hat, der in Seths Schwägerin Mae verliebt war, in die auch Seth verliebt ist - aber hier verliert der Leser der Rezension den Faden. So viel verstehen wir noch: Für Müller handelt es sich hier, trotz "zahlreicher trauriger Momente", um eine optimistische Erzählung, die durch eine Prise Ironie und die originellen Abschweifungen Seths noch dazu gewinnt. Den Namen des Autors sollte man sich jedenfalls merken, so Müller.

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