17,90 €
versandkostenfrei*

inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln

    Gebundenes Buch

Ein unverblümter Text über seine Jahre in England, den sich Canetti nicht zu veröffentlichen traute: über verarmende Adlige und wirklich arme Emigranten, über eitle Dichter und schöne Malerinnen und über seine Liaison mit der später berühmten Autorin Iris Murdoch. Mit dem Nachwort des Londoner Literaturwissenschaftlers Jeremy Adler und Fotografien aus der Zeit ein wichtiges Stück zu Canettis Autobiographie.…mehr

Produktbeschreibung
Ein unverblümter Text über seine Jahre in England, den sich Canetti nicht zu veröffentlichen traute: über verarmende Adlige und wirklich arme Emigranten, über eitle Dichter und schöne Malerinnen und über seine Liaison mit der später berühmten Autorin Iris Murdoch. Mit dem Nachwort des Londoner Literaturwissenschaftlers Jeremy Adler und Fotografien aus der Zeit ein wichtiges Stück zu Canettis Autobiographie.
  • Produktdetails
  • Verlag: HANSER
  • Artikelnr. des Verlages: 505/20350
  • 3. Auflage
  • Seitenzahl: 248
  • Erscheinungstermin: 4. August 2003
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 132mm x 25mm
  • Gewicht: 405g
  • ISBN-13: 9783446203501
  • ISBN-10: 3446203508
  • Artikelnr.: 11797631
Autorenporträt
Elias Canetti (* Ruse/Bulgarien 1905, † Zürich 1994) wuchs in Bulgarien, England, Österreich und der Schweiz auf. Seinen Vater verlor er im Alter von sieben. Weitere Umzüge und Studienjahre (Chemie) folgten in Frankfurt und Wien. 1938 emigrierte Canetti, der aus einer jüdischen Familie stammte, nach dem Anschluss Österreichs mit seiner Frau nach London, später lebte das Paar in Zürich. 1935 erschien sein erster und einziger Roman "Die Blendung". Der "Dichter ohne Werk", wie sich Canetti selbst titulierte, legte u. a. noch Dramen, ein autobiografisch inspiriertes Werk (u. a. "Die gerettete Zunge" 1977, "Das Augenspiel" 1985, "Die Fackel im Ohr" 1989) und zahlreiche Essays vor. Als Hauptwerk Canettis neben der "Blendung" gilt die soziologisch-psychologische Studie zu einem seiner wichtigsten Themen, der Massenbewegung und Massenpsychologie: "Masse und Macht" (1960). Den Nobelpreis für Literatur erhielt Elias Canetti 1981, zuvor war ihm u. a. auch der Georg-Büchner-Preis (1972) verliehen worden.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 11.10.2003

Ende der Maskerade
In "Party im Blitz" zeigt sich Elias Canetti von unbekannter Seite

Dies ist ein Buch, das beim zweiten Lesen immens gewinnt. Dann hat sich das Erstaunen gelegt über den bisweilen harschen Ton, den Elias Canetti anschlägt, über die teilweise mißratene Komposition, über die Redundanzen. Und man beginnt, die Intensität der Beschreibungen zu würdigen, Canettis Wagemut beim Metapherngebrauch und vor allem sein Auge für Menschen. Alle seine Erinnerungs- und Aphorismenbücher könnten den Titel des dritten Bands seiner Autobiographie tragen, die vor mehr als zwanzig Jahren erschienen ist: "Das Augenspiel". Das gilt auch für seine nun publizierten Erinnerungen aus England.

Es war bekannt, daß Canetti sein Memoirenprojekt fortsetzen wollte: Fünf Bücher sollten es insgesamt werden, jedes nach einem der fünf Sinne benannt. Die 1977 mit "Die gerettete Zunge" begonnene Trilogie hatte den Autor einem breiten Publikum bekannt gemacht und selbst jene Leser gewonnen, denen sein Roman "Die Blendung" zu gnadenlos und das soziologische Meisterwerk "Masse und Macht" entweder zu voraussetzungsreich (für die Literaturliebhaber) oder zu verspielt (für die Wissenschaftler) gewesen war. Der Nobelpreis von 1981 wäre ohne das Memoirenwerk undenkbar gewesen; es steht als ein Solitär im weiten Feld der Erinnerungsliteratur - stilsicher, messerscharf und trotz insgesamt rund tausend Seiten Umfang von unerreichter Ökonomie des Erzählens.

Dem jetzt aus dem Nachlaß zusammengestellten Band mit dem zwar sinnenfrohen, doch sinnenfernen Titel "Party im Blitz" über Canettis Zeit in England kann man nur das zweite Lob uneingeschränkt erteilen - und just die Schärfe seiner Personendarstellungen ist Canetti schon früher immer wieder vorgeworfen worden. Doch was im neuen Buch, ungefiltert durch die strengen Redigate, denen Canetti seine eigenen Texte zu unterwerfen pflegte, zu finden ist, ist ohne Beispiel. Die Wutausbrüche gegen T. S. Eliot etwa oder seine Ausfälle gegen Margaret Thatcher stehen in seinem Werk einzig da, denn selbst gegenüber dem ihm besonders verhaßten Massenmörder Hitler hatte er sich stets die Flucht in Zornessuaden oder gar Spott verkniffen. Frau Thatcher aber wird zur "obersten Predigerin der Selbstsucht", zur "Gouvernante", Eliot zum "besten Beispiel für die wahren Hochmuts-Künstler".

Besonders skandalträchtig aber sind die Ausführungen zu Iris Murdoch, mit der Canetti ein Liebesverhältnis unterhielt. Als er 1993 dieses Porträt verfaßte, ein Jahr vor dem eigenen Tod, lebte auch die britische Schriftstellerin noch. Canetti pflegte außerhalb seiner fiktiven Texte nicht explizit zu werden, doch in der Schilderung der Beziehung zu Iris Murdoch läßt er wenig aus. Für ihn war Schreiben gleichbedeutend mit Überleben, es war Lebensmittel im buchstäblichen Sinne des Wortes. An eine unbearbeitete Publikation hat Canetti aber nicht gedacht, auch wenn sein Freund Jeremy Adler in einem ansonsten klugen Nachwort die Veröffentlichung rechtfertigt: "Canetti hat wiederholt bemerkt, daß er viele Werke absichtlich unbeendet lasse . . . Diese würde man nach seinem Ableben entdecken und verbreiten, wodurch er sich vor dem Untergang bewahren würde." Jedoch nur kurz zuvor zitiert Adler eine Notiz Canettis aus jenem Manuskriptkonvolut, das das Herzstück von "Party im Blitz" darstellt: "in dieser Form nicht zu veröffentlichen".

Im Text selber wird der Widerspruch zwischen Autorintention und Buchpublikation noch deutlicher: "Es wird nicht leicht sein", notiert Canetti in seinem Porträt von Ralph Vaughan Williams, "denn ich kann über die überwältigend komische Geschichte der Ursula, durch die ich ihn kannte, nicht erzählen, über ihren Falstaff, der sozusagen mitgeheiratet wurde, der im Hause des wunderbaren Mannes gelebt, kann ich nur für mich etwas sagen, nie in einem Buch publik machen." Was nun mit Genehmigung von Canettis Tochter Johanna aber geschehen ist. Die Selbstbefragung wird öffentlich.

Mag sein, daß es ihn nicht wirklich gestört hätte. Canetti war eitel, und seine Ressentiments gegenüber manchen Zeitgenossen erklären sich daraus, daß sie ihm charakterlich zu nahe waren. Ganz besonders deutlich wird das an seinem Abscheu vor der Psychoanalyse. Analytiker seien "die Sorte von Menschen, die ich am tiefsten verachte". Canetti wirft ihnen vor, daß sie sich nur den Anschein gäben zuzuhören. "Ihre Zeit ist kostbar, sie verkaufen sie teuer." Der alte Zorn des zeitweise überzeugten Kommunisten Canetti gegen jede Form von merkantil geprägter Sozialität tritt hier in ungekannter Vehemenz zutage. Er selbst begreift sich als Gegenmodell: "Ich habe in jener englischen Zeit während mehr als dreißig Jahren jedem meine Zeit geschenkt." Hier hätte er eigentlich "geschenkt" kursivieren müssen.

Canetti war ein unersättlicher Zuhörer - und ein geradezu im sexuellen Sinne des Wortes dominanter Erzähler. Verräterisch seine Bemerkung: "Es gibt nichts, das mich so stark zum Umgang mit bestimmten Menschen zwang als ihr Wunsch, mir zuzuhören. Dieser Wunsch war bei Iris eine Passion. Dafür mochte ich sie." Daß beider Verhältnis sadomasochistische Züge trug, ist bekannt. Für seine Tagebücher hat Canetti testamentarisch eine Schutzfrist von dreißig Jahren festgelegt. Das mag man seltsam finden bei einem, der einmal gefragt hat: "Was ist denn wahrer an einer Autobiographie als an einer anderen Erzählung?"

An anderer Stelle findet sich die Erklärung, verfaßt just zum Entstehungszeitpunkt der Erinnerungen an England: "Man bezieht sich auf die Schilderung seines Lebens so wie auf dieses selbst. Sie sind schließlich unabhängig voneinander wie zwei Leben. Vielleicht hält man sich mehr an das geschriebene, es erscheint einem wahrer." Entsprechend stilisiert sich Canetti, etwa als selbstlosen Zuhörer: "Das ist das eigentliche Glück, bei andern und nicht bei sich zu sein." Die Methode der Psychoanalyse hätte ihm sympathisch sein müssen, doch er neidete Freud dessen Ruhm. In England, wo Canetti außerhalb des Intellektuellenzirkels von Hampstead fast unbekannt war, galt Freud, wie Canetti anmerkt, "als Wohltäter der Menschheit". Genau so aber begriff sich Canetti selbst, denn wem stünde dieser Titel eher zu als dem nimmermüden Streiter gegen den Tod?

Dabei - und wir sind nun längst bei den Stärken des neuen Memoirenbands gelandet - revidierte Canetti nach dem Abschluß von "Masse und Macht" seine rigiden Ansichten zum Skandalon des Todes. In einer spektakulären Passage widerruft er die für seine Machttheorie zentrale These vom Gefühl der Überlegenheit des Friedhofsbesuchers beim Betrachten der Gräber: "Wenn ich es einmal vielleicht zu bestimmt und summarisch ausgedrückt habe, so möchte ich hier spät und vor dem eigenen Torschluß eine Korrektur darin anbringen." Schon die flapsige Metapher vom Torschluß für den Tod ist ein Rarissimum, doch Canettis weitere Ausführung, daß er nunmehr auf Friedhöfen "ein friedliches Gefühl" empfinde, "eines, das man mit dem Inhaber des Grabes teilte", entzieht seiner früheren Todes- und Überlebenstheorie den Boden. Hier tritt vor eigenen biographischen Erfahrungen der strenge Denker zurück. Nie sonst hat Canetti seine Leser so dicht an sich herangelassen.

Noch mehr als im restlichen Memoirenwerk ist die Chronologie der Ereignisse Nebensache, es findet sich kaum eine Jahreszahl in "Party im Blitz". Canetti floh 1938 nach dem Einmarsch der Deutschen in Österreich aus Wien nach Paris und dann im Januar 1939 weiter nach London. Die Jahre zwischen dem Tod der Mutter 1935, der "Das Augenspiel" beschließt, und der Ankunft in England sind die unbekanntesten im Leben Canettis. "Die Blendung" erwies sich als kommerzieller Mißerfolg, die Theaterstücke wurden nicht aufgeführt, sein kommunistisches Ideal hatte im österreichischen Ständestaat keine Chance.

Aus dieser Zeiterfahrung heraus sollte wohl der vierte Band der Erinnerungen gearbeitet werden, doch er hätte Canetti mit den Nazis konfrontiert, mit der Demütigung seiner Flucht und mit dem bei ihm fast immer unausgesprochenen Schrecken der Judenvernichtung. "Party im Blitz" bietet dazu eine Passage, die intensiver als alles andere in seinem Werk spüren läßt, was für eine Bedeutung die Schoa für Canetti besaß. Es ist das schönste Kapitel des Buchs, ein Meisterwerk psychologischer Betrachtung, und sein "Held" ist ein Straßenkehrer, den Canetti während des Kriegs für dessen Ruhe und Höflichkeit bewundert. "Eines Tages, als man das Schrecklichste erfahren hatte, diesmal in Einzelheiten und unwiderlegbar, machte er zwei Schritte auf mich zu, was er noch nie getan hatte, und sagte: ,Es tut mir leid, was jetzt Ihren Leuten geschieht', ,your people', sagte er und fügte hinzu: ,Es sind auch meine Leute.'"

In dieser Miniatur eines alten Mannes steckt Canettis persönliches Dilemma. Der Theoretiker der Macht konnte die Masse letztlich nur verachten, weil sie so leicht zu manipulieren war. Die schiere Zahl ermordeter Juden durfte ihm nur Überlebensmut einflößen, kein Mitleid - zumindest nicht nach außen hin. Stellvertretend für "seine Leute" beklagte er somit den Tod dessen, der sich ihnen zugehörig gezeigt hatte: des Straßenkehrers, der wenig später starb. "Nur um vier oder fünf Menschen habe ich so getrauert wie um ihn."

Solche Stellen machen "Party im Blitz" zur Sensation, denn sie zeigen Canetti unverwandelt. In seinen Büchern betrieb er schon aus ästhetischen Gründen eine Maskerade, nach seinem Tod war das nicht mehr möglich. Dennoch hat die Publikation etwas Indiskretes - und etwas Ärgerliches, weil verzweifelt alles zusammengetragen worden ist, was Canetti in den frühen neunziger Jahren, als er sich dem Memoirenprojekt wieder zuwandte, zu England geschrieben oder diktiert hat. So gibt es gleich mehrere Kapitel, die nach zwei, drei Absätzen noch einmal neu zu beginnen scheinen, gibt es monotone Wiederholungen gerade der funkelndsten Beobachtungen, die dadurch ihren Glanz einbüßen. Dessenungeachtet ist "Party im Blitz" ein grandioses Buch, denn die nahezu brutale Kraft von Canettis Zugriff auf seine Umgebung überträgt sich auf den Leser. Wie mag diese literarische Daumenschraube erst bei der dritten Lektüre wirken?

Elias Canetti: "Party im Blitz". Die englischen Jahre. Hanser Verlag, München 2003. 247 S., 12 Abb., geb., 17,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Kurz vor seinem Tod im Jahr 1994 hatte sich Elias Canetti daran gesetzt, seiner autobiografischen Trilogie "Fackel im Ohr", "Die gerettete Zunge" und "Das Augenspiel" einen vierten Band hinzuzufügen. Dieser sollte, erläutert Cristina Nord, Canettis Zeit in England beschreiben, wohin er 1938 emigriert war, doch das Buch blieb fragmentarisch. Es knüpft insofern nicht an die Trilogie an, meint Nord, als die Person des Autors außen vor bleibe. Nord sieht "Party im Blitz" eher in der Tradition der "Hampstead Intellectuals", da Canetti hierin vor allem ein Bild seiner Londoner Freunde und des englischen Gesellschaftslebens zeichnet, das er als ausgesprochen distanziert und gefühlskalt beschreibt: von "Vertrocknungen" und einem "Leben als gesteuerte Mumie" sei die Rede, zitiert Nord. Je mehr Canetti sich ereifere, desto mehr relativiere er auch, bemerkt Nord. Den ersten Satz des Buches "Ich bin in Verwirrung über England" sieht sie deswegen bestätigt. Auch Canettis teils böswilligen Beschreibungen seiner Freunde und insbesondere seiner Geliebten Iris Murdoch empfindet die Rezensentin als zwiespältige Angelegenheit, denn die böswillige Beschädigung anderer Personen falle letztlich wie eine Peinlichkeit auf den Autor zurück, findet Nord.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 13.08.2003

Die irgendwie falsche Freundschaft
Von der Lust des Angriffs und der Last der Verachtung: Elias Canettis Nachlasswerk „Party im Blitz”
Welche Geister liebt man so sehr, dass man es nicht wagt, alles von ihnen zu lesen?
Elias Canetti
Bei Elias Canetti herrscht immer Krieg: Um die Liebe, also ums Geld geht es in der „Hochzeit”; in der „Blendung” will die Haushälterin Therese ihrem Untermieter, dem weltfremden Sinologen Peter Kien, an den Leib, an die Bibliothek, also ans Leben; in der großen Mythenerzählung „Masse und Macht” bekämpfen sich die Massen, kämpfen Mächtige und Ohnmächtige um die Oberhand, kämpft Canetti gegen Sigmund Freud; in den autobiografischen Büchern wird mit der Mutter gerungen, mit Karl Kraus, noch erbitterter mit Freud und doch auch mit dem Vater, der starb, als Canetti sieben Jahre alt war, bei der morgendlichen Lektüre der Zeitung, die Nachricht von einem neuen Krieg brachte.
Wie viele Kriege hat Canetti Zeit seines Lebens (1905 bis 1994) mitgemacht? „Es begann für mich mit dem Balkankrieg (1912) und ist achtzig Jahre später (1992) in den Balkankrieg zurückgemündet”, heißt es in den letzten „Aufzeichnungen”. Dazwischen der Erste und Zweite Weltkrieg, danach sämtliche lokalen Konflikte, die einen dritten vermeiden helfen sollten: der um den Suez-Kanal, der Sechs-Tage-Krieg, Vietnam, die afrikanischen Befreiungs- und Stellvertreterschlachten, die vergessene Falkland-Kampagne, der erste amerikanische Golfkrieg. Hans Magnus Enzensberger borgte sich den Begriff, mit dem er seinerzeit Saddam Hussein unserm Hitler beigesellte, bei Canetti: der Feind der Menschheit.
Der Fluch aller Menschen
Bis zuletzt sah sich Canetti selber als „Tod-Feind”, als einsamen Kämpfer, der sich nicht damit abfinden kann, dass er, dass der Mensch zum Sterben verurteilt sein soll. Das ist ein Denken wider besseres Wissen, aber mit dem eigenen Körper. Macht und Ohnmacht, Krieg, Erniedrigung, jede Form von Leid spürt er am eigenen Leib.
In Canettis Erinnerungen an die dreißiger Jahre kommt der Held 1937 in großer Erregung ins Wiener Café Museum, um sich mit seinem Freund Dr. Sonne (Abraham ben Yitzchak) zu treffen. „Guernica war von deutschen Fliegern mit Bomben belegt und zerstört worden. Ich wollte einen Fluch von ihm hören und er sollte der Fluch aller Basken, aller Spanier, aller Menschen sein.” Sonne aber sagt nichts. Er schweigt, zeigt seine Ohnmacht, sagt dann um so machtvoller: „Ich zittere um die Städte.” Das Zittern war berechtigt. Bald darauf marschierten die Nazis in Österreich ein, Canetti musste mit seiner Frau fliehen. In England fanden sie Zuflucht, doch die deutschen Bomber folgten ihnen, um die Städte zu zerstören. Der moralische Surplus einer solchen Vorahnung ist kaum zu überbieten. Erschienen ist „Das Augenspiel” allerdings erst im sicheren Abstand, 1985.
Elias Canetti, der Canetti der veröffentlichten Bücher, leidet mit dem Unglück des Menschen und der Welt, er macht es sich so prophetisch zu eigen wie Jeremias und selbst der wankelmütige Jonas. „Ich kann keine Landkarte mehr sehen. Die Namen der Städte stinken nach verbranntem Fleisch”, lautet einer der frühesten Einträge 1943 in den Aufzeichnungen, die unter dem Titel „Die Provinz des Menschen” herauskamen.
In den Notizen über die „englischen Jahre”, 1990 bis 1994 entstanden und jetzt unter dem merkwürdig aufgesteilten Titel „Party im Blitz” erschienen, kommt der Krieg allerdings kaum vor. In seinem Nachwort möchte Jeremy Adler den verworrenen Band als Fortsetzung der Lebensgeschichte verstanden wissen. Dafür fehlt aber nicht bloß die stilistische Bearbeitung, auch die Stilisierung des Erzählers zum Welt-Ich ist nicht so weit fortentwickelt wie in den vorigen drei Bänden. Andererseits präsentiert die fehlende Stilisierung Elias Canetti persönlicher und direkter, als ihm lieb sein könnte.
Ein Niemand in England
Vielleicht bestätigt sich auch nur, was Canetti in seinen Aufzeichnungen schon fünf Jahrzehnte früher notierte: „In England magern die Worte ab.” Flugzeuge sind kurz in der Luft, aber es sind nicht einmal deutsche. Viel drängender als der Krieg ist die Armut der Flüchtlinge, doch auch die erwähnt Canetti nicht. Seine Frau schreibt 1940 an den gemeinsamen Freund Franz Baermann Steiner: „Wir leben noch und sind auch in London, aber während die anderen in ihren Häusern und shelters auf die Bomben warten, haben wir gewöhnlich nicht den Zins für das Zimmer, das über uns einbrechen wird.” Die Canettis lebten bald nicht mehr in London, sondern auf dem Lande in Amersham, waren weder von Bomben bedroht noch von den Aufräumarbeiten in London.
Die „Trostlosigkeit auf Parties”, die Canetti beklagt, hat den nächstliegenden Grund: „Ich war den Engländern völlig unbekannt, unter zwanzig oder dreißig Dichtern ein Niemand, ich hatte schon über fünf Jahre im Lande gelebt, aber nichts publiziert.” Da Unwissenheit nicht vor Strafe schützt, lässt es der spätere Nobelpreisträger diese Banausen entgelten. Auf seine letzten Tage verstand sich Canetti offenbar als eine Art Mentalitätshistoriker. Es gelingen ihm allerdings keine bedeutenden, schon gar keine ethnologisch brauchbaren Aussagen. „Distanz” soll „eine Hauptübung der Engländer” sein, „Selbstbeherrschung und Ruhe die einzig legitimen Mittel, das Leben zu meistern”. Am Ende läuft es auf den Satz hinaus: „Ich bin in Verwirrung über England.” Der oft grausame englische Humor (und Canettis Werk ist grausam humorfrei) liefert nur Grund zum Tadel und verleitet den Kulturkritiker zu einem seiner absurdesten Sätze: „Die Freude am Hin- und Herschwingen der Gehenkten damals ist nur der heute an den Beatles zu vergleichen.”
Margaret Thatcher wird noch einmal in Grund und Boden verdammt, Oxford gleich mit, weil es ihn nicht aufnahm, die alte Klassengesellschaft hinterdrein, deren Spitzenvertreter sich doch alle Mühe gaben, einen Exoten wie Canetti an sich zu ziehen. Viele der Aristokraten, Wissenschaftler, Dichter, die er erwähnt und zumeist tadelt oder gleich beschimpft, haben sich um den Autor gekümmert, von dem es genau ein Buch und das nur auf Deutsch gab. Sie haben ihn finanziell unterstützt, mit auf Reisen genommen, weiterempfohlen. Tut aber nichts: „Ich hatte in England gelebt, als sein Geist zerfiel.”
Dieser Englandhass ist nicht einmal authentisch, sondern nachgetragen. In den Aufzeichnungen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit findet Canetti ganz andere Worte für das Land, in dem er von 1939 bis Anfang der siebziger Jahre lebte: „Zuhause fühle ich mich, wenn ich mit dem Bleistift in der Hand deutsche Wörter niederschreibe und alles um mich herum spricht Englisch.”
Die Wahrheit über das lange Leben in London, währenddessen sich Canetti ein Schreibverbot auferlegt hatte und nur für „Masse und Macht” sammelte, sich daneben in einer geschäftigen Satyriasis erging, zwischen Bibliotheken und Geliebten hin und her wanderte, zwischen Zweit- und Drittfrauen wie Anna Mahler, Friedl Benedikt, Marie-Louise von Motesiczky und Iris Murdoch, die erobert sein wollte, während in der gleichen kleinen Wohnung die Hauptfrau Veza für das Liebespaar kochte –: dieses eher komische Emigrantenleben wartet noch auf einen Autor. Der Canetti zuletzt unendlich verhasste Thomas Bernhard hätte es sein können.
Canetti, das zeigt sich in diesem Nachlassband, ist nicht der beste Autor seines Lebens. Dafür ist er immerhin, wie er selber über Karl Kraus sagt, „von der Lust und Unersättlichkeit des Angriffs erfüllt”. Manche Bemerkungen sind in ihrer Übertreibungslust tatsächlich ein wenig komisch. T. S. Eliot, der sich nichts Schlimmeres zu schulden kommen ließ, als lang vor Canetti den Literaturnobelpreis zu empfangen, ist „eine erbärmliche Figur”, ein „Wüstling des Nichts”, wie eigentlich alle Engländer eine „gesteuerte Mumie”. Die vor fünf Wochen gestorbene Dichterin Kathleen Raine hat ihn zwar nach Kräften gefördert, aber sie gehörte „zu den Menschen, die ich jahrzehntelang kannte und doch nie mochte”. Es war eine „irgendwie falsche Freundschaft”. Irgendwie falsch muss auch das Verhältnis zu Iris Murdoch gewesen sein, das zwar vier Jahre währte, aber doch nichts Rechtes war. „Vielleicht hätte ich mich, wenn es etwas ganz anderes gewesen wäre, doch in Liebe zu ihr finden können.” Aber leider war es nicht ganz anders, sondern so: „Alles, was ich am englischen Leben verachte, ist bei ihr gesetzt worden.”
Wollige, unschöne Sachen
Aber was war denn nun falsch an ihr? „Ich halte Iris für einen sozusagen ‚illegitimen‘ Dichter.” Außerdem hat sie mit Homosexuellen geflirtet und, als sie mit Canetti ins Bett ging, „Sachen an, die nicht das Entfernteste mit Liebe zu tun hatten, wollige, unschöne (. . .) Es war keine Zeit, ihre Sachen oder sie selbst zu betrachten.” Vor allem hatte die Autorin Iris Murdoch den Erfolg, der vielleicht einem verkannten Dichter zustand, aber doch nicht einer Oxford-Studentin in Wollsachen. Canetti hat ihr das nie verziehen.
Auf ganz andere als die sonst stilisierte Weise zeigt sich Canetti in diesem aufgeregten Buch als Todfeind. T. S. Eliot und Iris Murdoch werden mit dem biblischen Fluch bedacht, den sich der junge Canetti 1937 im Wiener Kaffeehaus vom verehrten Dr. Sonne erwartete.
In der „Party im Blitz” lodert sein höchst persönlicher Hass, der nachgetragene Zorn für die Minderachtung, mit der er so lange leben musste, der Jahrzehnte lang wühlende Neid auf den Erfolg anderer. Der Leser, der Verehrer Canettis hätte sich diese Niedrigkeit gern erspart.
„Du magst dich stellen, wie du willst, mild und verzeihend, Verachtung bleibt in deinem Zentrum, und wirklich hast du etwas zu sagen, wenn du etwas verachtest.”, heißt es in den „Aufzeichnungen 1992-1993”. Es ist traurig, aber wahr: Bei aller Verachtung hat Canetti in diesem Buch nichts zu sagen. Sein letzter Krieg, der Krieg gegen sich selber, geht in einer langweiligen Party zu Ende.
WILLI WINKLER
ELIAS CANETTI: Party im Blitz. Die englischen Jahre. Hanser Verlag, München 2003. 248 Seiten, 17,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
…mehr
"An Glanz der Formulierungen, an Knappheit und Konzentration steht dieser letzte Band den vorangehenden ... nicht nach." Andreas Isenschmid, Neue Züricher Zeitung, 3.8.03