Das Denken bei sich - Kudszus, Hans
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Produktdetails
  • Verlag: MATTO
  • Erscheinungstermin: März 2002
  • Abmessung: 200mm x 115mm
  • Gewicht: 230g
  • ISBN-13: 9783936392012
  • ISBN-10: 3936392013
  • Artikelnr.: 10611798
Rezensionen
Besprechung von 27.05.2002
Ariadnefaden ohne Labyrinth
Wiederzuentdecken: Der verschollene Aphoristiker Hans Kudszus

Manche Leser einer Berliner Tageszeitung schnitten sich in den sechziger und frühen siebziger Jahren Gedankensplitter und Aphorismen aus, die unter dem schlichten Titel "Anmerkungen" erschienen. Ihr Verfasser Hans Kudszus galt als Geheimtip. Er war nicht menschenscheu und hatte ein sokratisches Temperament, doch er schien es mit der alten Devise zu halten, wonach der gut lebt, der sich gut zu verbergen weiß.

Weder der Kritikerpreis 1962/63 noch die von Wilhelm Weischedel 1967 initiierte Ehrendoktorwürde der FU hoben ihn deutlicher ins öffentliche Licht, auch nicht der Band "Jaworte, Neinworte", den die Freunde Joachim Günther und Dieter Hildebrandt vorbereitet hatten. Immerhin war diese Auswahl mit sechshundert Aphorismen, 1970 in der Bibliothek Suhrkamp erschienen, schnell vergriffen. So ist Hans Kudszus, der 1977 mit 75 Jahren starb, ein Mann unius libri geblieben. Im Nachlaß aber fanden sich, neben zahllosen publizistischen Beiträgen zu philosophischen Themen, fast tausend weitere Aphorismen. Dreihundert davon bringt nun der Band "Das Denken bei sich". Dieter Hildebrandt rühmt im Vorwort mit Kudszus einen Denker, dem Denken nicht Zeitvertreib, sondern Lebenselixier war und das Schweigen einer der kostbarsten Schätze dieser Welt.

Der Leser stößt auf viele Aphorismen, die - über ihre Erkenntniskraft hinaus - ein Selbstporträt dieses Mannes ergeben. "Er ,brachte es zu nichts', weil er etwas war." Kudszus besaß die Fähigkeit zum Staunen als Anfang aller Philosophie. Er staunte vor allem über das, was Sprache leistet oder anrichtet. Sein Spracheros und Sprachzweifel standen in der Tradition von Kraus und Wittgenstein. "Der Lärm des Daseins beginnt mit der Sprache: Jeder Laut ist laut", heißt es bei ihm. Aber auch: "Könnten wir sagen, was wir denken, so vermöchten wir auch zu denken, was wir sagen." Kudszus war zu demütig und zu klarsichtig, um sich mit seinen Vorgängern messen zu wollen. Er hatte Aphorismen, aber kein Werk. Das empfand er durchaus als Schmerz: "Im Labyrinth ohne Ariadnefaden sein ist nicht so schlimm wie einen Ariadnefaden ohne Labyrinth besitzen."

Man wußte, daß Hans Kudszus mit Adorno bekannt gewesen war und sich diesen als Herausgeber der "Jaworte, Neinworte" gewünscht hatte. Adornos Tod im August 1969 hatte das verhindert. Der Band "Das Denken bei sich" präsentiert als Erstdruck Adornos höchst positives Gutachten zur Ehrenpromotion. Auf das Bekenntnis, Kudszus "die fruchtbarsten Anregungen zu verdanken", folgt die Bekundung, er rechne ihn zu jenem Gelehrtentypus, "der so sehr in die Sache versunken ist, daß ihm dabei die Wahrnehmung der eigenen Interessen völlig zurücktritt". Ein rarer Mensch also. Kudszus hat das Staunen über einen Menschen am schönsten formuliert: "Das Seltsame an einem Menschen ist, daß es ihn gibt."

HARALD HARTUNG

Hans Kudszus: "Das Denken bei sich". Aphorismen. Matto Verlag Albrecht Pfundt, Köln 2002. 116 S., geb., 16,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Harald Hartung begrüßt in einer kurzen Kritik das Erscheinen des Bandes, der 300 Aphorismen aus dem Nachlass des Autors, der in den 60er und 70er Jahren Aphorismen für die Berliner Zeitung schrieb, versammelt. Hartung fühlt sich an Kraus und Wittgenstein erinnert und preist die Texte für ihre philosophische Tiefe. Dass sie nicht nur Erkenntnis vermitteln, sondern auch ein "Selbstporträt" des Autors entsteht, findet der Rezensent besonders erfreulich.

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