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"Wir haben keine Vergangenheit", räsonierte Hitler über die verzweifelten Versuche der SS-Archäologen, die in den Wäldern Germaniens nach den Vorfahren der Deutschen gruben und lediglich Scherben zu Tage förderten. Die Vergangenheit einer Rasse, so Hitler, auf welche die Deutschen stolz sein könnten, befand sich deshalb in Griechenland und in Rom. Die Inszenierung dieser erlogenen Abstammung breitete sich folgerichtig im öffentlichen Raum aus: in der neo-römischen Architektur, in der neo-griechischen Nacktheit in Kunst und Sport, in den Feldzeichen und Standarten der Aufmärsche oder in der…mehr

Produktbeschreibung
"Wir haben keine Vergangenheit", räsonierte Hitler über die verzweifelten Versuche der SS-Archäologen, die in den Wäldern Germaniens nach den Vorfahren der Deutschen gruben und lediglich Scherben zu Tage förderten. Die Vergangenheit einer Rasse, so Hitler, auf welche die Deutschen stolz sein könnten, befand sich deshalb in Griechenland und in Rom. Die Inszenierung dieser erlogenen Abstammung breitete sich folgerichtig im öffentlichen Raum aus: in der neo-römischen Architektur, in der neo-griechischen Nacktheit in Kunst und Sport, in den Feldzeichen und Standarten der Aufmärsche oder in der antikisierenden, pathetischen Ästhetik der Parteitage. Was eignete sich besser als Sparta, um einen neuen Menschen zu schaffen? Welches Beispiel konnte besser sein als Rom, um ein Imperium, ein Weltreich aufzubauen? Die bahnbrechende Darstellung von Johann Chapoutot belegt akribisch anhand zahlreicher Beispiele die totalitäre Instrumentalisierung der Antike für ein verbrecherisches Weltbild.
  • Produktdetails
  • Verlag: Wbg Philipp Von Zabern
  • Seitenzahl: 500
  • Erscheinungstermin: Juli 2014
  • Deutsch
  • Abmessung: 246mm x 170mm x 40mm
  • Gewicht: 1054g
  • ISBN-13: 9783805347686
  • ISBN-10: 3805347685
  • Artikelnr.: 40080549
Autorenporträt
Chapoutot, Johann
Univ.-Prof. Dr. Johann Chapoutot, geb. 1978, studierte Geschichte, Germanistik und Jura in Paris und Berlin und promovierte an der Université Paris I Panthéon Sorbonne und der TU Berlin. Er ist seit 2016 Professor an der Universität Paris-Sorbonne. Chapoutot ist Zeithistoriker und forscht multidisziplinär auf dem Gebiet der politischen und kulturellen Geschichte, mit Schwerpunkt Deutschland und europäischer Moderne. 2015 erhielt er für sein Buch 'Das gesetz des Blutes' den 'Yad Vashem Book Prize for Holocaust Studies'.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Keine Leseempfehlung spricht Stefan Rebenich für das Buch des französischen Historikers Johann Chapoutot aus. Was der Autor in seiner Dissertation über die nationalsozialistische Verwurstung der griechischen und römischen Antike zu sagen hat, kennt er längst aus anderen Arbeiten. So scheint ihm, wenn Chapoutot großsprecherisch atemberaubende Belege zu liefern verspricht für die Instrumentalisierung  der Antike im Verbrecherstaat, die größte Leistung des Autors zu sein, jegliche Forschung zum Thema geflissentlich ignoriert zu haben.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 22.08.2014

Ohne Marmor kein Imperium
Die Antike als Referenz im Nationalsozialismus: Johann Chapoutot sammelt Zitate

Die römische Schau zum zweitausendsten Jahrestag der Geburt von Augustus fand im Jahr 1937 statt. Sie zog ihre Überzeugungskraft zu einem guten Teil aus einer für Benito Mussolinis politische Vision glücklichen Übereinstimmung: Der genealogische Bezug auf die alten Römer als Vorfahren der aktuellen Italiener und der Verweis auf die imperiale Formen- und Bildsprache, wie sie im Ausstellungsgebäude an der Via Nazionale zum Ausdruck kam, waren deckungsgleich. Im nationalsozialistischen Deutschland sah das anders aus.

Hier blühte zum einen der von Heinrich Himmler geförderte Germanenkult, wurden Dörfer und Kultstätten ausgegraben und las man die "Germania" des Tacitus als Hymnus auf die einfache und rassereine Lebensform der Ahnen. Damit konnte andererseits Hitler nicht viel anfangen; sein Spott über die Germanentümelei ist bekannt. Denn die Vorfahren in den Wäldern taugten nicht als Vorbilder, weil mit ihnen - zerstritten, faul und barbarisch, wie sie daherkamen - kein Staat zu machen, kein Imperium zu errichten war. Hitler hielt es viel eher mit den Römern, die alles bereithielten, was man brauchte: starke Führer, Ausdauer im Krieg, kulturelles Prestige, ein universales Reich und götterdämmerungsgleiche Endkämpfe.

Eine notdürftige Brücke zwischen beiden Richtungen bildete die nordische Rasse, der man auch die indogermanischen Römer (und Griechen) zuordnete - vor dem Einströmen orientalischer Elemente und dem selbstverschuldeten "Rassetod".

Diese Ambivalenz im Rekurs der Nationalsozialisten auf die Antike bildet eine Deutungsachse in der Studie von Johann Chapoutot, die aus einer Pariser Dissertation hervorgegangen ist. Kenntnisreich, mit vielen Zitaten aus teils weniger bekannten Schriften fächert er die zentralen Themen und Ideologeme auf, darunter das rassische Geschichtsbild, die elitär-aristokratische Umprägung des Humanismus, den antikisierenden Körperkult, Platon und Sparta als antike Referenzen für ein neues Staatsverständnis sowie Rom als Marmormonument gewordenes Vorbild eines künftigen Weltreichs.

Gezeigt wird, wie die mögliche und am Ende die tatsächliche Niederlage durch Spiegelung in die Antike überhöht wurde: der Kampf gegen Juden und Christen, der Niedergang des Blutes durch Vermischung und schließlich die ästhetisierend-nihilistische Stilisierung des eigenen Untergangs. In den Bauten für die Ewigkeit, die zugleich auf ihr künftiges Ruinentum verwiesen, wie im mythogenen Sterben ging es nicht zuletzt darum, "die Zeit in Form heroischer Erinnerung zu besiegen".

Selbst Kenner finden hier noch vielfältige Belehrung, schaurige Zitate und erhellende Querverbindungen. Dennoch vermag das Buch nicht recht zu befriedigen. Das Thema ist zu groß dimensioniert, wichtige Forschung nicht zur Kenntnis genommen. Der Autor verbleibt weitgehend auf der inhaltlichen Ebene und interpretiert immanent, wobei Texte von Hitler und anderen nationalsozialistischen Größen ebenso wie Schulungsschriften, Lehrbücher und Propagandatraktate umstandslos nebeneinandergestellt werden. Das suggeriert eine große Homogenität, wird aber sogleich durch die ebenso zutreffenden Hinweise auf die vielen konkurrierenden Strömungen im polykratischen Doppelstaat konterkariert.

Vor allem aber fehlt Chapoutot das Interesse an den institutionellen Rahmenbedingungen und Entwicklungen, wie sie vor bald vierzig Jahren Volker Losemann in seiner bahnbrechenden Marburger Dissertation "Nationalsozialismus und Antike" - damals gegen viel stärkere Widerstände - aufgezeigt hat. Auch nähere Kenntnis der angeführten Autoren ist keine Stärke der Studie: Wenn Joseph Vogt eine Professur in Leipzig zugedacht oder der Latinist Hans Oppermann als Historiker ausgeflaggt wird, sind das Versehen, aber eine gesonderte Ausgabe der Kapitel von Mommsens "Römischer Geschichte" zum antiken Judentum in einem Atemzug mit NS-Propagandatraktaten zu nennen, obwohl der Herausgeber Eugen Täubler Jude war und die Schrift in einem jüdischen Verlag erschien, deutet darauf hin, dass Chapoutot diese nie in der Hand hatte.

Dazu kommen verballhornte Namen und Daten sowie eine begrifflich nicht immer präzise Übersetzung. Bei allem Reichtum - methodisch und handwerklich bedeutet das Buch eher einen Rückschritt.

UWE WALTER

Johann Chapoutot: "Der Nationalsozialismus und die Antike". Philipp von Zabern Verlag, Darmstadt 2014. 432 S., Abb., geb., 49,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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»Welch ein grandioses Buch! Ein Meilenstein der NS-Forschung. Der Umgang des Nationalsozialismus mit der Antike wird in einer nie dagewesenen Art behandelt und in den Kontext eines Totalitarismus gestellt, der sich die Gegenwart und Zukunft auch und gerade über die Vergangenheit anzueignen bestrebt war. Vielmehr als in der Rombegeisterung des gleichzeitigen faschistischen Italien "annektierte" der Nationalsozialismus regelrecht die griechisch-römische Antike. Warum beschränkte man sich nicht auf die germanische Tradition mit den Heroen wie Arminius? Was wurde gewonnen, wenn Hitler und seine Gefolgsleute sich beständig auf den Mythos Sparta, auf Roms erdumspannendes Imperium beriefen und vor der "rassischen Bastardisierung" in der antiken Demokratie warnten? Die Antworten sind überraschend. Das Buch ist außerordentlich spannend zu lesen und bietet einen originellen Blick auf den Nationalsozialismus und seine Ideologie.« Ernst Baltrusch, Freie Universität Berlin »Wer ist der bessere Ahne? Der naturverbundene und unverdorbene Germane in seinen Wäldern oder der städtisch-arische Grieche oder Römer als Verkörperung der reinsten und vollkommensten Form der Menschheit? Solche Fragen, die uns heute als abstrus vorkommen, hatten für zahlreiche Anhänger der NS-Ideologie - angefangen mit Hitler, Himmler und Goebbels - eine zentrale und eminente Bedeutung, waren sie doch für sie von Grundsatzentscheidungen für die Gegenwart und Zukunft des neuen Deutschlands und des neuen Europas nicht zu trennen. Als Erster hat Johann Chapoutot beschlossen, diese Fragen ernst zu nehmen. Ein großes Verdienst. Denn indem er das tut, öffnet er uns ein neues Verständnis des Nationalsozialismus und des 'Dritten Reiches'.« Prof. Etienne François, Humboldt-Universität Berlin Die Monographie Chapoutots verdient »hohe Wertschätzung. Dies liegt zum einen in dem multiperspektivischen Zugriff begründet, der eine totalitäre Mobilisierung des Altertums durch das Hitler-Regime aufzeigt. Das Verhältnis von NS-Ideologie und Antike wird quasi "aus einem Guss" dargestellt, sodass die Absurdität des Rassenwahnsinns und seine erschreckend konsequente Umsetzung offenkundig zutage tritt. Zum anderen ist die exzellente stilistische Leistung des französischen Kollegen hervorzuheben, der mit einer feinsinnigen Portion Ironie aufwartet. Wenn der NS-Ursprungsmythos mit dem Ungeheuer von Loch Ness verglichen (S. 48), Günthers krude Rassentheorie als "hermeneutisches Delirium" bezeichnet (S. 70) oder Hitler als "Bunker-Leonidas" tituliert wird (S. 395), dann gehen wissenschaftliche Qualität und intellektuelles Vergnügen Hand in Hand.« HSozKult »Johann Chapoutot, ein 1978 geborener französischer Neuzeit-Historiker, hat ein packendes Buch über das Verhältnis von Nationalsozialismus und Antike geschrieben. Es dokumentiert den Blick eines französischen und europäisch gesinnten Historikers auf Deutschland und seinen Umgang mit der Geschichte der antiken Kulturen und Imperien in einer der am besten erforschten Epochen der Vergangenheit. ... ein eindrucksvolles Buch.« DAMALS »Kenntnisreich, mit vielen Zitaten aus teilweise weniger bekannten Schriften fächert er die zentralen Themen und Ideologeme auf...« Frankfurter Allgemeine Zeitung »Insofern schließt das Buch von Johan Chapoutot [...] eine wichtige Lücke: erstmals wird auf breiter und vielfältiger Quellenbasis dargelegt, welch wichtige Rolle die Antike im Geschichtsbild von Hitler, Himmler, Rosenberg und anderen NS-Größen eingenommen hatte.« Das Historisch-Poltische Buch…mehr