Carl Schmitt - Mehring, Reinhard
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Reinhard Mehring legt die grundlegende Biographie Carl Schmitts vor, der bis heute neben Martin Heidegger und Max Weber der weltweit am meisten rezipierte deutsche Denker des 20. Jahrhunderts ist. Ein meisterhaftes Buch über eine geradezu Shakespeare'sche Gestalt im Zentrum der deutschen Katastrophe.
Ein "weißer Rabe" - so hat Carl Schmitt sich selbst gern wahrgenommen. Der neidbeladene junge Mann aus einfachen Verhältnissen bahnt sich dank seiner brillanten Fähigkeiten den Weg bis an die Spitze der deutschen Rechtswissenschaft - und wird doch nie heimisch im Establishment der Gelehrten und
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Produktbeschreibung
Reinhard Mehring legt die grundlegende Biographie Carl Schmitts vor, der bis heute neben Martin Heidegger und Max Weber der weltweit am meisten rezipierte deutsche Denker des 20. Jahrhunderts ist. Ein meisterhaftes Buch über eine geradezu Shakespeare'sche Gestalt im Zentrum der deutschen Katastrophe.

Ein "weißer Rabe" - so hat Carl Schmitt sich selbst gern wahrgenommen. Der neidbeladene junge Mann aus einfachen Verhältnissen bahnt sich dank seiner brillanten Fähigkeiten den Weg bis an die Spitze der deutschen Rechtswissenschaft - und wird doch nie heimisch im Establishment der Gelehrten und Geachteten. Während er in seinen Schriften den liberalen Rechtsstaat als Verfassungsfassade demontiert und die Legitimität der Diktatur auslotet, jagen ihn Dämonen: sein wilder Antisemitismus, eine selbstzerstörerische Sucht nach Sexualität, das tiefsitzende Ressentiment gegen die Selbstgefälligkeit jeder bürgerlichen Existenz.

So ist er disponiert, als die Nationalsozialisten die Macht ergreifen. Er bricht mit seinen jüdischen Freunden, hält Adolf Hitler juristisch den Steigbügel und "verstrickt" sich tief. Doch schon 1936 kommt er durch Intrigen zu Fall. Nach dem Krieg lebt er zurückgezogen in seiner sauerländischen Heimat und wird zu einer diskreten Schlüsselfigur der intellektuellen Szene. Seine radikalen Theorien über Freund und Feind, Legalität und Legitimität, den Begriff des Politischen werden in alle wichtigen Weltsprachen übersetzt und von erzkatholischen Konservativen gleichermaßen intensiv gelesen wie von den kommunistischen Revolutionären der Dritten Welt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Beck
  • Seitenzahl: 749
  • Erscheinungstermin: 15. September 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 223mm x 154mm x 46mm
  • Gewicht: 996g
  • ISBN-13: 9783406592249
  • ISBN-10: 3406592244
  • Artikelnr.: 26167948
Autorenporträt
Mehring
Inhaltsangabe
Ein weißer Rabe. Das seltsame Leben des deutschen Staatslehrers
Carl Schmitt

Erster Teil

Das "falsche Sichdünken 'Ich
bin'". Aufstieg im Wilhelminismus

1. Ein "obskurer junger Mann bescheidener Herkunft"

2. Das Recht der Praxis

3. Dichterapotheose und Literatenschelte: der "unzeitgemäße"
Dichter und das "Gemeingut der Gebildeten"

4. Am Vorabend des Weltkriegs: Staat, Kirche und Individuum
als Orientierungsposten

5. Düsseldorfer Leben im Ausnahmezustand

6. Weltkrieg und Defaitismus: Carl
Schmitt in München

7. Straßburg, der Belagerungszustand und die katholische
Entscheidung

8. Politische Romantiker 1815/1919

Zweiter Teil

Jenseits der Bürgerlichkeit. Weimarer Leben und Werk

1. Feste Stellung? Münchner Handelshochschule und Diktatur

2. Ein "treuer Zigeuner" in Greifswald

3. Ankunft in Bonn? Wendung zur katholischen Kirche

4. Der Bonner Lehrer

5. Vom Status quo zum demokratischen "Mythos"

6. Bonner Ernte: Der Begriff des Politischen und die
Verfassungslehre

7. Von "Eisscholle zu Eisscholle": Signale im Berliner
"Malstrom

8. Rekonstruktion des "starken" Staates

9. In den publizistischen Kreisen der Weimarer Endzeit

10. Carl Schmitt als Akteur im Präsidialsystem

Dritter Teil

Im Bauch des Leviathan. Nationalsozialistisches Engagement
und Enttäuschung

1. Nach dem 30. Januar 1933

2. Der aufhaltsame Aufstieg zum
"Kronjuristen"

3. Das "Jahr des Aufbaus"? Anfang und Ende
juristisch-institutioneller Sinnstiftung

4. Die antisemitische Sinngebung

5. Kehre mit Hobbes? Sinn und Fehlschlag des Engagements

6. Recht zur Macht? Großraumordnung als Reichsbildung

7. Der Kapitän als Geisel? Carl Schmitts Abschied vom
"Reich"

8. Letzte Schriften im Nationalsozialismus

Vierter Teil

"Einer bleibt übrig". Langsamer Rückzug nach 1945

1. Haft und "Asyl"

2. Von Benito Cereno zu Hamlet:
"Comeback" des Intellektuellen?

3. Plettenberger Privatissimum. Neue Wirkungen auf
bundesrepublikanische Schüler

4. Partisan im Gespräch

5. Achtzig verweht: Rückblick auf alte Fragen

Anhang

Nachwort

Abkürzungen und Bibliographie

Anmerkungen

Bildnachweis

Personenverzeichnis

Leitmotivische Begriffe
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 23.06.2017

Hochzeit
mit Machiavelli
Reinhard Mehring historisiert Carl Schmitt
Wer schenkt sich Machiavellis Werke zur Hochzeit? Der deutsche Staatsrechtler, politische Ideentheoretiker, spätere Edelnazi und klandestine Berater der jungen Bundesrepublik Carl Schmitt (1888-1985) tat es. Doch was sagt das über ihn? Folgt man dem neuen Buch seines Biografen Reinhard Mehring, sagt das nicht allzu viel, denn Schmitt war ein „Denker im Widerstreit“: Gleichsam radikaler Kritiker wie machtfixierter Apologet verschiedener deutscher Regimes des 20. Jahrhunderts, lag Schmitt mit „sich selbst oft im Streit“.
Fast alle seiner erfolgreichen Schriften – von der feindseligen Parlamentarismusschrift der Zwanzigerjahre über den „Nomos der Erde“ nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Theorie des Partisanen in den frühen Sechzigerjahren – weisen laut Mehring „gravierende Schwächen“ auf. Selbst die Erträge der berüchtigten politischen Theologien seien dürftig, wiewohl Schmitts Interpretation der Welt und der Weltereignisse mithilfe apokalyptisch aufgeladener Deutungen das Werk anleitet.
Wahrscheinlich sind es gerade die schillernden Ungereimtheiten, die Schmitt zu einem grellen Stern der Debatten machen. Sein Werk aber, dem früh eine Gesamtausgabe verwehrt wurde, wird immer oberflächlicher benutzt. Seine Internationalisierung zum „globalen Phänomen“ treibt Stilblüten, zumal es vor allem politisch linke Theoretikerinnen und Theoretiker sind, die sich bei Schmitts antiliberaler Demokratiekritik mehr oder minder kompetent bedienen. Umso interessanter ist es, wenn Mehring fast erleichtert konstatiert, dass „selbst Schmitts labyrinthischer Nachlass nicht unerschöpflich“ und die konsequente „Historisierung des Werkes fortgeschritten“ sei. Ein wenig klingt das nach Abschied.
Mehrings neue Sammlung zumeist überarbeiteter, teilweise stark gekürzter jüngerer Aufsätze, Gespräche und Vorträge trägt dem „global“ gewordenen Trend zu Schmitt durch Ordnung Rechnung. Der „philologisch strikte Fokus“ sondiert und verortet jüngere Editionen und Monografien, kommentiert Deutungsmoden, identifiziert die wenigen Restlücken im extrem umfänglichen Quellenbestand. Viele bemerkenswerte Einsichten und gereifte Beobachtungen fallen dabei wie nebenbei an.
Dass sich Schmitt nach 1945 nicht mehr für das Schicksal der deutschen Nation interessierte. Warum sein Hang, Politik, Ideologie und Geschichte zu personalisieren, ideenhistorisch inkompetent ist. Und treffend kommt Mehring zu dem Schluss, dass Schmitt international so intensiv rezipiert wird wie wenige andere Deutsche: Habermas, Hegel, Heidegger, Nietzsche, Kant und Weber.
Über drei von insgesamt vier Buchteilen ist das präzise ausgeführt. Ein erster Teil markiert bislang übersehene „Positionen“, etwa die Haltung zu Hegel oder Schmitts Vision für sein Amt als Staatsrat im Dritten Reich. Ein zweiter Teil vertieft Schmitts Faible, sich in anderen zu „spiegeln“, hier etwa in Machiavelli und Hamlet. Der dritte Teil beleuchtet dann „Wechselwirkungen“, direkt mit Arnold Gehlen, Ernst-Wolfgang Böckenförde, Ernst Rudolf Huber, Reinhart Koselleck und Joachim Ritter, indirekt auch mit Theodor W. Adorno, auf den und dessen überragende öffentliche Bedeutung der „weinselige“ Schmitt in seinem Plettenberger „Exil“ nächtens schon mal ein antisemitisches Hassgedicht verfasst.
Die Deckung des Archivarbeiters verlässt Mehring im vierten Teil des Buchs. Manch starke Wertungen und sogar wehmütige Blicke auf die alte Bundesrepublik finden sich schon zuvor. Erst zum Schluss aber wird die Aktualität Schmitts zum Thema. Denn die „Optik des Ausnahmezustands“ sei heute weit verbreitet und lasse Schmitt permanent wie den „Autor der Stunde erscheinen“. Dagegen differenziert Mehring, der 2009 seine große Schmitt-Biografie vorgelegt hat, engagiert an. Es ist das erste Mal, dass der von Extremen her denkende Schmitt seinen gelassenen Kenner zu derart ausführlichen Zeitkommentaren verleitet. Auch darum wohl gesteht Mehring zum Beginn und zum Ende des Buchs, dass er wisse, wie „heikel“ das Genre solcher letztlich immer auch autobiografischen Aufsatzsammlungen ist.
Skepsis erweckt bei alldem allenfalls die Menge der von Schmitts Werk heute Geprägten, die Mehring zu entdecken meint. Dass ein Herfried Münkler oder eine Chantal Mouffe sich gelegentlich mit ausgesuchten Denkfiguren Schmitts oder auch bloß dessen Freund-Feind-Kriterium behelfen, trifft sicher zu. Doch gerade weil heute alle Schmitt erwähnen, käme es auf die Details an. Wer Schmitt erwähnt, muss ihn nicht schätzen. Wer sein oft anstößiges Werk und Wirken auf der Höhe des heutigen Forschungsstandes kennt, kann kein Schmittianer sein. Je weiter sich Mehring aber gegenwärtigen Aufnahmen nähert, desto mehr verschwimmen diese Grenzen.
Das ist bedenklich, da ein intellektuell reflektierter Schmittianismus in Europa heute eigentlich kaum mehr zu finden ist, wohingegen die bei Mehring gestreifte Internationalisierung von einem bisweilen dramatisch uninformierten Vulgärschmittianismus begleitet wird. Was für ein Schmitt etwa ist es, der derzeit in gewaltigen Auflagen in asiatische Sprachen gebracht wird? Und was für eine Werkgerechtigkeit lässt der auf schnelle, schicke Lesehäppchen dressierte Fachzeitschriftenmarkt zu? Die Folgen dessen sind für die zukünftige Rezeption und geradezu spielerische Repolitisierung zumal der radikaleren Werkanteile sicher nicht minder gewichtig als die hierzulande mittlerweile nüchterne und reflektierte Einspeisung Schmitts in den Klassikerkanon der jüngeren Geistesgeschichte. Für diese Normalisierung und Professionalisierung leistet Reinhard Mehring Außergewöhnliches.
SEBASTIAN HUHNHOLZ
Nach 1945 interessierte sich
Schmitt nicht mehr für das
Schicksal der deutschen Nation
Reinhard Mehring: Carl Schmitt. Denker im Widerstreit. Werk – Wirkung – Aktualität. Karl Alber Verlag, Freiburg und München 2017. 416 Seiten, 39 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 14.10.2009

Du bist der Feind mir

Erst betrog ihn seine erste Frau, dann Adolf Hitler. Reinhard Mehrings beeindruckende Biographie nimmt die Rechtfertigungen Carl Schmitts auseinander: ein Lebenswerk wirkungsreicher Reflexe.

Von Patrick Bahners

Was hat es auf sich mit der Wirkung dieses Mannes? Dass im Gespräch etwas Magisches von ihm ausging, dass seine Texte etwas Verführerisches bewahrt haben - die wissenschaftliche Würdigung, so will man meinen, muss mit dem Verzicht auf solche Formeln beginnen und deren Historisierung einschließen. Beim Phänomen Hitler besteht ein Konsens, dass die Dämonologie nicht zuständig ist. Die Verwendung der einschlägigen Topoi unmittelbar nach dem Untergang des Hitlerreiches gilt weithin als Übung der Selbstexkulpation. Selbst die Rede vom Rätsel ist mit diesem Verdacht belegt worden. Wer sich mit dem Fall Carl Schmitt beschäftigt, sieht sich mit einem Umstand konfrontiert, der bis zu seiner Erklärung weiter ein Rätsel heißen darf. Unter Schmitts Anhängern gibt es kluge und freie Denker, die sich zu fadenscheiniger Apologetik hinreißen lassen, zu haltlosen Rationalisierungen, wie man sie von Verliebten kennt.

Unlängst erschien in dieser Zeitung ein Leserbrief des Althistorikers Wolfgang Schuller, der die Edition von Schmitts Tagebüchern des Jahres 1933 vorbereitet. Schuller trat der Behauptung entgegen, Schmitt habe durch die Unterscheidung von Legalität und Legitimität den Nationalsozialisten den Weg bereitet. "Das Gegenteil ist richtig. Wer sich nur an die strikte demokratische Legalität hielt, war dem Ermächtigungsgesetz gegenüber hilflos, das Hitler für vier Jahre in den Sattel hob. Es war strikt legal zustande gekommen; mit Ausnahme der mutigen Sozialdemokraten hatten sämtliche demokratischen Reichstagsabgeordneten dem Gesetz zugestimmt, so dass es eine verfassungsändernde Mehrheit bekam. Weil es aber den Kernbereich der Verfassung beseitigte - die staatsbürgerlichen Freiheiten -, war es im Sinne Schmitts illegitim."

Soll man schließen, Schmitt habe das am 23. März 1933 vom Reichstag verabschiedete "Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich" abgelehnt, das der Reichsregierung die Gesetzgebungskompetenz übertrug und festlegte, dass die von der Regierung beschlossenen Gesetze von der Reichsverfassung abweichen durften? Schmitt veröffentlichte unverzüglich eine Kommentierung in der "Deutschen Juristen-Zeitung". Er warnte davor, die Rechtmäßigkeit des Gesetzes mit den Legalitätsargumenten des staatsrechtlichen Positivismus in Zweifel zu ziehen. "Hüten wir uns davor, mit der Sophistik des alten Parteienstaates die Rechtsgrundlagen des neuen Staates zu untergraben. Mit dem Staat wird auch das Staatsrecht und die Staatsrechtslehre gereinigt und erneuert werden müssen." Reinhard Mehring zieht in seiner Biographie das Fazit: "Der Artikel signalisiert die volle Erkenntnis des revolutionären Charakters der Entwicklungen. Erst nach dem Ermächtigungsgesetz wechselt Schmitt auf den Boden der neuen Legitimität über."

Natürlich kennt Schuller die Schriften, die Schmitt 1933 veröffentlichte, auch den Vortrag, den er vier Tage nach der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes in Weimar hielt. Dort stellte Schmitt fest: "Inzwischen sind wir auf legalem Wege in die Sphäre der Überlegalität eingetreten." Schuller wird auch den Lesern dieser Zeitung das Wissen unterstellen, dass Schmitt sich nach dem Sieg der "nationalen Revolution" bei den Siegern einreihte. In diesem Wissen müsste der Grund des vermeintlichen Missverständnisses liegen, schon mit seiner Positivismuskritik im Methodenstreit der Weimarer Staatsrechtler habe Schmitt die Machtübernahme Hitlers vorbereitet. Was soll es heißen, dass das Ermächtigungsgesetz "im Sinne Schmitts illegitim" gewesen sei, wenn dieser es als Grundnorm einer neuen Legitimität ausgelegt hat?

Es muss heißen: illegitim im Sinne des heutigen Schmitt-Interpreten, der liberalen Rezeption und rechtsstaatlichen Aneignung. Nun ist es eine Grundfigur der Hermeneutik, dass der Interpret den Autor besser verstehen will, als dieser sich selbst verstanden hat. Aber welche Autorität soll einem solchen nachträglichen, objektiven oder systematischen Verständnis bei einem Denker der Lage und der Entscheidung zukommen? Was Mehrings Informationen und Interpretationen zur Einordnung von Schullers Intervention beitragen können, ist ein gutes Beispiel für die Stärken dieser beeindruckenden Biographie.

Schmitts Abhandlung "Legalität und Legitimität" erschien im August 1932 im Druck, nach der Reichstagswahl vom 31. Juli, die der NSDAP eine Verdopplung des Stimmanteils gebracht hatte. Mehrings Referat umfasst zwei Seiten. Schmitt warne "vor der Möglichkeit der ,legalen Revolution', dass verfassungsfeindliche Parteien auf legalem Weg die Macht erhalten, den politischen Gegner aussperren und die ,Tür zur Legalität' verschließen" - also tatsächlich genau vor dem, was zwischen dem 30. Januar und dem 23. März des folgenden Jahres vollzogen wurde. An diese Warnung kann, wie Mehring notiert, die These anknüpfen, Schmitt habe das konstruktive Misstrauensvotum des Bonner Grundgesetzes vorweggenommen. Man wird diese Behauptung eine der Schmitt-Legenden nennen, aus denen die Geschichte seiner Wirkung zu erheblichen Teilen besteht. Mehring spricht häufig von Legenden und hätte den Begriff durchaus erzähltheoretisch definieren können. Über den Wahrheitsgehalt einer Geschichte ist mit dem Begriff noch nichts gesagt; er charakterisiert den Modus der Verbreitung, das Zusammenspiel zwischen dem Eifer des Weitererzählens und der Empfänglichkeit der Hörer. Die Schmitt-Legenden betreffen gelehrte Gegenstände oder jedenfalls Interpretationsfragen; Propagatoren und Rezipienten waren oft identisch, wie bei den Fortschreibern der Heiligenlegenden in den Klöstern.

Mehring widerlegt die Legende vom Verfassungsgroßvater der Bundesrepublik nicht, gibt aber relativierend zu bedenken, dass die Legitimitätsschrift Forderungen an jeden "Plan einer Umgestaltung des deutschen Verfassungswesens" umreiße, durch die Schmitt das "Legalitätssystem des parlamentarischen Gesetzgebungsstaates" zur Disposition gestellt habe. Der Biograph verweist auf Schmitts Ankündigung der Abhandlung im publizierten Briefwechsel mit dem Verleger Ludwig Feuchtwanger: "In der Sache handelt es sich um den Übergang von der Legalität zur Legitimität!" Die nachträgliche Selbsterklärung in den 1958 herausgebrachten "Verfassungsrechtlichen Aufsätzen" lautet, die Schrift sei der "Versuch" gewesen, "das Präsidialsystem, die letzte Chance der Weimarer Verfassung, vor einer Jurisprudenz zu retten, die es ablehnte, nach Freund und Feind der Verfassung zu fragen".

In mehreren Rezensionen ist Mehring vorgeworfen worden, seine Biographie, die sich durchgehend auf Nachlassmaterialien stützt und für die Weimarer Jahre auch die schon transkribierten und noch nicht gedruckten Tagebücher heranzieht, biete eine Chronik ohne Deutung. Die Fehlanzeige wirkt seltsam, denn Mehring interpretiert die Hauptwerke sowie viele kleinere Schriften eingehend und stellt fortlaufend Vermutungen über die Verschlingung von Werk und Leben an. So deutet Mehring das Leviathan-Buch, das Schmitt 1938 publizierte, nachdem er seine Ratgeberrolle im revolutionären Staat ausgespielt hatte, entschieden als antisemitische Kampfschrift. Das hat erhebliches Gewicht für die Gesamtwürdigung von Schmitts Verhalten im Hitlerreich - wollte Schmitt das Buch später doch als Dokument des inneren Widerstandes neben Jüngers "Marmorklippen" stellen.

Im Desiderat der biographischen Deutung verbirgt sich offenbar, so kurios das ist, der Wunsch nach biographischer Entscheidung. Aber wie "Legalität und Legitimität" oder die Option für den Staat des Ermächtigungsgesetzes letztlich zu verstehen und zu bewerten ist, das lässt sich im Genre der Biographie nicht beantworten. Dafür fehlt schon der Platz - so ist die These vom Präsidialsystem als der letzten Chance von Weimar Gegenstand intensiver geschichtswissenschaftlicher Spezialforschung. Mit musterhafter Klarheit zeigt Mehring, dass der Zweifel am Gesetzgebungsstaat seit den Qualifikationsschriften des jungen Rechtsgelehrten ein Leitmotiv Schmitts ist. Die Wahrnehmung einer Formverwandlung des Staates, die das große Thema von Schmitts Schüler Ernst Forsthoff werden sollte, wurde geschärft durch einen auf klare Unterscheidungen drängenden methodischen Ehrgeiz und durch kulturkritische Reizbarkeit. Schmitt kreidete dem liberalen Rechtsrealismus der wilhelminischen Staatsrechtslehre, der den Rechtsstaat in der Harmonie von Macht und Recht gegründet sah, blindes Vertrauen auf die Kontinuität der Entwicklung an, die Trägheit der impliziten Geschichtsphilosophie des Wohlstands.

Wenn Schmitt, was man schwer nicht mit der in den Tagebüchern selbstquälerisch reflektierten Lage des katholischen Aufsteigers zusammenbringen kann, die Sekurität des bürgerlich-kulturprotestantischen Erwartungswesens verachtete, so richtete er doch seinerseits Erwartungen an die Zukunft. Nur erwartete er eben, irgendwann, das Schlimmste. Auf die Krise von 1932/33 ist der Leser durch Mehring jedenfalls bestens vorbereitet. Im weiteren Fortgang des Buches gibt es dann immer wieder Anregungen, noch einmal über Legalität und Legitimität im Übergang von Weimar zu Hitler nachzudenken. In einem Fernsehgespräch mit dem Historiker Dieter Groh betonte Schmitt 1972 die Bedeutung des Ermächtigungsgesetzes für seinen Fahnenwechsel. Mehring hält ihm zugute, dass er "die große Legende von seiner Rolle als ,Aufhalter' der ,legalen Revolution'" nicht erzählte.

1948 hatte Schmitt an seinen Schüler Ernst Rudolf Huber geschrieben: "Hitlers Macht hatte alle Legalität und sogar die demokratische Legitimität für sich." Mit dieser Feststellung wollte Schmitt "Idealisierungen" des Widerstandes abwehren. "Im Deutschland des Hitler-Regimes gab es nicht einmal den Schatten einer Gegen-Regierung! Ich höre, die Goerdeler-Leute behaupteten heute, sie hätten eine Regierung gebildet. Ich habe einiges davon bei Popitz und Jessen aus nächster Nähe beobachten können." Johannes Popitz, der mit Schmitt an der Weimarer Tagung im März 1933 teilgenommen hatte, war am 2. Februar 1945 in Plötzensee erhängt worden, Jens Jessen am 30. November 1944.

In den Augen Hubers, der ein "Verfassungsrecht des Großdeutschen Reiches" ausgearbeitet hatte und nach 1945 aus dem akademischen Lehramt in die Arbeit an seiner monumentalen "Deutschen Verfassungsgeschichte" ausweichen musste, verriet sich in solchen kaltblütigen Sprüchen wohl immer noch Schmitts Neigung zur Idealisierung der eigenen Unterstützungshandlungen für Hitler. Huber hatte - im Glückwunschschreiben zum sechzigsten Geburtstag! - Schmitt nahegelegt, durch Studium der Nürnberger Akten "wenigstens nachträglich ganz zu realisieren, was das ,Dritte Reich' als Vernichtungssystem effektiv bedeutet hat". Schmitts Essay über die "Lage der europäischen Rechtswissenschaft" las Huber 1950 als Wiedervorlage der Problematik von "Legalität und Legitimität". Als Meister der kritischen Zuspitzung stand er nicht hinter seinem Lehrer zurück: Zur "offenen Brutalität pseudo-legalitärer Setzungen" habe sich "das Gift pseudo-legitimer Beteuerungen gesellt, immer unter dem Beistand einer beflissenen Jurisprudenz".

Als rückblickender Akteur machte Huber die tödliche Dynamik jener schrankenlosen Auslegung der unbestimmten Rechtsbegriffe namhaft, bei der später die Erforschung der Geschichte der nationalsozialistischen Rechtswissenschaft durch Bernd Rüthers und Michael Stolleis ansetzen sollte. Huber hat Schmitt nach Kriegsende nie wieder getroffen. Die Profilierung von Nebenfiguren gehört zum Ertrag jeder bedeutenden Biographie.

Wer bei Mehring die zusammenfassende Lebensdeutung vermisst, hat nicht bedacht, dass Schmitt seinen frühen philosophischen Zweifel an Kontinuitätsfiktionen in der Bewältigung des eigenen Falles zu einem Mythos des Situationismus radikalisierte. Für den Biographen folgt daraus ein Doppeltes. Er muss Linien ziehen. Er muss aber auch in Rechnung stellen, dass Schmitt Brücken abbrach und Brückenabbrüche fingierte - und dass nicht einmal das Fingieren solcher Ablenkungsfiktionen auszuschließen ist. Der Form des Nachlasses ist diese Formproblematik der Biographie abzulesen. Einerseits hat Schmitt alles aufgehoben (was er nicht vernichtet hat). Andererseits hat er diese Hinterlassenschaften unablässig neu beschriftet. Im Greisenalter ging diese Selbstkommentierung laut Mehring in den Dadaismus eines permanenten sprachlichen Ausnahmezustands über. So schlägt die Biographie die Brücke zurück zu den Satiren, die Schmitt gemeinsam mit seinem jüdischen Jugendfreund Fritz Eisler verfasst hatte, der 1914 fiel. Muster müssen sich im Wechsel der Konstellationen herstellen: Wenn man Mehrings Verfahren kaleidoskopisch nennt, ist das ausnahmsweise kein Euphemismus.

Man kommt ins Grübeln über die Ökonomie der Lebensführung, wenn man in der Karriere eines Menschen, der durch das Auslegen von Spuren Verwirrung stiften wollte, auf prophetische Ereignisse stößt. Carl Theodor Dreyers Stummfilm über die Passion der Jeanne d'Arc soll Schmitt 1928/29 mehr als zehnmal gesehen haben. Freunde und Damenbekanntschaften nötigte er, ihm Gesellschaft zu leisten. Mehring nimmt eine doppelte Identifikation mit der Heldin an: Nicht nur konnte die Heilige des französischen Nationalismus im Kino auch für die gedemütigte deutsche Nation sterben; Schmitt mochte sich auch persönlich als Opfer eines Schauprozesses empfinden, weil die kirchliche Gerichtsbarkeit ihm die Auflösung seiner ersten Ehe verweigert hatte. Als er am 9. April 1929 Rom besuchte, nahm er eine Prostituierte mit in eine Vorführung des Films - eine sehr subtile Form des Ehebruchs im Hauptquartier des Feindes, über dessen Legitimität Mehring offenbar keine Notizen gefunden hat. Geradezu unheimlich scheint die Passion für Dreyers "Passion", bedenkt man, dass sich Schmitt von 1945 bis zu seinem Tod zum unschuldig Angeklagten stilisierte.

In einer guten Biographie können es die losen Enden sein, die das Webmuster kenntlich machen: die Angebote, die ausgeschlagen, die Chancen, die nicht ergriffen wurden - weil die Grundentscheidungen anders gefallen waren. Faszinierend ist der Gedanke, Schmitt wäre der Einladung Robert Spaemanns gefolgt, für Joachim Ritters "Historisches Wörterbuch der Philosophie" den Artikel "Frieden" auszuarbeiten. Doch kann man sich das wirklich vorstellen? Nicht, dass er es nicht mit Dolf Sternberger hätte aufnehmen können und den Nachweis hätte scheuen müssen, dass man die Wandlungen des Friedensbegriffs besser von seinem Begriff des Politischen aus erklären kann als umgekehrt die Politik mit dem Frieden. Aber der begriffshistorische Positivismus, auch wenn er in einer Parallelaktion von den Ritter-Schülern und Reinhart Koselleck betrieben wurde, konnte wohl Schmitts Sache nicht sein.

Auf diesen Gedanken kann man kommen, wenn man eine Mitteilung der Biographie in den wissenschaftsgeschichtlichen Kontext stellt. Als Johannes Winckelmann, der Weber-Herausgeber, der Schmitt mit Ritter zusammenbrachte, ihm 1950 zur Erarbeitung einer Locke-Studie riet, wurde er von Schmitt "verspottet". Den Grund kann man sich denken: Locke, das war in Schmitts Augen im Vergleich zu Hobbes der Stammvater eines Liberalismus, der das Politische negiert. Zur gleichen Zeit wies in Cambridge der Historiker Peter Laslett nach, dass Lockes Revolutionstheorie, rezipiert als Apologie des vermeintlichen Verfassungskompromisses von 1689, in Wahrheit ein Jahrzehnt früher niedergeschrieben worden war, um einen Bürgerkrieg zu legitimieren. Diese Entdeckung löste eine Methodenrevolution in der politischen Theorie aus und inspirierte die konservative Intelligenz an den englischen Universitäten. Schmitt, mehr Spötter als Forscher, interessierte sich nicht so sehr für die historischen Kontexte politischer Texte, wie die existentialistische Vokabel "Lage" vorgab.

Seinen eigenen Klassikerstatus beglaubigt die Tatsache, dass seine Schüler auf der Grundlage seiner Unterscheidungen entgegengesetzte Entscheidungen fällen konnten. Eklatant im Fall des Zweiten Vatikanischen Konzils: von Hans Barion als Abdankung der welthistorischen Machtform des römischen Katholizismus beklagt, von Ernst-Wolfgang Böckenförde als Durchbruch zur Glaubensfreiheit gefeiert. Schon in Schmitts frühem Aufsatz "Die Sichtbarkeit der Kirche" spürt Mehring den Böckenförde-Gedanken auf, dass der christliche "Vorbehalt" nicht nur für die Kirche gegenüber dem Staat, sondern auch für den Einzelnen gegenüber der Kirche gelte. Nach Schmitt konnte die Kirche den Gläubigen nicht untersagen, in Ereignissen der weltlichen Geschichte die Vorsehung am Werk zu sehen. Mit Forschungen über den Gebrauch, den deutsche Katholiken 1933 von dieser Lizenz gemacht hatten, erregte Böckenförde Anstoß.

Es ist laut Schmitt das katholische Skandalon, dass die Kirche sich weigert, den Glauben als Privatsache zu behandeln - und Christus als "Privatperson". Mehrings Verfahren, Schmitts öffentliche und private Person zusammenzusehen, ist auch von Schmitt her gerechtfertigt. 1945 wollte er den Engländern erläutern, Hitler habe ihn betrogen wie seine erste Frau, eine Hochstaplerin. Emblematisch ein bizarres Detail: Zur zweiten Hochzeit schenkte sich Schmitt die Werke Machiavellis.

Auch die treuesten Schmittianer würden es nicht wagen, auf einen Gedenkstein in Plettenberg die Inschrift von Machiavellis Grabmal zu setzen, solchem Namen komme kein Lobspruch gleich. Entsetzliches muss eine Schmitt-Biographie berichten. Am 26. April 1933 notierte Schmitt nach einem Besuch seines Schülers Werner Becker: "Große Enttäuschung. Er ist Seelsorger in Marburg geworden, erzählte von dem Rabbiner, dem man den Bart abgeschnitten hat und den er als katholischer Priester schützen wollte. Wir lachten ihn aus." Man denkt an das Lachen der Kundry.

Es mag sein, dass auch alle prägnanten Begriffe der Kritik säkularisierte theologische Begriffe sind. Schmitt sei, urteilte 1950 der Frankfurter Rechtsanwalt Walter Lewald, "ein starker Geist luziferischer Art". Ein wahres Wort, doch nicht das letzte. Nach der Lektüre von Reinhard Mehrings fast übermenschlich gerechter Biographie wird auch der eine oder andere Feind Carl Schmitts sagen: Solchem Namen kommt kein Bannfluch gleich.

Reinhard Mehring: "Carl Schmitt". Aufstieg und Fall. Eine Biographie. Verlag C. H. Beck, München 2009. 748 S., Abb., geb., 29,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

In der Materialdichte kaum zu überbieten findet Rezensent Micha Brumlik diese monumentale Carl-Schmitt-Biografie von Reinhard Mehring. Auch wenn sie seiner Einschätzung zufolge in der Sache nichts Neues zu bieten habe, hat er mit Interesse verfolgt, wie Mehring den für Brumlik "bedeutendsten faschistischen Denker des 20. Jahrhunderts" deutet. Brumliks Informationen erklärt sich Mehring Schmitts politische Ideen vor allem psychoanalytisch, nämlich mit dessen Triebhaftigkeit. Schmitt trete hier als erbärmlicher Mensch zutage, als "sexsüchtiger, karrierelüsterner Opportunist", der in einem permanenten "erotischen Ausnahmezustand" lebte. Diese eigenen Sexbesessenheit habe Schmitt theoretisch zähmen wollen. Sehr aufschlussreich scheint ihm in dieser Hinsicht auch die Episode, dass sich Schmitt ausgerechnet mit einer Prostituierten in Rom einen Stummfilm über die Heilige Johanna, Galionsfigur der katholischen und royalistischen Reaktion. Auch wenn der Rezensent durchaus wissen lässt, dass psychologisierende Deutungen begrenzte Macht besessen, meldet er hier keine größeren Vorbehalte hat.

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