Max Webers deutsch-englische Familiengeschichte 1800 - 1950 - Roth, Guenther

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Die jetzige Periode des globalen Kapitalismus hatte ihren Vorläufer im 19. Jahrhundert. Max Weber (1864-1920), weltberühmt als Theoretiker des okzidentalen Kapitalismus und Rationalismus, entstammte einem Kreis reicher deutsch-englischer Handelsfamilien.Guenther Roth verfolgt eine Geschichte von vier Generationen im Spannungsfeld zwischen Kosmopolitismus und Nationalismus, in der Weber selbst als 'kosmopolitischer Nationalist' mit realistischem weltwirtschaftlichem Verständnis erscheint. Die beiden Leitthemen sind verbunden mit der Problematik von jüdischer Integration und Antisemitismus,…mehr

Produktbeschreibung
Die jetzige Periode des globalen Kapitalismus hatte ihren Vorläufer im 19. Jahrhundert. Max Weber (1864-1920), weltberühmt als Theoretiker des okzidentalen Kapitalismus und Rationalismus, entstammte einem Kreis reicher deutsch-englischer Handelsfamilien.Guenther Roth verfolgt eine Geschichte von vier Generationen im Spannungsfeld zwischen Kosmopolitismus und Nationalismus, in der Weber selbst als 'kosmopolitischer Nationalist' mit realistischem weltwirtschaftlichem Verständnis erscheint. Die beiden Leitthemen sind verbunden mit der Problematik von jüdischer Integration und Antisemitismus, weiblicher Emanzipation und Männerherrschaft, Migration und Exil, und nicht zuletzt religiöser und weltlicher Sinngebung.
  • Produktdetails
  • Verlag: Mohr Siebeck
  • 1. Auflage
  • Erscheinungstermin: Mai 2001
  • Deutsch
  • Abmessung: 241mm x 167mm x 45mm
  • Gewicht: 1246g
  • ISBN-13: 9783161475573
  • ISBN-10: 3161475577
  • Artikelnr.: 09668683
Autorenporträt
Guenther Roth: Geboren 1931; 1960 Promotion (University of California, Berkeley); Professor der Soziologie an der Columbia University, New York.
Rezensionen
Besprechung von 01.10.2001
Weder Rächer der Enterbten noch Held der Moderne
Ein Maßstab für die künftige Biographik: Guenther Roth bringt all jene Fakten über Max Weber ans Tageslicht, die seine Frau Marianne lieber im Dunkeln lassen wollte

Manchmal gelingt es einem Autor selbst, das Bild von sich zu prägen, auf das er die Nachwelt festlegen möchte. Und manchmal erledigt das, jedenfalls in bürgerlichen Zeiten, die Ehefrau. Thomas Mann ist ein Beispiel für die erste Kategorie, Max Weber für die zweite. Was wir über die Biographie des großen deutschen Soziologen wissen, ist seit einem dreiviertel Jahrhundert bestimmt durch das "Lebensbild", mit dem Marianne Weber ihrem 1920 verstorbenen Gatten ein Denkmal gesetzt hat. Es entstand im Schatten des verlorenen Krieges und des Versailler Vertrages, durch den sich das deutsche Bürgertum ungerechterweise zum Outcast gestempelt sah; und es vermochte sich nur schwer von den Resten einer Kriegsideologie zu lösen, die die Welt in Händler und Helden aufgeteilt hatte. Max Weber gehörte dabei zweifellos auf die Seite der letzteren, allerdings, wie Marianne Weber immer wieder bekümmert einräumen mußte, in die Untergruppe der verhinderten Helden. Um ihr "Bild eines Outsiders, der im nationalen Interesse ein Insider hätte sein müssen" (Roth), in möglichst strahlenden Farben erscheinen zu lassen, dunkelte sie alles ab, was irgendwie störend war.

Aus Guenther Roths weit ausholender Rekonstruktionsarbeit läßt sich nun erkennen, wieviel dabei unter den Tisch gefallen ist. Der Zensur zum Opfer fiel zunächst die Tatsache, daß Max Weber von mütterlicher Seite her einer der reichsten deutsch-englischen Familien entstammte, die im neunzehnten Jahrhundert durch Geschäfte mit englischen Manufakturwaren groß geworden war und Dependancen in Frankfurt, London und Manchester besaß. Andere Zweige reichten über Antwerpen nach Argentinien, wieder andere nach Kuba und in die Vereinigten Staaten. So wurde Max Weber, bei allem Nationalismus, dem er zeitweise verfiel, doch auch der Erbe einer, wie Roth sie nennt, "kosmopolitischen Bourgeoisie", die sich vom Leitwert der Freiheit bestimmen ließ, weltoffen, zukunftsfreudig und universalistisch war und sich am Gehäuse des autoritären Kaiserreichs rieb.

Retuschiert wurde ferner die Rolle des Vaters, Max Weber sen., der eine lange Karriere als nationalliberaler Abgeordneter durchlief und sich als Berliner Stadtrat auf vielen Feldern engagierte. In Marianne Webers Darstellung eine blasse Figur, die, wenn überhaupt, als "bad guy" agiert, erfährt der Senior nun durch Roth eine späte Würdigung, die deutlich macht, daß er in der Ausübung von "Politik als Beruf" - übrigens eine schon in seinen Reden häufiger auftauchende Formulierung - wesentlich erfolgreicher war als der Junior, dessen Ausflüge auf diesem Gebiet regelmäßig mit Frustrationen und Katzenjammer endeten. Klar wird auch (aber das konnte man schon bei Marianne lesen), welche enormen Anregungen von einem Milieu ausgehen mußten, in dem sich ein Treitschke, ein Mommsen, ein Dilthey und viele andere die Klinke in die Hand gaben.

Um nur noch einen Punkt zu benennen, an dem Roth den Fokus erweitert: Während Mariannes Lebensbild sich auf drei Zentralfiguren konzentriert - "die vom Vater ungerecht behandelte Mutter Helene, den spröden, aber ritterlichen Sohn und eine Wahltochter, die gleichzeitig die jungfräuliche Frau des Sohnes ist" -, rückt Roth die beiden anderen, sorgfältig ausgesparten Dreiecksbeziehungen ins Licht: die zwischen Marianne, Max und Else Jaffé-von Richthofen, die eben nicht nur eine "schwesterliche Freundin", sondern auch Maxens Geliebte war; und die zwischen Else und den beiden Brüdern Max und Alfred, die um Elses Gunst wetteiferten. Den Ausgang dieser Geschichte hat Eberhard Demm im kürzlich erschienenen zweiten Band seiner Alfred-Weber-Biographie geschildert; die Anfänge kann man bei Roth nachlesen.

Die vielen Facetten, die sein Buch sonst noch bietet und die es gleichsam nebenbei zu einer Kulturgeschichte deutscher Bürgerlichkeit im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert machen, können hier nur angedeutet werden: die Geschichte Eduard Souchays im Frankfurt der Revolutions- und Einigungsepoche, die religiösen Familienkonstellationen, die Familien- und Freundeskonflikte über die deutsche Nationalstaatsgründung, die Geschichte der Baumgartens in Straßburg, die Stellung zu Judentum und Antisemitismus, zum deutsch-amerikanischen "Eisenbahnkapitalismus", endlich die um eine gerechte Würdigung bemühte Skizze Marianne Webers, die ausführlich auch auf ihre Rolle in der bürgerlichen Frauenbewegung eingeht. Roth hat in jahrelanger mühevoller Kleinarbeit eine Fülle von bisher völlig unbekannten historischen Details zusammengetragen und sie in einer Weise zusammengefügt, die manchem als fragmentarisch erscheinen mag, die aber den Vorteil bietet, mehr einfangen zu können als eine konventionelle Biographie mit ihrem narrativen Duktus. Alle Weber-Biographen, die nach Roth kommen, werden das zu ihrem Leidwesen feststellen müssen. Fast könnte man sagen, daß die zukünftige Weber-Biographie in dem Kunststück bestehen wird, Roths viele Erzählungen zu einer einzigen zu verdichten - keine beneidenswerte Aufgabe.

Bei aller Bewunderung jedoch, die der Autor für seine Recherchen und seinen Kenntnisreichtum verdient: der - vielleicht genretypischen - Versuchung, seine Hauptperson zum Helden zu erheben, ist auch er nicht entgangen. Erscheint Max Weber bei Marianne in der Rolle eines verhinderten Rächers der Enterbten, so präsentiert ihn Roth als eine Art posthumen Gründervater der Bundesrepublik. Ziehe man die bedauerlichen Verirrungen in den (nationalistischen) Zeitgeist ab, so stehe Max Weber für ein westliches, anglophiles, zur Einfügung in und zur Anpassung an ein rationales, liberales und kapitalistisches Weltsystem bereites Deutschland, für die stets präsent gewesene, aber aus vielerlei Gründen nicht zum Zuge gekommene Alternative zu jenem anderen, patriarchalischen, autoritären und militaristischen Gemeinwesen, das mit seinen imperialistischen Ambitionen die Welt in einen neuen dreißigjährigen Krieg gestürzt hat.

Formeln wie die, daß Max Weber "ein verspäteter Frankfurter und ein verhinderter Engländer" gewesen sei, sind jedoch einem wirklichen Verständnis eher hinderlich. Mit gleichem Recht könnte man diesen Autor, der später jedesmal depressiv wurde, wenn er die Alpen von Süden nach Norden passieren mußte, einen verhinderten Italiener nennen, oder, wenn man an Hubert Treibers Hinweise auf die Einflüsse der russischen Geschichtsphilosophie auf das Konzept der Rationalisierung denkt, einen verhinderten Russen. Und war er nicht auch ein verhinderter Weimaraner, der mit Wehmut registrierte, daß es Abschied zu nehmen galt von einer "Zeit vollen und schönen Menschentums", wie sie Goethe beschrieben hatte?

So recht Guenther Roth hat, die Bewunderung hervorzuheben, die Weber dem puritanischen Ethos der Selbst- und Weltbeherrschung entgegengebracht hat, so richtig ist es doch auch, daß Weber von tiefer Skepsis in bezug auf die Zukunft der "individualistischen Kultur" in der Moderne erfüllt war. Wenn er sich weigerte, vorbehaltlos auf die "rationale Industrie- und Weltmarktstrategie" zu setzen, die Roth ihm imputieren möchte, dann nicht nur aufgrund einer ökonomisch irrationalen Germanomanie, sondern aufgrund seiner Einsicht in die Probleme, die gerade der ökonomische Rationalismus bereitet, und zwar stets dann, wenn er sich auf Kosten anderer Lebensordnungen, der Kultur, der Religion, der Politik, totalisiert. Nein, ein Held der Moderne, gar des Kapitalismus, war Weber nicht, seine Haltung gegenüber dem Fortschritt: ein "mit zusammengebissenen Zähnen hindurch", wie Wilhelm Hennis es einmal treffend ausgedrückt hat. Es ist schade, daß in Guenther Roths schönem Buch davon so wenig zu spüren ist.

STEFAN BREUER

Guenther Roth: "Max Webers deutsch-englische Familiengeschichte 1800-1950". Mit Briefen und Dokumenten. Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2001. 721 S., geb., 168,- DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 10.10.2001
Die Familie, eine terroristische Vereinigung
Lieber reich und mit Max Weber verwandt als arm und in der Provinz verkannt: Guenther Roth erzählt von der internationalen Familie des Soziologen
Guenther Roths eindrucksvolle Studie der Familiengeschichte Max Webers erschließt auf weiten Strecken Neuland. Roth zielt darauf ab, Max Webers politischen Standort neu zu bestimmen und die in Marianne Webers Biografie „Max Weber. Ein Lebensbild” vernachlässigten Aspekte der Familiengeschichte zur Darstellung zu bringen. Roth wirft Marianne Weber vor, das Bild des politischen Denkers verzeichnet zu haben: Webers kosmopolitische Grundhaltung habe sie vernachlässigt und stattdessen die nationalistischen Züge seines Denkens unangemessen betont.
In Roths Interpretation ist Marianne Weber eine Vertreterin des liberalen Nationalismus gewesen. Dafür muss unter anderem ihre Ablehnung des Versailler Vertrags herhalten. Doch darin befand sie sich in Gesellschaft der übergroßen Mehrheit der Deutschen, und nicht nur dieser. Roth überzeichnet die Einstellung Marianne Webers. Umgekehrt tendiert er dazu, Max Webers nationale Grundhaltung und seine zahlreichen nationalistischen Stellungnahmen in einem etwas zu milden Lichte erscheinen zu lassen.
Tatsächlich waren die Differenzen zwischen Max und Marianne Weber in politischen Dingen geringer, als Roth es darstellt. Sie war auch in politischer Hinsicht zumeist eine treue Partnerin ihres Mannes. Von wesentlichen Verzeichnungen seiner Positionen im „Lebensbild” kann insgesamt nicht die Rede sein. Es bleibt zu sehen, ob Roths Bemühen, Max Weber im Lichte der kosmopolitischen Gesinnung seiner Vorväter zu deuten und ihn gleichsam zu einem Repräsentanten eines kosmopolitischen Nationalismus, zu einem Vorläufer der heutigen Vertreter des Europa-Gedankens zu erheben, ihm ganz gerecht wird.
Im Mittelpunkt der auf umfangreichen Quellen beruhenden Darstellung steht die Schilderung des Firmenimperiums der Vorfahren Max Webers in mütterlicher Linie, die vier Generationen zurückreicht. Zur Zeit der napoleonischen Kontinentalsperre erwarb der Frankfurter Kaufmann und Bankier Carl Cornelius Souchay durch große und gewagte spekulative Transaktionen ein Vermögen. In der Folge wurde es zum Grundstein für ein international angelegtes Familienunternehmen, welches in erster Linie auf verwandtschaftlichen Beziehungen, insbesondere der Einheirat in die Familie, beruhte. Die hugenottische Abstammung der Souchays hat diese Entwicklung zweifellos begünstigt, wie denn die Struktur des weitverzweigten Geschäftes im jüdischen Unternehmertum eine Parallele hat. Am Ende erstreckte das Familienimperium sich von Frankfurt in einige englische Industriestädte und bis nach Argentinien.
Guenther Roth hat dieses Beziehungsnetz auf Grund einer Fülle von in den verschiedensten Archiven meistensteils neu erschlossenen Quellen mit bewundernswerter Akribie rekonstruiert. Im Mittelpunkt der unternehmerischen Aktivität der Souchays und ihrer unmittelbaren Nachfahren stand der Handel – vor allem mit Textilien – sowie die Finanzierung von technologisch innovativen Produktionsanlagen. Beträchtlichen Erträgen kamen aus vielfältigen Handelsgeschäften, die zumeist das Gefälle des technologischen Fortschritts zwischen Großbritannien und dem europäischen Kontinent ausnutzten. Aber auch Spekulationsgewinne verschiedenster Art spielten eine Rolle sowie regelrechte Beutegewinne aus imperialistischen oder kolonialen Verhältnissen.
Sinn für Profit
Insoweit entsprachen die Souchays und ihre weit gespannten kaufmännischen Aktivitäten durchaus nicht dem Bild des Unternehmertyps des marktorientierten industriellen Kapitalismus, den Max Weber später in seinen Aufsätzen zur „Protestantischen Ethik” beschrieben hat und den er von dem klassischen Finanzkapitalismus früherer Jahrhunderte unterschieden sehen wollte.
Die Souchays und ihre Verwandten hatten eine besondere Affinität zu Großbritannien. Insoweit spricht Roth mit einigem Recht von einer kosmopolitischen Mentalität, die mit nationalstaatlichem Denken wenig gemein hatte. Teilweise erklärt sich dies freilich auch aus der besonderen Tradition der ehemals Freien Stadt Frankfurt, die schließlich zu den Verlierern des nationalen Einigungsprozesses der Ära Bismarck gehörte.
Trotz starker Vorbehalte gegenüber der politischen Linken, hatten die Souchays die Revolution von 1848/1849 begrüßt: Eduard Souchay diente zeitweilig der von der Nationalversammlung eingesetzten Revolutionsregierung als Bevollmächtigter des Reichsministeriums. 1850 rettete er sogar das Original der Reichsverfassungsurkunde von 1849 durch Verlagerung in seine Londoner Firma vor dem Zugriff der Staatsbehörden. Roth betrachtet den Honoratiorenliberalismus der Souchays, der sich mit ausgeprägter Furcht vor dem „gemeinen Pöbel” und der grundsätzlichen Verwerfung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts paarte, vielleicht etwas zu positiv.
Die in den letzten Jahren vor der Reichsgründung umstrittene Frage, wie man sich zu Bismarcks großpreußischer Politik zu stellen habe, spaltete, wie Roth zeigt, auch die Souchay-Familien, allerdings wohl doch nicht in dem Maße, wie er dies behauptet. Andererseits spielten Baden und namentlich Heidelberg als ein Zentrum der Familie auch in den späteren Jahren eine wichtige Rolle. In Heidelberg, schreibt Roth, sei Max Weber jun. zum kosmopolitisch Denkenden geworden. Die Liberalität der badischen Politik, die größer war als in Preußen, war für Max Weber jun. fraglos von einiger Bedeutung.
Die einzelnen Familienzweige pflegten zunehmend eine großbürgerliche Lebensführung. Roth schildert dies anschaulich und informativ. Mit zunehmendem Wohlstand hatten sie begonnen, das Leben von englischen Gentlemen zu führen, dabei aber auch die schönen Künste zu pflegen, regelmäßige Theaterbesuche und regen gesellschaftlichen Austausch eingeschlossen.
Langfristig bedeutsamer war, dass sich in der Familie mit der Zeit hohe Vermögen aufhäuften. Es gehörte zur Tradition, bedürftigen Angehörigen finanzielle Zuwendungen zukommen zu lassen. Auch Helene Weber verfügte über ein beträchtliches Vermögen aus dem Erbe der Souchays, mithilfe dessen sie immer wieder Mitglieder der Familie – darunter auch Marianne und Max – unterstützte. Wir haben hier eines der Paradebeispiele dafür, dass die Lebenshaltung des Bürgertums vor dem Ersten Weltkrieg durch die Möglichkeit des Rückgriffs auf privates Vermögen geprägt wurde.
Innerhalb des Familienclans spielten die Frauen eine wichtige Rolle, ihnen wurde nicht nur die Kindererziehung überlassen, sondern auch die Ausrichtung der zahlreichen Gesellschaften. Roth schildert mit viel Einfühlungsvermögen die Lebensverhältnisse der Frauen – während über die Aktivitäten der Männer vergleichsweise wenig Konkretes berichtet wird. In diesem Zusammenhang wird auch der beträchtliche Einfluss der zeitgenössischen englischen Theologie, insbesondere von William Ellery Channing und Theodore Parker, erwähnt. Das tiefe religiöse Engagement von Helene Weber, der Mutter Max Webers, hat hier seine Wurzeln, samt ihren Bestrebungen, den eigenen Wohlstand durch Wohltätigkeit zu rechtfertigen.
Das karitative Engagement Helenes hat wiederholt zu schweren Konflikten mit Max Weber sen. geführt. Dieser war, so scheint es, eine von Karrieredenken beherrschte, rational kalkulierende Persönlichkeit. Mit Ausnahme Hermann Baumgartens besaß er so gut wie keine engen Freunde. Mit Kirche und Religiosität verband ihn wenig, es sei denn, er nahm sie als Faktoren im politischen Geschäft. Seine ziemlich dogmatische Identifikation mit dem so genannten „Kulturkampf” Bismarcks und der Nationalliberalen spricht für sich. Dies deckt sich mit seinen recht konventionellen, zumeist nationalliberalen politischen Auffassungen. Im übrigen scheint er im Zweifelsfall zur Anpassung geneigt zu haben.
Umgekehrt hat sich Helene in ihrer Rolle als Gattin von Max Weber sen. vermutlich nie recht wohl gefühlt. In politischen Dingen hat sie sich zwar offenbar nach ihm gerichtet, aber wirkliche Identifikation stand dahinter wohl nicht. Die vielen Soiréen, die zu organisieren ihr oblag, empfand sie als eine Last. 1897 kam es dann zu jenem schweren Konflikt, bei dem Max Weber jun. für seine Mutter das Recht auf eine unabhängige Lebensführung einforderte und seinen Vater nach einem erbitterten Wortwechsel des Hauses verwies. Ob dies freilich, wie vielfach vermutet worden ist, den Tod des Vaters verursacht oder auch nur beschleunigt hat, steht dahin; nach den von Roth beigebrachten neuen Dokumenten ist dies weniger wahrscheinlich. Immerhin rechnete sich Max Weber jun. nachträglich eine Schuld am plötzlichen Tode seines Vaters zu.
Schlimm für den Sohn war die ständige Klage des Vaters, dass Max immer noch nicht finanziell auf eigenen Füßen stehe: Er sollte seine akademische Ausbildung zügiger zu Ende bringen. Nur nach ständigen Auseinandersetzungen fand der Vater sich dazu bereit, dem Sohn eine angemessene finanzielle Unterstützung zu gewähren. Dies muss eine tiefe Demütigung dargestellt haben.
Offenbar hat es auch bei dem Entschluss Max Webers eine Rolle gespielt, sich einigermaßen überraschend mit Marianne Weber zu verloben und sie dann alsbald zu heiraten. Marianne hatte den Vorzug, eine reiche Erbin zu sein. Wie Roth zeigt, war es für Max Weber jun. eine Vernunftehe, die vermutlich unter dem indirekten Druck des Vaters zustande kam. Man darf vermuten, dass Max Weber unterbewusst dem Vater eine Mitverantwortung für diese, zumindest in erotischer Hinsicht unbefriedigende, Verbindung gegeben hat und im übrigen hier die Ursachen für seine wenig später auftretende psychische Erkrankung zu suchen sind. Auf einem anderen Blatt steht, dass Marianne gleichwohl späterhin für Max’ alltägliche Lebensführung unentbehrlich geworden ist.
Politik als Broterwerb
Roths ausführliche Darstellung des Lebenswegs von Max Weber sen. füllt eine empfindliche Lücke in der Weber-Forschung. Über den Vater wurde bislang zumeist ein bloß schemenhaftes Bild tradiert, das ihn eher negativ zeichnete und ihn zugleich in politischer Hinsicht ganz unzutreffend weit rechts verortete. Max Weber sen. hatte ein juristisches Studium absolviert, arbeitete zunächst freilich auf journalistischem Felde. Seine Heirat fand erst statt, nachdem es ihm gelungen war, die Stelle eines besoldeten Stadtrats in Erfurt zu erhalten, was damals in großbürgerlichen Kreisen als unabdingbare Voraussetzung für eine Heirat galt.Dem Abschnitt über Max Weber sen. hat Roth den Untertitel „Politik als Beruf” gegeben. „Politik als Brotberuf” wäre eigentlich treffender gewesen. Denn zur Politik als einer inneren Sendung fühlte sich Vater Weber gewiss nie berufen; auch ging ihm echte politische Leidenschaft weitgehend ab. Er bewegte sich im Mittelfeld des zeitgenössischen Nationalliberalismus, mit verhalten linken Tendenzen, und folgte damit landläufigen bürgerlichen Einstellungen.
Die guten politische Verbindungen, die Max Weber sen. zielbewusst aufbaute, förderten seine kommunalpolitische Karriere. Dann wurde er für einige Jahre in den Reichstag gewählt. Hernach hatte Max Weber sen. die Genugtuung, seinen Sitz im preußischen Abgeordnetenhaus für den Wahlkreis Halberstadt bis 1897 erfolgreich zu verteidigen.
Seine politischen Aktivitäten zeigen ihn im Mittelfeld des Nationalliberalismus. Der Schwerpunkt seiner Interessen galt der Finanz- und der Kommunalpolitik. Wenig ausgeprägt war seine Haltung gegenüber der von Bismarck 1882 bis 1885 inaugurierten Kolonialpolitik, die zunächst nur begrenzte Gegenliebe im liberalen Lager fand. Hingegen engagierte er sich in Sachen der – so Roth – weniger von Bismarck als von den Nationalliberalen geforderten Ansiedlungsgesetzgebung in den preußischen Ostprovinzen, die dem damals allgemein befürchteten Vordringen der polnischen Bevölkerung entgegen wirken sollte.
Weber sen. war Mitglied der Kommission, welche die entsprechenden Gesetzentwürfe ausarbeitete. Die Ansiedlungsgesetzgebung war, ungeachtet ihrer relativ maßvollen Methoden, die auf direkten Zwang verzichten und stattdessen ökonomische Mittel einsetzen wollten, gleichwohl auf die Verteidigung des ethnisch homogenen Nationalstaats gerichtet und hatte daher, was Roth etwas herunterspielt, unübersehbar eine nationalistische und antipolnische Zielsetzung. Max Weber jun. hatte dann Gelegenheit, anlässlich einer militärischen Übung im Hause des Posener Landrats Nollau zu wohnen und die Praxis der preußischen Ansiedlungspolitik aus der Nähe kennen zu lernen. Tatsächlich hat er dann eher eine noch entschiedener nationalpolitische Linie verfolgt als sein Vater.
Insgesamt ergibt sich, dass Max Weber in seinen frühen politischen Auffassungen durch seinen Vater und durch das politische Umfeld, dem dieser sich zurechnete, nicht wenig beeinflusst worden ist. Sein späteres Urteil, dass Bismarck dem Liberalismus das Rückgrat gebrochen und keine selbständigen politischen Köpfe neben sich geduldet habe, findet sich durchaus pointiert schon beim Vater. In gewissem Sine war dies die gemeinsame Auffassung jener älteren Nationalliberalen, denen Weber jun. in seinem Elternhause oft begegnet war.
Von einer expliziten Distanzierung von Bismarck als politischer Persönlichkeit findet sich hingegen nichts, und wenn Roth mehrfach von Bismarcks „Gewaltpolitik” spricht, so deckt sich dies gewiss nicht mit den Ansichten des jungen Weber. Für eine entschiedene Option zugunsten eines parlamentarischen Systems nach englischem Vorbild finden sich in jenen Jahren ebenfalls keine Belege. Auch späterhin plädierte Max Weber jun. eher für eine Kombination von englischen und deutschen Verfassungsformen, nicht zuletzt unter dem Einfluss föderalistischer Gesichtspunkte.
Quartalsnationalist
Vielleicht am deutlichsten zeigt sich Max Webers Unabhängigkeit gegenüber zeitgenössischen politischen Stereotypen in seiner Einstellung zu Antisemitismus und Judentum. Weber hat zeitlebens im akademischen Raum antisemitische Tendenzen bekämpft. Es ist begrüßenwert, dass Roth neueren Tendenzen, die Webers angeblichen Philosemitismus als verkappten Antisemitismus interpretieren wollen, mit überzeugenden Argumenten entgegentritt.
Wie steht es angesichts dieser Befunde mit der Kernthese des Buches, dass nämlich Max Webers politische Anschauungen durch die Familientraditionen in Richtung eines „kosmopolitischen Nationalismus” geleitet worden seien und dass dies auch für sein wissenschaftliches Werk, insbesondere sein Hauptwerk „Wirtschaft und Gesellschaft”, gelte?
Unübersehbar haben die weit gespannten Familienbeziehungen ihren Niederschlag auch in seinem wissenschaftlichen und politischen Werk gefunden. Mit Roth wird man die universale Ausrichtung seines Denkens auch auf die weltweiten Aktivitäten der Souchay-Familie zurückführen können. Dem standen jedoch starke nationalliberale Einflüsse gegenüber, die das Weltbild des jungen Weber bestimmten.
Ein Vergleich mit Alfred Weber, der unter den gleichen familiären Bedingungen aufwuchs, sich dann aber ungleich nationaler gerierte, sollte in dieser Hinsicht zur Vorsicht mahnen. Im übrigen ist Roth allzu rasch dabei, die weltweiten wirtschaftlichen Aktivitäten der Souchays als Ausweis der Ablehnung nationalstaatlicher Einstellungen und demnach als kosmopolitisch zu interpretieren.
Bei Kriegsausbruch schrieb Weber in ähnlich lautenden Briefen an mehrere Adressaten seiner Umgebung: „Dieser Krieg ist groß und wunderbar, einerlei, wie der Ausgang sein wird.” Er verfolgte die deutsche Politik während des Krieges mit scharfer Kritik, aber zugleich mit heißem Herzen. Ihm schwebte damals ein vages Zukunftsmodell vor, welches als mögliches Ergebnis des Krieges auf dem europäischen Kontinent eine Hegemonialstellung des Deutschen Reiches vorsah, dem die kleineren Nationen mehr oder minder lose assoziiert sein würden.
In der Stunde der Niederlage bäumte sich sein leidenschaftliches nationales Empfinden dann noch einmal aufs äußerste auf. Aber gleichzeitig war er für die nüchterne Anerkennung der Tatsachen, und dazu gehörte vor allem der Aufstieg der Supermächte, der Vereinigten Staaten und des künftigen Russlands als Flügelmächte der Weltpolitik. Diese Einsicht verband sich einmal mehr mit der Botschaft, dass das Deutsche Reich künftig nicht länger engstirnige nationalistische Politik betreiben dürfe, sondern einem kosmopolitischen Nationalismus folgen müsse, der die realen Bedingungen deutscher Politik im Auge zu behalten habe.
Dessen ungeachtet tritt uns dank der eindrucksvollen und quellengesättigten Untersuchungen Guenther Roths ein facettenreiches und differenziertes Bild Max Webers vor dem Hintergrund von vier Generationen seiner Vorfahren entgegen. Es ist allerdings ein wenig bedauerlich, dass die Lektüre dieses Werkes angesichts der Unübersichtlichkeit der Gedankenführung vom Leser viel Geduld und Ausdauer erfordert, geht doch Roth mit größter Genauigkeit auch den bescheidensten Verästelungen in der Familiengeschichte der Souchays nach, ohne immer zu sagen, was dies denn im einzelnen bedeutet. Hinzu kommt, dass die einschlägigen Briefe und sonstigen Quellen durchweg allzu umfangreich zitiert werden, obschon vieles in den ebenfalls starken Anhang verbannt worden ist. Etwas mehr Askese wäre hier angebracht gewesen.
Insgesamt handelt es sich um eine imponierende Forschungsleistung, die unsere uneingeschränkte Anerkennung verdient. Für die Erforschung des Lebens und des Werks Max Webers ist damit eine ganz neue Grundlage gelegt worden. Zugleich aber findet sich hier ein faszinierendes Gruppenporträt einer großbürgerlichen Kaufmannsfamilie des späten 18. und des 19. Jahrhunderts. WOLFGANG J. MOMMSEN
GUENTHER ROTH: Max Webers deutsch-englische Familiengeschichte 1800–1950. Mohr Siebeck, Tübingen 2001. 721 Seiten, 168 Mark.
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Jahrzehntelang, so Stefan Breuer in seiner Rezension dieser neuen Max-Weber-Biografie, ist das Bild, das man sich vom Privatmenschen Max Weber gemacht hat, von dem von seiner Frau Marianne verfassten "Lebensbild" bestimmt worden. Das, meint Breuer, sollte nun vorbei sein, denn Guenther Roth hat jede Menge bisher unbekanntes Material zusammengetragen, das einige Korrekturen der bisherigen Ansichten erlaube. So werde nun etwa Max Webers Vater als prägende Gestalt sichtbar, aber auch die Herkunft seiner Mutter aus einer "kosmopolitischen Bourgeoisie", die liberal gesinnt war. Natürlich gibt es auch genauere Informationen zu den "Dreiecksbeziehungen" zwischen Max Weber, seiner Frau und seiner Geliebten Else Jaffé von Richthofen. Geschrieben sei die Biografie weniger in "narrativem Duktus" als "fragmentarisch" - was Breuer jedoch auch positiv sieht: umso mehr Material sei darin untergebracht. Ein kleines Problem macht er aber aus: in der Heldenverehrung für den Gegenstand seines Buches geht ihm Roth ein Stück zu weit. Als "posthumer Gründervater der Bundesrepublik" taugt Max Weber dann vielleicht doch nicht.

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