Erfolglosigkeit gefährdet, sondern auch durch die sehr unterschiedlichen, verborgenen Strebungen und Tagträume der Agenten.
Oda Lieberos, eine resche Mittfünfzigerin, die in vielen Berufen dilettiert, von der Altenpflegerin bis zur Altphilologin und auch lange Jahre ein eigenes Taschentheater geleitet hat, spielt die Chefin wie eine Rolle, die sie am liebsten loswerden möchte. Mit solider Halbbildung ausgestattet, mahnt sie die ihr treu ergebene jüngere Lotte Matern vor den Gefahren der acedia. Resolut wird sie, wenn sich falsche Töne einschleichen. So feuert sie kurzerhand den Schlaumeier Leo Bonte, als dieser Lotte einmal mit beifallheischender Häme eine "Borderlinerin" genannt hat. Später stellt sie ihn wieder ein. Lotte selbst, die eigentliche Heldin des Romans, arbeitet in den bedrohlich ruhigen Phasen der Agentur deren Geschichte anhand hinterlassener Dossiers auf. "Der Schrank ruft" heißt es dann, wie sie überhaupt lieber in die Vergangenheit zurückgeht und, wie Oda bemerkt, "die Gegenwart schon sorgfältig als ein Stück Leben einrichtete, das demnächst Vergangenheit sein würde. Sie wollte nicht dafür bestraft werden, einen vergangenheitsuntauglichen, einen geheimnislosen Tag erlebt zu haben."
Mit virtuoser Beiläufigkeit beherrscht Karin Kersten das flirrende Wechselspiel der gegenseitigen Beobachtung, gewissermaßen die Innenseite der Fahndung, das Unterfutter dieser seltsamen Agententätigkeit und die nicht minder starken Introspektionen, die sie ihren Figuren widerfahren lässt.
Unverhofft flattert ein echter und noch dazu lukrativer Auftrag herein. Ein ehemaliger Verehrer Odas, der ebenso gedanken- wie erinnerungslose Bauunternehmer Albert Chandellier vermisst seine Mutter Claire, natürlich nicht aus Liebe, sondern aus Gewohnheit und aufgrund eines habituellen Schuldgefühls. Er, der nach eigenen Worten, in ihren Händen "Wachs gewesen war", hatte sich vor Jahren selbst aus dem Staub gemacht. Claire ist verschwunden, die Agentur Sphinx soll sie wiederfinden. Über die Vermisste Klara oder Claire (sie hat, eine sehr spezielle Berliner Krankheit, einen "Hugenottenfimmel") ist wenig bekannt.
Just in dem Augenblick, da sich eine hoffnungsvolle Perspektive für die Agentur auftut, gibt es in Odas (Seelen-)Leben einen ebenso komischen wie schmerzhaften Knick. Sie, die immer schon mit einer heimlichen Exit-Strategie geliebäugelt hat, muss erleben, wie ihr auf dem Weg ins Büro ein Schuhabsatz wegbricht und sie in dieser körperlichen Schrecksekunde von einer tiefen Melancholie erfasst wird.
In dicht gehaltenen "Denkschritten" gelingt es Oda zwar, sich wieder aus dem Loch zu befreien, in das sie zu fallen drohte, und in einen rettenden Alltag voller Initiativen zurückzufinden. Doch die Widerhaken bleiben, die gegenläufigen Unterströmungen der Figuren machen sich immer wieder bemerkbar. Rein äußerlich wird die Agentur auf den Kopf gestellt: weil Oda eine allfällige Renovierung der nachkriegsmuffigen Räume beschließt, gerät der Umzug in das Fahrwasser einer nachgerade hektischen Fahndung.
Lotte ist es, die den so schwachsinnigen wie unabweisbaren Auftrag Odas, eine Fingeraralie in das neue Domizil zu bringen, widerstandslos annimmt. Auf der Suche nach dem Nebengebäude einer vor zehn Jahren aufgelassenen Reha-Klinik, stürmen die dinglichen Schrecken einer unverweslichen Vergangenheit auf sie ein. Lottes Gang durch das gruftige Gelände nimmt unter der Hand die Züge einer unfreiwilligen Initiation an. In den gedehnten Augenblicken der Durchquerung dieses monströsen "Komplexes" wird Lotte gewahr, dass sie Opfer der besitzergreifenden Hilflosigkeit ihrer Chefin Oda geworden ist: Diese brauchte einfach jemanden, der ihr schnell hilft. Und Lotte erkennt auf ihrem langen Weg, wie peinigend es ist, nachgegeben zu haben, anstatt, wie ein Schrecktraum sie gelehrt hat, in ihre eigenen statt in Odas Fußstapfen zu treten.
In dichtem Wechsel zwischen beklemmender Ausweglosigkeit und dem förmlich nach ihr greifenden Raum fallen alle gewohnten Sicherheiten, "diese tadellose imaginäre Dienstuniform", von ihr ab. Es gelingt ihr schließlich, die hässliche Büropflanze in dem neuen Quartier unterzubringen und aus dem Unort wieder ins Freie zu gelangen. Draußen ist es Nacht geworden, und die Lotte, welche den Bau verlässt, ist nicht mehr dieselbe wie vorher.
Reale Angst und die "Angst vor der Angst" fallen hier mit dem symbolischen Erleben zusammen, ohne dass dafür angestrengte Bilder für die immer unbeschwert und vielfarbig fließende, ungewöhnlich reichhaltige Sprache bemüht werden müssen. So wird Lottes Gang variiert, wenn Oda nächtens durch die eigene Wohnung wie durch ein fremdes Interieur wankt und abermals, wenn schließlich Lotte selbst später auf dem von Wildwuchs überwucherten Gelände ihren Phantasien darüber nachhängt, welche Geschichten sich hinter den verwitterten Schildern des DRK-Suchdienstes verbergen mögen.
Mit eingespielter Hektik wird das Fahndungsteam erweitert, um die "Suchmutter" irgendwo im südwestlichen Berlin ausfindig zu machen. Karin Kerstens Schilderung des hier agierenden Personals ist ein Kabinettstück der Physiognomik von Gestalten, die aus der Zeit gefallen und doch immer noch unter uns sind. Man muss nur, wie die Autorin, ein waches Auge für das Unspektakuläre haben.
Die Gesuchte soll sich - und hier kommt Kerstens fabelhaftes (Kinder-)Ohr für klingende Namen zum Zug - aus Berlin in den Kurort "Bad Zwischenahn" zurückgezogen haben, nachdem sie lange mit ihrer Freundin Mette zusammengelebt hat. Klara bereut ihre Flucht und die Trennung von Mette. Sie kehrt nach Berlin zurück und findet die gemeinsame Wohnung verwaist vor.
Die Gesuchte wird nun ihrerseits zur Fahnderin: Widerstrebend durchwühlt sie Mettes Schreibtisch nach Hinweisen über den Verbleib ihrer Freundin. Neben konkreten Indizien fällt ihr auch ein Buch in die Hände, das sie als junge Mädchen gemeinsam geschrieben haben: "Geschichten vom alten Mädchen". Einem anderen alten Mädchen ist Lotte zu Beginn des Romans in Gestalt von Odas Tante Trud begegnet. In einer wahrhaft anrührenden Szene wird Klara ihrer Mette aus diesem Büchlein vorlesen, nachdem sie die Freundin in der gerontopsychiatrischen Abteilung einer Klinik wiedergefunden hat, die einst Mettes Vater geleitet hatte.
Die Suche der Agentur Sphinx nach Klara führt zu einem paradoxen Erfolg. Dass die Spuren sich verdichten, ist vor allem dem besserwisserischen Ex-Kommissar Groschinski alias Groschen zu verdanken, doch es ist Lotte, die in einem zauberhaft nüchternen Augenblick die Vermisste auf einer gemeinsamen Bank vor der Klinik findet. Doch gibt sie sich nicht zu erkennen, nachdem Klara ihr in wenigen Worten ihre und Mettes Geschichte erzählt hat.
Der Roman aber endet nicht mit diesem seltsamen Fahndungserfolg, sondern wartet mit einem so überraschenden Schluss auf, mit Lottes Sprung zu sich selbst, dass diese Pointe hier nicht verraten werden soll.
Etwas aber fehlt, oder, besser gesagt: Etwas wird schmerzlich vermisst in diesem dritten und bisher stärksten Roman von Karin Kersten: die kleinen, eigensinnig schwerelosen Gedichte. Sie waren die unvermutet eingestreuten Trompe-l'OEils ihrer Prosa. Es ist zu hoffen, dass sie demnächst, wenn die Geschichte von Lotte, Oda, Klara und Leo ihre Fortsetzung findet, wieder zu vernehmen sein werden.
Karin Kersten: "An Schlaf war nicht zu denken". Roman.
Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2011. 272 S., geb., 21,50 [Euro].
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