Kinderbuchtipp: Carsten Henn: „Schascha und der Buchspazierer“
Schascha ist fast zehn Jahre alt. Jeden Abend beobachtet sie einen alten Mann mit einem schweren Rucksack, der über den Münsterplatz geht. Immer zur gleichen Zeit. Im Rucksack sind Bücher, und die bringt er zu ganz besonderen Menschen. Schascha nennt ihn den „Buchspazierer“ und mag ihn, obwohl sie ihn noch gar nicht kennt. Aber genau das will sie ändern ...
WAS?
Zuerst braucht Schascha Mut, um den Buchspazierer anzusprechen. Denn der alte Mann ist immer allein unterwegs und will offenbar keine Begleitung. Schon gar nicht die eines Kindes. Doch sie scheinen etwas gemeinsam zu haben: Für Schascha sind Bücher ihre größten Schätze, „Geschichtenschätze“, und so ist es wohl auch bei dem Buchspazierer. Sie bleibt also hartnäckig und geht einfach mit ihm. Klug und mit Witz schafft sie es: Sie darf den Buchspazierer, der übrigens Carl Kollhoff heißt, begleiten. Dabei lernt sie all die Menschen kennen, die Carl besucht. Dass er seinen Kunden Namen von Romanfiguren gibt, wundert Schascha nur kurz. Schnell weiß sie, warum es einen „Mr. Darcy“, eine „Frau Langstrumpf“ oder einen „Herkules“ gibt, und startet ein Projekt: Sie schreibt all ihre Erlebnisse und Eindrücke in ein Buch. Ihr eigenes.
WIE?
Eine liebevoll illustrierte Geschichte über die Kraft von Geschichten, Büchern und darüber, wie sie Menschen verändern können. Doch ist es wirklich eine gute Idee von Schascha, den Menschen andere Bücher geben zu wollen, als die Kunden sie sich wünschen? Muss die traurige „Effi Briest“ auch noch traurige Bücher lesen? Schascha findet: nein! Und kämpft für ihr Projekt. Gut, dass Schascha frischen Wind in die Routine des Buchspazierers bringt! Denn sie fragt sich, warum „Herkules“ sich immer die Geschichten der Bücher schon vorab erzählen lässt, oder der reiche „Mr. Darcy“, der jeden Tag ein Buch liest, nur drei Bücher in seiner Villa hat. Was es mit „Frau Langstrumpf“ oder der einsamen Nonne auf sich hat und warum die Katze „Hund“ heißt, das darf jeder selbst herausfinden.
FÜR WEN?
Alle Menschen ab neun Jahren sind hier bestens aufgehoben! Carsten Henn erzählt eine wunderbare Geschichte über die Kraft der Freundschaft. In ihr treffen sehr unterschiedliche Menschen aufeinander, lernen sich kennen, helfen einander und am Ende auch dem Buchspazierer. Aber mehr dürfen wir auf keinen Fall verraten. Ja, es passieren auch gemeine und böse Dinge, aber so ist das Leben. Und nur leichte Gedanken (oder Geschichten), da ist sich Schascha sicher, sind auch nicht sinnvoll: „Leichte Gedanken waren gut und schön, aber wenn man Kopf und Herz vor schweren zu sehr schützte, konnten sie keine starken Muskeln dafür entwickeln.“
VON WEM?
Carsten Henn hat sich nun auch eine „Buchspazierer“-Geschichte für junge Leser ausgedacht. Er lebt mit seiner Familie und zwei Katzen (ob eine davon vielleicht auch „Hund“ heißt, wissen wir nicht) im Rheinland. Carsten Henn ist Bestsellerautor und hat schon viele Krimis und Komödien für Erwachsene geschrieben. Für Erwachsene war zunächst auch „Der Buchspazierer“. Die Geschichte wurde sogar verfilmt, und der Film war genauso erfolgreich wie das Buch. 2024 erschien dann das erste Buch für jüngere Leser: „Die Goldene Schreibmaschine“. Für kleine Kinder hat sich Carsten Henn auch ein Vorlesebuch ausgedacht: „Das Müfflon und der Traum vom Stinken“.
Illustriert hat das Buch Annelie Schulze. Sie zeichnete schon immer sehr gern und hat, obwohl noch relativ jung, schon viel von der Welt gesehen. Am liebsten illustriert sie Kinderbücher und liebt es vor allem, wenn die Geschichte und ihre Zeichnungen so richtig neugierig machen.
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GLOSSAR
SCHASCHA
Schascha lebt mit ihrem Vater in einer Wohnung mit Blick auf den Münsterplatz. Ihre Mutter starb, als Schascha noch klein war. Gern trägt sie eine Lederhaube, die wie eine alte Pilotenhaube aussieht. Sie ist ein Geschenk ihrer verstorbenen Mutter und daher für Schascha sehr wichtig. Sie liebt ihre Bücher, ihre „Geschichtenschätze“, und hat sogar für jedes Buch einen Schutzumschlag gemacht. Noch ist Schascha neun Jahre alt, wird aber bald zehn.
Den Buchspazierer beobachtet sie schon lange, denn er geht von Montag bis Freitag immer zur gleichen Zeit über den Platz. Dann sitzt Schascha am Fenster und schaut ihm zu, überlegt sich, wo er die Bücher wohl hinbringt und was für Bücher das sind. Aber das ist natürlich, bevor sie ihren ganzen Mut zusammennimmt und den Buchspazierer anspricht! Manchmal ist Schascha viel klüger als der Buchspazierer – glaubt sie zumindest. Und manchmal führen ihre Füße ein Eigenleben. Sie bringen Schascha dann an Orte, an die sie gar nicht gedacht hatte. Dann, so vermutet Schascha, hat ihr Herz einfach diese Entscheidung getroffen, und die Füße haben mitgemacht.
Was Schascha noch weiß, seit sie mit dem Buchspazierer unterwegs ist: Die Menschen freuen sich, wenn Carl kommt, und lächeln. Nicht unbedingt, weil er ein Buch bringt, sondern weil er zu den Menschen geht. Carl ist also wichtiger als seine Bücher, da ist sich Schascha sicher.
DER BUCHSPAZIERER
Carl Kollhoff, so heißt der alte Mann, den Schascha „Buchspazierer“ getauft hat. Er ist immer pünktlich auf seiner Route und trägt, neben seinem schweren Rucksack, einen Fischerhut, hat eine Brille auf der Nase und ziemlich klobige Schuhe an. Carls Haare und auch sein Bart sind weiß, und gern zieht er seine grüne Latzhose und die grün-schwarz karierte Jacke an. So erkennt ihn jeder sofort.
Er liebt es, seine Bücher auszuliefern – aber er liebt es auch, sich mit den Menschen zu unterhalten, denen er die Bücher bringt. Was ihm ebenfalls große Freude bereitet: seinen Stammkunden Namen von Romanfiguren zu geben: „Effi Briest“, „Herkules“, „Frau Langstrumpf“ oder „Mr. Darcy“. Nur zu gern würde Schascha auch den Namen einer Romanfigur von Carl bekommen. Ob dem Buchspazierer dazu etwas einfällt? Lange ging Carl allein. Als Schascha beschließt, ihn zu begleiten, gefällt ihm das zuerst gar nicht. Doch schnell merkt er, dass das kluge Mädchen eine gute Beobachterin ist und manchmal viel besser weiß als er, was zu tun ist.