24,95 €
versandkostenfrei*

inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln

    Gebundenes Buch

Jan Assmann geht den bahnbrechenden religions- und kulturwissenschaftlichen Einsichten Thomas Manns nach, die dieser vor allem in seinem Romanzyklus Joseph und seine Brüder vermittelt. Auf faszinierende Weise läßt er seine Leser nicht nur das literarische Kunstwerk der Josephsromane mit neuen Augen sehen, sondern vor allem auch den Schriftsteller und Kulturwissenschaftler Thomas Mann.
In der Begegnung mit dem Alten Ägypten erschloß sich Thomas Mann eine kulturelle Tiefendimension der Zeit. Seine Josephsromane kreisen um die Frage, die auch Proust, Bergson und Freud beschäftigte: in welcher
…mehr

Produktbeschreibung
Jan Assmann geht den bahnbrechenden religions- und kulturwissenschaftlichen Einsichten Thomas Manns nach, die dieser vor allem in seinem Romanzyklus Joseph und seine Brüder vermittelt. Auf faszinierende Weise läßt er seine Leser nicht nur das literarische Kunstwerk der Josephsromane mit neuen Augen sehen, sondern vor allem auch den Schriftsteller und Kulturwissenschaftler Thomas Mann.

In der Begegnung mit dem Alten Ägypten erschloß sich Thomas Mann eine kulturelle Tiefendimension der Zeit. Seine Josephsromane kreisen um die Frage, die auch Proust, Bergson und Freud beschäftigte: in welcher Weise die Vergangenheit unsere Gegenwart bestimmt, und sie geben darauf einige der klügsten Antworten. Gerade in seinen Einsichten zum Wesen des Mythos, zur Entstehung des Monotheismus, zum kulturellen Gedächtnis und zur historischen Anthropologie und Psychologie erweist sich Thomas Mann als einer der bedeutendsten Kultur- und Religionswissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Den bislang noch wenig erschlossenen Dimensionen seines Werkes geht Jan Assmann in seinem neuen Buch nach. Er beschreibt das Ägyptenbild der Josephsromane und vergleicht die Josephsgeschichte Manns mit der biblischen Erzählung sowie ihrer ägyptischen Urgestalt. Höchst aufschlußreich sind auch die abschließenden Vergleiche mit zeitgenössischen Werken wie Arnold Schönbergs Moses und Aron und Sigmund Freuds Der Mann Moses.
  • Produktdetails
  • Verlag: Beck
  • 3. Aufl.
  • Seitenzahl: 256
  • Erscheinungstermin: Juli 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 147mm x 25mm
  • Gewicht: 470g
  • ISBN-13: 9783406729416
  • ISBN-10: 340672941X
  • Artikelnr.: 52757373
Autorenporträt
Jan Assmann ist Professor em. für Ägyptologie an der Universität Heidelberg und Professor für allgemeine Kulturwissenschaft an der Universität Konstanz. Er wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Historikerpreis (1998), Thomas-Mann-Preis (2011), Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa (2016), Karl-Jaspers-Preis (mit Aleida Assmann, 2017) und dem Balzan Preis (mit Aleida Assmann, 2017). Im Oktober wird er zusammen mit Aleida Assmann den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten.
Inhaltsangabe
Inhalt

Vorwort

I Der Brunnen der Vergangenheit

Zum Ursprung der Dinge - und zurück

Ironie, Wissenschaft und tiefere Bedeutung

Bruch contra Kontinuität

Fiktion und Fest

II Das mythische Ich

Die mythische Würde des Ich

Mondgrammatik und das "nach hinten offene Ich"

Schrift und Selbst

Mythische und rituelle Identität

III Die mythische Zeit

Mythische Gleichzeitigkeit

Das kulturelle Gedächtnis

Das Unbewußte - die "kotigen Wurzeln"

IV Ägypten: Urteile und Vorurteile

Erste Initiation: Jaakobs Vorurteil und Josephs Vorbehalt

Zweite Initiation: der midianitische Kaufmann

Dritte Initiation: die Reise nach Theben

V Versuchung

Die biblische Geschichte von Potiphars Weib

Die griechische Version: Bellerophontes und Anteia

Die Ägyptische Urform: der Hirte und das Weib des Ackermanns

Joseph und Mut-em-enet

Keuschheit, Scham und Sünde

VI Monotheismus bei Echnaton und bei Abraham

Joseph und Echnaton

Abrahams Gott und der Weg des Monotheismus

VII Monotheismus und Widerstand: Sigmund Freud, Thomas Mann, Arnold Schönberg

Sigmund Freud: der Fortschritt in der Geistigkeit

Thomas Mann: Gott ist die Zukunft

Arnold Schönberg: das Denkbare und das Lehrbare

Abkürzungen und Zitierweise

Anmerkungen

Zitierte Literatur

Namenregister

Sachregister
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Dirk Pilz liest Jan Assmanns Band in durchgeseher Neuauflage und erkennt in Thomas Manns Joseph-Romanen eine der ganz großen Erzählungen der abendländischen Geschichte. Dass Assmann in seiner Vorstellung von Religionsgeschichte von derjenigen Thomas Manns abweicht und das darlegt, verbucht Pilz als besonderen Gewinn der Lektüre. Unbedingt lesenswert scheint ihm der neu aufgelegte Band von 2006 und nicht zuletzt deswegen, weil er dem Leser nahebringt, so Pilz, inwiefern Manns Romane von der Entstehung einer neuen Religion handeln, von der Revolution menschlicher Verhältnisse.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 18.11.2006

Schafft das Opfer aus der Welt, den Tribut der Angst an Gott und Natur
Christus in Ägypten: Jan Assmann erklärt Thomas Manns „Joseph und seine Brüder” als historischen Roman über Mythos und Monotheismus
Dem Religionswissenschaftler und Ägyptologen Jan Assmann verdanken wir die intellektuell schärfste Gegenüberstellung von Mythos und Monotheismus. Sie geht so: Im Mythos verbindet sich das Göttliche in vielfältiger Gestalt mit der irdischen Wirklichkeit und ihren natürlichen Kreisläufen. Der Monotheismus zeigt dagegen einen rein geistigen Gott, der sich aus der von ihm geschaffenen Welt zurückgezogen und diese der Entzauberung und der Aufklärung überantwortet hat – sein Gegenüber ist allein der nach seinem Bilde geschaffene und seinem Gewissen überlassene Mensch. Die heidnisch-mythischen Götter haben Teil am Werden und Vergehen der Natur, sie verkörpern diese Natur sogar, sie verbinden sich als Lokal- und Stammesgötter mit Orten und Völkern, während der eine Gott, der keine anderen neben sich duldet, den Menschen an sich oder eben die Menschheit als Ganzes fordert.
Dieser monotheistische Gott stellt historisch zum ersten Mal die Wahrheitsfrage in der Religion, denn für ihn sind andere Götter nicht einfach fremd, diese Götter sind falsch, ein Trug aus Stein und Holz und Phantasie, und man darf keine Verbindung mit ihnen eingehen. Ihr Kultus ist Lüge ebenso wie die Geschichten, die man von ihnen erzählt, die Mythen. Die vielen heidnischen Götter haben Frauen, Geliebte, Kinder, Konkurrenten – der eine Gott ist allein, jenseitig. Er ist die Transzendenz, die erst mit ihm entsteht, so wie als ihr Gegenüber auch das entgötterte Irdische erst zu einer eigenen Sphäre und zum Feld menschlicher Bewährung wird und nicht mehr Gegenstand magischer Praktiken sein kann. Ein solcher Gott muss unduldsam sein, intolerant, eben weil er die Wahrheitsfrage stellt, während mythische Gottheiten sich interkulturell vermischen dürfen.
Diese Gegenüberstellung von Mythos und Monotheismus hat Jan Assmann seit seinem Buch „Die mosaische Unterscheidung” immer präziser und differenzierter herausgearbeitet und als menschheitsgeschichtlichen Bruch exponiert. Der Gott des Moses hat, so Assmann, aber auch den ewigen Kampf von Rechtgläubigkeit und Häresie, von Reinheit und Sünde hervorgebracht, also einen unerschöpflichen Konfliktstoff, der uns in diesen Jahren der islamistischen Verschärfung wieder bedrängt.
Über Assmanns Thesen tobt seit Jahren eine kulturwissenschaftlich-theologische Debatte. Seine Typologie hat er immer wieder an Fallstudien verdeutlicht, vor allem zum Gegensatz von Ägypten und Israel. Es war also nur eine Frage der Zeit, dass dieser große Kenner Ägyptens, der Alten Welt und ihrer Religionen sich einmal Thomas Manns Romanwerk „Joseph und seine Brüder” zuwenden würde, das sich auf erzählerische, aber auch begriffliche Weise mit Assmanns Themen auseinandersetzt; das die Spannung von jüdischem Monotheismus und babylonisch-ägyptischem Mythos aufs Anschaulichste inszeniert und diese dann doch zum Ausgleich bringt; das so einen Beitrag zu jener „Einheit des Menschengeistes” liefern will, an die Thomas Mann zuversichtlich glaubte.
Assmanns glänzend geschriebenes Buch leistet zunächst sogar noch mehr. Es zeigt, dass viele von Thomas Mann erzählerischen Konzepten, selbst vieles von seiner ägyptologischen Imagination den Erkenntnissen der neuesten Wissenschaft entspricht. Das Leben in mythischen Mustern, das der Roman zeigt, die Vorstellungen von „Nachfolge” und „In-Spuren-Gehen” beispielsweise verbindet Assmann mit dem von ihm und Aleida Assmann entwickelten Begriff des „kulturellen Gedächtnisses”.
Interessant sind auch Abhebungen wie die, dass die Begriffe von „Versuchung” und „Unkeuschheit” der ursprünglichen Josephsgeschichte fremd waren und erst in der christlichen Deutung in den Vordergrund rückten. Und Echnaton, der monotheistische Pharao, mit dem Joseph sich unterhält, sei in Wirklichkeit eher ein naturphilosophischer Aufklärer gewesen, der alles auf einen Ursprung zurückführte, auf die Sonne und ihre Kraft, als ein Monotheist, der die Transzendenz gedacht hätte. Das sind Unterscheidungen, die jeder „Joseph”-Leser mit Dankbarkeit entgegennehmen wird, ebenso wie die detaillierte Überprüfung des Ägyptenbildes, das Thomas Manns Roman so farbig malt.
Umso mehr überrascht, dass die Lösung des Hauptproblems – wie gleicht Thomas Mann den scheinbar unüberbrückbaren Gegensatz von Mythos und Monotheismus aus? – nicht recht deutlich wird. Die Oppositionen, die der Roman aufbaut und die sich um Israel und Ägypten gruppieren, zeigt Assmann zwar luzide auf; auch die psychoanalytischen Implikationen ihrer Polarität, hier die inhumane „Überständigkeit” veralteter Religiosität, dort die Reinlichkeit und Humanität bewusster Arbeit am Gottesbegriff, werden deutlich. Aber wie verbindet sich das? Darin besteht das Rätsel von Thomas Manns Roman.
Seine Lösung spricht dieser nun selbst immer wieder aus. Der Mythos wird im Verlauf der Handlung immer geistiger und symbolischer, seiner selbst bewusster – ablesbar etwa an der Ersetzung des Menschenopfers durch ein Tieropfer in der Isaak-Geschichte. Und Gott ermäßigt umgekehrt immer mehr seine Abstraktheit und reine Geistigkeit, und zwar dadurch, dass er sich immer tiefer auf die Menschen und ihre Geschichte einlässt. Erst schafft er den Menschen, dann entlässt er ihn in die Sünde, um einen Pakt gegenseitiger Reinigung – des Menschen und des Gottesbildes – in der Erfahrung des Bösen mit ihm einzugehen, ja in einem noch weitergehenden unerhörten Akt des Abstraktionsverlustes wird der monotheistische Gott vorübergehend zum Stammesgott eines erwählten Volkes, des Volkes Israel.
Damit aber ist die Geschichte Gottes mit dem Menschen noch nicht zu Ende – der nächste Schritt liegt außerhalb der Romanhandlung des „Joseph”, er wird aber in ihr angedeutet: Sie besteht in Gottes Selbstopferung als Jesus Christus. Erst sie schafft das Opfer ganz aus der Welt, den Tribut der Angst an Gott und Natur; und in ihr universalisiert sich der jüdische Gott zum Menschheitsgott. Vergeistigung des Mythos und Fleischwerdung Gottes treffen sich in der Mitte, bei Christus. Thomas Manns Roman hat einen christologischen Hintergrund, in dem sich die Bewegung aus der Tiefe (Humanisierung des Mythos) und die andere aus der Höhe (Vermenschlichung Gottes) treffen, also der Segen von unten und der Segen von oben, wie der Roman es nennt.
Dass der Joseph des Alten Testaments mit seiner Geschichte vom Sturz in den Brunnen und nachfolgender Errettung auf Christus, auf Kreuzigung und Auferstehung verweist, ist ein uralter Topos der Bibelauslegung. Und so kann man sagen, dass Thomas Manns Ausgleich von Mythos und Monotheismus sich in raffinierter Form auf das figurale Denken der alteuropäischen Bibelexegese bezieht. Diese las die Geschichten des Alten Testaments als Vorstufen des Neuen und führte so eine mythologische Lesart in die verwirrende Widersprüchlichkeit der Bibeltexte ein. Dass Thomas Mann im großen Reprisensystem seines Romanwerks die Parallele zwischen Joseph und Christus auf der Ebene von motivischen Hinweisen belassen musste, kann nicht überraschen. Ein Roman, ein moderner gar, kann auf Gott nur anspielen.
Natürlich ist Jan Assmann der christologische Bezug nicht entgangen, ebenso wenig wie der früheren germanistischen Forschung. Aber er hat ihm nicht die strategische Stellung zugewiesen, die ihm gebührt. Das hängt auch damit zusammen, dass Assmann den „Joseph” als historischen Roman über die Zeit um 1400 vor Christus liest und kommentiert. Aber dass „Joseph und seine Brüder” ein historischer Roman sei, hat schon Käte Hamburger in fünfziger Jahren mit guten Gründen bestritten, und der Roman selbst sagt anderes.
Er sei die Wiederholung einer alten Geschichte im „Fest der Erzählung”, heißt es im „Joseph” immer wieder, also eine Erneuerung des Bibeltextes in fortschrittlicher Absicht – wenn man so will, seine Vergeistigung. Der Roman führt als Form vor, wovon er inhaltlich erzählt. Darum deutet er die Josephsgeschichte als Christusgeschichte, er versetzt den alttestamentarischen Stoff in ein heilsgeschichtlich, aber auch zivilisatorisch fortgeschrittenes Stadium und verleiht ihm eine neutestamentliche Aura, ablesbar an Hunderten Zitaten und Anspielungen aus dem Evangelium.
Darum aber kann die Josephsgeschichte kein historischer Roman sein. In Jan Assmanns Buch steht kein falsches Wort, aber nicht alle seine Worte sind klar. Seine archäologischen Erläuterungen sind nützlich, aber nicht zwingend, weil sie den Charakter des Textes als erzählerische Reprise oder als Midrasch verfehlen. Das ändert nichts am enormen Gewinn, den Assmanns religionstypologische Begriffe fürs Verständnis der Josephsromane bedeuten. Sie lassen dessen intellektuelles Grundproblem ebenso deutlich hervortreten wie sie dann den Weg zu dessen Lösung eröffnen: Der Humanisierung des Mythos, von der schon oft gesprochen wurde, antwortet eine Mythologisierung des Monotheismus, die diesen menschenverträglich macht.
GUSTAV SEIBT
JAN ASSMANN: Thomas Mann und Ägypten. Mythos und Monotheismus in den Josephsromanen. Verlag C. H. Beck, München 2006. 256 Seiten, 22,90 Euro.
Israels Gott brachte uns den ewigen Kampf von Reinheit und Häresie
Der Roman ist die Erneuerung der Bibel in forschrittlicher Absicht
„Mit Segen von oben vom Himmel herab und mit Segen von der Tiefe, die unten liegt”: Das Bild „Joseph stellt seinen Vater und seine Brüder dem Pharao vor” von Francesco Granacci, um 1515, hängt in den Uffizien.
Foto: Alinari Archives/Corbis
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
…mehr