Konflikte zu Beginn des 21. Jahrhunderts - Wehler, Hans-Ulrich
    Broschiertes Buch

Hans-Ulrich Wehler hat stets zu historischen Kontroversen und wichtigen tagespolitischen Fragen öffentlich Stellung genommen. Der Streit um die Wehrmachtsausstellung, die Vertreibung aus dem Osten, der Bombenkrieg gegen die deutschen Städte, aber auch die jüngeren Entwicklungen in der Bürgertums- und Nationalismusforschung kommen in diesem Band ebenso zur Sprache wie die neuerdings wiederbelebten Präventivkriegsillusionen oder die Frage des Türkeibeitritts in die EU, die Hans-Ulrich Wehler durch seinen polemischen Essay in eine breitere Öffentlichkeit getragen hat.…mehr

Produktbeschreibung
Hans-Ulrich Wehler hat stets zu historischen Kontroversen und wichtigen tagespolitischen Fragen öffentlich Stellung genommen. Der Streit um die Wehrmachtsausstellung, die Vertreibung aus dem Osten, der Bombenkrieg gegen die deutschen Städte, aber auch die jüngeren Entwicklungen in der Bürgertums- und Nationalismusforschung kommen in diesem Band ebenso zur Sprache wie die neuerdings wiederbelebten Präventivkriegsillusionen oder die Frage des Türkeibeitritts in die EU, die Hans-Ulrich Wehler durch seinen polemischen Essay in eine breitere Öffentlichkeit getragen hat.
  • Produktdetails
  • Beck'sche Reihe Bd.1551
  • Verlag: Beck
  • Seitenzahl: 240
  • Deutsch
  • Abmessung: 191mm x 138mm x 21mm
  • Gewicht: 235g
  • ISBN-13: 9783406494802
  • ISBN-10: 3406494803
  • Artikelnr.: 11746047
Autorenporträt
Hans-Ulrich Wehler, geboren 1931, studierte Geschichte und Soziologie an den Universitäten Köln, Bonn, Athens/Ohio (USA). 1960 Promotion, 1968 Habilitation. Von 1968 bis 1970 war er Privatdozent in Köln, 1970/1971 Professor an der Freien Universität Berlin. Seit 1971 war er Professor für Allgemeine Geschichte an der Universität Bielefeld, 1972 Gastprofessor an der Harvard University, Cambridge/Massachussetts, 1976 an der Princeton University, Princeton/New Jersey, 1983/1984 an der Stanford University, Stanford/California, 1989 an der Harvard University. 1996 Emeritierung, 1997 Yale University. 1999 wurde Hans-Ulrich Wehler zum auswärtigen Ehrenmitglied des amerikanischen Historiker-Verbandes ernannt. Im Jahr 2003 erhielt er den Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen, 2004 wurde er Ehrensenator der Universität Bielefeld. 2014 erhielt er den Lessing-Preis für Kritik. Hans-Ulrich Wehler verstarb 2014.
Rezensionen
Besprechung von 26.01.2004
Widerspruch erwünscht
Hellsichtige Betrachtungen über Menschen und Sensationen
HANS-ULRICH WEHLER: Konflikte zu Beginn des 21. Jahrhunderts. C.H. Beck (Beck’sche Reihe), München 2003. 240 Seiten, 12,90 Euro.
Als Doyen der modernen Sozialgeschichte gehört der Historiker Hans-Ulrich Wehler fraglos zu den führenden Vertretern seiner Zunft. Wie nur wenige andere Gelehrte seines Formats nimmt er die „gesellschaftliche Verantwortung” der Wissenschaft ernst. Immer wieder hat er den Elfenbeinturm verlassen und sich in politische Kontroversen eingemischt. Auch in dieser Rolle eines „public intellectual” ist Wehler längst zu einer Instanz geworden. Sein Wort findet Beachtung. Wenn er sich – meist aus einer Position links von der Mitte – zum publizistischen Eingriff entschließt, darf man sich in der Regel auf eine aufklärerisch motivierte Zuspitzung gefasst machen. Seine stilistische Brillanz und sein Talent zur Polemik kommen ihm dabei zustatten.
Fast gleichzeitig mit dem vierten Teil seines opus magnum, der „Deutschen Gesellschaftsgeschichte”, hat er einen Essay-Band vorgelegt, der seine neueren Interventionen dokumentiert. Das Themenspektrum ist denkbar weit gespannt: Es reicht von den Kontroversen über die Wehrmachtsausstellung und den Bombenkrieg gegen deutsche Städte bis hin zur amerikanischen Präventivkriegsstrategie und zum islamischen Fundamentalismus. Einer der Höhepunkte der Textsammlung ist die Abrechnung mit der desaströsen Hochschulpolitik der Bundesministerin Edelgard Bulmahn – für Wehler die „Inkarnation dogmatischer Fehlentscheidungen”.
In seinen Aufsätzen begibt sich Wehler auf eine Gratwanderung zwischen Wissenschaft und Politik. Meist gelingt sie. Missglückt aber ist sie in seinen Augen bei der in Aussicht gestellten EU-Aufnahme der Türkei. Die Vehemenz dieser Stellungnahme hat nach ihrer Erstveröffentlichung vielerorts irritiert und heftige Reaktionen ausgelöst. Gewiss gibt es gute Argumente gegen den EU-Beitritt eines großflächigen, bevölkerungsreichen, islamisch geprägten Staates, der sich in einer prekären geopolitischen Lage befindet. Doch Wehler belässt es nicht bei wenigen Kernargumenten, schon gar nicht konzentriert er sich auf die diskussionsbedürftige Zentralfrage nach den „Grenzen Europas”. Vielmehr trägt er alle denkbaren Einwände zusammen, auch solche von zweifelhafter Stichhaltigkeit.
Gerade beim sensiblen Thema Türkei lässt Wehler jene Abgeklärtheit und souveräne Distanz vermissen, die man Historikern landläufig gerne attestiert. Er betreibt einen argumentativen „overkill”, der seinem Anliegen schadet und kaum dazu angetan ist, jene „Gutmenschen” (so Wehler wörtlich), die das Problem anders oder differenzierter beurteilen, zu einer Korrektur ihrer Position zu bewegen.
Ähnliches gilt für seine Auseinandersetzung mit dem islamischen Fundamentalismus. Für diese nimmt er – was zweifellos legitim ist – Samuel Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen” in Anspruch; weniger legitim ist es, wenn er jenen, die Huntingtons These mit guten Gründen kritisiert und verworfen haben, unterstellt, sie hätten dessen Buch vermutlich nicht „in Ruhe gelesen”.
Nicht minder fragwürdig erscheint Wehlers harsche historische Bilanz des Nationalismus. Sie orientiert sich einseitig an einer Interpretationslinie, wie sie insbesondere von Eric Hobsbawm oder Ernest Gellner entwickelt wurde, und ignoriert die Gegenpositionen (etwa des führenden britischen Nationalismus-Experten Anthony Smith) ebenso wie die aktuelle und lebhafte Debatte über die Möglichkeit eines „liberalen Nationalismus”.
Einwände wie diese ließen sich vermehren und ausdehnen auf die eher tagespolitischen Texte und Textpassagen zum Irak-Krieg oder zur neoliberal geprägten Globalisierung. Doch aufs Ganze gesehen dominieren in dem Band die im engeren Sinne historisch orientierten Beiträge. Sie sind durchweg anregend und perspektivenreich – gleichgültig, ob sich Wehler zum Konzept der „Zivilgesellschaft” äußert oder zur Entwicklung des deutschen Bürgertums nach 1945, zum ausufernden Begriff der „Identität” oder zur Preußen-Nostalgie.
In einer notwendigerweise heterogenen Essaysammlung wird man vergeblich nach einem roten Argumentationsfaden suchen. Man lernt Wehler aber als einen zwar streitbaren, immer auch diskussionsfreudigen, offenen, innovations-breiten Wissenschaftler kennen. So verteidigt er die Meriten der Sozialgeschichte gegen die Herausforderungen konkurrierender wissenschaftlicher Strömungen. Und er stellt sich der wissenschaftlichen Konkurrenz und Kontroverse stets mit offenem Visier. Solche Tugenden haben im heutigen Wissenschaftsbetrieb Seltenheitswert, und sie machen viele der hier versammelten Essays – ungeachtet aller Defizite – zu einem Lesevergnügen.
ULRICH TEUSCH
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Besprechung von 07.10.2003
Der Kampfhund Europas
Hans-Ulrich Wehler hält die Wacht am Bosporus und verbeißt sich in kulturelle Distanzargumente / Von Herfried Münkler

Wer, angelockt von dem Buchtitel, Aufklärung über die neuen weltpolitischen Gegensätze und Herausforderungen erwartet hat, sieht sich getäuscht. Hier geht es um die Konflikte, die der streitbare Bielefelder Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler mit einigen seiner Kollegen und einer Reihe von Politikern über die Frage hat, welche Lehren aus der deutschen Geschichte des vorigen Jahrhunderts zu ziehen sind.

Das ist das übliche Geschäft renommierter Historiker, die nach der Vollendung ihres Hauptwerks sich um dessen Gebrauchsanweisung sorgen. Vor acht Jahren bereits hat Wehler unter dem etwas gelassener klingenden Titel "Die Gegenwart als Geschichte" eine ähnliche Sammlung kleinerer Aufsätze, größerer Rezensionen und politischer Stellungnahmen herausgegeben. Damals ging es ihm vor allem darum, vor einer Wiederkehr des Nationalismus in Europa und Deutschland zu warnen. Dieses Thema taucht auch in der jetzt veröffentlichten Textsammlung wieder auf, aber mit niedrigerem Stellenwert. Diesmal geht es vor allem gegen ein nationalistisches Sendungsbewußtsein der Vereinigten Staaten. Wehler hat sich lange mit dem amerikanischen Imperialismus beschäftigt und kann auf ein breites Wissen zurückgreifen, das es ihm erlaubt, mit leichter Hand Fäden zu knüpfen und Verbindungen herzustellen. Vor den Vereinigten Staaten also wird gewarnt!

Nun wäre es eigentlich wünschenswert, wenn die Historiker, die in Deutschland seit dem neunzehnten Jahrhundert die einflußreichsten Orientierungsberater von Politik und Gesellschaft sind, nicht nur nach veränderter Großwetterlage ihre Warn- und Hinweisschilder austauschen, sondern auch erläutern, warum sie diesen Austausch für notwendig halten. Auch Wehler hält sich mit solchen Erläuterungen zurück. Zugegeben: Wer stets an erster Front im Kampf steht, kann sich keine kritische Reflexion auf frühere Stellungnahmen leisten, sondern muß den Feind im Auge behalten, gleichgültig ob es sich dabei um revisionistische Historiker, amerikanische Politiker oder Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn handelt. Vor allem vor letzterer wird gewarnt!

Neben dem Ausblick auf zentrale Krisenherde unserer Zeit - Afrikas Kindersoldaten als Chiffre - ist eine Hauptsorge Wehlers die in seiner Sicht riskante Weiterentwicklung der Europäischen Union. Hat der amerikanische Historiker Paul Kennedy vor Jahren die Vereinigten Staaten vor einem "imperial overstretch" gewarnt, so warnt Wehler die Europäer vor einem "cultural overstretch". Es geht um den EU-Beitritt der Türkei. Sie sei mit Europa weder ökonomisch noch verfassungspolitisch kompatibel. Das wäre vielleicht noch zu verkraften, und der gegenwärtige Abstand könnte in einer langen Übergangsperiode, wie dies bei der Heranführung von EU-Beitrittskandidaten üblich ist, schrittweise verringert werden. Was in Wehlers Sicht aber die Türkei ein für alle Mal von Europa trennt, ist der kulturelle Gegensatz. Das christlich geprägte Europa, wie es Wehler vor Augen hat, kann die trotz Kemal Atatürk und seiner Anhänger islamisch geprägte Türkei nicht verkraften. Vor der Türkei wird gewarnt!

Es erstaunt freilich schon, wenn ein so engagierter Kritiker des Nationalismus, der in der vorliegenden Textsammlung obendrein dem Nationalstaat einmal mehr den Totenschein ausstellt, derart sorglos in der Kiste der kulturalistischen Distanzargumente kramt. Ohne Wenn und Aber wird hier das Projekt der europäischen Integration auf kulturelle Identität gepolt, wie sie in dieser Weise eine der klassischen Vorgaben der Nationalstaatsbildung und stets eine Ressource des Nationalismus gewesen ist: Achtzig und demnächst neunzig Millionen islamisch geprägte Türken können die christlichen Europäer nicht verkraften! Sie sind uns zu fremd! Man muß die Probleme eines türkischen EU-Beitritts nicht kleinreden, um vor dem hier insinuierten Homogenitätsprojekt Europa zurückzuschrecken. Vor Wehler muß gewarnt werden.

Natürlich hat Wehler damit recht, wenn er die notorisch vernachlässigte Debatte über die Finalität Europas anmahnt, also die Entscheidung darüber, wo der Anfang der siebziger Jahre in Gang gekommene Beitrittsprozeß an seine Grenze kommt und Europa saturiert ist. Und womöglich hat er auch damit recht, wenn er hinter dem amerikanischen Drängen auf Aufnahme immer weiterer Länder das Bestreben vermutet, die Europäer durch Integrationsüberlastung daran zu hindern, zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten der Vereinigten Staaten zu werden. Ob Anatolien, Israel und die Maghreb-Länder zu Europa gehören, ist tatsächlich die Frage.

Aber es ist keine Frage, daß sie ein Problem für die von Europa herzustellende politische wie wirtschaftliche Stabilität des Großraums darstellen. Dieses Problem ist ein Problem Europas, und es ist schwerlich mit kulturalistischen Distanzerklärungen zu lösen. An einem kulturalistisch imprägnierten Isolationismus würde Europa in der Epoche der Globalisierung scheitern. Wenn aber die Vollmitgliedschaft aller Interessenten Europa wirtschaftlich überfordert und politisch handlungsunfähig macht, dann wird man über Hegemonialstrukturen nachdenken müssen, bei denen ein Kernbereich von immer schwächer integrierten Ringen der Peripherie umgeben ist. Gelegentlich nähert sich Wehler einem solchen Ordnungsmodell. Aber er schreckt davor zurück, es zu durchdenken und auszuformulieren. Statt dessen flüchtet er sich in eine christliche Identität Europas. Wehler kämpft. Aber gelegentlich sucht er auch intellektuelles Kirchenasyl.

Hans-Ulrich Wehler: "Konflikte zu Beginn des 21. Jahrhunderts". Essays. C. H. Beck Verlag, München 2003. 240 S., br., 12,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"Dieses Buch ist, so Herfried Münkler unumwunden, eine Enttäuschung. Allzu vollmundig schon der Titel, denn zu den jüngsten Konfliktlinien des Weltgeschehens sei weit weniger zu erfahren als über Wehlers Konflikte mit Kollegen und Politikern über die "Lehren aus der deutschen Geschichte des vorigen Jahrhunderts". Gewarnt wird darüber hinaus vor den Vereinigten Staaten - wegen ihres "Sendungsbewusstseins" -, vor Edelgard Bulmahn (Münkler erläutert nicht genauer, warum) oder vor der Türkei. Genauer gesagt: vor allem vor der Türkei und der Idee, sie in die EU aufzunehmen. Im Argument des "kulturellen Gegensatzes" vermag Münkler allerdings nichts weiter als eine kulturalistische Homogenitätsphantasie zu erkennen, vor der nun er wieder warnen möchte. In diesem Buch, resümiert der Rezensent mit Bedauern und Spott, sucht der streitbare Historiker Wehler, "intellektuelles Kirchenasyl".

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"... darin liegt natürlich der Spaß beim Lesen: unfair, widersprüchlich, überzogen, aber auch geistreich, stilvoll, flüssig, und immer gedankenanregend ..." (Richard J. Evans in die tageszeitung über den Essayisten Hans-Ulrich Wehler)